Poststrukturalismus / Poststrukturalistische Literaturtheorie

1: Münker, Stefan; Roesler, Alexander
2.: Bossinade, Johanna

1: Stuttgart/Weimar: Metzler 2000
2.: Stuttgart/Weimar: Metzler 2000

Münker, Stefan; Roesler, Alexander:
Poststrukturalismus.
Stuttgart/Weimar: Metzler 2000.

Bossinade, Johanna:
Poststrukturalistische Literaturtheorie.
Stuttgart/Weimar: Metzler 2000.

Die Zeiten sind nun wohl endlich vorbei, in denen die Verfasser von Einführungstexten zur poststrukturalen Theorie sich geschämt haben, über ihren Gegenstand zu schreiben, da es sich weniger um eine Theorie als um eine Praxis handle, in der eine solche Behandlung von außen unmöglich sei. Gleich zwei Einführungen zum undisziplinierbaren Denken des Poststrukturalismus sind nun im Metzler-Verlag erschienen. Wie aber sollen 'Übersetzungsversuche' des Genre "Einführungen" bewertet werden, die dem Leser ein ganzes Sammelsurium von Denkweisen vorsetzen müssen, als deren kleinster gemeinsamer Nenner das Interesse an Sinn und die Vorliebe für Unsinn genannt werden könnte?

Zwischen komplexen Zitaten (Derrida) sowie anschaulich rekonstruierten Argumentationen (Foucault) einerseits und Verständnis vermittelnden Zuspitzungen andererseits führt der Weg hindurch, auf dem Münker/Roesler mit dem Leser die 'Spuren' der Poststrukturalisten abschreiten. Aber sie führen nicht bloß durch eine Sammlung von plakativ fettgedruckten bonmots wie différance und isolierten schicken Phrasen wie Logik der Supplementarität; ebenso enthalten sie sich weitgehend der irgendwann langweilenden poststrukturalen Manier, die eigenen Aussagen mit doppeldeutigen Worten zu relativieren. Vielmehr vermitteln sie bisweilen auch das Erlebnis, das wohl jeder Leser der von ihnen besprochenen Derrida, Lacan, oder Deleuze und Guattari wiederholt hatte: Wörter, Sätze, Absätze und ganze Seiten immer wieder von Neuem lesen zu müssen, bis Verzweiflung oder eine Spur von Sinn sich einstellt (Deleuze). 'Unlesbarkeit' als Inszenierung des Nicht-Verstehens bedeutete jedoch mehr als nur eine Begleiterscheinung dieser Theorien.

Indem die Verfasser die Komplexitätsreduktion nicht übertreiben, erfüllen sie zwar nicht durchweg das selbstgesteckte Ziel, die "Grundgedanken so einfach wie möglich" darzustellen, das sie sogleich mit dem schlechten Gewissen jeder Vereinfachung paaren: der Aufforderung zur "unerlässlichen Lektüre der Primärtexte." Die Neugier der noch zu gewinnenden Leser braucht Verführung und Nahrung, nicht solche Ermahnungshülsen. Als ihr Leser sollte man auch keine Angst vor abstrakten Begriffen haben. Doch so skurril wie manches Mal, dass man den Gegenstand bereits kennen muss, um die dazugehörige Einführung zu verstehen, geht es hier nicht zu.

Wie aber gelingt es ihnen, die vielfältigen Themen, Denkweisen und Stile unter den Mantel einer Darstellung zu bringen? Als Leser stößt man beim Rundgang in kleinen thematischen Kapiteln immer von Neuem auf die oben genannten und weitere Autoren (Foucault, Lyotard, die Yale Critics u.a.), deren Argumentation kleinschrittig vorgeführt wird. Bisweilen, aber nicht immer, werden die vorgestellten Denkpositionen in eine dialogische Auseinandersetzung gebracht, Kritik von außerhalb wird erst im Schlusskapitel diskutiert. Die Einführung ersetzt jedoch kein Handbuch zu einzelnen poststrukturalistischen Vertretern: Die Theorie des Sinns bei Deleuze beispielsweise ist ohne die Lektüre des vorhergehenden Kapitels zum Ansatz Derridas kaum zugänglich. Vielleicht fehlt deshalb auch in beiden Einführungen ein Begriffsverzeichnis, das dem Leser eigene Wege durch den Text erlaubt hätte.

