Emergenz als Phänomen der Semantik am Beispiel des Metaphernverstehens

Skirl, Helge

Tübingen: Gunter Narr 2009

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Blacks Aussage von 1954 „Es wäre … aufschlussreicher zu sagen, die Metapher schafft Ähnlichkeit…, statt zu sagen, sie formuliert eine bereits vorher existierende Ähnlichkeit“1 ist in der jüngeren Metaphernforschung oft wiederholt worden. Doch haben die wenigsten den Versuch unternommen, das beschriebene Phänomen einmal genauer zu ergründen. Wenn wir etwa bei Weinrich (1976) nachlesen, dass Metaphern „ihre Analogien erst stiften“ und uns bei Lakoff/Johnson (1980) das Kapitel „Ähnlichkeit herstellen“ noch einmal durchlesen, erfahren wir nicht allzu viel über diese neue Ähnlichkeit.2 Wir gewinnen den Eindruck, als erschöpfe sie sich in Merkmalen, die zwar dem Bildempfänger oder Zielkonzept nicht eigen sind, wohl aber dem Bildspender oder Quellkonzept. Was jedoch ist von der Möglichkeit zu halten, dass die durch die Metapher geschaffene, überraschende Ähnlichkeit auf Merkmalen beruht, die beiden Konzepten fremd sind? Man nennt diese Merkmale, da sie neue Bedeutungen hervorbringen, emergente Merkmale. Helge Skirl zufolge verstehen wir durch sie vor allem innovative Metaphern. Das heißt, wir aktivieren im Verstehensprozess einer innovativen Metapher Bedeutungsmerkmale, „die nicht Teil der Lexikonbedeutung der Wörter sind und auch nicht Teil der Konzeptinhalte, auf die sie verweisen“ (S. 9). Wenn wir etwa in einer Zeitschrift lesen: „Der Hockeyspieler ist ein Bulldozer“ und den gemeinten Sportler daraufhin als DURCHSETZUNGSSTARK und WAGEMUTIG charakterisieren, haben wir Qualitäten aktiviert, die weder das Konzept HOCKEYSPIELER noch das Konzept BULLDOZER für sich genommen aufweisen und erst recht nicht in den Wortbedeutungen stecken, die Skirl von den Konzepten abgrenzt. Mit anschaulichen Beispielen und präzisen Erläuterungen überzeugt er seine Leser davon, dass die Analogien, die Metaphern stiften, bzw. die Ähnlichkeiten, die sie herstellen, nicht selten auf emergente Merkmale zurückgehen.

Dabei zieht sich das Bulldozer-Motiv wie ein roter Faden durch sein Buch. Auf vielfältige Weise wird es zur Darstellung relevanter Sachverhalte variiert und prägt sich dem Leser (mit diesen) ein. Es gefällt. Und es kommt nicht von ungefähr, denn auch die Relevanz-Theoretiker Wilson/Carston (2006), zu deren Ansatz Skirl eine Kontrasttheorie entwickelt, greifen auf das Bulldozer-Motiv zurück. In ihrer Analyse beziehen sie sich auf den Beispielsatz „Robert is a bulldozer“ (S. 98 – 101). Anders als Skirl betrachten sie das Phänomen der Emergenz aber ganz aus der Perspektive der Pragmatik und nehmen die Semantik nicht in Blick. Deshalb könnten sie das Zustandekommen der emergenten Merkmale auch nur vage beschreiben, so Skirls Vorwurf. Er selbst erforscht das Phänomen der Emergenz im Rahmen der von Schwarz-Friesel3 vertretenen kognitiven Semantiktheorie und ihrer kognitiven Textverstehenstheorie. In beide Theorien sind am Rande auch pragmatische Aspekte einbezogen. Mit Hilfe von Schwarz-Friesels Mehrebenenmodell der Bedeutung kann Skirl sowohl die Wortbedeutung vom Konzept trennen als auch beide Bedeutungsebenen zur sog. kognitiven Domäne zusammenfassen und als kontextunabhängige Ebene von der kontextabhängigen Äußerungsbedeutung unterscheiden, der Semantik-Pragmatik-Schnittstelle, die der Ort der emergenten Merkmale ist. Diese kann er nun mit Hilfe von Schwarz-Friesels Textweltmodell präzise bestimmen und erklären, indem er das Metaphernverstehen in seinem aktuellen Kotext und Kontext, das heißt, in seiner Textumgebung und seinem Weltbezug analysiert. Skirl und Schwarz-Friesel nehmen eine Mittlerposition zwischen der holistischen und der modularistischen kognitiven Linguistik ein. Das heißt, sie sehen das semantische Sprachwissen als sprachgebundenen Kernbereich des konzeptuellen Weltwissens an, während bei den Holisten das semantische Sprachwissen ganz im konzeptuellen Weltwissen aufgeht und die Modularisten an deren vollkommene Unabhängigkeit glauben.

