Brockhaus - Die Enzyklopädie: in 24 Bänden, Band 2-12

Brockhaus (Hg.)

Leipzig, Mannheim: F.A. Brockhaus 1996-97

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Der neue Brockhaus: Halbzeit

Im Brockhausverlag wird fleißig gearbeitet. Monat für Monat erscheinen die Folgebände... Dennoch ist es auffallend still geworden um die spektakuläre Neuerscheinung. Inzwischen ist das Dutzend voll, und es wird Zeit, sich wieder einmal genauer darin umzusehen. Wie in meiner Rezension des ersten Bandes angekündigt, gilt es zu prüfen, ob sich denn die hohen Anforderungen, die der Verlag sich gestellt hatte, erfüllen.

Auf die äußeren Merkmale brauche ich nicht mehr einzugehen, sie sind traditionell gleichgeblieben und gleich gut. Das Hauptaugenmerk liegt also auf der inhaltlichen Durchsicht.

Die Schlüsselbegriffe sind in Band 8 der neuen Auflage von neun auf sechs reduziert worden. Interessant sind die Begriffe, die weggefallen sind: Gerechtigkeit, Gesellschaftskritik, Gesundheit und Glück. Hier stutzt der Nachschlagende. Erachtet etwa der Brockhaus in seiner Neuauflage, also zwölf Jahre nach der alten, diese Begriffe nicht mehr als so wichtig, daß er sie herausgehoben ins Bewußtsein setzten müßte? Offensichtlich glauben die Damen und Herren bei Brockhaus diesen vier Weggefallenen nun den Weg ins Normalregister frei machen zu können. Haben sich also Gerechtigkeit, Gesellschaftskritik, Gesundheit und Glück damit jetzt "standardisiert", steht es besser um sie oder geht es ihnen inzwischen gar so schlecht, daß man sie nicht noch unnötig ins Blickfeld rücken möchte?

Glück zum Beispiel? Vom Schlüsselbegriff zum einfachen Stichwort degradiert oder avanciert? Man weiß es nicht und rätselt! Bestünde der Brockhaus nicht auf Sachlichkeit, könnte man an der Streichung aus exponierter Stelle ja geradezu den Zustand unserer Gesellschaft ablesen: gerechter sind wir geworden, gesellschaftskritischer, gesünder und glücklicher. Oder ist es eben gerade umgekehrt,und muß man vertuschen?

Dafür sind aber in Band 9 der neuen Ausgabe die Schlüsselbegriffe gleich geblieben, und das will etwas heißen: Grundwerte und Heimat! Eigentlich müßte hier der Gesellschaftskritische helllesig werden: für die Grundwerte und die Heimat sind die Benutzer offensichlich noch nicht reif genug, als daß diese Begriffe nach zwölf Jahren ins "Normal"register eingeschlossen werden dürften. Da könnte man ins Grübeln kommen, hätte man doch gerade vermutet, daß nach der Wiedervereinigung Deutschlands Grundrechte und Heimat wieder zurechtgerückt seien. Oder wollen uns etwa die RedakteureInnen erst recht sensibilisieren? Ist es zum Beispiel noch nicht soweit mit der Heimat, wohl aber mit dem Glück? Genauso ergeht es dem Benutzer mit dem Band 11. Die Schlüsselbegriffe Journalismus, Jugend und Kernenergie sind mit der vorherigen Auflage identisch. Zweifel kommen auf.

Der eher ratlose Leser tut, was er soll: nachlesen Er staunt, denn da hat sich inhaltlich kaum etwas geändert, eine Literaturangabe mehr oder eine andere aktualisiert, die Sätze hier und da neu formuliert und verständlicher präsentiert. Das ist lobenswert und wichtig, aber den Kopf zermartern hätte man sich nicht müssen, etwa über den tieferen Sinn der Schlüsselbegriffe. Der Leser ist beruhigt, fast hätte er ja schon mehr dahinter vermutet als bloße Schlüssigkeit durch's Schlüsselloch! Kurz gesagt: nach 12 Bänden stellt sich die Auswahl der Schlüsselbegriffe eher als reine Geschmacksache heraus oder als viel Lärm um nichts . . .

