Kindersoftware-Führer 96

Mooser, Barbara

Haar bei München: Markt & Technik 1995

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1. Zum Konzept des Buches

Gleich bei der Titelaufnahme wirkt das Buch etwas hektisch und unentschlossen, und dieser Eindruck hält sich leider bis zum Schluß durch. Es stehen den Lesern gleich zwei Versionen des Titels zur Auswahl, der oben genannte (als CIP-Einheitsaufnahme auf der Innenseite) und der folgende auf der Vorderseite: "Kinder Software. Lernen, Wissen, Spiel und Spaß. Ein Ratgeber für Eltern und Lehrer". Was stimmt denn nun: Handelt es sich hier um einen Software-Führer oder um einen Ratgeber? Um es vorwegzunehmen: Dieses Buch ist eher ein Führer durch das bunte Angebot der Software für Kinder - ich bevorzuge diese Formulierung, denn was bitte soll "Kindersoftware" sein - als ein Ratgeber.

2. Aufbau und Gliederung

Nach einem Vorwort von Friedrich Schönweiss (Hochschullehrer für Sozialpädagogik an der Uni Bamberg) und einer Einleitung der Autorin folgen:

  • Kapitel 1: Lernen
  • Kapitel 2: Wissen und Nachschlagen
  • Kapitel 3: Kreatives
  • Kapitel 4: Spaß und Spiel
  • ein unpaginiertes Schlußkapitel (Ausblick)
  • zwei Seiten Informationen zur beigelegten CD
  • eine Kurzübersicht über alle Produkte und
  • ein Programm-Index.

Die beiliegende CD ist mit 21 Demos, 14 Präsentationen und der für den Gebrauch der Programme nötigen Entpack- und Systemsoftware ausgestattet.

3. Zum Inhalt

Zu Vorwort und Einleitung

Im Vorwort weist Schönweiss darauf hin, daß zur Zeit im Bereich der Software, die für Kinder auf dem Markt erhältlich ist, die Werbung meist mehr verspreche als sie halte. Auf der anderen Seite biete qualitativ hochwertige Software die Chance, Lernen mit mehr Freude zu ermöglichen. Als problematisch bezeichnet er es, wenn Eltern den Versuch unternehmen, die Fülle von Defiziten, mit denen es heute alle an der Erziehung und Ausbildung Beteiligten zu tun haben (längst überfällige Schulreform, Zeitmangel, Hektik etc.), mit Computer und Software auszugleichen. Lernen, so Schönweiss, wird für die Eltern leicht zu der Bemühung, "...gemeinsam mit dem Kind Strategien und Techniken zu perfektionieren, um es dem Lehrer ["Lehrer" im Original hervorgehoben; HC] recht zu machen" (S. 12).

Mögliche Probleme beim Kauf von Software sieht Schönweiss darin, "...die weitverbreitete Haltung der Kinder zu bedienen, sich nicht ["nicht" im Original hervorgehoben; HC] so recht auf die Inhalte einlassen zu wollen", und in der Anpassung an "...die Bildungsfeindlichkeit vieler Kinder..." (S. 13). Um das zu vermeiden, müsse Software bestimmte Kriterien erfüllen, und seine Vorstellungen hierzu führt er in insgesamt 11 Punkten (S. 13-15) auf.

Barbara Mooser nennt in ihrer Einleitung, worum es ihr geht: "Es geht in diesem Buch nicht um die Frage(n), ob Computer für Kinder sinnvoll sind, sondern darum, unter welchen Bedingungen Computerprogramme pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden können und welche Programme das im einzelnen sind. (...) An die 100 Kinderprogramme werden ausführlich getestet und mit Schulnoten von 1 bis 6 bewertet."

In den Kapiteln 1 bis 4 werden die einzelnen Programme nach einem gleichbleibenden Muster jeweils auf einer Doppelseite besprochen: Der Altersempfehlung folgt eine Programmbeschreibung, der ein Abschnitt mit der Überschrift "Inhalt" folgt. Es ist nicht zu erkennen, wie sich die beiden Teile zueinander verhalten, aber ich vermute, daß mit der jeweils sehr knapp gehaltenen Rubrik "Inhalt" eine Zusammenfassung der voraufgehenden Beschreibung gemeint ist. In der Rubrik "Fazit" wird dann eine Empfehlung ausgesprochen, für wen oder welchen Zweck sich das Programm eignet. Am Ende jeder Besprechung steht ein "Wertungskasten", in dem die Note, die Vor- und Nachteile des Programms und die Hardware-Voraussetzungen aufgeführt werden.

