Johnsons "Jahrestage". Der Kommentar

Helbig, Holger/ Kokol, Klaus/ u.a. (Hg.)

Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1999 (DM 178,-)

tl_files/bilder/lernsoftware/johnsons.gif

Großes Adreßbuch für Jerichow und New York

Das zweite Wörterbuch zu Uwe Johnsons Hauptwerk "Jahrestage" bewährt sich

Es scheint ein Merkmal der Uwe-Johnson-Forschung zu sein, daß sie Johnson nicht als Schriftsteller betrachtet und dementsprechend sein Werk als fiktionale Prosa interpretiert, sondern Regional- und Interkontinentalforschung betreibt, sowohl in mecklenburgischer Sozialgeschichte als auch – besonders gern – vor Ort in New York, um den Wahrheitsgehalt seines großen Romans zu prüfen. Andere begeben sich nach Frankfurt am Main ins Uwe-Johnson-Archiv, wo sie anhand seiner persönlichen Bibliothek den intertextuellen Wurzeln des Romans nachgraben können, seien diese fiktionaler Natur (zum Beispiel Thomas Mann) oder Sachtexte wie Meyer-Scharffenbergs "Die Insel Poel und der Klützer Winkel. Ein Heimatbuch, Rostock 1962". Warum aber dieser Faktenwahn, wenn es doch das älteste Grundrecht der Literatur ist, fiktionale Welten zu schaffen, die mit derjenigen der Leser nicht übereinzustimmen brauchen?

Johnson hat selbst, als Pedant wie er im Buche steht, seine Freunde, Zeitgenossen und auch sein eigenes Werk zeitlebens penibel kritisiert und es immer besser wissen wollen, auch wenn es einfach nur darum ging, daß er sich bei der Lageangabe eines New Yorker Postamtes in seinem Roman um einen Block geirrt hatte. Er munterte seine eigenen und die Leser anderer Autoren ausdrücklich dazu auf, sachliche Irrtümer, falsche historische Daten und sonstige "Schlampigkeiten" in literarischen Texten als "Grund zur Beschwerde" oder des "öffentlichen Protestes" zu nehmen.

Doch reklamierte Johnson neben dieser "Prüfung eines Romans" durch die Weltkenntnisse des Lesers ebenso die Prüfung der Welt durch den Autor und durch die Leser als ureigenen Zweck der Literatur, nämlich den Roman wie ein Vergrößerungsglas als "eine Welt gegen die Welt zu halten". Daß der Roman weder als Vorbild noch als bloßes Abbild der Welt betrachtet werden dürfe, hat er an der gleichen Stelle in bekannter dialektischer Manier hinzugefügt.

Solche Mahnung verschallte anscheinend ungehört, denn nicht der moderne Poet Johnson wird erforscht, sondern vielmehr der allzu wortwörtlich verstandene Realismus dieses Autors. Oberlehrerhaft wie er war, wird er nun auch wie ein Lehrmeister gelesen, der nicht Geschichten, sondern Geschichte erzählt. Man will — und kann — von ihm tatsächlich viel lernen, denn in den "Jahrestagen" ist wie in kaum einem anderen deutschen Roman dieser Zeit nazideutsche, ostdeutsche und westdeutsche, nicht zuletzt auch jede Menge amerikanische Geschichte enthalten, von den Einblicken in die jeweiligen kulturellen Besonderheiten ganz zu schweigen.

Da Johnson zeitlebens die Mauer als Faktum zugleich anerkannt und ignoriert hat, hat er für einen Modell-Leser geschrieben, der geradezu enzyklopädische Kenntnisse besitzen muß, sowohl von den Gegebenheiten östlich der Mauer als auch von den Ereignissen auf der westlichen Seite. Bemerkenswerte Sprachkenntnisse muß der Leser ebenfalls mitbringen, ist die Stimmenvielfalt der "Jahrestage" doch neben Johnsons ohnehin eigenwilligem Hochdeutsch aus englischen, russischen, tschechischen, italienischen, lateinischen, französischen, dänischen, finnischen, niederdeutschen sowie berlinischen Sprachpartikeln zusammengesetzt: "Det mista dialektisch sehn, wa?" Es ist wohl nicht falsch zu behaupten, daß gerade in den Köpfen der Johnson-Leserschaft die Mauer weiter besteht, haben diese doch in der Regel entweder Englisch als Fremdsprache gelernt oder Russisch, selten aber beide Sprachen zugleich. Schon deshalb ist das Unternehmen dieses "von Lesern für Leser" geschriebenen Kommentarbandes dankenswert, erspart es doch qualvolle Wörterbuchrecherche.

So erfahre ich endlich, daß ein "crew cut" ein Bürstenschnitt ist, brauche nicht mehr meine Oma befragen, um zu lernen, daß "spillrig" mager oder dürr bedeutet (ich ahnte es schon), und kenne endlich die wahre Größe von Gesines zehnjähriger Tochter, denn "vier Fuß elf Zoll" sind genau 1,50 m. Doch die Kommentatoren lassen sich nicht veräppeln, auch nicht vom geliebten Uwe, und so habe ich denn selber ausgerechnet, wieviel Fläche das lediglich als "35 Quadratzoll" groß beschriebene Zeitungsfoto auf der ersten Seite der New York Times nun wirklich einnimmt (Auflösung folgt am Textende). Die Sprachhilfe geht aber noch weiter, sogar in umgekehrter Richtung werden Johnsons Direktübertragungen rückübersetzt: Seine "Kuhjungen" sind also echte cowboys, und wer es nötig hat, erfährt auch, daß Johnsons Direktübertragungen aus dem Deutschen ins Englische bisweilen falsch sind und gerade deshalb als solche erkennbar werden: "I don't have it necessary".

