Keseling, Gisbert: Die Einsamkeit des Schreibers. Wie Schreibblockaden entstehen und erfolgreich bearbeitet werden können.

Keseling, Gisbert

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2004 (332 S.; Preis: € 24,90)

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Grundlegendes

Die Reflexion des Schreibprozesses und seiner Besonderheiten hat in den vergangenen Jahren stetig steigende Beachtung gefunden und eine Reihe von Publikationen hervorgebracht. Dabei wurden zahlreiche interessante Themen wie Schreibtheorien, diverse Aspekte der Schreibberatung sowie kognitive Prozesse beim Schreiben mehr oder weniger ausgiebig behandelt. Das Thema Schreibblockaden war dabei bis jetzt jedoch nur ein Aspekt unter vielen. Gisbert Keseling setzt nun mit Die Einsamkeit des Schreibers neue Maßstäbe, indem er Schreibblockaden erstmals als eigenständiges Thema empirisch betrachtet und ausgiebig darstellt.

Schon der Untertitel deutet an, dass sich Keseling hier viel vorgenommen hat, zumindest mehr als man in der bisher zum Thema verfügbaren Literatur zu finden vermag. Ziel des Buches ist es, einerseits die Entstehung und Charakteristika von Schreibblockaden zu beschreiben, andererseits aber auch Lösungsansätze für die Behebung dieser Blockaden zu entwickeln. Keseling greift dabei auf Erkenntnisse aus seiner langjährigen Arbeit in der Schreibberatung im Schreiblabor der Universität Marburg zurück. Gleichzeitig bezieht er Erkenntnisse aus einem von ihm in den 1990er-Jahren geleiteten DFG-Projekt und einer aktuellen Untersuchung von Schreibstrategien geübter bzw. professioneller Schreiber ein, so dass sich hier eine empirisch breit gefasste Erkenntnislage ergibt, die entsprechende Ergebnisse liefern soll. Keseling verknüpft dabei theoretische Erkenntnisse über Schreibblockaden mit zahlreichen Beispielen und Lösungsansätzen aus der Praxis. Er lässt indirekt Betroffene zu Wort kommen und schildert deren einzelne Schwierigkeiten detailliert anhand ausgewählter Aspekte. Ergänzend dazu beschreibt Keseling die Schreibstrategien von 15 Wissenschaftlern aus unterschiedlichen fachlichen Disziplinen, um daraus den Aufbau gelungener Schreibprozesse zu rekonstruieren. Aus dieser Gegenüberstellung erfolgreicher und misslungener Schreibprozesse soll sich ein aussagekräftiges Konzept zum Erkennen und Beheben von Schreibprozessen bilden.

Leistung und Erkenntnisse

Keseling schildert plastisch, in welcher Form Schreibstörungen auftreten und wie sie erkannt werden können. Das mag zunächst banal klingen, aber in seinen Ausführungen wird schnell klar, dass ein wesentliches Problem bei der Schreibberatung darin liegt, dass sich die Betroffenen gar nicht darüber im Klaren sind, dass bei ihnen eine Schreibblockade vorliegt. Insofern macht Keseling bereits zu Beginn des Buches deutlich, dass Schreibblockaden aller Wahrscheinlichkeit nach sehr viel weiter verbreitet sind als vielfach angenommen wird. Genauso häufig werden sie gar nicht erst als solche erkannt. Dies wird auch in den geschilderten Fallbeispielen deutlich, wo die Betroffenen oftmals der Auffassung sind, ihre Probleme seien normale Hindernisse beim Schreiben, die sich jedem Autoren in den Weg stellen. Außerdem besteht in diesen Fällen häufig eine hohe Hemmschwelle, die verhindert, dass die Betroffenen Hilfe in Anspruch nehmen. Keseling leistet durch die vorliegende Publikation bereits einen Beitrag zur Lösung dieses grundlegenden Problems, indem er aufzeigt, wo Schreibblockaden beginnen und welche Auswüchse sie annehmen können.

Die von ihm geschilderten gelungenen Schreibprozesse (geübter Autoren) zeigen vor allem auf, dass es sehr unterschiedliche Strategien beim Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten gibt, die alle zum Erfolg führen können. Damit räumt er mit dem Vorurteil auf, dass es einen goldenen Weg gebe, den jeder Autor verinnerlichen müsse, um einen gelungenen Text zu verfassen. Keselings zweite wesentliche Erkenntnis besteht darin, dass Schreibprozesse und Schreibstrategien individuelle Ausprägungen aufweisen und dass die Lösung unterschiedlicher Schreibblockaden dementsprechend ebenfalls individuell erfolgen muss.

