Literarische Spaziergänge im Internet

Kaiser, Reinhard

Frankfurt/M.: Eichborn Verlag 1996

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"Dieses Buch wollte ich eigentlich nur kaufen - nicht schreiben. Doch im Buchhandel war es nicht zu bekommen." (S. 2) So schritt Reinhard Kaiser, Übersetzer und Schriftsteller aus Frankfurt, zur Selbsthilfe. Sein griffiges Vademecum enthält alles, was ein Internet-interessierter Literaturliebhaber wissen muß, wenn er sich typische Anfängerfehler und umständliche Sucherei ersparen will. In schöner Sprache und übersichtlicher Anordnung findet man allerlei Betrachtungen über Lesen, Surfen und "die schöne, schreckliche Unergründlichkeit der Magazine" (S. 8 f.), sehr kurze (angesichts der Fülle einschlägiger Literatur aber hinreichende) Hinweise zu Technik, Zugängen und Diensten, fünfzehn hilfreiche "Vorschläge für das Vorwärtsgehen im Netz" (S. 48-53) und vor allem - ab S. 54 - einen wohlinformierten, gut gegliederten und knapp kommentierten "Katalog der literarischen Plätze im Internet" (Stand Juni 1996; Ende 1996 noch ebenso aktuell).

Darin sind ziemlich genau dreihundert deutsch-, englisch- und französischsprachige Seiten verzeichnet und kurz beschrieben, "die sich als Ausgangspunkt zu abwechslungsreichen literarischen Spaziergängen eignen" (S. 54). Nicht buchhalterische Vollständigkeit, sondern eine pragmatische Nützlichkeit wird angestrebt: "die wichtigsten" Seiten sollen "möglichst vollzählig" aufgeführt werden. Daß auf diese Weise Kaisers subjektive Erfahrung und Vorlieben zum Hauptauswahlkriterium werden, erweist sich keineswegs als Nachteil. Das Ergebnis kann sich jedenfalls durchaus sehen lassen und jedem Literaturliebhaber mannigfache Hilfestellung geben. Ahnungslose Internet-Skeptiker, die es ja gerade unter Belletristik-Lesern zuhauf gibt, werden durch bloßes Durchblättern mächtig auf den Geschmack kommen. Wo sonst kann man schon auf Knopfdruck die Qumran-Rollen samt Übersetzung und Kommentar anschauen, Philip Kolbs gigantischen Zettelkasten für seine Edition der Briefe Marcel Prousts einsehen, eben mal Wielands "Aristipp" auf bestimmte Wortfolgen hin durchsuchen, Ernest Hemingway seine eigenen Werke lesen hören, einen umfangreichen Literaturkalender voller Jahresdaten und Anekdoten abrufen oder erfahren, welche Dichter in dieser Woche wo eine Lesung halten? Erfahrene Internetter werden darüber hinaus entdecken, wie nützlich es sein kann, ein übersichtliches Buch neben dem Computer liegen zu haben, statt einer ellenlangen Bookmark-Sammlung im Computer ausgeliefert zu sein. Und wer intensiver suchen will, der findet im Buch genügend Adressen, von denen aus man das im Netz gut kann.

Natürlich kann man immer an irgendetwas herumnörgeln. Die Druckqualität der etwa vierzig Bildschirmfotos könnte etwas besser sein. Kafkas Adresse hat eine zu kleine Schrifttype bekommen. Die bequemste Universal-Suchmaschine wird nicht genannt (http://www.metacrawler.com). Die eine oder andere literarische Adresse, die etwas jenseits von Kaisers Interessen liegen mag, fehlt - so z.B. die recherchierbaren Goethe- und Grimm-Korpora am Institut für deutsche Sprache (http://www.ids-mannheim.de/ldv/cosmas/corpora.html) oder der Thesaurus Indogermanischer Text- und Sprachmaterialien (http://titus.uni-frankfurt.de). Umgekehrt ist nicht ganz klar, warum zwei Dutzend Tages- und Wochenzeitungen (und gerade diese) oder etwa auch das deutsche Strafgesetzbuch und die Stadt- und Landkartensammlung der University of Texas mit aufgenommen wurden. Neu hinzukommende Adressen können natürlich noch nicht aufgenommen sein (z.B. der interaktive Jandl-Raum unter http://www.uni-bielefeld.de/~mberghof/jandl/). Manche Kommentare würde ein anderer Autor vielleicht etwas ausführlicher fassen, andere hingegen kürzer. Sehr vereinzelt kommen auch Fehler vor; so umfaßt der Online-Katalog der Library of Congress nicht 3,8 Millionen, sondern an die 19 Millionen Bücher.

Das sind aber Lappalien gemessen an dem Zweck, den das Büchlein auf sehr sympathische Weise erfüllt. Mit Kaiser surfen und schlurfen wir nicht mehr durch die belletristische Abteilung des World Wide Web, sondern wir spazieren durch sie und lesen darin. Ein hilfreicher Begleiter gleichermaßen für Kenner, Neugierige und Fußkranke.

Rezensiert von Ulrich Schmitz. Jahr: 1996

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