Daneben betonen die Verfasser übergeordnete Akzente: Man schreitet in der Grobgliederung von der Kritik der Zeichenbedeutung (Derrida, Deleuze) über die Kritik der Psychoanalyse (Deleuze/Guattari, Lyotard) zu Machtdiskursen und Geschichtsschreibung als Kritik des Subjekts (Foucault, Baudrillard, Lyotard) fort zu ästhetischen Positionen. Prominente Poststrukturalisten wie der 'späte' Roland Barthes und auch seine Schülerin Julia Kristeva fallen diesem systematischen Prinzip allerdings zum Opfer, weil den Verfassern ihr theoretischer Gehalt als nicht ausreichend originell erscheint.

Der Schlussteil des Schlussteils erst gibt – leider nur spärliche – Hinweise auf die uns zeitlich näheren, hierzulande bislang kaum in Einführungen vorgestellten Anwendungsbereiche poststrukturalen Denkens. Dabei stehen die recht früh entwickelten und eher bekannten Literatur- und feministischen Theorien im Vordergrund des Schnellkurses, zuungunsten der cultural studies, colonial studies, Kunst- und Medienwissenschaften, über deren Beeinflussung und neuere Entwicklung man leider fast keine Hinweise erhält. Dies liegt daran, dass die Autoren den Poststrukturalismus weniger als Methode denn als zunächst kritische Theorie der strukturalistischen Methode darstellen wollen, mithin eine philosophisch-reflexive Perspektive entwerfen. Der Strukturalismus erfährt daher – wieder einmal – eine ausführliche Schilderung, dessen Kritik hier als die gemeinsame Basis so unterschiedlicher Denker wie Foucault und Deleuze skizziert wird.

Bossinades Einführung setzt aufgrund der ausdrücklich literaturtheoretischen Orientierung andere Akzente. So werden Lyotard und Deleuze/Guattari von ihr nicht explizit behandelt; die psychoanalytischen Ansätze bilden hier mit Julia Kristeva und den feministischen Vertreterinnen Hélène Cicoux und Luce Irigaray den eigentlichen Schwerpunkt, der sich durch die einzelnen Kapitel zieht. Die Verfasserin beginnt mit einer einführenden geschichtlichen Darstellung des Poststrukturalismus, der "zur Zeit der Studentenrevolte in Paris geboren" wurde. Der folgende Teil ist systematisch insofern, als sich Bossinade nach der unvermeidlichen Einführung in de Saussures Zeichenkonzept den Leser an traditionellen Begriffen orientiert: Zeichen, Text, Intertextualität, Metapher, Symboltheorie, Subjekt und Autorschaft. Hier wie auch im letzten, "methodologischen", Teil diskutiert sie dann die theoretischen Bereicherungen, welche die poststrukturalen Denker in Auseinandersetzung mit diesen Feldern hinterlassen haben, nacheinander durch. Bisweilen weist sie dabei auf "Offene Fragen" hin oder skizziert Theorieentwicklungen über Werk- und Autorgrenzen hinweg.

Als gemeinsame Basis der einzelwissenschaftlichen Ansätze sind bei Bossinade die "verdrängten Prozesse der Sprache" genannt, die von den poststrukturalistischen Theoretikern wieder dem Bewusstsein zugeführt werden: ein Akt, der zugleich die moderne Literatur kennzeichnen soll. Verdrängung wird hierbei nicht als Metapher verwendet, sondern steht als ein aus psychoanalytischem und sprachphilosophischem Denken synthetisierter Schlüsselbegriff, in dessen Folge geschlossene Vorstellungen von Werk oder Autor dekonstruiert worden sind.

