Brockhaus - Die Enzyklopädie: in 24 Bänden (Band 13-21)

Brockhaus (Hg.)

Leipzig, Mannheim: F.A. Brockhaus 1998

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Der neue Brockhaus: Dem Ende entgegen ...

Seit Anfang 1999 liegt der 21. Band der neuen Brockhaus-Enzyklopädie vor. Es wird nicht mehr lange dauern, und die Ausgabe ist mit ihren insgesamt 24 Bänden komplett.

Wenn man bedenkt, daß noch vor drei Jahren - als der erste Band erschien - das Werk als große Errungenschaft zur Jahrtausendwende gepriesen worden war, so ist es jetzt - 1999 - kaum noch in des einen oder anderen Munde. Liegt es daran, daß äußerlich eben alle Bände einer solchen Ausgabe gleich sein müssen und daher allein optisch keine Überraschungen mehr bereithalten, oder ist es einfach schon zur Routine geworden, mit berechenbarer Selbstverständlichkeit die neuen Bände aufzunehmen und aneinanderzureihen? Man wartet geduldig drei Jahre lang auf jedes Buch, um dann endlich alle zusammen fein säuberlich geordnet eher im Bücherschrank (um den teuren Goldschnitt zu schonen) als im Regal verstauben zu lassen. Man hat ihn, den Brockhaus, als Vorzeigeobjekt aus Prestigegründen, und ab und zu schlägt man etwas nach, freut sich aber womöglich mehr an der wertvollen Ausgabe in der Hand als an der Ergiebigkeit der Information. Das Schicksal der neuen Bände folgte damit bald dem der alten. Die junge Generation wird in 20 oder 50 Jahren eines Tages diese schönen Bücher erben und als kostbare Antiquität hüten. So jedenfalls erging es vielen "Brockhäusern" in der Vergangenheit. In Zukunft wird wohl die Alternative ganz anders heißen: entweder eine Enzyklopädie von ca. 2,50 m Länge im Bücherregal oder eine Bockhaus-CD in der Schreibtischschublade. Wer das Rennen tatsächlich gewinnt, muß sich zeigen.

Zu den Schlüsselbegriffen in Band 14 gehört u. a. das Stichwort "Massenmedien", das in leicht verständlicher Weise umfassend "aufgeschlüsselt" wird. Man geht sowohl auf die Medienentwicklung der letzten Jahre ein als auch auf politische Funktionen und soziale Perspektiven. Die Literaturangaben hören leider beim Jahr 1996 auf, was im Bereich der neuen Medien bedauert werden muß, da gerade hier die Auseinandersetzung mit dem Thema immer wieder neu kontrovers geführt wird.

Andere Schlüsselbegriffe wie z. B. "Telekommunikation, frühere Bez. Fernmeldewesen, Nachrichtenwesen" (Anmerkung für die ältere Generation!) in Band 21- sicher nicht minder rasant in ihrer inhaltlichen Veränderung als die Massenmedien - werden da besser bedient und mit Literatur bis zum Jahr 1998 versehen.

Da die Brockhaus-Redakteure mit dem Anspruch aufgetreten sind, eine aktualisierte Ausgabe zu veröffentlichen, wäre gerade bei den Literaturangaben der Ansatzpunkt für die Meßlatte anzulegen. Hier ist - denke ich - berechtigte Kritik am Platze. Ähnliches fällt etwa bei dem Begriff "Steuerreform" in Band 21 auf. Auch ein Thema, das permanenter Wandlung unterliegt. Eingehenderes Redigieren hätte hier sicher aktuellere Literatur zitieren können: die letzten Angaben datieren aus dem Jahr 1991. Ein weiteres Beispiel findet sich in Band 16. Zu dem Stichwort "Personalführungsmodelle" wird Literatur bis zum Jahr 1995 angegeben.Da es sich bei diesem Begriff um einen relativ jungen Forschungsansatz handelt, der in der aktuellen Diskussion steht, hätte sich hier neuere Literatur gut gemacht. Auch die inhaltliche Debatte zu diesem Begriff erscheint mir schwach, ergänzende Hinweise auf "Steuerungsmodelle" bei der Personalführung oder gar das Stichwort selbst fehlen ganz.

Andererseits kann man nicht abstreiten, daß sich ein Großteil der Schlüsselbegriffe aus dem Bereich moderner Techniken rekrutiert. So taucht in Band 15 der Schlüsselbegriff "Multimedia" auf. Es wird hier insbesondere auf Computertechniken eingegangen, und deren Auswirkungen auf die Datenbe- und -verarbeitung werden beschrieben. Obwohl es sich jeweils um komplizierte Zusammenhänge handelt, ist die Darstellung auch für einen Laien verständlich, was durchaus lobend hervorgehoben werden darf. Ob sich die Schlüsselbegriffe tatsächlich immer mit den Bedürfnissen der LeserInnen oder deren eigener möglicher Akzentuierung decken, ist eine andere Frage; an dieser Stelle spielt sicher auch die subjektive Sichtweise des Redaktionsteams eine Rolle. Somit bleiben Auswahl und Bearbeitung der Schlüsselbegriffe letztendlich relativ, erscheinen aber doch nicht unglaubwürdig.

Wie schon in meinen beiden früheren Rezensionen festgestellt, gibt es bei den jetzigen Folgebänden - was die Aufmachung und formale Seite angeht - keine Überraschung mehr. Dennoch merkt der prüfende Leser bei dem einen oder anderen willkürlich ausgesuchten Stichwort auf.

