Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart

von Polenz, Peter

Berlin, New York: de Gruyter 1999

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Hyperhistorien oder Wege zur deutschen Sprachgeschichte

Noch vor nicht gar zu langer Zeit tauchten Veranstaltungen zur deutschen Sprachgeschichte in den selbstzubastelnden Stundenplänen der Studenten selten auf: Zum Studium der Geschichte der deutschen Sprache mußten sie anscheinend gezwungen werden. Die Ablautreihen wurden deshalb bereits in den Einführungsveranstaltungen traktiert (und dann nie wieder); traktiert fühlte sich – zurecht – auch mancher Student.

Daß Sprachgeschichte keine rein linguistische, sondern eine interdisziplinäre Angelegenheit sein muß, darauf hat Peter von Polenz früh aufmerksam gemacht. Kennzeichnend für diese Perspektive ist die Betonung der Frage nach dem Warum des Wandels von Sprache gegenüber einer rekonstruktiven Beschreibung vergangener Sprachzustände. Nun hat von Polenz, zeitlich in etwa parallel zu dem kollektiven Großprojekt Handbuch Sprachgeschichte, in Eigenarbeit sein Opus Magnum abgeschlossen, das Studienbuch Deutsche Sprachgeschichte. Band III enthält lediglich das Kapitel Nummer 6: Deutsch in der Zeit des Nationalismus und der Industriegesellschaft, verteilt auf 757 Seiten, von denen nach Abzug des Literaturverzeichnisses immerhin knapp 600 für die Lektüre übrig bleiben.
Damit wäre die erste Lesart dieses Werkes bereits angedeutet: Nicht nur am Ende in alphabetischer Folge aufgelistet, sondern auch thematisch zusammengestellt in den Teilkapiteln, findet der Leser Literatur für die weitere eigene Recherche, zum Beispiel über den Wandel politischer Sprache in Ostdeutschland nach der Wende.

Wer das Buch hingegen als Nachschlagewerk verwenden will, muß noch weiter nach hinten in das Stichwortverzeichnis greifen. Ein Versuch: Email, Internet, Hypertext, EDV: negativ, keine Einträge vorhanden, trotz eines Querverweises auf EDV beim vorhandenen Stichwort Computer. Immerhin: Wer den Verweisen dort folgt, kann zu diesem noch jungen und ‚heißen‘ (von daher für ein Studienbuch eigentlich ‚kalten‘) Thema zumindest erfahren, daß mit dem Computer neue Schreibanlässe – und Textsorten [...] mit hoher Rekursivität und intertextueller Vernetzung möglichst übersichtlicher Textbausteine [entstehen], mit Entindividualisierung [...] der Beziehung zwischen Autor, Schreiber, Text und Leser, wodurch das Urheberrecht teilweise illusorisch wird (40), und weiterhin, daß mit der damit einhergehenden, didaktisierenden Zerstückelung von komplexen Informationen die Fähigkeit und Bereitschaft zu längerem Zuhören und längerer Lektüre [ebenso wie] dialogische Mündlichkeit [...] stark zurückgeht (40) und EDV-Kompetenzen als neues Herrschaftswissen die Literalitätsgrenze ablösen, nicht zuletzt forciert durch die Verwendung gemeinsprachferner Textverarbeitungscodes (103). Der Normenstrenge z.B. bei der Programmierung stehe der Trend zu sehr eigenwilliger, kreativer [...] Wortschreibung und Grammatik (247) gegenüber. Emoticons als neuartige ikonische Gestaltungsmittel im (nicht nur!) privaten elektronischen Postverkehr werden dabei leider nicht erwähnt. (:..-)

Mit einem (;-) bilanziert von Polenz die neue Schreibwut am neuen Medium: Wer traditionell oder eigenwillig schreiben will, kann dies am Ende des 20. Jahrhunderts leichter tun als an seinem Anfang (247). Ob das auch als Kommentar zur neuen Rechtschreibung verstanden werden darf?