Bei der lockeren Durchsicht des Stichwortkatalogs fallen Änderungen auf, die erfreulich, aber nicht grundlegend sind.

So wurden die Informationen über den Künstler Jochen Gerz erweitert und die Abbildung eines seiner Werke von 1986 gegen ein anderes von 1991 ausgetauscht.

Der Text über die Gesamthochschule dagegen ist in der neuen Ausgabe stark verkürzt, und die Literaturangabe wurde bis auf eine einzige gestrichen. Bedenkt man, daß die Diskussion um die Gesamthochschulen zur Drucklegung der 19. Auflage hochaktuell war, also auch in entsprechender Ausführlichkeit behandelt wurde, so muß man sich fragen, ob die RedakteureInnen die knappe Beschreibung in der 20. Auflage bewußt inszeniert haben, wird doch die Gesamthochschule nicht mehr mit Lobeshymnen überschüttet wie einst. Ist also Zusammenstreichung von Text und Literaturangaben gleichbedeutend mit Ignoranz, indem man sich auf das Nötigste beschränkt? Insbesondere wenn man demgegenüber das Stichwort Gesangbuch unter die Lupe nimmt und sieht, daß es in der neuen Ausgabe noch ausführlicher behandelt wird. Die Akzente, die von der Redaktion gesetzt werden, sind manchmal für den kritischen Benutzer nur schwer zu durchschauen ...

Einige Beschreibungen von Begriffen bleiben beängstigend konstant und könnten zu der Vermutung verleiten, daß sie analog in der Gesellschaft ähnlich verfestigt sind. Erfahren Text und Literaturangaben über die Hausfrau eine Erweiterung, bleiben beide beim Stichwort Hausmann nahezu identisch. Ist es zu spitzfindig anzunehmen, daß der Hausfrau noch immer eine größere Bedeutung beigemessen wird als dem Hausmann? Was mag wohl der/die emanzipatorisch gesinnte Benutzer/in dazu sagen?

Interessant ist ein Gesichtspunkt, der eigentlich erst beim zweiten Hinsehen auffällt und auch nur im Vergleich mit der 19. Auflage klar wird. Unter dem Stichwort Glücksspiel findet sich eine aufschlußreiche Tabelle über die Höhe der Einsätze. Im Vergleich zu der Tabelle in der 19. Auflage ( von 1987) hatte sich immerhin die Summe der Bruttoeinsätze in der 20.Auflage fast verdreifacht. Bedenkt man weiterhin, daß die Arbeitslosenzahlen sich von 1987 an drastisch erhöht haben, so könnte man zu dem plausiblen Schluß kommen, daß die Bundesbürger in wirtschaftlich schlechten Zeiten im Glückspiel ihre Hoffnung finden ...

Ganz nebenbei stellt der aufmerksame Leser auch noch fest, daß aus der "Bundesrepublik Deutschland" in der Tabelle der 19. Auflage schlicht "Deutschland" in der neuen Tabelle geworden ist!