Dies führt direkt zu seiner dritten zentralen Erkenntnis: Anhand der Ergebnisse seiner empirischen Untersuchung entwickelt er eine Typologie verschiedener Schreibblockaden, die erstens jeweils in einer bestimmten Phase des Schreibprozesses auftreten und zweitens eine vergleichbare, charakteristische Problembeschaffenheit besitzen. Die Differenzierung unterschiedlicher Blockadetypen und die von Keseling ausführlich beschriebenen, ebenfalls unterschiedlichen Schreibstrategien (bzw. Strategietypen) greifen sinnvoll ineinander: Erstens lassen sich so Regelhaftigkeiten und gemeinsame Grundlagen erfolgreicher Schreibstrategien bestimmen, zweitens bietet Keseling eine Reihe von Übungen, die den Betroffenen das Erlernen dieser Grundlagen ermöglichen. Dabei liefert die Unterscheidung der Blockadetypen einen wichtigen Maßstab für die Bewertung und Verbesserung einer Schreibstrategie. Aus diesen Erkenntnissen ergeben sich für die Schreibdidaktik zentrale Schlussfolgerungen, welche Keseling am Ende des Buches nochmals in komprimierter Form darlegt.

Inhalt

Keseling bearbeitet das Thema in zwei Stufen: Im ersten Teil widmet er sich ausgiebig den Blockaden, wobei er zunächst mit einem kurzen, vierseitigen Exkurs zur Definition des Begriffes ‚Schreibblockade‘ und zu den Ursachen für Schreibblockaden (beides angelehnt an Rose) das theoretische Fundament für seine folgenden Ausführungen legt. Anschließend beschreibt er die Vorgehensweise des Marburger Schreiblabors, aus dessen Arbeit die Fallbeispiele des ersten Teiles entnommen sind. Das dritte Kapitel enthält erste Praxisbeispiele und liefert mit deren Hilfe ein genaues Bild zum „Kampf mit den Ideen“, also dem Ausbleiben von Einfällen, was laut Keseling ein zentrales, nahezu allen Schreibblockaden zu Grunde liegendes Problem darstellt.Im vierten Kapitel geht Keseling ausgiebig auf die von ihm in der Praxis festgestellten „Störungen beim Planen“ ein. Insgesamt liegen hierzu drei Unterkapitel vor, die jeweils eine Störung detailliert vorstellen. Die drei Störungen sind: „Sogenannte Frühstarter“, „Fehlende, unstimmige oder instabile Konzepte, oft verbunden mit verzögertem Starten“, und „Probleme beim Zusammenfassen und Zitieren“. Bei jeder Störung wird zunächst das vorliegende Problem umrissen und die ausgiebige „Beschreibung und Analyse der Störung“ vorgenommen. Anschließend erfolgt jeweils die Darstellung der „Gegenstrategien“, die in der Schreibberatung erfolgreich zum Durchbrechen der Blockaden angewendet wurden. Alle Erläuterungen stützen sich auf einzelne Klienten der Schreibberatung und deren Fallbeispiele, so dass die Störung anhand mehrerer Fälle und mit Hilfe unterschiedlicher Ausprägungen dargestellt wird. Den Abschluss des vierten Kapitels bildet ein Exkurs zur „Textproduktion als Gestaltbildung“.

In Kapitel 5 stellt Keseling die „Störungen beim Formulieren“ vor. Hierunter fallen „Der zerstörerische innere Adressat“ und „Der nicht verfügbare innere Adressat“. Beide Unterkapitel sind nach bekanntem Muster aufgebaut, d. h. erst erfolgen Veranschaulichung und Definition der Störung mit Hilfe von Fallbeispielen, dann werden Gegenstrategien erläutert.

Mit Kapitel 6 beginnt der zweite Teil des Buches, der verdeutlicht, wie geübte Autoren den Schreibprozess organisieren. Dieses Kapitel befasst sich mit den „Mühen der Planung“. Hier erfolgt zunächst die kritische Diskussion der Empfehlungen aus bestehender Ratgeberliteratur, wie sie zum Beispiel von Eco, Bünting et al. und einigen anderen Autoren vorliegen. Anschließend beschreibt Keseling seine mit Hilfe von Interviews gewonnenen Erkenntnisse über die Schreibstrategien 15 befragter Wissenschaftler. Komplettiert werden diese vorläufigen Annahmen durch eine im folgenden Unterkapitel dargestellte Untersuchung Ortners, deren Gegenstand die Strategien beim Schreiben fiktionaler Texte sind. Die abschließenden drei Unterkapitel geben detailliert die Arbeitstechniken wieder, welche bei einzelnen Autoren nachgewiesen werden konnten. Hierbei stützt sich Keseling auf Ergebnisse zweier von ihm bereits 1983/84 durchgeführter Versuchsreihen mit zwanzig ProbandInnen. Keseling beschreibt hier die „Planung von Zusammenfassungen“, „Schreibexperimente mit lautem Denken“ und „Innere Sprache und inneres Sprechen“. Letztere Ausführungen werden wiederum ergänzt durch bestehende Forschungsarbeiten von Wygotski, Galperin, Sokolow und Bertau.

Das siebte Kapitel widmet sich ausschließlich dem Formulieren und beginnt mit den Schwierigkeiten beim Formulieren des berühmten ersten Satzes eines Textes. Weiterhin klärt Keseling dort, wie aus Gedanken Formulierungen werden, wie Autoren ‚reformulieren‘ und wie Konzepte während des Schreibens abgearbeitet und auch verändert werden. All dies erläutert er ebenfalls auf der Grundlage empirischer Forschung anschaulich mit praktischen Beispielen.

