Roland Barthes. Eine intellektuelle Biographie (Torsten Pflugmacher)

Ette, Ottmar

Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998[sic!]

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Ein Kinderspiel: Roland Barthes

Ottmar Ette legt seinen Sprachenführer vor

In unregelmäßigen Abständen erscheinen die Einführungen und Biographien, die dem deutschsprachigen Publikum erste Einblicke in das Denken und Schreiben des im Jahr 1980 in Frankreich verstorbenen Intellektuellen Roland Barthes geben sollen. Je nach Perspektive der Porträtisten wird Barthes dabei auf den Kritiker, Literaturwissenschaftler, Zeichentheoretiker, Maler, Philosophen oder Romancier festgelegt (die Liste ließe sich noch eine Weile fortführen). Seit einiger Zeit wird es zunehmend üblich, Barthes all diese Etiketten zugleich anzuheften. Dies liegt nicht zuletzt daran, daß ins Blickfeld der Semiotik - einer Disziplin, an deren Entstehung Barthes in Frankreich eine zeitlang in vergleichbarer Weise beteiligt war wie Umberto Eco in Italien - sämtliche kulturellen Phänomene fallen, die an oft unscheinbaren Bedeutungsprozessen beteiligt sind.

Überraschend ist nun, daß der Suhrkamp-Verlag einige Jahre nach seiner Publikation von Louis-Jean Calvets Biographie ein weiteres Buch über Barthes auf den Markt bringt, dessen Titel das Wort "Biographie" ebenfalls enthält. Will sich der Verlag von der ersten Veröffentlichung distanzieren? Der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Lebensbeschreibung steckt im Detail, hier im Attribut "intellektuell", welches der Romanist Ottmar Ette aus Potsdam nicht bloß zur Unterscheidung von Calvets Titel hinzugefügt hat. In der Tat trifft der Leser von Calvets älterer Lebensrekonstruktion eher auf eine chronologische Sammlung von Anekdoten, Freundschaften und Entwicklungen über, mit und im Leben des Intellektuellen: eine Darstellung, die Ette auch immer wieder in seinem Entwurf dankbar zur Illustration heranzieht. In der neuen Biographie wird jedoch "die heilige Kuh der Chronologie" eines Lebenslaufs und einer Werkbeschreibung in zweierlei Weise unterlaufen. Ettes Darstellung firmiert nämlich unter folgendem Anspruch: "Was soll ich Ihnen über das Buch und die Art, wie es zu lesen sei, sagen? Ich glaube, die besondere Machart des Buches, seine Komposition, bringt es mit sich, daß das Vergnügen des Lesens sich beim zweiten Mal erhöhen und vertiefen wird, - wie man ja auch Musik schon kennen muß, um sie richtig zu genießen."

Der Leser sei hier der Fairneß halber gewarnt: "Eine intellektuelle Biographie" ist über 500 Seiten lang. Wer die Kürze liebt, sollte mit der Übersicht im Kritischen Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur vorliebnehmen, wo Ette den Franzosen auf lediglich einem Zwanzigstel des Volumens der nun nachgelieferten Biographie abhandelt. In der Großform aber lädt er den Leser ein, in Anlehnung an Julio Cortázars Roman "Rayuela" einen eigenen Weg durch die 139 Kapitelchen zu finden und dabei neue Verknüpfungen und Themenfelder selber herzustellen. Dem daran interessierten, aber ob seiner Selbständigkeit noch mutlosen und unschlüssigen Leser schlägt er einen möglichen Parcours vor, der in Anlehnung an Barthes' subversive Sprachkritik mit ein und demselben Zitatfragment unter der Überschrift "Das leere Zentrum" beginnt und endet. "Eine intellektuelle Biographie" wird zu einem intellektuellen Spiel, in dessen Rahmen jede Unterteilung der Arbeiten in strukturalistisches Frühwerk und poststrukturalistisches Spätwerk aufgehoben wird. Stattdessen verstärkt sich der Dialog, den Ette schon bei der normalen Seite-für-Seite-Lektüre betreibt, ein Dialog zwischen den rasch wandelnden Ideen des französischen "enfant terrible" selbst, zwischen Barthes' 'Großwerk' in Buchform und dem 'Kleinwerk' aus hunderten von Aufsätzen, zwischen Barthes und den in seinem intellektuellem Umfeld entstehenden Ideen, zwischen Moderne und Postmoderne, zwischen Ette und Barthes. Dabei stellt Ette auch eigene Konzepte zur Betrachtung von Bild-Text-Beziehungen sowie "Phonotextualität" vor und unterbreitet dem Leser ein weiteres Angebot, in den Dialog mit ihm selbst einzutreten, wenn er Barthes' Schreibweise in den Vordergrund seiner Untersuchung stellt und mit dem Terminus "friktionales Schreiben" belegt.

Ette berücksichtigt mit dieser fragmentierenden und dialogisierenden Vorgehensweise das Bildnisverbot, das Barthes seinerzeit bei der ihn belastenden Vorstellung, einst selbst zum bloßen Diskursobjekt zu werden, verhängt hatte. Denn Barthes wußte als Mythenentdecker nur zu genau, daß auch seine Projekte sich der Mythosmaschine nicht würden entziehen können. Sein Gegengift gegen das in der Sprache ubiquitäre Dilemma von Ordnung und Hierarchie war eine poststrukturale Schreibpraxis, mit der er die Grenze zwischen seinen Wörtern und den Dingen in Auflösung versetzte. Als Kennzeichen dafür lassen sich insbesondere die Wahl einer fragmentarischen Schreibweise und die alphabetische Ordnung der Kapitel anführen, so daß es Roland Barthes gelingen konnte, trotz - und im Einklang mit - seiner Theorie vom Schreiben "Über mich selbst" als Autobiographie zu veröffentlichen.
Was nun vorliegt, ist ein Versuch, den Leser mit Barthes selbst und gegen all die Klassifizierungsversuche klüger zu machen, wobei der Autor auf die für Einführungen üblichen endlosen Zitatreihen und auf Dauerparaphrasierungen weitgehend verzichtet. Etwas verkürzt ausgedrückt: Ette zeigt entgegen der herrschenden Meinung, wie später publizierte Themen und Probleme bereits im Frühwerk auftauchen, ebenso Konstanten in seinem Schreiben, von denen man bislang meinte, Barthes hätte sie längst 'überwunden'. Dies gelingt ihm insbesondere deshalb, da nunmehr die dreibändigen "Oeuvres Complètes" vorliegen und Ette damit leichten Zugriff auf die zuvor verstreuten und teilweise schwer zugänglichen Aufsätze hat. Bedauerlicherweise scheint das Manuskript schon vor geraumer Zeit abgeschlossen worden zu sein, da Ette den 1995 erschienenen letzten Band der "Werke" nicht mehr berücksichtigt. So wird seine Biographie dieses intellektuellen Globetrotters zu einer offenen Studie voller Denkanstöße, gerade noch rechtzeitig vorgelegt, um das Ende der Postmoderne-Debatte zumindest bis zur nächsten Jahrtausendwende hinauszuzögern.

Rezensiert von Torsten Pflugmacher.

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