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Insgesamt werden 97 Spiele besprochen und wie folgt klassifiziert:

Im ersten Kapitel (Lernen) werden 34 Programme besprochen, und zwar in den Abteilungen Vorschule (8), Mathematik (9), Deutsch (5) und Fremdsprachen (12 Programme). Kapitel 2 (Wissen und Nachschlagen) enthält 14 Besprechungen, und zwar in den Abteilungen Lexika (5) und Technik & Natur (9). Das dritte Kapitel trägt die Überschrift "Kreatives", und hier werden insgesamt 16 Programme in den Gruppen Malen (8), Musik & Film (4) und Schreiben & Arbeiten (4) vorgestellt. Den Abschluß macht Kapitel 4 in der Rubrik "Spaß und Spiel" mit 33 Besprechungen in den Rubriken Märchen (6), Spaß (7), Simulationen (4), Adventure (7), Geschicklichkeit & Action (3) und schließlich Ballerspiele (6).

4. Bewertung

Man kann in einem knappen Vorwort nicht erwarten, daß die erwähnte Bildungsfeindlichkeit vieler Kinder und deren angebliche Abneigung, sich auf Inhalte einzulassen, ausführlich diskutiert werden. Dennoch hätte ich hierzu gerne mehr erfahren (vielleicht mit Hinweis auf weiterführende Literatur), denn beide Behauptungen stellen doch - wenn sie denn der Wirklichkeit entsprechen - eine weitaus größere Herausforderung an Eltern und Lehrer dar als die Entwicklung sinnvoller Software. Die auf den Seiten 13 bis 15 aufgeführten Kriterien sind bei der Software-Beurteilung ohne Zweifel hilfreich. Ob sie aber bei der Bewertung der in diesem Buch vorgestellten Software Anwendung gefunden haben, bleibt den Lesern leider verborgen.

So wird vielleicht auch durch Vorwort und Einleitung leicht der Eindruck geweckt, daß man mit diesem Buch einen Ratgeber in Händen hält, in dem jedes genannte Programm ausführlich und gründlich untersucht worden ist. Genau das ist aber nicht der Fall, und das ließe sich auch in einem solchen Umfang nicht seriös bewerkstelligen. Alle Programmbesprechungen bewegen sich inhaltlich und stilistisch auf dem Niveau von Software-Tests in Computerzeitschriften: Die Bewertungen sind gut verständlich, knapp und klar und ermöglichen den Lesern durchweg einen wirklich hervorragenden ersten Eindruck. Die Demos und Präsentationen auf der beiliegenden CD runden die Informationen ab, und vor allem in dieser Verbindung kann man eine erste Kaufvorentscheidung treffen. Nur: gründliche, didaktisch, fachlich und pädagogisch fundierte Bewertungen bietet das Buch nicht. Wollte man diesem Anspruch bei jeder einzelnen Besprechung genügen, würde das Buch wohl leicht 900 Seiten schwer. Die Auswahl der Software ist ausgewogen und entspricht etwa dem aktuellen Stand zu Beginn des Jahres 1996. Die Aufteilung der einzelnen Programme in die genannten Kategorien ist schlüssig und für eine erste Übersicht hilfreich.

Alles in allem ist das Buch auf jeden Fall eher Führer als Ratgeber, und ich möchte mich Schönweiss anschließen, der im Vorwort darauf hinweist: "Eltern wie Lehrern wird es, trotz aller Ratgeber und Software-Fachleute, nicht erspart bleiben, sich ein eigenes Urteil über die Brauchbarkeit der einzelnen Lernprogramme zu machen" (S. 12).

So komme ich zu einer differenzierten Bewertung: Sieht man das Buch unter dem Anspruch, daß hier Software für Kinder gründlich, ausführlich und mit didaktisch, fachlich und pädagogisch fundierten Bewertungen getestet werden sollte, dann genügt das Ergebnis diesem Anspruch in keiner Weise. Statt dessen gehe ich davon aus, daß Autorin und Verlag diesen Anspruch nicht im Sinne gehabt haben, sondern eine Übersicht über das aktuelle Angebot mit dem Service einer Beschreibung und ersten Beurteilung verbinden wollten. Das aber ist durchaus gelungen, und die vergebene Note bezieht sich auch nur auf diesen Anspruch.

Rezensiert von Hermann Cölfen. Jahr: 1996

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