Zwar sollte man Bossinade ebenso wie Münker/Roesler dankbar sein, dass sie nicht einen ganzen Katalog von Lesertypen benennt, den sie mit ihrer Darstellung angeblich erreichen wolle. Die Gefahr einer hybridisierten Leserwesens ist damit jedoch nicht ausgeräumt: Nach ihrer durchaus anreizenden Einleitung geht es in Siebenmeilenstiefeln durch die Geschichte des Strukturalismus, die kaum anders als mit 'Namedropping' bezeichnet werden kann. Ein Hinweis darauf, dass sie zwanzig Seiten später genau erklären wird, was sie hier nur anreißt, fehlt leider. Wissen alle Leser, was mit "Isotopie" und "Isomorphie", dem schillernden und oft genannten Schlüsselbegriff "Signifikant" und mit "Semiologie" gemeint ist? Auch mit psychoanalytischem Vokabular muss man vertraut sein, weil Bossinade in Anlehnung an Derrida "den Diskurs zu re-sexualisieren" versucht. Dagegen sind vereinzelte französische Zitate in diesem Lehrbuch fast ein Kinderspiel.

Sprache ist nicht nur dem Poststrukturalismus zum Problem geworden, sondern wird es nun auch dem Leser: Münker/Roesler hatten den poststrukturalistischen Jargon weitgehend vermieden oder ihn dezent per Zitat im Munde der besprochenen Autoren geführt. Dies ist bei Bossinade anders: Gelegentlich werden komplexe Begriffe ungeklärt übernommen und Sprachspielereien bis an die Grenzen der 'Scheindeutigkeit' geführt. Wenn sie im Zuge der Auseinandersetzung des Psychoanalytikers Lacan mit Saussures Zeichenmodell eine ganze Metaphernkette aus dem Hühnerhofleben aufbringt, jenes als aufgeschlagenes Ei und den Signifikanten als geschlüpftes Küken benennt, welches nun nicht mehr über einer einzelnen Bedeutung brütend hocken kann, sondern als krähender Hahn eine Vielzahl von Hühnern (Signifikate) beherrschen muss, dann imitiert und karikiert sie die oft kritisierte männliche Perspektivik und den Sprachstil bei Lacan. Ob Leser über einen solch fröhlichen Wissenschaftsfeuilletonismus schmunzeln können?

Dass trotz aller Sprachspielereien der Poststrukturalisten dennoch Kontroversen möglich sind, zeigt sich an den von Bossinade paraphrasierten kritischen Stellungnahmen von Derrida, Johnson und anderen zu Lacans Seminar über "Der entwendete Brief" von Edgar Allan Poe. Dabei zeichnet sie auch die Anschlusswege der poststrukturalen Theorie vor allem in Folge des "feminist turn" in Deutschland nach. Weshalb aber ausgerechnet Foucaults Diskursanalyse, derzeit zumindest im Blick auf die zahlreichen Habilitationsschriften wohl 'die' dominante literaturwissenschaftliche Methode, in der Theorie des Poststrukturalismus lediglich ein "relativ begrenzter Platz" zufallen soll, bleibt nur als willkürliche (?) Verdrängung zugunsten der feministischen bzw. feminisierbaren Theorieansätze verständlich.

Bossinades Darstellungen schwanken zumeist zwischen kurzweilig und kurzatmig. Besonders die Kapitel zur Intertextualität und Metapherntheorie sind nach der trockenen Durststrecke durch die Zeichentheorie geradezu entspannend formuliert. Insgesamt bleibt angesichts der Schwankungsbreite des Anspruchniveaus fraglich, ob es nicht geeigneter gewesen wäre, diese Einführung "Poststrukturalismus und Psychoanalyse" zu nennen, was infolge der daraus erwachsenen Straffung eine leserfreundlichere Homogenität und Überschaubarkeit der Begriffe erlaubt hätte.

Rezensiert von Torsten Pflugmacher. Jahr: 2000

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