Andererseits zeigen solche inhaltlichen Vergleiche zwischen den einzelnen Ausgaben des Brockhaus durchaus gesellschaftliche Relevanz und machen damit eigentlich das Nachschlagewerk auf eine andere Weise interessant: der Benutzer täte gut daran - für eine umfassendere Information - , immer gleich zwei oder drei Auflagen zur Hand zu haben, um tiefere Einblicke in das zu erhalten, was der Brockhaus alles kann. Dabei würde er am Beispiel Heimat grundlegende Erkenntnisse über eine Begriffswandlung sammeln. In der 17.Auflage von 1969 verfaßten Brockhausredakteure noch einen Satz wie: "Bes. im Deutschen begreift das Wort eine Gemütsbindung ein, das Daheim-Geborgensein. (sic kursiv)" Nicht nur die schräge Formulierung und kursive Hervorhebung, sondern vor allem die inhaltliche Aussage tauchen Gott sei Dank (!) weder in der 19. noch 20. Auflage wieder auf. Die neue Auflage für sich genommen könnte eine solche Aufklärung nicht leisten.In der Gesamtschau der einzelnen Ausgaben würden aber durchaus Entwicklungen von gesellschaftlicher Relevanz und verän-dertem Begriffsverständnis offenbar, unterstellt man dem Brockhaus neben angestrebter Sachlichkeit, auch jeweils ein "Kind seiner Zeit" zu sein. Aus meiner Sicht zeichnen sich hier Möglichkeiten einer gesellschaftsgeschichtlichen Synopse via Brockhausvergleich ab. Würde man eine kühne Zukunftsvision wagen, könnte man diese Idee schnell und problemlos umsetzen, hätte man die neunzehneinhalb Ausgaben abrufbereit auf CDs gespeichert. Genau hier läge die Chance für das Jahrtausendwerk!

Beim weiteren Durchblättern und Vergleichen fragt man sich eigentlich immer wieder das gleiche: nach welchen Kriterien wurde hier etwas hinzugefügt und dort etwas weggelassen? Zum Begriff Gnadenstuhl beispielsweise findet sich in der 19. Auflage eine Abbildung, die in der neuen fehlt. Ich finde das schade, da sich gerade der nichtchristliche Benutzer nur mit dem Text alleine wenig vorstellen kann. Aber solche Bedenken sind zugegebenermaßen sehr subjektiv. Auch für BrockhausredakteureInnen?

Bei anderen Begriffen fragt man sich natürlich, ob sie überhaupt notwendig sind, beziehungsweise warum andere ersatzlos gestrichen wurden: das Stichwort Gnadenwahl wird erwähnt, der Graf Robert von der Golz - immerhin in der 19.Auflage noch mit mehreren Zeilen beschrieben - verschwindet sang - und klanglos. Dafür ist Whoopi Goldberg mit Text und Bild vertreten, während man auf eine Abbildung von Goethes Arbeitszimmer in der neuen Auflage verzichten muß. Ob sich nun neben dem Stichwort Gold die Abbildung eines Goldbarrens befindet wie in Ausgabe neunzehn oder ob sie fehlt wie in zwanzig, ist sicher nicht weltbewegend; geteilter Meinung könnte man allerdings wiederum darüber sein, ob eine Tabelle über die Entwicklung des Goldpreises in der neuen Ausgabe nicht hätte fortgeschrieben werden müssen ... Andererseits freue ich mich - als Kunstliebhaberin -, wenn man im neuen Brockhaus eine Abbildung zum Werk des Künstlers Goepfert findet, die in der Ausgabe davor fehlt. So muß das eine eben dem anderen geopfert werden, sicher nicht immer zu jedermanns Nachschlagemotivation.

Gar nicht einsichtig erscheint mir die Einordnung des Begriffes Golf-Syndrom unter dem Stichwort Golfkrieg. Das Golf - Syndrom hängt zwar ursächlich mit dem Krieg zusammen, ist aber als eigenständiges Stichwort zu verstehen.

Über solche Kleinigkeiten wird man sich wahrlich nicht aufregen. Allerdings bleibt die Frage, warum dann überhaupt eine neue Auflage, wenn sich die Unterschiede häufig nur an Geringfügigkeiten und Gusto festmachen lassen. Hier liegt die Crux eines jeden neuen Nachschlagewerks: es ist praktisch schon veraltet, bevor der letzte Band erscheint.

Und ganz nebenbei stolpert man über diese oder jene Kuriosität.

