Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache?

Ammon, Ulrich

Berlin; New York: de Gruyter, 1998. 339 Seiten, broschiert, ISBN 3-11-016148-6, DM 64,00

tl_files/bilder/Publikationen-Rezensionen/ammon.jpg

 

Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache? – "Was soll die Frage?", so wird zumindest mancher Naturwissenschaftler, Techniker oder auch Anglist beim ersten Anblick von Ulrich Ammons Monographie reagiert haben. "Wer könnte denn heute noch davon ausgehen, daß Deutsch in nennenswertem Maße noch internationale Wissenschaftssprache ist!" – Also ein überflüssiges Buch, das auf einer rhetorischen Frage basiert, die so nur ein weltabgewandter Germanist stellen kann, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat? – Man hört sie schon wieder mahnen, die Anwälte der Gesellschaft zur Wahrung der deutschen Sprache...

Doch Ulrich Ammon, Professor für Germanistische Linguistik mit dem Schwerpunkt Soziolinguistik an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg, ist alles andere als ein Verfechter althergebrachter Auffassungen, wonach am deutschen Wesen die Welt genesen müsse: er hat zahlreiche Austauschprofessuren wahrgenommen, insbesondere in den USA. Während eines solchen Auslandsaufenthalts ist auch die vorliegende Monographie größtenteils verfaßt worden (cf. S. VII).

Dementsprechend auch der Untertitel mit der programmatischen Forderung: Englisch auch für die Lehre an den deutschsprachigen Hochschulen. - Aber klafft da nicht ein Widerspruch zwischen Titel und Untertitel? Vgl. hierzu die Vorbemerkung (S. V), wo der Verfasser dieses Mißverständnis ausräumt, da es ihm wohlgemerkt nur um die Einführung des Englischen als Zusatz(!)sprache der Lehre an den deutschen Hochschulen geht.

Denn Ammon weiß, wovon er spricht: Auch in Deutschland gibt es kaum noch eine wissenschaftliche Konferenz, auf der nicht früher oder später ins Englische übergewechselt werden müßte, weil nicht-deutsche TeilnehmerInnen sonst nicht in der nötigen Weise einbezogen werden können. Nicht umsonst bieten die deutschen Schulbuchverlage ihre Unterrichtswerke zu Deutsch als Fremdsprache/Zweitsprache bereits mit englischsprachigen Übungs- und Grammatik-Heften an, ziehen jedenfalls immer wieder den Vergleich zum Englischen – und da sollen sich die deutschen Hochschulen ausklammern können? Wo doch die großen wissenschaftlichen Datenbanken allesamt rein englisch sind und das Englische einen Anteil am Weltaufkommen wissenschaftlicher Publikationen von über 90 Prozent aufweist! Deutsch spielt im Vergleich dazu nur noch eine äußerst bescheidene Rolle: Der Anteil der auf deutsch verfaßten wissenschaftlichen Publikationen ist inzwischen auf einige wenige Prozent geschrumpft.

So haben die meisten Hochschulen bereits begonnen, "internationale Studiengänge" anzubieten, insbesondere in den Natur-, Technik- und Wirtschaftswissenschaften (cf. 238). Damit will man nicht nur deutsche Studenten und Dozenten (cf. S. 246) international kompetenter machen; man verspricht sich davon auch, das Studium in Deutschland für nicht-deutsche Studenten interessanter zu gestalten (cf. 231ff.). Diese studieren nämlich längst lieber an den angelsächsischen Universitäten, wo die Ausstattung und Betreuung besser ist und das Studium zwar strikter reglementiert, dafür aber leichter planbar ist: nach einem festen Zeitraum hat man einen international anerkannten Abschluß. Überdies erspart man sich das zusätzliche Büffeln der allgemein als schwierig geltenden deutschen Sprache (cf. S. 276ff.) – während Englisch den meisten Studieninteressenten bereits geläufig sein dürfte (wie ja auch das oben erwähnte Angebot der Schulbuchverlage zeigt (cf. S. 248)).

Freilich drängt sich die Frage auf, ob das, was für die natur-, wirtschaftswissenschaftlichen und technischen Fächer zweifelsfrei gilt, auch für die Germanistik gelten kann. Droht nicht eine fatale Verarmung der deutschen Sprache, wenn am Ende sogar in Deutschland die Germanistik zu beträchtlichen Teilen auf englisch unterrichtet wird? Könnte das Deutsche nicht sogar irgendwie von innen her erodieren, wenn die deutsch- und englischsprachige Lehre nebeneinander her gehen? Ganz abgesehen von der Gefahr, daß insbesondere das gesprochene Deutsch immer mehr durch wahllos eingestreute Anglizismen verunziert wird.

