Dekonstruktion. Die Literaturtheorie der 1990er

Dahlerup, Pil

Berlin, New York: Walter de Gruyter 1998 (=Sammlung Göschen 2813). Aus dem Dänischen von Barbara Sabel.

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"Dekonstruktion", lächelt einen der Titel an. Schon mal gehört. "Die Literaturtheorie der 1990er", so geht der Werbefeldzug auf der Buchfront weiter. Schließlich lädt der Band auch noch deshalb so attraktiv zum Kauf ein, weil man kein Buch, sondern vielmehr ein Büchlein in den Händen hält. Auf nur 120 Seiten wird jene Theorie aufs Korn genommen, eingekreist und ausgewickelt, die seit Mitte der sechziger Jahre, von Frankreich ausgehend, nahezu alle ihr vorangehenden literaturwissenschaftlichen Denkweisen provozierend angegriffen hat. Der Widerspruch ist nicht minder heftig gewesen, und die Kontroverse um die oft zunächst schwer verständlichen Texte dauert noch an. Zumindest aber ist es der Dekonstruktion gelungen bewußtzumachen, daß Begriffe wie "Subjekt", "Werk", "Interpretation", "Autorintention", "Bedeutung" oder "Lesen" ihre Unschuld verloren haben und ihre weitere Verwendung reflektiert und gerechtfertigt werden muß.

So wie in der Chemie noch heute das veraltete Bohrsche Atommodell gelehrt wird, obwohl es seinen Gegenstand verfälschend repräsentiert, aber weitaus anschaulicher als alle neueren Modellvorstellungen des Atomaufbaus ist, wird die Literatur immer noch mehrheitlich nach den herkömmlichen Vorstellungen und Verfahren gelehrt und interpretiert. Andererseits gibt es wohl kein neueres Lehrwerk der Germanistik, das nicht wenigstens auf einem Dutzend Seiten in die Dekonstruktion einführt und damit allen Kriterien genügt, die eine wissenschaftliche Halbbildung und der postmoderne Jargon fordern. Es muß daher dringend gefragt werden, ob es Pil Dahlerup, einer dänischen Literaturwissenschaftlerin, mit ihrer Einführung mittleren Maßstabs gelingt, sowohl einem hochkomplexen Thema gerecht zu werden als auch unter ihren Lesern Kompetenz zu stiften.

Immerhin muß ihr Buch etwas zu besitzen, das den anderen deutschsprachigen Einführungen unter dem Titel Dekonstruktion (zum Beispiel von Culler und Zima) fehlt: Was hätte den Verlag de Gruyter sonst dazu veranlaßt, 1998 ein Buch übersetzen zu lassen, das schon 1991 in Dänemark erschienen ist?

In vier Kapiteln stellt Dahlerup ihren Lesern wesentliche Punkte in der Entwicklung vom Strukturalismus zur Dekonstruktion vor. Sie sind dem Leser, den Ursprüngen der Dekonstruktion, den wesentlichen Methoden von Paul de Man sowie dem naheliegenden Verhältnis von Dekonstruktion und Feminismus gewidmet. Damit hält sich die Autorin, ohne es zu erwähnen, ziemlich genau an die fast zwanzig Jahre alte Einführung von Jonathan Culler.

Einen Wunschleser spezifiziert die Autorin nicht, so daß man über die von ihr verwendeten Begriffe auf die Zielgruppe dieser Einführung schließen muß. Es ergibt sich allerdings kein klares Leserprofil, wenn einerseits "signifiant" und "signifié", "Allegorie" und "Symbol", "différence" und "différance" erklärt werden, dafür aber "Aktanten", "Signifikate" und "Signifikanten" sich "libidinös" frei im Text tummeln und eventuell einem Leser Wörterbuchmühsal abverlangen, wenn dieser Saussure, Derrida, Lacan und die vielen anderen Autoren, um die es hier geht, noch nicht gelesen hat.

"Dekonstruktion bezeichnet viele Dinge", so begegnet einem der erste Satz in der besten aller möglichen Unschärfen, doch im Folgenden erklärt die Autorin hilfreich, daß man im weiteren Sinne unter Dekonstruktion verschiedene Denkweisen versteht, die gegen traditionelle Vorstellungen des Literaturbegriffs angehen. Im engeren Sinne kennzeichnet Dekonstruktion hingegen eine bestimmte Lektüreweise, die den Texten zugrundeliegende Widersprüche aufzudecken versucht.

Die hier getroffene Begriffsunterscheidung zieht sich durch alle Kapitel, in denen jeweils der eine oder der andere Aspekt stärker betont wird.

