Interkulturelle Kommunikation

Heringer, Hans Jürgen

Tübingen und Basel: UTB 2004

Das ist griffig. Aber ist das nicht ein bisschen global? (Hans Jürgen Heringer, S. 185)

Interkulturelle Kommunikation, in der globalisierten Welt zum Alltag geworden, ist ein riskantes Gebiet - und wo Gefahren lauern, meldet sich bekanntlich auch die Versuchung, das problematische Gebiet zu umschiffen. Hans Jürgen Heringer sieht nun in seiner schmalen Einführung in das Thema gerade die Verharmloser riskanter Bereiche als die eigentliche Gefahr:

In der interkulturellen Kommunikation ist man im Nachen auf hoher See. Navigationgibt es da wenig. Gefahren aber genug. Da lauert als Scylla: Der naive Optimismus, dass mit gutem Willen auch die Interkulturelle Kommunikation funktioniert. Schließlich sind wir doch alle Menschen. Undauf der anderen Seite Charybdis, die insinuiert, dass man sich eben gut vorbereiten muss und möglichst viel über fremde Kulturen wissen sollte. Das ist sicherlich nicht schlecht, aber im Sturm versagt oft genug das Navigationssystem. Dann muss man spontan gut reagieren auf neue, unberechenbare Situationen. Sonst gerät man eben doch in die Fangarme der Scylla oder geht im tiefen Strudel der Charybdis unter (S. 7).

Heringer trainiert mit dem Leser in neun Kapiteln die Begegnung mit den stets unberechenbaren Situationen interkultureller Kommunikation. Und dabei verhindert die Spontaneität durchaus nicht die wissenschaftliche Strenge: Heringer legteine Untersuchung vor, die hofft, genaueres und systematischeres Wissen über unsere Kommunikation zu gewinnen, vielleicht sogar ihre allgemeinen Prinzipien zu erkennen (S.7). Dem Autor aber geht es nicht darum, Begriffe zu definieren, sondern Horizonte zu öffnen und Problemstellungen zu formulieren, die von Kapitel zu Kapitel unter anderem Aspekt neu reflektiert werden. Man muss sich genau des Stils und der Darstellungsform dieser Arbeit versichern, denn Systematik wird in ihr nicht durch Deduktion gewonnen, Präzision nicht durch die Abstraktion scharf definierter Thesen; da die Navigationssysteme der großen Theorien versagen, bleibt ihm echte Empirie, die am Detail immer mehr interessiert ist als am großen Ganzen, der einzig gangbare Weg. Und diesem lohnt es sich zu folgen.

Das Buch besteht aus neun einzelnen Kapiteln, die jedes für sich breite Themenkomplexe behandeln. Dabei werden zunächst (Kapitel 1-4) die großen sprachphilosophischen Modelle, die jedes für sich die theoretischen Grundlagen der verbalen wie non-verbalen Kommunikation, des Sprechens und Verstehens sowie der Konversation zu legen beanspruchen, auf ihre Brauchbarkeit für das Verständnis der Phänomene interkultureller Kommunikation geprüft. In einem zweiten Schritt werden dann die sprachtheoretischen Phänomene im Rahmen kultureller Fragestellungen reformuliert; dabei werden Differenzen im kulturell vorausgesetzten Wissen als zentrales Moment in der Problematik interkultureller Kommunikation deutlich gemacht. Mit dem Konzept der Hotspots stellt der Autor dann ein Verschmelzungsmoment von Sprache und Kultur vor, das als empirische Basis der Analyse interkultureller Kommunikation dienen kann. In der Technik der Critical Incidents werden diese Hotspots schließlich (Kapitel 9) auf ihren didaktischen Nutzen geprüft und zu wesentlichen Elementen einer interkulturellen Trainingspraxis erklärt.

Die Grundlagen der Kommunikation werden in der Diskussion verschiedener Kommunikationsmodelle reflektiert. Der Leser wird kurz mit dem Sender-Empfänger-Modells von Shannon / Weaver, Karl Bühlers Organonmodell und Watzlawicks Axiomen der Kommunikation bekannt gemacht.