Warum wird dann aber im Kommentar seitenlang die New York Times auf Englisch zitiert, ohne daß eine deutsche Übersetzung folgt? Und – dies als letzte Anmerkung zu den Spracherklärungen – Einträge wie 'In der zweibändigen Taschenbuchausgabe fehlt der Akzent auf Bogotá' könnten und sollten besser im "Handbuch des nutzlosen Wissens" stehen.

Die Leserschaft der "Jahrestage" ist aber nicht nur sprachlich gespalten, sondern auch kulturell, so daß manch einer mit mir dankbar sein wird für den Siebenzeiler zu den politischen Taten Konrad Adenauers (die ich kannte), den Neunzeiler über Wilhelm Girnus (den ich nur so ein bißchen kannte) oder für den Zwölfzeiler auf die verbrecherischen Taten der Ilse Koch (die ich nicht kannte). Ohne diese Angaben hätte ich still unwissend bleiben können oder wäre nicht umhin gekommen, mir die jeweiligen Biographien bzw. Bücher über Nazi-Verbrechen zu besorgen.

Besonders die mit einer zu späten Geburt geplagten Nachgeborenen unter Johnsons Lesern, bei denen die deutsche Geschichte erst so mit der Friedensbewegung beginnt, werden ein solches Nachschlagewerk zu schätzen wissen: angesichts der vierbändigen "Jahrestage", die vor zeitgeschichtlichen Ereignissen und mehr oder weniger deutlichen Anspielungen nur so strotzen. Zu einem wahren Glücksmoment verhalf mir dann auch der Kommentar, denn dieser erst konnte mir endlich mitteilen, was ich schon immer wissen wollte: Was um alles in der Welt ist eine "Entwarnungsfrisur"? – 'volkstümlicher Ausdruck für hochgesteckte Haare; am Ende eines Luftangriffs, nach der Entwarnung, verließen die Menschen die Luftschutzkeller und gingen nach oben.' Ähnliches gilt für die "Bückware", die einem Wohlstandskind wie mir (kurz vor der Ölkrise im Westen geboren) nie zuteil werden konnte.

Dafür kann uns aber der Kommentar nicht sagen, was eigentlich ein "Theologengesicht" ist, und das ist wohl auch gut so. Immer wieder wird von den Herausgebern ehrlich und nobel zugegeben, daß die Bedeutung eines bestimmten Begriffes oder einer Redewendung ungeklärt geblieben sei.

Dann wieder lassen die Beiträger wie zum Beweis ihrer Kenntnisse den Spürsinn von der Leine und nutzen die Gelegenheit, dem Leser angesichts der bloßen Erwähnung einer "Convair 580" – das ist ein harmloses Verkehrsflugzeug – die ganze Firmengeschichte des Herstellers zu präsentieren.

Daß seine Bücher bisweilen als Reiseführer mißbraucht wurden, davon wußte schon Johnson zu berichten. Ob solche Leser – ich gehöre in eine andere Kategorie – allerdings auch bereit sind, den Kommentar (1,22 kg) mit sich zu führen, wenn sie Kaiserswerth besuchen, weil da über den Düsseldorfer Stadtteil weiter geschrieben steht: 'wegen des dörflichen Charakters und des schönen Blicks auf den Rhein ein beliebtes Ausflugsziel'? Da fehlen doch die Bilder.

Die Stichprobenlektüre eines einzelnen Jahrestages (14.10.1967) und des entsprechenden Kommentarteils parallel dazu hinterläßt Fragezeichen: Zwar weiß ich zum Glück selber, was "düsseldorfer Senf" und "dresdner Stollen", "Bodegas" und "Regenbogenpresse" sind, bei "irischer Honig" habe ich ebenfalls zumindest noch eine vage Vorstellung, "Kamtschakakrebse" bleiben mir jedoch weiterhin ein kulinarisches Rätsel. Und wer ist die im Aufzug angetroffene "Esmeralda"? Weder im fortlaufenden Kommentar noch im Register wird sie aufgeführt. Zum Glück weiß aber Rolf Michaelis Bescheid und läßt mich in seinem "Kleinen Adreßbuch" wissen, daß sie die Hauswartsfrau der Cresspahls ist.

Diese Respektlosigkeit vor fiktionalen Personen und Orten hat mich vielleicht am meisten gestört: Jeweils gerade mal sechs von ihnen haben es geschafft, im ansonsten umfangreichen Personen-, Sach- und Ortsverzeichnis Aufnahme zu finden. Damit bestätigt sich der oben angesprochene Hang zur Realienkunde in der Uwe-Johnson-Forschung auch hier als Tendenz. Doch lese ein jeder, wie er mag, den Lesern der "Jahrestage" sei der Kommentar zur Nutzung bei Bedarf herzlich empfohlen.

Rezensiert von Torsten Pflugmacher. Jahr: 2000.

Zurück