Und ist das überhaupt ein vollwertiges Englisch, das heute die wissenschaftlichen Konferenzen dominiert: ist es nicht vielmehr eine Art Pidgin-English (cf. S. 222), das oftmals bis zur Unverständlichkeit fehlerhaft (cf. S. 278ff.) und zu einem großen Teil – wie die Computerfachsprache – aus dem Umgangssprachlichen (vereinzelt sogar dem Slang) geschöpft ist? (Wobei sich die nicht-angelsächsischen Benutzer dessen meist nicht voll bewußt sind und damit u.U. der Lächerlichkeit preisgeben).

Ammons Buch – und das macht es durchaus lesenswert - gibt über all diese Aspekte vielfältige Auskunft. Er nähert sich dem schier unerschöpflichen Problemkomplex in fünf großen Schritten. Nach einem einführenden Rückblick auf die einstige Stellung des Deutschen als Weltsprache der Wissenschaft gibt der Verfasser einen Forschungsbericht und listet die wichtigsten "Probleme und Untersuchungsfragen" auf. In einem zweiten Schritt äußert sich Ammon "zur Geschichte der internationalen Rezeption deutschsprachiger Publikationen", wobei er außer auf die Geisteswissenschaften (Beispiel: Geschichte) auch auf die Sozial- (Beispiel: Wirtschaftswissenschaft) und Naturwissenschaften (Beispiel: Chemie) eingeht. Den Abschluß dieses Schritts bildet ein aufschlußreicher Länder- bzw. Fächervergleich.

Im dritten Kapitel wertet der Verfasser eine Fragebogenerhebung aus, die sich auf "das heutige Verhältnis nicht-deutschsprachiger Wissenschaftler zur deutschen Sprache" bezieht. Auch hier werden unter anderem wieder länder- bzw. fächerspezifische Unterschiede herausgestellt, wobei die Beispielfächer die gleichen sind wie im zweiten Kapitel (s.o.). Inwieweit freilich eine solche stichprobenartige Fragebogenaktion zu repräsentativen Ergebnissen führen kann, sei dahingestellt (es wurden ca. 1500 Fragebögen versandt, von denen gut 800 ausgefüllt zurückkamen). Das angestrebte Ziel, "mindestens 90 Informanten pro Land, je 30 für jede der drei untersuchten Disziplinen" (S. 91) zu gewinnen, wurde jedenfalls erreicht.

In einem vierten Schritt zeichnet Ammon die "Entwicklung des Anteils von Deutsch als wissenschaftliche Publikationssprache" nach. Auch hier differenziert er wieder nach Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften und fragt nach möglichen "Nischen für das Deutsche?": "Allem Anschein nach kommen dafür nur geisteswissenschaftliche Fächer in Betracht." (S. 170) Die meisten dieser Fächer (wie z.B. Assyriologie, Klassische Philologie, lutherische Theologie) haben jedoch heute ein eher "geringes Gewicht im Gesamtspektrum der wissenschaftlichen Disziplinen" (ebd.).

Damit wird letztlich auch hier die Dominanz des Englischen wieder belegt. Diesbezüglich ist in absehbarer Zeit auch kein Umbruch zu erwarten. "Allenfalls das Chinesische kündigt sich in der Ferne als möglicher Konkurrent des Englischen an, falls sich die Prognosen der enormen Wirtschaftsentwicklung Chinas bewahrheiten. Speziell im Bereich der Wissenschaft scheint die Entwicklung vorläufig eher in die Richtung einer zukünftig noch stärkeren Dominanz des Englischen zu weisen. Und ganz gewiß gibt es keinerlei Anzeichen dafür, daß das Deutsche seine einstige Stellung als bedeutsame internationale Wissenschaftssprache zurückgewinnen könnte." (S. 203f.)

In einem abschließenden fünften Schritt wendet sich Ammon dem Themenkomplex "Englisch als Wissenschaftssprache der deutschsprachigen Länder" zu. Das wahrscheinlichste Zukunftsszenario ist für ihn dennoch nicht die Monopolstellung einer Sprache, sondern eine "Oligopolie": mit Englisch als Weltsprache und funktional differenzierten weiteren Sprachen von internationaler Bedeutung, zu denen auch Deutsch gehört, das ungeachtet seines Niedergangs als Wissenschaftssprache nach wie vor von wirtschaftlicher Bedeutung ist. Dennoch läßt sich am Deutschen auf Dauer sicherlich nicht uneingeschränkt festhalten, nicht zuletzt auch aufgrund der Überlegenheit englischer Lehrmaterialien. ("Englischsprachige Lehrbücher [sind z.B.] im Durchschnitt aktueller ... als deutschsprachige, weil sie – wegen des größeren Marktes – schneller Neuauflagen erreichen." (S. 244; cf. S. 256)).

