Der Brockhaus in fünf Bänden

Brockhaus

Leipzig, Mannheim: F. A. Brockhaus Verlag 2000

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Ein gutes Lexikon muss zweierlei leisten: es muss eine größtmögliche Informationsfülle bieten bei gleichzeitiger Genauigkeit im Detail. Natürlich muss es auch verständlich geschrieben und gut lesbar sein. Pünktlich zum letzten Weihnachtsfest meldete sich ein Klassiker unter den Brockhaus-Lexika zurück: Der „Brockhaus in fünf Bänden“ ist für die 9. Auflage überarbeitet worden und präsentiert sich inhaltlich und konzeptionell auf dem neuesten Stand. Innerhalb des Verlagssortiments zwischen der einbändigen und der fünfzehnbändigen Ausgabe angesiedelt, übernimmt der kompakte Fünfbänder die Aufgabe eines klassischen Familienlexikons. Ausdrücklich zu begrüßen ist zunächst der deutlich gesenkte Kaufpreis, der dieses Nachschlagewerk für eine größere Anzahl von Lesern erschwinglich macht. Während die 8. Auflage noch mit üppigen 800 Mark zu Buche schlug und dem Begriff vom „geistigen Kapital“ einen unangenehmen Beigeschmack verlieh, profitiert der Wissensdurstige jetzt von einer veränderten Preispolitik. Zu allem Überfluss ist jeder der fünf Bände mit einer eigenen ISBN-Nr. ausgestattet und somit einzeln beziehbar. Wer die Anschaffung des kompletten Lexikons scheut, ordert einfach bandweise. Kann man mehr verlangen?

Beginnen wir mit den Äußerlichkeiten. Im Unterschied zu seinem schutzumschlagbewehrten und deshalb nicht immer benutzerfreundlichen Vorgänger kann der neue Brockhaus auf Verpackungskünste vollständig verzichten. Der silber-dunkelblaue Leineneinband wirkt edel, fast feierlich, ist dabei aber so unempfindlich, dass er selbst nach langjährigem Gebrauch keine Verschleißerscheinungen zeigen dürfte. Die fünf gestandenen Bände im Format der legendären vierundzwanzigbändigen Ausgabe liegen schwer in der Hand und überzeugen den Bibliophilen schnell davon, daß optische und haptische Qualitäten von Büchern eben doch keine Sekundärtugenden sind. Auch für die Nummerierung, zuvor keiner Aufmerksamkeit für wert befunden, haben sich die Lexikonmacher etwas Neues einfallen lassen. Die Zahlen steigen Stück für Stück in Richtung der horizontalen Mittellinie auf und vergrößern sich, sowie sie in der Mitte angelangt sind, zur jeweiligen Bandnummer im Prägedruck. Silberne Lettern auf dunkelblauem Grund verwandeln sich in dunkelblaue auf silberner Fläche. Nach diversen James Rizzi- und André-Heller-Experimenten hat Brockhaus mit der Neuausgabe des fünfbändigen Lexikons zu einer klaren Gestaltung zurückgefunden – und das ist gut so.

Die äußerliche Noblesse macht neugierig auf die inneren Werte des 'Fünfbändigen'. Etwas gewöhnungsbedürftig sind die in blau abgesetzten Stichwörter und die ebenfalls farbig hervorgehobenen Seitenzahlen am Kopf der Seite. Eine sinnvolle Neuerung: die im Vergleich zur 8. Auflage leicht vergrößerte und deshalb ohne Mühen lesbare Schrift. In der aktuellen Ausgabe informieren 125 000 Stichwörter in mehr als 90 000 Artikeln über Fakten und Zusammenhänge aus Geschichte, Wirtschaft, Gesellschaft, Technik, Naturwissenschaften, Kunst und Freizeit. Welche Phasen durchläuft der Konjunkturzyklus? An welchen Symptomen lässt sich das Lassafieber erkennen? Warum ist der französische Philosoph „Voltaire“ so wichtig für die deutsche „Geschichtsschreibung“? Und welche sind die 50 umsatzstärksten multinationalen Unternehmen? Wenn man schon nicht alles wissen kann, so sollte man sich zumindest in die Lage versetzen, die fehlenden Informationen auf unkomplizierte Weise beschaffen zu können. Neben dem klassischen Stichwortgut sind auch sehr viele zeitbezogene Fakten und Entwicklungen auf dem Gebiet der Informatik undder Telekommunikation sowie aus der Welt der Mode und des Sports berücksichtigt worden – von „Agenda 2000“, „Acid House“ und „digitale Signatur“ über „Gender Mainstreaming“, „Genpatent“ und „Kickboard“ bis hin zu „Mobbing“, „Mobilfunk“ und „MP3“.

Umfassende Übersichtsartikel widmen sich 196 Ländern. Neben Landkarten und den wichtigsten Daten werden die Länder unter den Aspekten „Staat und Recht“, „Landesnatur“, „Bevölkerung“, „Wirtschaft und Verkehr“, „Geschichte“ sowie „Kunst und Kultur“ dargestellt. Klassische Kulturländer wie „Frankreich“, „Griechenland“ und „Indien“ werden über viele Seiten in ihrer Literatur, Musik, Malerei, Mythologie, Philosophie und Religion vorgestellt. Auch die Artikel zu den Kontinenten – in Band 1 Afrika, Asien und Australien – präsentieren sich trotz großer Informationsfülle ausgesprochen leserfreundlich. Daneben finden sich längere Beiträge, die verschiedene Themen (das „alte und neue Berlin“, „Börse“, „Europa“, „Film“) unter unterschiedlichen Aspekten beleuchten. In bewährter Manier gibt das Nachschlagewerk auch Auskunft zu Betonung, Aussprache und Herkunft der Begriffe.

