Schrift als Geste. Wort und Bild in Kinderarbeiten

Sjölin, Amelie

Neuried: Ars Una Verlagsgesellschaft 1996

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Schrift als Geste - ein erklärungsbedürftiger Titel, der zunächst kaum ahnen läßt, was sich hinter ihm verbirgt. Das ist der Verfasserin bewußt, und sie gesteht zu, daß er "...vielleicht rätselhaft, wenn nicht gar paradox" klingt. Deshalb beschreibt sie auch zuvor (S. 9), worum es geht: "Im wechselseitigen Bezug zwischen empirischem Material und Theorie wird (...) eine Perspektive auf Schrift als sprachliches und bildliches Symbolisierungsmittel entfaltet" (S. 8), und dabei geht es um die "...Beziehung, die Wort und Bild in der Schrift miteinander eingehen..." (S. 9). Die Idee dieser Untersuchung entwickelte sich durch Schreiblernproben von Grundschülern, an denen sich deren individuelle Schreib-Lerngeschichte ablesen läßt, und deren Analyse schließlich Rückschlüsse auf die Beziehung und Entwicklung von Bild, Zeichnung und Schrift erlauben sollen.

Wer sich mit diesem Thema befaßt, gerät unweigerlich gleich in mehrere, zum Teil seit langem geführte Diskussionen. Aus diesem Grund referiert und kommentiert die Verfasserin zunächst die Geschichte der Schreiblernforschung (Kap. 2), hermeneutische Verfahren (Kap. 3), Theorien zu Schrift und Schriftlichkeit (Kap. 4), die Diskussion um das Verhältnis von Wort und Bild (Kap. 5), Theorien zur Schreibentwicklung (Kap. 6) und schließlich Aspekte der Weiterentwicklung unserer Schriftkultur (Kap. 7).

Argumentation und Interpretation sind durchweg in die Auseinandersetzung mit älteren und neueren Theorien verwoben, so daß es leicht fällt, zugleich der Untersuchung selbst als auch der an unterschiedlichen Standpunkten entlang geführten Diskussion zu folgen. Amelie Sjölins Parteinahme für das "gestische Element" bleibt während der gesamten Lektüre deutlich. Gegensätzliche Standpunkte in der Text/Bild-Diskussion ('ikonoklastisch' vs. 'ikonophil') sucht sie zu überwinden oder zu vermitteln - für sie ist Schrift "ein Gewebe aus sprachlichen und bildlichen Symbolen" (S. 89), deren Struktur sich gerade in Kinderarbeiten wie zum Beispiel den Namensbildern (Kap. 5.5) erkennen läßt. Die Verfasserin bezieht ihr Material aus einem Korpus von rund 750 Schreibprodukten, "in denen Vorschul- und Grundschulkinder Schrift bzw. Schriftähnliches zu Papier gebracht haben" (S. 37). Aus diesem Korpus werden im Buch rund 30 Arbeiten ausführlich interpretiert und zum größten Teil auch in einem Anhang farbig oder im Text schwarzweiß wiedergegeben.

Das in der Wissenschaft (und im Schreibunterricht) zur Zeit vorherrschende Primat der Sprache hält die Verfasserin auf lange Sicht nicht für dauerhaft. Sowohl die Diskussion um das Verhältnis von Text und Bild als auch die gegenwärtigen Veränderungen der Schriftkultur durch audiovisuelle Medien sorgen für Irritationen auf Seiten der Schriftgelehrten. Statt sich im einen oder anderen Lager einzufinden, lenkt Sjölin den Blick auf die Lebendigkeit der Schrift. Wo Schrift gestischen Charakter hat, wird ihre Kraft spürbar, und die wörtliche Aussage zugleich zum "bildlichen und sprachlichen Symbolisierungsmittel" (S. 166).

"Schrift als Geste" geht deutlich über den Untertitel "Wort und Bild in Kinderarbeiten" hinaus. Die Untersuchung tritt in den Dialog der Text/Bild-Diskussion ein und leistet einen auch auf den zweiten Blick noch überraschenden Beitrag, indem der Schrift eine körperliche Dimension, die Gestik, zugeschrieben wird. Die Interpretation, die der Argumentation zugrunde liegt, steht methodisch deutlich ausgewiesen in hermeneutischer Tradition. Sjölins Deutung sieht ihren Kern im Prozeß der schleiermacherschen "Divination", die allerdings aus logozentristischer Engführung befreit werden soll. Eine gelungene Interpretation ist dabei nicht "überprüfbare Wahrheit", sondern die "Sinnfülle", wobei der Sinn der Deutungsbemühungen schließlich die "Eröffnung eines neuen, bisher verborgenen Horizonts" ist (S. 36).

Warum in dieser Diskussion - vor allem dort, wo es um die Identifizierung von Sinn als "Teilhabe an einem Gespräch" und den Gegensatz von Wahrheit und Sinnfülle (S. 36) geht - nicht auch Gadamer zu Wort gekommen ist, erstaunt. Ebenso irritierend ist die Differenzierung: "Nicht einzelne Kinder sind der "Untersuchungsgegenstand" dieser Arbeit, sondern die Frage, wie das, was sie zu Papier bringen, verstanden werden kann" (S. 37). Wie sollte sich innerhalb hermeneutischer Deutung das Schreibprodukt vom Produzenten so deutlich trennen lassen? Schließlich erfährt man jeweils eine Menge über die Entstehungsgeschichte der Schreiber und deren Schreibprodukte, so daß man diese Einschränkung wohl eher als perspektivische, nicht als methodische Differenzierung verstehen darf.

"Schrift als Geste" bietet einen umfassenden Einblick in die Diskussion über das Verhältnis von Wort, Bild, Schrift und Sprache und ist eine gelungene Verbindung von theoretischer und empirischer Arbeit. Der Text ist ausgezeichnet strukturiert, verständlich geschrieben, und die Zusammenfassungen am Ende eines jeden Kapitels erleichtern die Orientierung beim Lesen. Am eigenen Anspruch der Verfasserin gemessen, darf man behaupten, daß ihr gelungen ist, was sie den Sinn einer Interpretation nennt: "Hinterher weiß man mehr als vorher - und nicht nur über diese eine Kinderarbeit".

Rezensiert von Hermann Cölfen. Jahr 1997.

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