Im ersten Kapitel interessiert Dekonstruktion im Allgemeinen als Sammelbegriff für Theorien, die das Interesse von der Textstruktur auf den Akt des Lesens verlagern. Hatte der Strukturalismus betont, daß die Bedeutung eines Textes in der Kombination der Elemente besteht, aus denen er zusammengesetzt ist und die zuallererst analytisch erkannt werden müssen, haben im Gegenzug Autoren wie Wolfgang Iser, Umberto Eco, Stanley Fish und Jonathan Culler darauf hingewiesen, daß Bedeutung nicht entschlüsselt oder dem Text entnommen wird, sondern im Zusammenspiel von Text und Leser während der Lektüre entsteht.

Dahlerup beschränkt sich auf die exemplarische Darstellung von einigen dieser Theorien und ihrer Anwendung auf die Beschreibung oder die Interpretation literarischer Texte. Eingängig erklärt sie beispielsweise die vier Erwartungshaltungen, mit denen nach Jonathan Culler "der Leser der Dichtung begegnet": die "Erwartung von Abstand und Unpersönlichkeit", "von Totalität und Kohärenz", "von Signifikanz und Wesentlichkeit" sowie schließlich die "Erwartung von Widerstand".

Culler hat gezeigt, daß die äußere Umgestaltung einer kurzen Zeitungsmeldung in die Form eines Gedichts genau diese Lesestrategien hervorruft: der Text wird nun ganz anders verstanden bzw. interpretiert als in seiner ursprünglichen Form.

Andere Lesetheorien betonen den Aspekt der eigenen Erfahrung, die man während der Lektüre auf den Text projiziert, so daß dementsprechend individuelle, unterschiedliche Lektüren als der natürliche Fall angesehen werden. Betont eine Lesepädagogik diese Lektüreweise mit dem Argument, das Individuum dadurch zu stärken, gefährde man dadurch allerdings die Möglichkeit, aus der Literatur fremde Erfahrung zu schöpfen, als auch die Fähigkeit, sich in anders Denkende hineinversetzen zu können.

Hier wie in den späteren Kapiteln führt die Autorin an einer eigenen Beispielanalyse die unterschiedlichen Lesearten vor. Diese Anwendung der vorgestellten Theorien kann als eine der Stärken dieser Einführung gewertet werden.

Sozusagen in medias res erklärt Dahlerup im zweiten Kapitel den von der Linguistik übernommenen Strukturalismus relativ ausführlich. Dies ist deshalb plausibel, weil der Strukturalismus Ausgangspunkt des Dekonstruktivismus ist. Keine andere Theorie hat den Strukturalismus so ernst genommen wie die Dekonstruktion, die ihn derart auf die Spitze getrieben hat, daß dessen Widersprüche offensichtlich wurden. Kernthese des Strukturalismus ist die Feststellung, daß Bedeutung einem Element nicht inhärent ist, sondern "als Relation zwischen dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten" entsteht.

Dabei vergißt Dahlerup allerdings zu betonen, daß die Bedeutung eines Zeichens aus strukturaler Sicht nur als Relation zu anderen Zeichen entsteht. Wollen wir das Zeichen verstehen, brauchen wir andere Zeichen, die es 'interpretieren'. Diese Verschiebung ist prinzipiell unendlich, eine Struktur demnach nicht fest und geschlossen, sondern fließend und offen. An dieser Stelle setzt die Dekonstruktion ein, wie Derrida in seinem grundlegenden Text 'Grammatologie' zeigt.

Im Umgang mit Derrida, dem 'Vater' der Dekonstruktion, nimmt das Gebaren der Autorin gegenüber ihren Lesern und der Dekonstruktion geradezu groteske Züge an: Auch wenn die Dekonstruktion, wie sie anfangs geschrieben hat, den absoluten Wahrheitsbegriff der Wissenschaft ad absurdum führt, so ist dies noch lange kein Grund dafür, eine Theorie, die für die exakten Textauslegungen durch ihre Urheber bekannt ist, zuerst als 'unlesbar' zu maskieren und dann dem Leser weismachen zu wollen, daß man sie ihm dennoch 'ganz einfach' darlegen könne. "Der beste Weg durch den Theoriedschungel ist ein kritisches Gespür. Dies braucht man besonders, wenn es sich um die Dekonstruktion handelt", warnt sie den Leser. Dann wird ein erster Text Derridas ausdrücklich als abschreckendes Beispiel mit dem Hinweis zitiert, daß man von Derrida nur soviel wie nötig lesen sollte.

Das Zitat entpuppt sich dann glücklicherweise doch als eine Schlüsselstelle, welche von der Autorin anschließend ausführlich erklärt wird. Die Dekonstruktion wird vor allem als Zerstörung des strukturalen Denkens in Gegensätzen erkennbar. Die wichtigsten Arbeitsschritte der "Dekonstruktion als Analysemethode" werden hervorgehoben, doch Dahlerups abschließende Bewertung Derridas ist ein gutes Beispiel dafür, wie durch verkürzte Darstellungen Vereinfachungen geradezu gefährlich dummen Charakter annehmen können:

"Verschiedentlich wurde versucht, Derridas Außenseitertum damit zu erklären, daß er Jude sei. Es gibt gute Argumente für diese Betrachtungsweise, doch stellt sie zugleich auch eine starke Vereinfachung dar."

