In your face

Donnelly, Daniel

Rockport, MA: Rockport Publishers Inc., & Düsseldorf: Nippan 1996. Gebunden, 160 S., ca. 1500 farbige Abbildungen, mit CD-ROM für Macintosh und Windows PC.

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Welch üppiges Werk, welch herrliche Bilderfülle! Opulent, prachtvoll, zum Blättern und Klicken, Schauen und Lesen - endlos. Die außergewöhnlich vielfältige, reichhaltige, sorgfältig klassifizierte und bestens kommentierte Auswahl von über anderthalb Tausend farbigen Bildschirmseiten zeigt die Hohe Kunst von Interface Design schon in einer ersten Retrospektive auf höchstem Niveau. Da gehen einem die Augen über. Der Klappentext hat den Mund nicht zu voll genommen: "This extraordinary collection of interface design showcases interactive projects produced by leading design firms and individuals for educational, entertainment and corporate environments. Classified by digital format, these interactive designs present the highest achievment in contemporary interface design in four categories: kiosk, CD-ROM, online and floppy disk-based multimedia." 

Siebzig Produzenten sind vertreten. Zwei davon stammen aus Kanada, alle anderen aus den USA (davon 37 allein aus Kalifornien, wo der Band auch entstand). Wird erstklassiges Interface Design wirklich nur in Nordamerika gemacht, oder ist der Blick vielleicht doch hegemonial verengt? 

 

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Abbildung 1

Abbildung 2

Es macht Spaß, hin und her zu blättern. Das Buch ist hinreißend aufgemacht, ein Vorbild an Layout und Text-Bild-Design. Die beiliegende CD dokumentiert die meisten der im Buch vorgestellten und zusätzlich einige interaktive Projekte (Abb. 1) sowie mehrere Interviews (Abb. 2). Sie ist ihrerseits über zwei verschiedene Interfaces (Abb. 3) zugänglich und ebenso klar wie ideenreich gestaltet; nur die musikalische Untermalung nervt manchmal. "Designer/Autor: Daniel Donnelly" läßt alle Künste spielen; er betreibt auch eine (im März 1997) allerdings noch höchst unfertige Web-Seite zum Buch (http://www.inyourface.com mit einigen Links zu besonders ästhetischen Plätzen im Internet. 

 

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Abbildung 3

Kai Krause hat eine Einleitung beigesteuert ("These things do not come easy at times. They require gallons of perspiration, often accompanied by perplexity and percolating paranoia." S. 7). Jeder Computergrafiker, überhaupt jeder Graphikdesigner findet Fundgruben von Anregungen, und der Laie wundert sich und genießt. Gibt es noch Grenzen zwischen bildender Kunst, Werbung, Information, Wissensdarstellung, Enzyklopädie und Theater? Die Zeiten jedenfalls, in denen Schrift das dominante Kommunikationsmedium war, neigen sich dem Ende zu. 

Delectare aut prodesse! Barock lebt wieder auf. Barock begann als irritierende Bewegung gegen hergebrachte Regeln (zunächst der antiken Architektur) und pflegte in der bildenden Kunst dann dreierlei, das wir im vorliegenden Band exakt wiederfinden: "das steigende Interesse für Beleuchtungs- und Farbeneffekte, die Vorliebe für asymmetrische Komposition und die Freude an dramatischer Bewegtheit" (Gombrich 1996:389). Damals wie heute steigert sich die multimediale Erfindungskraft bald ins Unendliche: "Le pli: le Baroque invente l'uvre ou l'opération infinies. Le problème n'est pas comment finir un pli, mais comment le continuer, lui faire traverser le plafond, le porter à l'infini." (Deleuze 1988:48) 

Wenn hergebrachte Gewohnheiten von grenzenloser Kreativität überrollt werden, legt das Eklektizismus ebenso nah wie Unterminieren rationaler Disziplin. Schöne Bilder können verführen. "Die neue Malerei", schreibt Malraux (1987:72) über die jesuitische Entdeckung des barocken Illusionismus als einer "Möglichkeit direkter Aktion", wollte "weniger Darbietung und Zeugnis als vielmehr Verführung sein; darum auch das bereitwillige Aufnehmen aller, vor allem der wirkungssichersten Künste der Verführung; daher der Begriff des Eklektischen selbst". Heute haben sich auch die Ziele der Verführung ins Unendliche vermehrt. Nicht mehr geht es letzten Endes um einen Gott und eine Kirche, nicht einmal um ein Goldenes Konsumkalb an seiner Statt, sondern um eine unendliche Vielfalt von Wissen und Begierden. Und versteckt werden weniger Prozeß und Ziel der Verführung wie im Eros-Thanatos-Spiel des 17. Jahrhunderts als vielmehr die Kompliziertheit des technischen Informationsgeräts: "An interface is about hiding complexity from the user. It's about guiding a process, without cognitive understanding of what goes on beneath. Interface design is the art of enveloping the observer in an enticing, "try this" exploration with ever-new elements and designs as the tools to triumph in new territories." (Krause S. 6 im besprochenen Band)