Das gängige Repräsentationsmodell, nach dem ein Zeichen für etwas anderes stünde, aliquid stat pro aliquo, wird im zweiten Kapitel mit Wittgensteins berühmter Formel kontrastiert: die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. Dabei müsse als Gebrauch die aktuelle Verwendung wie die Summe aller bisherigen Verwendungen verstanden werden; erst seine Verwendung verleihe einem Zeichen kommunikative Funktion.

Mit der Deutung wird die intersubjektive Dimension und mit ihr der eigentliche Knackpunkt der Kommunikation deutlich. Zur Deutung von Zeichen unterscheidet Heringer drei Inferenztypen, die auf Peirces drei Typen von Zeichen (Ikon, Index, Symbol) zurückgreifen: symptomische Inferenz, ikonische Inferenz, symbolische Inferenz. Mit der Deutung des Zeichens setze schon die interkulturelle Dimension ein, denn Verstehen kann nur zustande kommen, wenn Zeichen ähnlich gedeutet werden. Kommunikation basiert auf gegenseitigen Erwartungen und Annahmen. Kommunikation basiert auf reziprokem Wissen (S.33),das nicht objektiv gesichert ist.

Die Bedeutung, so Heringer, sei das Potenzial des Zeichens, in der jeweiligen sprachlichen Realisierung etwas zu verstehen zu geben. Mit Wittgenstein sieht Heringer, dass Verstehen weder ein Interpretieren noch ein psychischer Prozess ist, eher schon ein äußerst subtiler Prozess kommunikativer Verstehensarbeit, in dem sich unser Verständnis intersubjektiv verbessern kann.

Offenheit und Vagheit werden bei Heringer zu konstitutiven Elemente der Bedeutung, zentral für das Verständnis seien die Wechsel des Aspektes, semantische Kippfiguren. Dieses Oszillierende sei aber keine Schwäche, sondern gerade die Stärke unserer Sprache. Ohne sie könne nichts Neues gesagt werden. So macht Heringer, was naturwissenschaftlichen Geistern als Schwäche des sprachlichen Systems erscheint, als Voraussetzung für den Wandel der Sprache und die Grundlage der flexiblen Zuschreibung von Sinn kenntlich.

Die Vagheit der Bedeutung hat natürlich auch Konsequenzen für die Frage nach dem Begriff der Bedeutung: so wie es keine einheitliche Auffassung darüber geben kann, was die Bedeutung eines Wortes ist, so muss auch die Bedeutung des Wortes Bedeutung in der Schwebe bleiben. Eine Theorie interkultureller Kommunikation, die sich dieser Voraussetzung bewusst ist, wird ihren Leser also nicht mit objektivistischen Thesen und Definitionen zu beeindrucken versuchen. Gerade der genetische Horizont, das Faktum, dass der Gebrauch eines Wortes in der Sprache eine lange Geschichte hat, zeigt, dass nur die pedantische Beschreibung (S.36) eines Wortes zu wirklichen Einsichten führt und die konstitutive Rolle eines Wortes für die Kultur und für die Weltansicht (S.36) erschließt. Diese Pedanterie ist das Gegenmittel zur Suggestion der Wörterbücher, es gebe äquivalente Wörter in verschiedenen Sprachen.

Im 3. Kapitel werden die Situationen des Verstehens erörtert, denn Verstehen ist immer Teil sozialer Praxis. Als Konversation verstanden, gehe die Analyse der Kommunikation über den Satz hinaus und erfasse, so Heringer, ohne methodische Einschränkung alle Aspekte der Sprache in der sozialen Interaktion. Dieses radikal empirische Vorgehen, hat der conversation analysis den Vorwurf eingebracht, sich von theoretischer Stringenz zu verabschieden. Doch mit deutlicher Sympathie hält Heringer dem entgegen, dass gerade der Versuch abstrakte Regularitäten zu formulieren, zumeist durch Introspektion, die Realität verkenne. Nur auf der Basis empirischer Daten könne wirklich Neues in den Blick kommen.

Die linguistische Einheit der Konversationsanalyse ist der turn, die Gesprächseinheit. Konversation sei also ein turn-taking-game, in dem Übergangspunkte (transitional relevant places) die Voraussetzungen für einen Sprachwechsel sind. Untersucht werden also keine Sprechakte, sondern der reale Verlauf einer kommunikativen Handlung ist Gegenstand der Analyse. Ein turn ist weder Satz noch Sprechakt, eher schon stellt Searls Sprechakttheorie, die Heringer in einem Abschnitt des Kapitels (3.2) vorstellt, ein Instrumentarium zur Untersuchung von Konversationen bereit. Im Rahmen von Konversationsanalysen kann untersucht werden, welche Sprechakte von den einzelnen Personen ausgeführt werden, welcher Art die Sprechakte des einen, welche Art die Sprechakte des anderen sind.