Hypertext erlangt nicht den Rang eines Stichworts, prägt aber als Subtext dieses Buch zumindest dann, wenn man den Versuch unternimmt, es in einem Stück durchzulesen. Das ist nämlich leichter gesagt als getan, weil die vom Autor gewählte Blockstrukturierung das Abschwenken auf intratextuelle Verweise begünstigt und die Lektüre so zu einem Leseabenteuer macht: ein enzyklopädisches Schmökern, in dessen Folge man Freunde und Bekannte mit zahlreichen „Wußtest Du, daß...?“-Fragen nicht nur quizshowtauglich machen kann, beispielsweise mit Hitlers Frakturverbot im Januar 1941 (46). Von Polenz‘ Anspruch geht allerdings über die Präsentation eines bloß historischen Faktenwissens hinaus, weil er auch die verschiedenen Lesarten dieses zunächst seltsam anmutenden Erlasses angibt – ohne dabei das letzte Wort für sich zu beanspruchen.

Auf jeden Fall empfehlenswert ist die Lektüre der Seiten 5-9 für jene, die von einem dicken Buch erwarten, gewissermassen die Summe des Wissens über eine Epoche in der Hand zu halten. Eine Summe ist hier nämlich auf kleinstem Raum zu haben: die thesenartige Auflistung der längeren und kürzeren, oftmals simultan ablaufenden Sprachwandelprozesse nebst Verweis auf ihre eingehende Behandlung in den folgenden Kapiteln. Anstelle einer ausführlichen Diskussion von Kriterien, mit deren Hilfe der untersuchte Zeitraum epochenintern chronologisch weiter zu untergliedern wäre, hält von Polenz es für sinnvoller, zunächst das unterschiedliche Entwicklungstempo der verschiedenen Objektbereiche von Sprachgeschichtsschreibung zu beachten, d.h. die langfristigen, einschnittslosen Entwicklungen festzustellen und erst danach in kurzfristiger verlaufenden Objektbereichen nach Zeitpunkten oder Zeitphasen mit erkennbaren, meist außersprachlich erklärbaren Entwicklungsschüben zu fragen. (5)

Bleibt noch die Lektüre einzelner Teilkapitel zu prüfen, die wohl die häufigste sein wird. Hier besteht die Wahl zwischen Teilkapiteln zu Varietäten, Massenmedien, Politik, Fachsprachen, Literatur, Entlehnungen, Entwicklungstendenzen, Sprachnormierungen, Sprachkritik sowie der Frage nach dem Umgang mit Sprachminderheiten, der von Polenz besonders breiten Raum widmet. Diesen thematisch orientierten Teilkapiteln vorangestellt sind drei eher chronologisch orientierte Beiträge, die sich den allgemeinen Einflußfaktoren widmen. Jeder thematisch orientierte Beitrag deckt dann den gesamten Zeitraum ab und wird als Einheit schon deswegen aufgefaßt, weil der Autor auf orientierende Zwischentitel verzichtet hat. Zur Orientierung dienen vielmehr durchnumerierte Textblöcke mit intra- und intertextuellen Verweisen sowie das Prinzip zunehmender Komplexität bei der Darstellung. So sind im Kapitel Sprachminderheiten bis 1919 die Abschnitte H und I der Einschätzung des Letzeburgischen gewidmet, ergänzt durch zwei Detailschilderungen über die Bedingungen von dessen Entstehung und Entwicklung, die anstelle, aber durchaus im Sinne von Fußnoten mit einer kleineren Schrifttype erkannt und daraufhin entweder gelesen oder übersprungen werden können – je nach Interesse und Leseeile. Von Polenz verweist in der Behandlung der einzelnen Sprachräume immer wieder auf sprachpolitische Ähnlichkeiten, ohne eine dominante Linie zu unterstreichen. Behutsam vermittelt sind die Lehren, die aus schlechten (Belgien) und zeitweise guten Beispielen (Schweiz) gezogen werden.

Fazit: Didaktisch ist das Studienbuch Deutsche Sprachgeschichte deshalb besonders gelungen, weil es verschiedene und individuelle Lektüren nicht nur zuläßt, sondern zu ihnen geradezu einlädt. Wer sich nur für einen einzelnen Aspekt interessiert, dem sei der Gang zur Bibliothek und die Lektüre des entsprechenden Kapitels empfohlen. Wer sich dann von der Einladung zum Schmökern einfangen läßt, der sollte sich dieses neue Standardwerk unbedingt kaufen: es bietet eine wohlstrukturierte Fundgrube von zuverlässigem Überblickswissen, Detailfakten und weiterführenden Literaturhinweisen. (Überaus lesenswerte, da erhellende Einblicke in die Methodik und die Grundfragen der sprachhistorischen Disziplin sind übrigens im ersten Band enthalten.)

Rezensiert von Torsten Pflugmacher. Jahr: 2001

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