In der neuen Ausgabe liest man einen zwölfzeiligen Text mit Literaturangabe und Photo über John Charles Harsanyi, Jahrgang 1920, der in der 19. Ausgabe komplett fehlt. Offen- sichtlich hat Herrn Harsanyi erst der Nobelpreis im Jahre 1994 würdig gemacht, in den Kanon der Brockhausgrößen eingereiht zu werden. Allerdings wurden in der gleichen Ausgabe auch die Harlem Globetrotters, ein amerikanisches Basketballteam, mit immerhin zwanzig Zeilen und einem 6x6 cm (!) großen Photo zum ersten Mal aufgenommen. Wer die Wahl hat, hat die Qual ... Schließlich muß auch dem sportbegeisterten Brockhausfan etwas geboten werden ...

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Bei einer Neuauflage ist gewiß das Eingliedern der aktuellen Begriffe aus allen Bereichen das erste und wichtigste Anliegen, aber auch die Überarbeitung des bisherigen Bestandes sollte eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Andererseits: hat nicht der Verlag diesbezüglich wohlweis -lich vorgebaut? Während in der 17. und 19. Auflage noch eine "völlig neubearbeitete" Enzyklopädie von den Redakteuren versprochen wird, ist in der zwanzigsten nur noch von einer "überarbeiteten und aktualisierten Auflage" die Rede. Zu einem "völlig neu..." mochte man sich offensichtlich nicht mehr entschließen!

In diesem Zusammenhang fällt so manche Unterlassung am Rande (!) auf, die schmunzeln läßt.Fast alle abgebildeten noch lebenden Personen scheinen jenseits jeglichen Alterungsprozesses zu sein. Ihre Portraits blieben gleich! Nicht so bei Gerhart Hauptmann. Obwohl schon lange tot, wurde seine Photographie ausgetauscht: auf der einen schaut er nach rechts, auf der anderen nach links!

 

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Abbildungen von Gebäuden kommen erfreulicherweise besser weg: das Thyssenhochhaus präsentiert sich in der neuen Ausgabe in farbig und die Metroplitan Opera, New York, aus einem anderem Blickwinkel. Die Ruhrgebietsstadt Herne untermalt ein wunderschönes Buntphoto. Etwa um einen Ausflug ins Revier schmackhaft zu machen? Auch die Stadt Hamburg wird mit zwei neuen Photos bebildert. Hier war augenscheinlich ein Redakteur am Werk, der Städten mehr Aufmerksamkeit zuteil werden ließ als Personen. Individuelle Vorlieben nehmen ihren Lauf...

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Manches wundert einfach. So sind in Band 9 der neuen Auflage die Seiten 470 bis 484 optisch und inhaltlich fast wie die 19.Auflage gestaltet. Hat man sie bei der Durchsicht vergessen oder gab es tatsächlich auf immerhin 14 Seiten keinen Anlaß zur Revision?

Offensichtlich nimmt man es auch mit der Quellenangabe nicht mehr so genau. Angaben, die in der 19. Auflage noch erscheinen - als ein Beispiel sei die Tabelle mit den Handelsklauseln erwähnt -, sucht man in der zwanzigsten vergeblich.

Die Neuausgabe eines Nachschlagewerkes kann naturgemäß nicht die vorangegangenen ignorieren und würde auch unglaubwürdig, wenn sie es täte, aber es bleibt schon noch der Anspruch auf Qualität und Perfektion. Zugegeben: die Darstellung eines Politikers wie Gorbatschow ist in der neuen Ausgabe weitreichender und klarer als in der alten, ebenso die sachliche Sprache im Artikel über Gorleben, die künstliche Intelligenz oder den Islam, um nur einige wenige Problemfelder zu nennen.

Aber worauf läuft es letztendlich hinaus: auf eine veraltete Neuauflage! Schade um's Geld? Wer mag noch setzen: im Moment steht's 0:0 für die 19.+ 20. Auflage! Es geht in die 2. Halbzeit ...

Rezensiert von Ilse-Angelika Jones. Jahr: 1998

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