Zusammenfassung

 Das hier vorgelegte Buch ist Skirls überarbeitete Fassung seiner zwei Jahre zuvor eingereichten Dissertation, die er u.a. um eine Einleitung, ein neues drittes Kapitel und die abschließende Fallstudie erweitert hat. Die für den Leser unentbehrliche fünfseitige Einleitung führt nachvollziehbar und anschaulich in das Phänomen der Emergenz ein und informiert über Skirls Zielsetzungen. In erster Linie hat er sich vorgenommen, „einen spezifischen, präzisen Emergenz-Begriff für die linguistische Semantik vorzuschlagen, seine Leistungsfähigkeit zu demonstrieren und das Phänomen des Auftretens emergenter konzeptueller Merkmale am Beispiel des Metaphernverstehens zu modellieren.“ (S. 12f.). Darüber hinaus will er durch seine spezielle Analyse allgemeine Erkenntnisse über den Grenzbereich zwischen Semantik und Pragmatik zu Tage fördern.

In seinem ersten Kapitel Begriff der Emergenz und emergente Merkmale führt Skirl auf circa 28 Seiten schrittweise vom allgemeinen zum linguistischen und zugleich vom historischen zum aktuellen Emergenz-Begriff, ehe er auf gut 14 Seiten seinen eigenen Emergenz-Begriff darlegt. Seine Recherche erstreckt sich also nicht nur über den linguistischen Bereich, wo das Phänomen der Emergenz in der Blending-Theorie, der Psycholinguistik und der pragmatischen Relevanz-Theorie eine wichtige Rolle spielt, sondern darüber hinaus über zeitgenössische und historische Theorien verschiedener Wissenschaften bis hin zum ‚British Emergentism‘ und zu noch früheren Forschungen. So kann er selbst einen Emergenz-Begriff für die kognitive Semantiktheorie entwickeln, der sich tradierte Aspekte bewusst zunutze macht. Er beginnt ihn anhand des Mehrebenenmodells zu modellieren, indem er zwischen der im Duden auffindbaren ‚kontextinvarianten, unterspezifizierten Kernbedeutung‘ eines Wortes und dessen konzeptueller Bedeutung unterscheidet. Dabei bemerkt er durchaus, dass sich seine Unterscheidung mit Wittgensteins Sprachphilosophie reibt, die an die Stelle der alten Idee der Kernbedeutung die neue Idee der Familienähnlichkeit setzt. Er ist aber der Ansicht, beide Ideen seien vereinbar. An der Kernbedeutung hält Skirl fest, weil er mit ihr präzise Merkmalsmengen ausmachen kann, die je nach Art der Metapher relevant sind: eine semantische, eine konzeptuelle und eine emergente Menge.

Das zweite circa 27 Seiten umfassende Kapitel Kognitive Metapherntheorien ist ein Affront gegen die Metaphorologie der holistischen kognitiven Linguistik. Hier kritisiert Skirl sowohl Lakoff/Johnsons konzeptuelle Metapherntheorie (1980/1999) als auch die aus ihr hervorgegangene Blending-Theorie von Fauconnier/Turner (1996-2008). Auf gut 15 Seiten demontiert er vorwiegend „Metaphors we live by“, indem er vielleicht alle Kritikpunkte, die bisher gegen die Theorie geäußert wurden, zusammenträgt und sie noch um sein eigenes, für sich genommen schon vernichtendes Urteil ergänzt: Lakoff/Johnsons Leitidee, dass die Metapher eine unumgängliche Form der alltäglichen Konzeptualisierung sei, findet Skirl inakzeptabel. Sie führe dazu, dass die lexikalisierte metaphorische Wortverwendung als Metapher angesehen werde und man darüber die eigentliche, nämlich innovative Metapher aus den Augen verliere. Eine Spur besser kommt die Blending-Theorie (S. 73 – 77 und S. 27 – 32) weg, da sie sich der innovativen Metapher und ihren emergenten Merkmalen zuwendet. Fauconniers Emergenz-Begriff entferne sich allerdings immer mehr von der tradierten Bedeutung des Phänomens der Emergenz und sei deshalb unbrauchbar.
Das dritte, nicht ganz 20-seitige Kapitel Emergenz und pragmatische Verstehenstheorie ist insofern wichtig, als sich Skirl hier (wenn auch nur referierend) der Pragmatik zuwendet. Er erläutert die Behandlung des Emergenz-Phänomens durch die noch relativ junge Relevanz-Theorie, die derzeit Grice’s Konversationsmaximen (1989) zu einer umfassenden Verstehenstheorie um- und weiterentwickelt. Insofern befasst sie sich auch mit dem Metaphernverstehen. Skirl weist allerdings auf zahlreiche Mängel in der Theoriebildung hin (wie etwa die Annahme einer Konzepterweiterung statt einer Konzeptübertragung) und mahnt die fehlende psychologische Plausibilität der unterschiedlichen Ansätze an. Letztere Kritik trifft auch den an sich funktionierenden Ansatz von Wilson/Carston (2006) (s.o.).

