Brockhaus - Die Enzyklopädie: in 24 Bänden, Band 1

Brockhaus (Hg.)

Leipzig, Mannheim: F.A. Brockhaus 1996

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lirum,larum,löffelstiel,
wer alles liest, der weiß sehr viel,
lirum,larum eilherbei,
der brockhaus ist der letzte schrei

Mit dem Erscheinen des ersten Bandes der 20. Auflage der neuen Enzyklopädie aus dem Brockhaus Verlag im Herbst 1996 könnte man die alte, 19. Auflage von 1986 für überholt erklären.

Wenn man den neuen ersten Band nun aber so vor sich hat, ist man auf zweierlei Weise erstaunt: der erste Eindruck ist die Nähe seiner äußeren Form zur alten Ausgabe. Der gleiche Einband, der gleiche aufwendige Goldschnitt und die hervorragende Bild- und Papierqualität sind unverändert geblieben. Äußerlich also keineswegs überholt. Auch nicht überarbeitet? Warum eine Neuauflage? Doch halt, plötzlich fällt die Änderung auf: Aus dem schlichten Titel "Brockhaus Enzyklopädie" der 19. Auflage wurde "Brockhaus - Die Enzyklopädie". Genau das ist der Punkt! Wer hätte gedacht, daß es möglich wäre, die Bedeutung des Nachschlagewerkes und das Selbstbewußtsein des Verlages durch das Hinzufügen dieses kleinen unscheinbaren Wörtchens "die" so genial zu steigern? Ein wahrlich gelungener werbewirksamer "Coup" für die neue Auflage. Oder sollte gar mehr dahinter stecken?

Im Vorwort der 19.Auflage aus dem Jahre 1986 hieß es damals schon vielversprechend und nicht gerade bescheiden "Die Brockhaus Enzyklopädie beschreibt und erklärt die Welt von A bis Z;" in der neuen Ausgabe verspricht die Redaktion dem Benutzer nicht nur die Welt von A bis Z, sondern weit mehr: "Jahrhundertbilanz und zugleich Übergang in die immer globalere Welt des anbrechenden neuen Jahrtausends." Aus der "Brockhaus Enzyklopädie" ist eben "Die Enzyklopädie" geworden: jahrhundert- und jahrtausendübergreifend!

Solche hochfliegenden Pläne wollen erstmal verwirklicht sein! Dem Herausgeber darf man zumuten, in die Beweispflicht genommen zu werden. Seriöse Verlagsarbeit braucht ja auch strenge Maßstäbe nicht zu scheuen. Und "Die" Enzyklopädie ist nunmal nicht irgendeine, eben nicht nur "Enzyklopädie", sondern sie ist - wie es im Vorwort der neuen Ausgabe heißt - "ein Werk besonderer Art". So weit, so gut mit den Ankündigungen, man wird sehen...

Die Neuauflage eines so voluminösen Werkes, das weder für Privatpersonen noch für Bibliotheken in Zeiten finanzieller Engpässe leicht erschwinglich ist, muß seinen hohen Preis wert sein. Dies läßt sich wohl am ehesten prüfen, wenn der erste Band einem inhaltlichen Vergleich mit der 19.Auflage standhält.

Es bietet sich an, die Begriffe, das Bildmaterial und den Informationswert auf Aktualität, Verständlichkeit und Wichtigkeit hin zu durchleuchten.

I. Die sogenannten Schlüsselbegriffe ...

Da sind zunächst allen voran die "Schlüsselbegriffe", denen eine besondere Bedeutung zugeschrieben wird und die deshalb wie in der alten Auflage besonders gekennzeichnet sind.

Ob Schlüsselbegriffe überhaupt gebildet und in einer Enzyklopädie als solche herausgehoben werden müssen, möchte ich grundsätzlich bezweifeln. Dies mag für ein Fachbuch vielleicht zutreffen. In einem Nachschlagewerk bringt der Benutzer/die Benutzerin jeweils seinen /ihren eigenen Schlüsselbegriff mit, also sein individuelles Stichwort, ohne das er ja gar nicht zu einem solchen Band greifen würde.

Geht man nun aber von den acht angebotenen Schlüsselbegriffen im 1.Band der neuen Auflage aus, fallen zwei Änderungen gegenüber der 19. Auflage auf: der Begriff Abfallbeseitigung in der 19. Auflage wurde in Abfallwirtschaft geändert, das Schlüsselwort Alkoholismus aus der früheren Ausgabe gestrichen, dafür wurde das Stichwort Aids aufgenommen.

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In der 19. Auflage steht Abfallwirtschaft noch als Synonym für Abfallbeseitigung, dazu findet man das ausladende, farbige Schema einer Müllverbrennungsanlage und eine Statistik über eingesammelte Müllmengen in der Bundesrepublik. Diese fehlen im neuen Band, sicher zu Recht, denn der Verlag muß natürlich immer wieder fürchten, daß schnellebiger technischer Fortschritt solche Angaben rasch als veraltet erscheinen läßt. Das Weglassen ist hier wohl ein Schutz, dem zu entgehen.Warum auch nicht? Der Mut zur Lücke...