Dann besteht allerdings die Gefahr, daß künftig immer weniger nach deutscher Terminologie gesucht wird (cf. S. 256f. u. 274), zumal ja schon heute – wie oben angedeutet – deutsche Fachtexte (und nicht nur in der Computerbranche) von schlecht angepaßten Anglizismen nur so wimmeln!

In den Natur- und Ingenieurwissenschaften, teilweise auch den Wirtschaftswissenschaften, wäre eine solche Entwicklung vielleicht weniger gravierend (cf. 217); für diese Bereiche sieht Ammon sogar die Möglichkeit, durch die Hinzunahme des Englischen in der Hochschullehre in sprachlicher Hinsicht die Einheit von Forschung und Lehre im Sinne Humboldts wiederherzustellen (cf. S. 211f.).

In den Geistes- und Sozialwissenschaften könnten die Auswirkungen jedoch fatal sein. Denn wenn es richtig ist, daß die Struktur, speziell die Semantik, der zugrundeliegenden Einzelsprache auch wissenschaftliche Erkenntnisse prägt, dann würde ja die Dominanz einer einzelnen Sprache auf eine unsägliche Verarmung hinauslaufen; dann wäre ja im Interesse eines breit angelegten wissenschaftlichen Fortschritts die Nutzung möglichst vieler Sprachen als Erkenntnisressourcen geradezu geboten (cf. S. 215ff. u. 263ff.). Allerdings – so schränkt Ammon ein – steht in diesen Bereichen die Verdrängung der traditionellen Wissenschaftssprachen auf absehbare Zeit nicht an (cf. S. 227), u.a. weil die in den verschiedenen Sprachen entwickelten Terminologien zu unterschiedlich sind.

Ob man nun in all diesen – teilweise etwas langatmig ausgebreiteten und von zahlreichen Exkursen flankierten – Einzelbefunden mit dem Verfasser übereinstimmt oder nicht, sein grundsätzliches Plädoyer wirkt dennoch überzeugend: nämlich das Englische "als Zusatzsprache der Lehre an den Hochschulen der deutschsprachigen Länder" (S. V) einzuführen. Ammon erscheint "eine unerschrockene Zweisprachigkeit Deutsch-Englisch zweckmäßig (...) Die Scheu vor dem Nebeneinander von zwei Sprachen", so resümiert er, sei heute "nicht mehr zeitgemäß. Statt auf die Abwehr des Englischen sollten sich die Bemühungen auf das Wie des Nebeneinander beider Sprachen konzentrieren." (S. VI) Dies gilt Ammon zufolge "mutatis mutandis [auch] für Publikationen" (ebd.). So erscheint ihm "z.B. die Norm der Einsprachigkeit speziell für wissenschaftliche Publikationen heutzutage anachronistisch, vor allem wenn sie sich an die Fachleute und nicht an die Laien wenden. Solche Texte sollten ohne weiteres englischsprachige Passagen enthalten dürfen; denn gute Lesekenntnisse im Englischen dürfen bei den Adressaten heute allgemein vorausgesetzt werden" (ebd.). Ammon macht hierbei allerdings "eine wichtige Einschränkung": Es müsse in jedem Fall versucht werden, "zentrale Termini auch in deutscher Sprache vorzulegen" (ebd.). "Die fortlaufende Modernisierung der deutschen Sprache durch Bildung deutschsprachiger Termini" hält Ammon nämlich "für ein dringendes Desiderat" (ebd.). Dies stehe auch "im Einklang mit der Zielvorstellung, daß die englischsprachige Lehre die deutschsprachige keineswegs verdrängen, sondern nur ergänzen soll" (ebd.). "Alles, was auf englisch gelehrt wird, sollte [so Ammon] auch weiterhin auf deutsch lehrbar sein" (ebd.). Zumindest für den Bereich der Geisteswissenschaften erscheinen Ammons Vorschläge durchaus zukunftsweisend.

Ulrich Ammon hat jedenfalls eine facettenreiche Monographie vorgelegt, die dem Leser Eindrücke von der stupenden (hier nicht einmal andeutungsweise wiederzugebenden!) Vielschichtigkeit der anstehenden Problematik vermittelt – und dies auf einem Gebiet, das vielen auf den ersten Blick aufgrund längst vollendeter Tatsachen kaum noch diskussionswürdig erscheint. Dennoch ist das Buch, das sich übrigens auch durch eine ausführliche Bibliographie auszeichnet (S. 293-325), hoch aktuell und basiert keineswegs auf einer bloßen rhetorischen Frage, wie man zunächst vermuten könnte. Es verdient, auch außerhalb des engeren sprachwissenschaftlichen Fachbereichs rezipiert zu werden.

Rezensiert von Dr. Reiner Küpper.

Zurück