Da Wissen mitunter auch ‚Ansichtssache’ ist, d. h. auf visuellen Informationen basiert, darf sich der Leser im neuen Brockhaus an nicht weniger als 7 500 vorwiegend farbigen Bildern und 450 Karten sattsehen oder sich über die 3 400 Grafiken und 200 Tabellen freuen. Vor allem bedeutende Bauten und Meisterwerke der bildenden Kunst muss man gesehen haben – eine angesichts der Abbildung von Timm Ulrichs Performance „Zehn Stunden in einem geschlossenen Stein“ zugegebenermaßen manchmal eher beklemmende Tatsache. Anhand der Grafiken erfährt man nicht zuletzt allerhand Nützliches, etwa wie sich seismische Wellen bei einem „Erdbeben“ ausbreiten, die ‚stabile Seitenlage’ bei der „Ersten Hilfe“ funktioniert, wie „Asthma“ entsteht oder die „Bierherstellung“ funktioniert. Tabellen listen die „mathematischen Zeichen“ auf, die „Kraftfahrzeugkennzeichen“ der Städte und Landkreise oder die „Max-Planck-Institute“.

Die großzügige Bebilderung zieht sich durch bis zu den Randspalten, wo der Benutzer Logos von Firmen und Institutionen, Staats- und Stadtwappen, Zeichnungen von Tieren sowie Pflanzen und Fotos bekannter Persönlichkeiten vorfindet. Bernhard Grzimek und Gregor Gysi dürfen sich, soweit noch möglich, über Farbaufnahmen freuen, für unansehnlich befunden haben die Brockhaus-Redakteure offenbar Jürgen Möllemann. Ob aus Birgit Breuel, in der 8. Auflage nur als Präsidentin der Treuhandanstalt in Berlin ausgewiesen, inzwischen die (designierte) Expo-Chefin geworden ist? Bitte schlagen Sie nach.

Die Welt, das wird nirgends deutlicher als angesichts von Enzyklopädien, ist ungemein reichhaltig, dabei aber so komplex, dass sie notwendig ‚reduziert’ werden muss, um wie im vorliegenden Fall zwischen den zehn Buchdeckeln Platz zu bekommen. Wie umfassend der neue Brockhaus informiert, erfährt man am besten, wenn man unter Begriffen nachschlägt, die man als (noch) zu wenig verbreitet vermutet. Voilá, „Lippstadt“, die Geburtsstadt des Rezensenten wird in einem kleinen Artikel gewürdigt, der sogar Einzelheiten zu Stadtgeschichte und einzelnen Bauten nennt. Leider fehlt ein Eintrag zum Expressionisten Gustav Sack, der inzwischen so unbekannt nicht mehr ist. Und warum ist die mexikanische Ruinenstadt „El Tajín“ genannt, nicht aber das Wetterphänomen „El Ninjo“, das uns in den letzten Jahren mit zahlreichen Verheerungen heimsuchte? Es ist ein Leichtes, den Lexikonmachern kleinere Unregelmäßigkeiten nachzuweisen oder sich über Einträge wie den zur „Literaturkritik“ zu beklagen, die in Fachlexika sicherlich instruktiver dargestellt sind. Der umfangreiche Beitrag zu Goethe verzeichnet Neuausgaben bis zum Jahr 1998, läßt also die Ausgaben des Jubiläumsjahres unberücksichtigt. Dafür entschädigt das Lexikon mit dem Artikel zu Grass, für den „Mein Jahrhundert“ (1999) als „persönlich gehaltene historische Bilanz“ aufgenommen wurde. Auch wenn die von den Redakteuren getroffenen Entscheidungen nicht in jedem Fall nachvollziehbar sind (warum etwa bildet das Lexikon Nicolas Poussins Bild „Das Reich der Flora“ ab und nicht die kunstgeschichtlich ungleich bedeutendere „Landschaft mit Pyramus und Thisbe“?), stellt dieses Lexikon die allermeisten Sachbegriffe äußerst zuverlässig und mit einer bisweilen verblüffenden Detailtreue dar.

Sicher sollte man die lexikalisch aufbereitete Information nicht mit selbständig angeeignetem Wissen verwechseln. Trotzdem ist das eine die Basis des anderen. Beim Umblättern der Seiten wird man mitunter schmerzhaft darüber belehrt, an welchen Stellen in der eigenen Allgemeinbildung garstige Lücken klaffen, aber auch, was man noch alles dazulernen kann. Ich kann den Brockhaus deshalb auch als Lesebuch empfehlen. Das Wichtigste zum Schluß. Natürlich schwingt bei der Lektüre umfangreicherer Lexika auch immer die Idee einer nach Fortschritt, Aufklärung und Bildung strebenden Gemeinschaft mit – die Vorstellung, dass ein breit gefächertes Wissen die Menschen weniger selbstsüchtig, intolerant und grausam macht. Sie entstammt der Mutter aller lexikalischen Nachschlagewerke, d’Alemberts und Diderots berühmter „Encyclopédie“. Eine Ahnung davon vermittelt im fünfbändigen Brockhaus der Artikel „Gastfreundschaft“ mit seinen Querverweisen zu den Begriffen „Asylrecht“ und „Fremdenrecht“: „Bei der in früheren Zeiten herrschenden Rechtlosigkeit des Fremden war die G. ein heilig gehaltener Brauch. [...] Das christl. MA. übte die Gastfreundschaft als religiöse Pflicht.“ Das sollte uns doch zu denken geben.

Rezensiert von Frank Müller. Jahr: 2001

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