Eine der größten linguistischen Entdeckungen sind nach Heringers Ansicht die Griceschen Maximen, die der englische Kommunikationstheoretiker auf der Basis seines Kooperationsprinzips entwickelt. Das Kooperationsprinzip lässt sich als Grundsatz formulieren, in Gesprächen, einen Beitrag für die Gesprächspartner akzeptabel zu gestalten. Grice geht davon aus, dass in Gesprächen kooperative Bemühungen wirksam werden, dass ein gemeinsamer Zweck bzw. eine wechselseitig akzeptierte Richtung von den Gesprächsteilnehmern anerkannt wird. Wir können demnach ganz grob ein ganz allgemeines Prinzip formulieren, dessen Beachtung [. . .] von allen Teilnehmern erwartet wird, und zwar: Mache deinen Gesprächsbeitrag jeweils so, wie es von dem akzeptierten Zweck oder der akzeptierten Richtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst, gerade verlangt wird. Dies könnte man mit dem Etikett Kooperationsprinzip versehen. (248) Die Maximen sind nun vier von Paul Grice aufgestellte Grundsätze innerhalb des Kooperationsprinzips, von denen der Hörer in einem rationalen Gespräch annimmt, dass sie befolgt werden, ohne dass das tatsächlich der Fall sein muss. Dass die Maximen vielfach gar nicht eingehalten werden, stört die rationale Kommunikation durchaus nicht; entscheidend ist vielmehr, dass Gesprächspartner einander die Befolgung der Maximen unterstellen.

Nach der Diskussion im 4. Kapitel nonverbaler Kommunikation wie Gestik, Mimik und Paraverbales, deren Bedeutung Heringer stark hinter den expliziten Formen sprachlicher Kommunikation zurücktreten sieht, markiert das 5. Kapitel einen Umschlagspunkt der Darstellung. Denn wurde in den vorhergehenden Kapiteln immer wieder auf kulturell notwendige Differenzierungen globaler Ansprüche aufmerksam gemacht, erläutert der Autor in den folgenden Kapiteln Sprache und Kultur, Kultur erfassen, Kultur und Sprache, wie seine Interventionen eigentlich gemeint sind. Was bedeutet es, wenn wir kulturelle Differenzen hervorheben, wie entstehen sie und wie gehen wir mit ihnen um?

Entschieden wird Kultur vom Autor in den Bereich der Sprache gerückt. Interkulturell verstehendes Vorgehen setzt eine Analyse der Kultur und der Sprache voraus. (S.40) Der damit aufgerissene Problemhorizont, die Frage nämlich, was Sprache sei, wird in zahlreichen Aspekten kurz beschrieben; betont wird vor allem der genetische Aspekt der Sprachentstehung und -entwicklung. Zur Klärung der Sprache als Konvention greift Heringer auf den vom englischen Ökonomen Adam Smith stammenden Begriff der unsichtbaren Hand zurück. Denn obwohl konventionelles System, ist Sprache ja nicht Resultat eines Vertrags, kein intentional geschaffenes Produkt;ihre Entwicklung vollzieht sich hinter dem Rücken der Individuen, aber als Resultat ihrer Wechselwirkung. Sprache verstehen wir deswegen immer erst, nachdem sie entstanden ist, sie führt als machine qui marcherait toujours (de Saussaure) ein Eigenleben.