Dem vierten, 41 Seiten langen Kapitel Metaphernverstehen an der Semantik-Pragmatik-Schnittstelle kommt nun eine zentrale Stellung im Buch zu, denn hier bestimmt Skirl das Verhältnis von Semantik und Pragmatik neu, hier beschreibt er das Metaphernverstehen und das Auftreten der emergenten konzeptuellen Merkmale an der Semantik-Pragmatik-Schnittstelle. Sie ist eine Zwischenschicht zwischen der Semantik, die die kontextinvariante, kompositionell errechnete Satzbedeutung registriert, und der Pragmatik, die den kommunikativen Sinn und Handlungsgehalt einer Äußerung erschließt. An der Semantik-Pragmatik-Schnittstelle wird die kontextspezifisch erweiterte Äußerungsbedeutung bestimmt. Skirl lebt seinen Hang zur Präzision aus. Er lässt Segmente von Semantik und Pragmatik die aktuelle Bedeutung eines Satzes, durch die er zur Äußerung wird, erfassen. Dabei spielt sein Propositionsbegriff, den er frei nach Searle (1969) in seine Theorie integriert, eine wichtige Rolle. Skirl unterscheidet zwischen dem Propositionspotenzial auf der Satzebene und der spezifischen Proposition auf der Äußerungsebene, während die Illokution (die ihn nicht mehr interessiert) auf der Ebene des kommunikativen Sinns der Äußerung liegt. Da Searle nur die Satzbedeutung von der Äußerungsbedeutung trenne, verschwimme bei ihm die Zuordnung von Proposition und Illokution zu diesen Ebenen. Nicht minder wichtig ist für Skirl zudem das auf der Satzebene geltende Kompositionalitätsprinzip, mittels dessen die Satzbedeutung nach mathematischem Vorbild errechnet werden kann. Dass es am Phänomen der emergenten Bedeutung scheitert (geht sie doch weder aus dem Lexikoneintrag noch aus dem Konzeptinhalt hervor), bestätigt Skirls Etablierung der Äußerungsbedeutung sowie seine Lokalisierung der emergenten Merkmale auf ihr.

Im fünften Kapitel Textweltmodell und emergente konzeptuelle Merkmale beim Metaphernverstehen erwarten den Leser fast 30 spannende Seiten. Skirl bezieht hier seine bisherigen Ergebnisse auf die kognitive Textverstehenstheorie (s.o.), indem er das Metaphernverstehen und das Auftreten emergenter Merkmale in das Textweltmodell integriert. Zwei Modelle zur Modellierung des Metaphernverstehens schlägt er vor: ein Modell zur Verankerung der Bedeutungsmerkmale von metaphorisch gebrauchten Ausdrücken und ein Modell der Einflussfaktoren beim Metaphernverstehen. Ersteres ist ein Mengenmodell. Es zeigt, aus welchen Mengen von Merkmalen die Analogien zwischen zwei Konzepten stammen können. Vier Mengen kommen in Frage: die Menge der kognitiven Domäne des Lexikons M(KDLexikon) oder des Konzepts M(KDKonzept) oder die Menge des Textweltmodells aus dem Kotext M(TWMKotext) oder dem Kontext M(TWMKontext). Die emergenten Merkmale können dabei ausschließlich Teil der vierten Menge sein. Sie dürfen nicht im Kotext explizit genannt sein:
-->

MMetapher Ë (M(KLexikon) È M(KKonzept) È M(TWMKotext)) ® emergente Merkmale.


