Elektronische Informationsressourcen für Germanisten

Gantert, Klaus

Berlin: deGruyter, 2010 (Bibliothekspraxis 40)

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Der Verfasser Klaus Gantert, Germanist, Bibliothekar und Hochschuldozent, liefert eine zwar auswählende, dennoch sehr umfangreiche Zusammenstellung von elektronisch zugänglichen Ressourcen für die Germanistik. Das Buch richtet sich an Studierende und Wissenschaftler, daneben an Bibliothekare. Es kann zu Beginn einer Informationssuche benutzt werden, liefert aber hauptsächlich eine umfassende Orientierung über fast alle denkbaren und verfügbaren germanistischen Ressourcen. Dabei versteht es sich als Ergänzung zur traditionellen Bücherkunde durch seine Fokussierung auf elektronische Hilfsmittel. Beachtenswert ist, dass die überwiegende Zahl der vorgestellten Ressourcen frei zugänglich ist; bei den kostenpflichtigen Angeboten sind viele, wenn nicht die meisten Standard in den Hochschulbibliotheken. Die elf Seiten umfassende Liste der vorgestellten Ressourcen reicht von der Allgemeinen Deutschen Biographie über die Datenbank Gesprochenes Deutsch, die Dortmunder Autorendokumentation, H-Germanistik, das Internationale Germanistenlexikon, Mediaevum.de und Times Literary Supplement sowie Zedlers Universal-Lexicon bis hin zum Zentralen Verzeichnis Digitalisierter Drucke.

Gantert liefert eine Typologie der Ressourcen. Einerseits unterscheidet er formal anhand der Veröffentlichungsform: So werden Bibliothekskataloge, Bibliographien, Zeitschriften, Lexika, Wörterbücher, elektronische Texte und „Literatur in der Presse“ sowie Germanistische Informationen im Internet vorgestellt. Neben der Unterscheidung nach verzeichneten Publikationstypen bzw. nach Textsorte wird andererseits inhaltlich in Mediävistik, Informationen zu Personen, Rezensionen, Institutionen und Verbände sowie „Wissenschaftliche Kommunikation und Literarisches Leben“ gruppiert. Am umfangreichsten fällt erwartungsgemäß das Kapitel über Bibliographien aus, das neben aktuellen und historischen Nationalbibliographien und bekannten philologischen Fachbibliographien auch die Brepolis Medieval Bibliographies Online für mediävistische Fragestellungen empfiehlt. Da aus der Fülle der Spezial- und Personenbibliographien nur die Annotierte Bibliographie zur Literaturtheorie und die Weimarer Goethe-Bibliographie ausgewählt wurden, ist das Unterkapitel „Nachweis von Personal- und Spezialbibliographien“ sehr hilfreich.

Immerhin zwanzig Seiten werden dem allgemeinen Thema „Germanistische Informationen im Internet“ gewidmet, beginnend bei bekannten Warnungen und Tipps zur Benutzung von Google. Dann wird der Begriff ‚Deep Web’ erläutert und auf wissenschaftliche und weniger bekannte Spezialsuchmaschinen wie scholar.google.de und BASE, eine Bielefelder Entwicklung, hingewiesen. Deren Nützlichkeit wird allerdings kaum thematisiert. Zweifellos hat die ausführliche Darstellung von Katalogen und Nationalbibliographien im ersten Kapitel dagegen ihre besondere Berechtigung, weil sie für die systematische germanistische Recherche noch immer unverzichtbar sind.

Ein eigenes Kapitel zu den sog. Virtuellen Fachbibliotheken stellt auf acht Seiten GiN vor, die Virtuelle Fachbibliothek Germanistik im Netz, online seit 2006. In diesem Portal sind die meisten der vorgestellten Ressourcen mit ihren Links zu finden, sei es in der Metasuche über diverse Kataloge und Bibliographien oder im Verzeichnis germanistischer Internetquellen. Da die einzelnen Ressourcen bei GiN aber völlig anders und weit weniger systematisch rubriziert sind, liefert Gantert in Buchform eine übersichtliche Ergänzung. Im Rahmen von NedGuide, der virtuellen Fachbibliothek für den niederländischen Kulturkreis, wird auf das Informations-system Lotse hingewiesen, das für die Germanistik bislang keinen fachlichen Einstieg bietet. Mit dem vorliegenden Nachschlagewerk ist gründliche Vorarbeit dafür geleistet.