Weil zur Sprache die Welt hinter unserem Rücken gehört, betont Heringer zu Recht die zentrale Rolle des Wissens für sprachliches Verstehen. Um sprachliche Handlungen zu verstehen, brauchenwir Wissen über die Welt. Wir verstehen uns, so weit das Wissen gemeinsam ist in dem Sinn, dass wir voneinander wissen, was wir wissen. (S.126) So ist es kein Wunder, dass das Kapitel Kultur erfassen mit Ausführungen zum Aufbau des Wissens beginnt. Hier stoßen wir ins Zentrum der Problematik interkultureller Kommunikation vor. Denn einschlägiges Wissen und vor allem Differenzen im kulturell vorausgesetzten Wissen spielen die Hauptrolle im Problem interkultureller Kommunikation (S.131). Heringer diskutiert die Fragen, wie unser Wissen aufgebaut sei, auf welche Art es in die Kommunikation eingreife, wie interkulturelle Differenzen zu fassen bzw. vielleicht gar zu systematisieren seien. Aber gerade bei der Analyse kultureller Differenzen verfährt Heringer mit äußerster Vorsicht. Mit generalisierten Merkmalen, mit kulturwissenschaftlichen Polarisierungen vom Typus High-context-Kulturen und Low-context-Kulturen, die schnell zu globalen und luftigen Annahmen führen, kann Heringer als Vertreter echter Empirie wenig anfangen.

Wie eine Analyse kultureller Differenzen aussehen könnte, zeigt der Autor in den letzten drei Kapitel (7-9). Im Zentrum steht, wie bereits erwähnt, das Konzept der Hotspots. Hotspots sind die empirischen Brennpunkte interkultureller Kommunikation. Und gerade diese Brennpunkte, keine astrakten Konzepte, verschaffen Einblicke in die Kulturen.

Heringer greift hier auf eine Konzeption Michael Agars zurück, der das Konzept der Rich Points entwickelt hat, das sind die Stellen, an denen in der Kommunikation häufiger Probleme auftreten, die aber deswegen reich sind, weil sie Einsichten in Kulturen verschaffen. Rich Points sind die Stolpersteine der Kommunikation - man hat einen solchen Punkt gefunden, wenn Kommunikationsprobleme auftauchen, die aus mangelnder Kenntnis kultureller Hintergründe entstehen.Heringer generalisiert dieses Konzept, indem er Hotspots, die heißen Stellen in der interkuturellen Kommunikation (S. 165), die Verschmelzungsmomente von Sprache und Kultur, zur empirischen Basis der Analyse interkultureller Kommunikation macht.

Dabei handelt es sich um Sprachhandlungen, die zwar in jeder Kultur existieren, aber sprach- und kulturspezifisch gedeutet werden. Und die Beispiele, die Heringer anführt sind so zahlreich, dass man sich fragen mag, wie es überhaupt möglich sein kann, sich in der Kommunikation nicht die Finger zu verbrennen. Gebe ich meinem Gegenüber die Hand oder nicht? Benutze ich die Du- oder Sie-Form? Worüber reden wir jetzt? Welche Themen sind angebracht? Denn man kann durchaus nicht über alle reden. Und das Lächeln meines Gegenübers – ist das Verlegenheit oder Freude? Hier wird Heringers Überzeugung deutlich, dass, wer wirklich verstehen will, sich mit Nuancen und Details befassen muss. Nur sie zeigen, wie differenziert Kommunikation verläuft und wieviel Kultur in ihr steckt.

Diese Unsicherheit durch Standards zu regulieren und vielleicht sogar zu vermeiden, ist eine große Versuchung. Soll die Grundidee der interkulturellen Kommunikation nach (Markowsky / Thomas 1995) die Verbesserung des Verständnisses durch Angleichung der Kulturstandards sein, so hält dem Heringer entgegen, dass wir gerade nicht gleich werden müssten, dass interkulturelle Kommunikation trotz aller Unsicherheit gerade keine Anpassung und Angleichung fordere. Gemeinsames Wissen genüge, denn es öffnet den Spielraum der kommunikativen Kooperation. Kulturstandards wiederholen reale Stereotypen, die, das zeigt Heringer in Kapitel 8.2 zwar einerseits notwenige kognitive Muster und für die Begriffsbildung unverzichtbar sind, aber wissenschaftlich reflektiert und nicht wiederholt sollten.

Aber was machen wir ohne Standards? Kapitel 8.3 geht auf einen Vorwurf ein, mit dem diese Theorie interkultureller Kommunikation rechnen muss, dem des Relativismus.