Nun genügt Skirl freilich sein Mengenmodell zur exakten Bestimmung der emergenten Merkmale noch nicht, weshalb er es um sein Modell der Einflussfaktoren erweitert. Der Kotext muss nicht explizite, er kann auch implizite Hinweise auf die Analogie der Metapher geben. Er kann statt determinierend restringierend sein, wobei in diesem Fall noch emergente Merkmale inferiert werden müssen, es sei denn, die analogischen Merkmale gehören zu den semantischen Merkmalen der das Metaphernverstehen steuernden Zusatzinformationen ... Seine Forschungsergebnisse wendet Skirl in einer erhellenden Fallstudie aus authentischen journalistischen Texten an.
Er schließt sein Buch mit dem kurzen sechsten Kapitel Zusammenfassung und Ausblick.

Kritische Diskussion

Skirl hat das Phänomen der Emergenz gewissenhaft erforscht und die bisherige Literatur darüber gründlich recherchiert. Und er hat seine Ergebnisse gut strukturiert und in klaren Sätzen zu Papier gebracht. Sollte man als Leser seines Buches dennoch einmal irritiert sein, so ist man wahrscheinlich über einen Druckfehler gestolpert, was hie und da, etwa auf S. 142 oder S. 143, passieren kann. Ansonsten kann man die Orientierung eigentlich nicht verlieren. Dafür sorgen die jedem Kapitel vorangestellten Vorbemerkungen mit Informationen über die Abfolge der dort behandelten Aspekte und ihre Zusammenhänge sowie die fünf Schaubilder des Buchs. Sie visualisieren Skirls zentrale Ideen auf verblüffend schlichte Art und Weise. Vom Einfachen schreiten sie zum Komplexen fort, während das nächste Schaubild auf dem vorherigen aufbaut und alle Bilder zusammen sich zu einem Theoriegebäude vereinen, das einem so manches Wiederlesen erspart, wenn man das Buch nach einer längeren Pause wieder zur Hand nimmt. Leicht zu lesen ist es nicht. Wohl dem, der die Lektüre in einem Zuge schafft! Ob das Buch wegen seines schweren Stoffs mühsam zu lesen ist? Nein, hat es doch das Bulldozer-Motiv, das dem Leser zwischendurch Vergnügen bereitet. Skirl variiert es, um verschiedene Aspekte zu veranschaulichen. So mag man die Fallstudie zuletzt, nachdem man schon alles über die emergenten Merkmale weiß, auch in Hinblick darauf lesen, wer schon warum als Bulldozer bezeichnet wurde. Die Gründe sind die emergenten Merkmale der jeweils aufgestellten Metaphern. Es können positive oder negative Merkmale sein. Wenn nun ich mit aller gebotenen Vorsicht die Bulldozer-Metapher auf Skirl selbst anwende, so liegt es daran, dass er sie mir gewissermaßen auf die Zunge legt. Er wählt das Beispiel als Leitmotiv und überrollt fast alle Theorien, die er anführt, mit seinem Argument der Präzision. Ob er Recht daran tut, muss von Fall zu Fall entschieden werden. Für ihn spricht, dass er jede Theorie auch mit spezifischen Argumenten kritisiert, gegen ihn möglicherweise, dass die Kritik der Vagheit und Ungenauigkeit sich häuft. Sie ist, je weiter man in sein Buch vordringt, umso vorhersehbarer. Auf seine Kritik an Lakoff/Johnson möchte ich an dieser Stelle eingehen. Skirl ebnet ihre Theorie der konzeptuellen Metapher ein und leistet gründliche Arbeit dabei. Sein Argument des Verlusts der innovativen Metapher ist stark. Doch auf dem geräumten Gelände wieder eine Theorie der rein sprachlichen Metapher errichten zu wollen, wirkt reaktionär. Wäre es nicht viel besser, eine Theorie zu entwerfen, die die konzeptuell-lexikalische und die sprachlich-innovative Metapher gelten ließe, die sich dem einmal eröffneten metaphorischen Spektrum stellen würde? Ohne die Theorie der konzeptuellen Metapher lässt sich z.B. die visuelle Metapher nicht fassen, die vielerorts mit ihrer verbalen Schwester Hand in Hand geht. Eine Theorie der rein sprachlichen Metapher ist heute unbrauchbar. Skirl scheint auch zu vergessen, dass Lakoff/Johnsons Theorie ja sogar ein entscheidender Vorläufer seines eigenen metapherntheoretischen Ansatzes ist, und er vergisst in seinem Räumungseifer ganz offensichtlich, ihren Emergenz-Begriff zu erläutern. So unbedeutend und ungewöhnlich dieser auch sein mag, hätte er doch mindestens in einer Fußnote erwähnt werden können. Skirls Kritik an Lakoff/Johnson und den meisten anderen Theorien ist nicht so sehr durch den Willen zur Erneuerung, sondern vielmehr durch eine bewahrende Grundhaltung motiviert. Sie drängt sich dem Leser nicht auf, kann ihm aber doch auch nicht verborgen bleiben. Skirl hält an der sprachlichen Metapher fest, er hält an der Kernbedeutung des Wortes fest sowie auch an der Vergleichstheorie (s.u.) und verwendet viel Kraft darauf, seinen konservativen Metaphern-Begriff und letztlich auch konservativen Emergenz-Begriff (?) mit mathematischer Genauigkeit zu fixieren. Die Modelle, die er in seinem unbeirrbaren Fixationswillen entwickeln konnte, bestechen allerdings durch ihre Präzision und absolute Stimmigkeit.

