Sprachtypologie des Deutschen

Roelcke, Thorsten

Berlin, New York: de Gruyter 1997

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In der 1997 erschienenen 'Sprachtypologie des Deutschen' von Thorsten Roelcke wird durch den Untertitel 'Historische, regionale und funktionale Variation' angedeutet, daß hier ein sehr spezielles Thema behandelt wird. Der Autor hat sich zum Ziel gesetzt, die regional, funktional oder historisch bedingten Unterschiede innerhalb des Deutschen nicht nur darzustellen, sondern sie darüber hinaus sprachtypologisch zu untersuchen. Es handelt sich hier also nicht um eine allgemeine sprachtypologische Untersuchung des Deutschen.

Im einführenden Teil der Arbeit werden die Varietäten des Deutschen als Gegenstand dieser Typologie vorgestellt. Sie ergeben sich aus Unterschieden in der Realisierung im lautlichen, morphologischen und syntaktischen Bereich, die abhängig von historischen, regionalen und funktionalen Bedingungen sind. Das Deutsche kann so in historische Varietäten, also Sprachstufen, regionale Varietäten, also Dialekte, sowie funktionale Varietäten, z.B. formeller und informeller Sprachgebrauch, gegliedert werden.

Im zweiten Kapitel wird dann die allgemein übliche sprachtypologische Charakterisierung des Deutschen dargestellt, die später im untersuchenden Teil als Ausgangspunkt für die Beschreibung der Varietäten dienen soll. Hierbei wird der Stand der sprachtypologischen Forschung auf lautlichem, morphologischem und syntaktischem Gebiet erläutert. Dieses Kapitel gibt einen ganz umfassenden Überblick über die sprachtypologische Forschung zum Deutschen, ist aber aufgrund seiner Knappheit nicht als Einführung zu empfehlen, da man teilweise über Hintergrundwissen verfügen muß, um diese Darstellung zu verstehen.

Im Hauptteil des Buches führt Roelcke, ausgehend von den üblichen sprachtypologischen Charakterisierungen des Deutschen, auf 100 Seiten die sprachtypologischen Merkmale unterschiedlicher Sprachstufen und in verschiedenen Dialekten und Registern aus. Diese Darstellung liest sich sehr zähflüssig und mühsam. Positiv fallen hier allerdings die Literaturhinweise nach jedem Kapitel auf. Die Ergebnisse seiner Untersuchung werden schließlich im letzten Kapitel noch einmal vergleichend zusammengefaßt, was sich leider genauso beschwerlich liest wie der untersuchende Teil.

Roelcke scheint aus einer bestimmten linguistischen Richtung zu kommen und vertritt einen sicherlich streitbaren Standpunkt. Nach Roelcke sind die sprachtypologischen Merkmale des Deutschen nicht konstant, sondern Schwankungen unterworfen. Diese Einsicht bleibt seiner Meinung nach der allgemeinen Sprachtypologie, die von einem idealisierten Konstrukt der Sprache ausgeht, verschlossen. Derartige Unterschiede und Schwankungen können nur durch die Untersuchung der einzelnen Variationen sichtbar gemacht werden. Dies leistet die allgemeine Sprachtypologie nicht, was Roelcke als Defizit betrachtet: Die sprachtypologische Untersuchung der deutschen Sprachvariation zeigt, daß diese Variation aus systematischer Hinsicht derart stark ist, daß ihr typologische Charakterisierungen des Deutschen als idealisierten Ganzen nicht gerecht werden ( S. 203).

Er vergleicht und wertet hiermit zwei unterschiedliche linguistische Ansätze, die nicht dieselbe Zielsetzung haben. Geht man von einem idealisierten Konstrukt der Sprache aus, dann will man das abstrakte System der Sprache untersuchen und nicht den Einzelfall. Es geht also nicht um die tatsächlich realisierte Sprache. Man muß natürlich auf Beispiele realisierter Sprache zurückgreifen, aber es ist nicht interessant, wie der einzelne oder eine Gruppe von Sprechern Sprache verwenden, sondern das, was diesen Sprechern gemeinsam ist; das Sprachsystem soll herausgefunden werden.

Einer Sprachtypologie dieser Richtung geht es darum zu untersuchen, welche Elemente in Sprachen vorkommen und wie sie kombiniert werden können. Eine solche Sprachtypologie ist an den strukturellen Möglichkeiten der Sprache an und für sich interessiert und nicht daran, wie und ob diese Möglichkeiten in verschiedenen Dialekten, Sprachstufen und funktionalen Varianten der betreffenden Sprache realisiert werden.

Roelcke hält diese Art der Sprachtypologie für unzureichend und kritisiert sie auch recht scharf. Die den allgemeinen Sprachtypologien zugrundegelegten Idealisierungen betrachtet Roelcke als Reduktionen (S. 12). Seiner Meinung nach wird seine Variationstypologie der Vielfalt innerhalb des Deutschen gerechter. Das ist sicherlich auch richtig, nur übersieht er dabei, daß eine Sprachtypologie, die sich mit einem idealisierten Konstrukt beschäftigt, gar nicht das Ziel hat, z.B. die regionalen Unterschiede innerhalb einer Sprache zu erforschen.

An Roelckes ablehnender Haltung anderen sprachtypologischen Ansätzen gegenüber wird deutlich, daß er aus einer ganz bestimmten Richtung kommt, und zwar der Variationslinguistik. (Vgl. dazu Theodor Lewandowski. Linguistisches Wörterbuch 3, S. 1071 f.) Dieser Ansatz hat sicherlich auch seine Berechtigung, aber er muß neben anderen Ansätzen stehen. Er darf nicht als anderen Ansätzen überlegen betrachtet werden, denn die Zielsetzungen sind nicht dieselben.

Weiterhin muß man, um überhaupt Aussagen über Sprache machen zu können, ein System haben, auf welches man sich dabei bezieht. Wenn man dieses System nicht zugrundelegt, kann auch keine Abweichung davon festgestellt werden. Roelcke zeigt auch gleich selber die Notwendigkeit einer solchen Idealisierung auf, indem er sich selbst auf die von ihm kritisierte allgemeine sprachtypologische Beschreibung des Deutschen bezieht, diese Charakterisierung also sozusagen der Bezugspunkt für die sprachtypologische Einordnung der deutschen Varietäten ist.

Das Buch ist nicht als allgemeine Einführung in die Sprachtypologie geeignet, da es an einigen Stellen ohne entsprechendes Grundwissen schwer zu verstehen ist, beispielsweise bei der Darstellung der Syntaxtypologie. Auch wenn man sich für allgemeine Fragen der Sprachtypologie interessiert, wird man nicht viel Neues erfahren. Die Themenstellung ist sehr speziell und tatsächlich wahrscheinlich nur für denjenigen von Belang, der sich für die Variationstypologie des Deutschen interessiert.

Rezensiert von Anja Rüdig.

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