Jede Kultur ist ein autonomes, funktionales System. Ihre Verfahrensweisen haben sich sozial und evolutionär herausgebildet, und sie funktionieren. Das bedeutet gar nicht, dass eine Kultur sozusagen homogen oder konsistent sei. Widersprüche sind Teil einer Kultur. Wie sollte es anders sein, wenn an ihrer Entwicklung so viele beteiligt sind? (S.205)

Überall sollte man sich vor dem Universalismus hüten (S.39) – aber gehen so der Beobachtung kultureller Differenzen, die Nuancen und Details dem oft zwanghaft Gemeinsamen vorzieht, nicht die Maßstäbe für kritische Interventionen verloren? Hat eine Betrachtung noch Maßstäbe, die Verfahrensweisen der Kommunikation verstehen möchte und analysieren will, warum und wie sie funktionieren? Heringer deutet die lange Diskussion über Relativismus und sprachlichen Determinismus, über Sprache, Denken und Welt nur an, die mit den Namen Herder, Humboldt, Saphir und Whorf verbunden ist. Sind wir durch die Sprache begrenzt, so dass wir andere Weltansichten gar nicht von außen betrachten können?Sprache, so Heringer in einer in diesem Problemzusammenhang häufig benutzten Metapher, sei eine Brille, die man zwar wechseln, aber immer vor Augen habe. Wir können andere Kulturen nicht objektiv und von außen erfassen, sondern beschreiben sie immer schon in unserer Sprache. So scheint als Maßstab die Selbstreflexion auf die Bedingtheit der eigenen Perspektive zu bleiben, auf das, was möglicherweise nicht zur Sprache kommen kann, weil das Wissen der anderen Kultur in unserer Sprache gar nicht formulierbar ist. Auch ist in der Perspektive der Griceschen Maximen der Unterschied zwischen Kulturen und Personen nur vordergründig ein radikaler. Denn alle Differenzen gehen auf Ausführungsnormen, nicht auf die Maximen selbst zurück. Wir alle haben die gleiche Fähigkeit zu verstehen und kooperativ zu sein.

In der sozialen Interaktion von Personen mit kulturell verschiedenem Wissen kommt es zu Missverständnissen und Konflikten – aber gerade diese können das Fundament interkulturellen Wissens werden. Als Basis für die Bildung interkulturellen Verständnisses wird im letzten Kapitel die Technik der Critical Incidents vorgestellt und am Beispiel einer deutschen Studentin in Indonesien anschaulich gemacht, die sich bei Tische, zum Unverständnis ihrer Gastgeber, schnäuzt.

Critical Incidents können als Hotspots im Feld sozialer Interaktion verstanden werden – und Heringer sieht in der CIT(Critical Incidents Technique) eine ausgezeichnete wissenschaftliche Methode zur Erforschung Interkultureller Kommunikation. Sie könnte uns die primären Daten liefern, die Generalisierung und Stereotypisierung durch Theorien dokumentarisierbar und kritisierbar machen würden. (S.221) Aus Befragung gewonnen und von muttersprachlichen Experten ausgewertet, kann anhand von Critical Incidents eine interkulturelle, auf Hotspots basierende Trainingspraxis gestaltet werden. Sie vermittelte keine simplifiziertes Weltbild, indem Probleme schnell und unkompliziert eine Lösung finden, sondern machte Kultur erfahrbar als etwas Dynamisches, das im wechselseitigen Austausch entsteht, förderte in der interkulturellen Kommunikation die Sensibilität dafür, was etwas noch bedeuten könnte.

Diese Offenheit, der Verzicht auf Number-one-Verhalten, zeichnet auch die Darstellungsform des Buchs und dessen didaktischen Anspruch aus. Denn so kritisch der Autor auch allen Versuchen globaler und luftiger Abstraktion gegenübersteht, so groß bleibt der Spielraum kritischer Reflexion, der dem Leser im Bereich der theoretischen Darstellung geöffnet wird. Überhaupt ist Heringers Arbeit weniger eine strenge Monografie als eine Einführung in das Gebiet der interkulturellen Kommunikation; am Ende zahlreicher Kapitel stehen Fragen, keine Antworten, oft wird der Leser in so genannten Anregungen zu eigenen Reflexionen ermuntert, nicht belehrt, sondern zu kritischen Auseinandersetzungen angeregt. Das äußerst lesenswerte Buch wendet sich so auch nicht vor allem an Fachleute, sondern an Studenten und interessierte Laien, die sich mit dem komplexen Thema Interkulturelle Kommunikation vertraut machen möchten.

Rezensiert von Rossella Pugliese. Jahr: 2006

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