Was ist nun von den emergenten Merkmalen Skirls und überhaupt zu halten? Dass er mit einem ganzen Buch auf sie aufmerksam macht, wird sich hoffentlich nachhaltig auf die Metaphernforschung auswirken. Es wäre unklug, ihre Existenz zu bezweifeln, denn sie bestätigen die Interaktionstheorie. Beide interagierenden Konzepte verändern sich gegenseitig so, dass sie neue gemeinsame Merkmale erhalten. In diesem Sinne ist auch Skirls von Schwarz-Friesel zitierte Äußerung zu verstehen, als er schreibt: „Bei den emergenten Merkmalen handelt es sich um ‚psychische Eigenschaften, die einem Bulldozer nur über den mentalen Prozess der Personifizierung zugesprochen werden können‘.“ (S. 143) Wenn also der als Bulldozer charakterisierte Hockeyspieler die Merkmale DURCHSETZUNGSSTARK und WAGEMUTIG erhält, so darf man darüber nicht vergessen, dass die Metapher den Bulldozer menschlicher als sonst erscheinen lässt. Ich verstehe nicht, warum Skirl zwar die Vergleichstheorie zur Erklärung des Zustandekommens der emergenten Merkmale heranzieht, nicht jedoch die Interaktionstheorie. Auch aus seinem Schaubild zum Modell der Einflussfaktoren beim Metaphernverstehen (S. 165) hält er sie heraus. Man achte auf die Pfeilrichtungen! Während Konzept1 von Konzept2 Merkmale zugewiesen werden, werden diese von Konzept1 lediglich restringiert. Die Interaktionstheorie ist, wenn man auf die emergenten Merkmale schaut, zum Greifen nah. Aber Skirl greift nicht nach ihr. Ich kann es mir nur so erklären, dass er zu sehr von seiner Präzisions-Maxime eingenommen ist. Sie hindert ihn zumindest daran, die fließende Grenze der emergenten Merkmale, die er ganz wunderbar nachzeichnet, einfach gelten zu lassen (S. 158 – 166). Stattdessen setzt er sie an einer fragilen Stelle fest, die zur Bestimmung von emergenten Merkmalen vermutlich wenig praktikabel ist (S. 164). Besser man diskutiert darüber, was noch und was nicht mehr emergent ist!

Dieses Buch ist jedem zu empfehlen, der schon immer mehr und Genaueres über die von der Metapher geschaffenen Ähnlichkeiten bzw. jetzt etwas über ihre emergenten Merkmale wissen möchte. Über den idealen Rezipienten sagt Skirl, dass er ein Textweltmodell konstruieren können muss, „in dem die referenzielle Unterspezifikation des Textes adäquat und vollständig aufgelöst ist“ (S. 152). Das wird allen Lesern, die sich für die Metaphorik oder die kognitive Linguistik im Allgemeinen interessieren, beim sorgfältigen Studieren seines Buchs unbedingt gelingen.

1 Max Black: Die Metapher, in: Anselm Haverkamp (Hrsg.): Theorie der Metapher, Darmstadt 19962 (S. 68)
2 Harald Weinrich: Semantik der kühnen Metapher, in: ders.: Sprache in Texten, Stuttgart 1976 (S. 309) /   George Lakoff / Mark Johnson: Leben in Metaphern, Heidelberg 20033 (S. 170 - 178)
3 Bis 2003 hieß sie Monika Schwarz, seit 2004 heißt sie Monika Schwarz-Friesel. Sie war Helge Skirls Doktormutter.

Rezensiert von Beatrix Fehse. Jahr: 2010

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