Die letzten drei Kapitel runden die gesamte Darstellung mit Informationen zur Autor-Adressaten-Interaktion und zu den besonders schwierigen Aktivitäten beim Schreiben sowie mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse und Schlussfolgerungen ab.

Kritik

Der Titel des Buches lässt zunächst befürchten, dass ihm das Buch nicht gerecht wird bzw. werden könnte. Immerhin hat man sich in der Forschung bisher entweder ausschließlich mit einzelnen ausgewählten Aspekten des Schreibprozesses und deren Untersuchung, mit theoretischen (Vor-)Überlegungen oder mit allgemeinen Empfehlungen zur Organisation des Schreibprozesses (Ratgeberliteratur) beschäftigt. Einzelne Titel zum Thema sind eher theorielastig, auf eine zu enge empirische Basis gestützt oder schlichtweg zu speziell auf einzelne Textsorten zugeschnitten, um eine derart umfassende Fragestellung annähernd ausreichend beantworten zu können.

All dies trifft auf „Die Einsamkeit des Schreibers“ nicht zu. Keseling wird dem Anspruch seines Titels voll und ganz gerecht, indem er erfolgreiche und gestörte Schreibprozesse im Kontrast darstellt und dabei seine Beobachtungen und Erkenntnisse auf eine solide empirische Basis stützt. Wo seine Daten keine allgemeingültigen Aussagen ermöglichen, greift er auf andere Untersuchungen und Autoren zurück und schafft so eine umfassende und gut verständliche Analyse des Schreibprozesses. Gliederung und Aufbau des Buches sind gelungen, zumal die Zweiteilung in die Darstellung missglückter und gelungener Schreibprozesse eine sehr gute Gegenüberstellung bietet. Hier und da allerdings besteht die Gefahr, den thematischen roten Faden aus den Augen zu verlieren. Dort, wo Keseling seine Untersuchungsmethoden sehr ausführlich theoretisch absichert oder an anderen Stellen seine Untersuchungsergebnisse kleinschrittig analysiert, ist der sonst unmittelbare Zusammenhang mit dem Thema nicht ohne weiteres erkennbar. Der Exkurs zum lauten und stummen Denken zum Beispiel trägt als Methodendiskussion wenig zur Veranschaulichung der eigentlichen Problematik bei. Ähnliches gilt in abgeschwächter Form für den ersten Exkurs zur Textproduktion als Gestaltbildung. Besonders an diesen Stellen, aber auch andernorts verschwimmt die Darstellung des Themas ‚Schreibblockaden‘ mit der Präsentation des Untersuchungsaufbaus bzw. der Untersuchungsergebnisse. Hier ließen sich die entsprechenden Ergebnisse sicherlich weniger störend in den Gesamtzusammenhang eingliedern. Dies gilt vor allem für die im sechsten Kapitel dargestellten Ergebnisse.

Sprachlich ist Keselings Buch durchweg gut verständlich geschrieben, die notwendigen Begriffsdefinitionen sind kurz, prägnant und allgemeinverständlich formuliert. Auch Nicht-Linguisten bietet sich somit ein ausgezeichneter Zugang zum Thema. Die ausgewählten Beispiele und Untersuchungsergebnisse werden praxisnah und anschaulich dargestellt, so dass der Leser die Argumentation und die Schlussfolgerungen ohne Probleme nachvollziehen kann. Zudem kann er sich sehr gut in die dargestellten Sachverhalte hineinversetzen.

Als zusätzliche Lesehilfen bietet Keseling neben dem obligatorischen Literaturverzeichnis sowohl ein Sach- als auch ein Autorenregister. Zudem enthält der Anhang sämtliche wünschenswerten Informationen zum beruflichen Hintergrund der 15 befragten Wissenschaftler. Auch in dieser Hinsicht ist das vorliegende Buch somit vorbildlich.

Keseling hat mit dem vorliegenden Buch eine einzigartige Leistung zum Verständnis und zur Behebung von Schreibblockaden beigetragen. Gleichzeitig macht sein Buch – wenn auch ‚nur‘ zwischen den Zeilen – deutlich, welchen Stellenwert Schreibprobleme im Studium haben (können) und wie wichtig daher eine fundierte und an die Kenntnis des Schreibprozesses angelehnte Schreibberatung ist. Zudem wird das Thema umfassend, detailliert und leicht verständlich dargestellt.

Keseling liefert ein wirkungsvolles Mittel gegen die Einsamkeit des Schreibers – rezeptfrei erhältlich in jeder Buchhandlung. Positive Wirkungen werden erwartet – Risiken und Nebenwirkungen sind bis auf die folgende Ausnahme nicht bekannt: Die Einsamkeit des Schreibers wird in vielen Fällen die Einsamkeit des Lesers vertreiben. Warum? Weil zu erwarten steht, dass eine Reihe von Texten wohl doch noch ein gutes Ende und ihre Leser finden.

Rezensiert von Manuel Fiedler. Jahr: 2005

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