Den insgesamt 14, zwischen 7 und 35 Seiten umfassenden Kapiteln ist ein einleitendes Kapitel zu Datenbanken vorangestellt, das in die elektronische Speicherung und Recherche von Daten und Inhalten einführt und allgemeine, auf verschiedene Ressourcen übertragbare Recherchetechniken erläutert. Auch am Rande zugehörige Themen wie Nationallizenzen, Dokumentlieferung/ Fernleihe, Kataloganreicherung und Literaturverwaltungsprogramme werden in Exkursen behandelt. So präsentiert das Buch eine grundlegende Übersicht über die wichtigsten Ressourcen und Ressourcentypen für die germanistische Linguistik und Literaturwissenschaft und liefert parallel dazu eine knappe Einführung in ihre Nutzung.

Diese Benutzungsseite bleibt allerdings trotz zahlreicher Screenshots der Suchoberflächen oder Ergebnisse relativ abstrakt und theoretisch. Das hängt einerseits mit der Fülle der vorgestellten Ressourcen zusammen, andererseits ist Verallgemeinerung unabdingbar, da jeweils vor Ort unterschiedliche Bedingungen herrschen: So wird etwa die Bibliographie der Modern Language Association MLA unter unterschiedlichen Oberflächen angeboten – worauf Gantert allerdings auch deutlich hinweist (S. 61). Außerdem nutzen die Universitätsbibliotheken verschiedene Formen der Datenbankverwaltung: Auch wenn die meisten das vorgestellte DBIS-System verwenden, wäre neben dem Gale Directory of Online, Portable, and Internet Databases ein Hinweis auf die Digitale Bibliothek NRW nützlich, die für viele Nutzer in Nordrhein-Westfalen und Teilen von Rheinland-Pfalz den Zugang zu elektronischen Volltexten und Datenbanken bietet.

Insgesamt kann natürlich die Brauchbarkeit eines klassischen Druckwerks zur Vorstellung von rund 350 elektronisch verfügbaren Ressourcen hinterfragt werden. Zumindest als Ergänzung wäre eine online-Zusammenstellung aller Ressourcen mit ihren Links zu wünschen (und sei es auch nur auf CD). Die ebenfalls relativ teure e-Book-Ausgabe des Werkes schöpft die Möglichkeiten des Mediums nicht voll aus, so dass der Wunsch nach einer günstigen Online-Studienausgabe bleibt.

Für eine konkrete Recherche, die vom Thema her kommt, dient neben dem Inhaltsverzeichnis das Personen- und Sachregister; es könnte allerdings noch umfangreicher und besser redigiert sein; der Hinweis bei Engels, Friedrich, führt lediglich zu der Bemerkung, er sei einer der am häufigsten übersetzten deutschen Autoren (S. 80); ob ein Benutzer unter „Zeitstrahl“ den Hinweis auf tagesgenaue Dokumentensuche in der Europeana erwartet und nützlich findet, ist fraglich. Vermisst wird bspw. ein Eintrag zu Semiotik oder zum Thema VPN-Zugriff auf lizensierte Datenbanken bzw. Tunneling, wobei durchaus mehrere Anmerkungen zu letzterem im Text zu finden sind. Völlig ausgeblendet wird nicht nur im Register, sondern im Band insgesamt die (Fach-)Didaktik, nicht einmal am Rande wird die für Lehrerausbildung immer wichtiger werdende erziehungswissenschaftliche Datenbank FIS Bildung erwähnt, die zahlreiche Literaturhinweise zu deutschdidaktischen Fragestellungen liefert, die etwa Eppelsheimer-Köttelwesch nicht erfasst.

Grundsätzlich kann und soll das Werk keine Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten und die konkreten Gegebenheiten vor Ort sein – dafür sind die einzelnen Universitäten und Bibliotheken mit ihren Einführungskursen und Angeboten zur Informationskompetenz zuständig. Als Zusammenstellung und Übersicht über die Fülle inzwischen verfügbarer germanistischer Hilfsmittel in elektronischer Form sind die 323 Seiten sowohl für (angehende und etablierte) Wissenschaftler wie auch für (fachfremde) Bibliothekare bestens geeignet.

Rezensiert von Dorothee Graf. Jahr: 2010

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