Vielleicht muß an dieser Stelle einmal erwähnt werden, daß es immer wieder wohltuend ist und eine Erleichterung, daß bei schwierigen , ausländischen Namen von Personen und Sachen die phonetische Umschrift mitgeliefert wird, so daß eine gewisse Sicherheit bei der Aussprache gewährleistet ist.

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In Band 14 findet sich eine Reihe erfrischender Photos und Abbildungen. Königin Margarete II. von Dänemark lächelt freundlich und unpreziös in die Kamera , was sicher eher die moderne Monarchie verkörpert als das kronengeschmückte Haupt der Königin Elisabeth II.. Auch die Abbildung der Mickey Mouse ist als "Wie-sie-leibt-und-lebt"-Darstellung für alle Disneyfreunde eine wahre Augenweide.

Die biographischen Anmerkungen zu Ulrike Meinhof (seltsamerweise ohne Photo) fallen eher dürftig aus. Wenn man bedenkt, daß Frau Meinhof immerhin eine terroristische Gruppe gründete, von der eine massive innerstaatliche Bedrohung der BRD ausging und die zahlreiche politische Morde und Anschläge plante und ausführte, so nimmt sich die Beschreibung ihrer Person verharmlosend aus.

Positiv ist, daß François Mitterrands Todestag (8.1.1996) bereits aufgenommen wurde, während die Ehefrau von Fürst Rainier III., obwohl schon viele Jahre tot, im neu erschienenen Band 18 dagegen immer noch lebt. Solche Informationslücken dürften sich - bei einem Werk mit solchem Anspruch und sorgfältiger Recherche - nicht einschleichen.

Immer wieder fraglich ist natürlich auch die Bedeutung, die den einzelnen Stichwörtern zugemessen wird. Die Kriterien für Auswahl und Ausführlichkeit der Beschreibung hängt sicher nicht nur von sachlichen Argumenten ab. Dem Stichwort Motopark Oschersleben wird z.B. ein zwölfzeiliger Text gewidmet und eine aufwendige farbige Rennstreckenskizze über fast eine halbe Seite hinzugefügt. Gemessen an der landläufigen Kritik, die an Autorennen, Rennstrecken und Landschaftsverschandelung geübt wird, erscheinen mir diese aufwendigen Details zu Oschersleben über Gebühr berücksichtigt. Fortgeführt wird dieses offensichtliche Faible für Motorsport in Band 18, wo darüber hinaus noch 8 farbig gedruckte Rennformeln zu finden sind. Ist hier wohl ein Redakteur dem Automobilsport verfallen???

Das Thema Rente in Band 18 wird zugestandenermaßen intensiv behandelt, dennoch fragt man sich, ob aufwendige Farbtafeln über die durchschnittlichen monatlichen Zahlbeiträge aller Versichertenrenten zum Verständnis des bundesdeutschen Rentensystems notwendig sind, zumal sie vermutlich schnell veralten. Besonders unter dem Kosten-Nutzen-Gesichtspunkt eines Buchdrucks sollte vielleicht hier und da die ökonomische Seite vom Verlag strenger durchkalkuliert werden. Könnte möglicherweise durch straffere Zuordnung von Bild und Text die Brockhaus Enzyklopädie insgesamt preisgünstiger und damit für einen größeren Personenkreis erschwinglicher werden? Die Durchforstung der Gesamtausgabe auf wenig aussagekräftige und u.U. überflüssige Farbtabellen hin könnte hier hilfreich sein. Es hat schon in anderen Bänden - wie bereits aufgezeigt - eine Anzahl überflüssiger Abbildungen gegeben.

Beeindruckend differenziert ist die Information zum Stichwort Rußland. Der Leser erfährt den neuesten Stand der politischen Entwicklung und Veränderung dieses Landes. Hier ist der Farbdruck einer geographischen Karte sehr sinnvoll, wenn nicht sogar zum genaueren Verständnis unbedingt erforderlich. Demgegenüber ruft die farbige Abbildung der Auto- und Motorradrennstrecke Sachsenring im gleichen Band eher Kopfschütteln hervor

(s. Oschersleben!).

In Band 20 wundert sich so mancher Leser über die Gewichtung der Stichwörter Solar... und Spiel. Während die Begriffsbeschreibung von "Solar" und allen damit zusammenhängenden Stichwörtern zu Recht fast 7 Spalten umfaßt, wird der Begriff "Spiel" in 5 Spalten abgehandelt, gleichzeitig aber zum Schlüsselwort erklärt. Ein solches Beispiel unterstreicht die zu Anfang geäußerte Skepsis gegenüber einer rein sachlichen Rechtfertigung bei der Priorität von Begriffen. Individueller Geschmack spielt immer auch eine Rolle und relativiert letztendlich ein Nachschlagewerk in seinem Anspruch auf neutrale Objektivität.

Der Brockhaus - das Standardwerk für alles und jeden? Sicher ein ästhetisch schönes Beispiel für hochwertigen Buchdruck und Glanz. Sicher ein guter, schneller Griff für den ersten Zugang zu Tat-, Sach- und Personenwissen.

Und immer noch eine bibliophile Bereicherung für jeden, der`s mag. Wer die alte Ausgabe noch nicht hat, könnte die Anschaffung der neuen überlegen. Wer die alte allerdings schon besitzt, kann sich diese neue Ausgabe (!) sparen...

Rezensiert von Ilse-Angelika Jones. Jahr: 1999

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