Alles ist möglich; wir finden das Lehrbuch menschlicher Anatomie (Abb. 4) neben Produktwerbung (Abb. 5) und einer Amnesty-International-CD (Abb.6); wir finden dort Sachtexte neben 3-D-Modellen, Werbegrafik und Kunst, ohne daß wir sie immer klar unterscheiden und Gattungen zuordnen könnten (S. 36-43); und wir finden alle nur erdenklichen Arten von Benutzerführung, -verführung und -aufklärung unmittelbar ineinander verwoben. Im 17. Jahrhundert "ließen die Jesuiten eine barocke Freiheit nur im weiten Bereich des Ornamentalen gelten, das aus der Kirche ein Stück Dekor gestaltete" (Malraux 1987:75). Heute gibt es eine solche einheitlich steuernde Instanz nicht mehr (das Kapital etwa ist viel zu flüssig dafür). Dekoration und Darstellung, Verführung und Aufklärung durchdringen einander; und auf dem flüchtigen Bildschirm ist alles möglich.

 

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Abbildung 4

Abbildung 5

Abbildung 6

"Der Computer ist - die Fortsetzung des Barocktheaters, mit nur zum Teil anderen Mitteln." (van den Boom 1995:109) Doch das Mittel selbst ist auch "Massage" (McLuhan/Fiore 1967). Sinne werden gereizt, Inhalte ästhetisiert, Texte und Bilder gehen vielfältige Symbiosen ein. Bild und Wort liegen im Clinch, damals wie heute, und lassen daraus stets neue semiotische Gestalten wachsen. Doch nun haben sich auch Ziele, Ideologien und technische Mittel ins Unendliche vervielfacht.

 

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McLuhan

So hat der alte Kampf zwischen Mythos und Logos eine neue Stufe erreicht. "Obgleich Mythos und Sprache in der Ausdrucksschicht der Metaphern eine gemeinsame Wurzel haben" - so referiert Habermas (1997:21) Ernst Cassirer - "differenzieren sie sich voneinander auf diesen beiden Achsen der Produktion einer bildhaften Sinnfülle einerseits und der logischen Erschließung einer kategorial gegliederten Welt andererseits." Der vorliegende Band dokumentiert, wie die Auseinandersetzung beider Linien im digitalen Medium neue symbolische Formen (vgl. Cassirer 1990) schafft oder zumindest die alten neu mischt.

Literatur

  • Cassirer, Ernst (1990): Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur (amerik.1944). Frankfurt/M.: S. Fischer
  • Deleuze, Gilles (1988): Le Pli. Leibniz et le Baroque. Paris: Editions de Minuit
  • Gombrich, E[rnst] H. (1996): Die Geschichte der Kunst. 16. Ausgabe, Frankfurt/M.: S. Fischer
  • Habermas, Jürgen (1997): Die befreiende Kraft der symbolischen Formgebung. Ernst Cassirers humanistisches Erbe und die Bibliothek Warburg. In: ders:: Vom sinnlichen Eindruck zum symbolischen Ausdruck. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 9-40
  • Malraux, André (1987): Das imaginäre Museum (frz.1947). Frankfurt/M., New York: Campus
  • McLuhan, Marshall/ Fiore, Quentin (1967): The medium is the massage. An inventory of effects. Harmondsworth: Penguin
  • van den Boom, Holger (1995): Die Welt - ein Theater. Über digitale Spektakel. In: Baacke, Dieter/ Röll, Franz Josef (Hg.1995): Weltbilder, Wahrnehmung, Wirklichkeit. Der ästhetisch organisierte Lernprozeß. Opladen: Leske + Budrich, S. 106-118

 

Rezensiert von Ulrich Schmitz. Jahr: 1997

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