Diese lehrerhafte Darstellungsweise, nämlich gelungene bis verkürzende Darstellungen zu geben verbunden mit dem Hinweis, daß die Originaltexte wesentlich komplexer und schwieriger seien als die eigene Darstellung, zieht sich auch durch das zentrale Kapitel des Buches, in dem die Autorin Barbara Johnson, J. Hillis Miller und Paul de Man als Vertreter der literarischen Dekonstruktion vorstellt. Paul de Man wird der größte Raum gewidmet, denn er hat "vor anderen den Vorteil, ernst genommen werden zu können — über sein Verfahren mag Uneinigkeit herrschen, unstrittig ist aber, daß er meint, was er sagt."

Auch an anderen Stellen äußert sich der Drang der Autorin nach solcher 'Klarheit'. Es scheint ihr zu entgehen, daß die Verwischung der Grenze zwischen Literatur und Wissenschaft gerade als eine Folge der von ihr selbst referierten Literaturtheorie betrachtet werden muß. Die Erkenntniskraft der Dekonstruktion eines Paul de Man liegt, wie sie schildert, in besonderem Maße dem intensiven Leseprozeß zugrunde, der jenseits der grammatischen und semantischen Textoberfläche durch die Rhetorik beschreibbare Beziehungen erfaßt, die sich gerade nicht vereindeutigen lassen. Diesen Erkenntnisstand gesteht sie nur dem Textobjekt zu, nicht aber Texten über Texte.

Anstatt sich auf eine argumentative Ebene zu begeben, ist die Autorin im Anschluß an ihre Darstellungen ständig "der Meinung, daß"; "sie glaubt, daß" usw. Dazu ein Beispiel aus dem letzten Kapitel über Dekonstruktion und Feminismus, in dem sie verschiedene feministische Autorinnen und deren dekonstruktivistische Ansätze vorstellt und als grundlegendes Problem die Vermittlung theoretischer Erkenntnis und feministischer Praxis betont: "Für mein Teil glaube ich, daß mehr Schaden als Nutzen darin liegt, 'männlich' und 'weiblich' losgelöst vom biologischen Geschlecht zu sehen."

Solche bloß dahinformulierten Meinungen, die jeden Leser brüskieren, der sich fragt, warum denn diese Perspektive schaden soll, erwecken den Anschein, als wäre die Autorin ihrem Gegenstand stellenweise immer dann intellektuell nicht gewachsen, wenn es nach der Darstellung um die Auseinandersetzung und Bewertung der Theorien geht. Theoretische Erkenntnis fällt dann plötzlich herab zu Meinung, der sie als Verfasserin ihre eigene Meinung unbegründet entgegenhält. Für eine solche, lediglich gefühlsbedingte Wertung sollte aber weder in der Literaturtheorie noch in der Literaturdidaktik Platz sein.

Diesen kritischen Vorwurf entkräftet zwar die immer wieder gelungene Zusammenfassung einzelner dekonstruktivistischer Ansätze, und man könnte gegen ihn auch anführen, daß der Platzmangel einer kleinen Einführung diese derart verknappte Darstellung bedingt, aber mit einer Einführung in das Halbwissen tut die Autorin nur demjenigen Leser einen Gefallen, der in einer Prüfung ein paar Sätze zur poststrukturalen Literaturtheorie aufsagen muß und sich dazu einige Namen und Begriffe aus Dahlerups Büchlein gemerkt hat.

Wer sich darüber hinaus für Dekonstruktion als Verfahren interessiert, sollte sich daher entsprechende Textsammlungen dekonstruktivistischer Analysen besorgen und sich daran abarbeiten. Die Mühe lohnt sich garantiert, wenn man mehr wissen und können möchte, als mit der Verfasserin in ihrem Epilog zu sagen: "Alles ist relativ. So kann man die Lehre der Dekonstruktion zusammenfassen."*

 

*Als Fußnote läßt sich hinzufügen, daß diese Einführung ein Paradebeispiel für die Notwendigkeit von Fußnoten ist, die hier durchgehend fehlen. Nicht nur hätte man dort hilfreiche Angaben zu den erwähnten Autoren machen können; auch viele der erklärenden Einschübe, die den Lesefluß immer wieder erheblich behindern und zudem unelegant wirken, hätten sich dort unterbringen lassen.

 

(Und warum dieser dünndidaktisierten Dekonstruktion das Stichwortverzeichnis fehlt, läßt sich höchstens als logischer Widerspruch verstehen.)

Rezensiert von Torsten Pflugmacher.

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