Auch Hinweise auf die ehemalige DDR in der 19. Auflage sind selbstverständlich überholt. Unter dem Schlüsselwort Abfallwirtschaft liest man nun in dem neuen Band tatsächlich eine völlig überarbeitete Fassung. Der Text ist unter Berücksichtigung umweltbewußter Erkenntnisse und moderner Technik in gut verständlicher Sprache, auch für den Laien, geschrieben. Hier hat sich die Neubearbeitung bezahlt gemacht.

Interessant ist auch das Stichwort Alkoholismus, das ja in der neuen Ausgabe als Schlüsselwort den Rang verloren hat, den es in der 19. Auflage noch besaß. Vergleicht man beide Begriffe, fällt auf, daß im neuen Band mehrere vermeintlich wichtige Aspekte nicht mehr aufgenommen wurden, die unter dem Schüsselbegriff der alten Ausgabe noch zu lesen sind. Dort heißt es sinngemäß etwa so: Nach einem Jahr Alkoholkonsum ist jemand als süchtig zu bezeichnen. Man weiß nicht, ob sich hier die Haare sträuben oder ob man sich für ein Grinsen entscheiden soll. Kurz zusammengefaßt - was in diesem Fall Schlüsselbegriff war, wäre besser nie einer gewesen, und was jetzt nicht mehr Schlüsselbegriff ist, hätte besser einer sein können. Glücklicherweise gerät der Begriff Alkoholismus in der neuen Ausgabe zugunsten der Bezeichnung Alkoholkrankheit ins Aus.

Statt mit Alkoholkrankheit haben wir es also im neuen Werk mit dem Schlüsselbegriff Aids zu tun. Aids kam durchaus schon in der 19. Auflage vor, es gab dort zu diesem Stichwort eine eher wissenschaftliche Erklärung, die eigentlich für erste Informationen über die Immunschwäche ausreichte. Im neuen Band wird nun sehr ausführlich, meiner Meinung nach fast schon zu detailliert, auf die Krankheit eingegangen.

Der Vollständigkeit halber sollte nun in der Kategorie der Schlüsselwörter vielleicht noch ein Stichwort angeschaut werden, das gleich geblieben ist. Ich wähle den Begriff

Aggression . Im neuen Band wurden einige Ergänzungen eingefügt, über deren Wichtigkeit man streiten könnte, die aber durchaus Beispiele für Aggressionsverhalten sind, z.B. eine erhöhte Selbstmordbereitschaft, Intoleranz gegen Fremdgruppen (Nationalitätenhaß), Mißhandlung von Frauen und Kindern, Mobbing oder Terror im Büro.

Ganz neu eingefügt werden die "differenziellen Aggressionsmodelle", zu knapp beschrieben, als daß sie für den Laien unbedingt eine Bereicherung wären, für den Fachleser/die Fachleserin sicher wenig Neues bietend. Interessant ist auch ein Blick auf die pfeilmarkierten weiterführenden Begriffe, die allesamt gleich geblieben sind, was nach zehn Jahren wundert. Die Literaturangaben, die in der 19. Auflage mit den Erscheinungsjahren 1970 - 1985 noch gerade aktuell gewesen sein mögen, kehren in der 20. Auflage fast alle wieder und werden nur um einige Titel ergänzt, diese allerdings nur als Neuauflagen. Ein neuer Titel ist immerhin bemerkenswert: "Die aggressive Frau" (1993). An dieser Stelle müßte sich die Redaktion schämen. Die Bedeutung von Schlüsselbegriffen wird mit diesem Beispiel ziemlich relativiert und eben fragwürdig.

II. Stichpunktartige Sticheleien im geographischen Stichwörterkatalog ...

Unter dem Stichwort Aachen wurden drastische Kürzungen vorgenommen. Zwei komplette Seiten, auf denen Straßen- und Platzregister sowie ein Stadtplan in der 19. Auflage zu sehen waren, fehlen. Dies ist nicht unbedingt zu bedauern, denn wer schaut schon im Brockhaus nach, wenn er eine Straße in Aachen sucht, oder nimmt den Band gar mit auf den Weg, um sie zu finden. Interessant ist vielleicht, daß diese Angaben nicht nur in der neuen, sondern auch schon in der 17. Auflage von 1973 (!) weggelassen wurden. Hat sie etwa jemand vermißt, daß sie in der 19. Ausgabe wieder erscheinen mußten, oder waren sie dort nur Füllmaterial? In einem solchen Zusammenhang drängt sich die Frage auf, wer über Ausführlichkeiten in einer Enzyklopädie entscheidet und aus welchen Motiven heraus. Eine plausible Begründung für so manche Angabe gibt es möglicherweise gar nicht. Wahrscheinlich wird es wohl auch niemanden stören, daß im neuen Band sowohl das Autokennzeichen von Aachen als auch die Postleitzahl fehlen. Hat der Verlag etwa eingesehen, daß für solche Angaben andere Nachschlagewerke üblich sind als gerade "Die" Enzyklopädie von Brockhaus?

Oder ketzerisch gefragt: Könnte es sein, daß man aus geheimer, unerklärlicher Ehrfurcht vor DEM Brockhaus manche Angabe überbewertet? Dann wäre es höchste Zeit, sich als Leser/in zu emanzipieren...

Wer mag darüber rechten, ob in einem Kleinstädtchen wie Aarau mit 16.000 Einwohnern die Existenz eines Lehrerinnenseminars von Bedeutung ist und das Vorhandensein eines Obergerichts?

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Über die Stadt Abadan erfährt der Leser im neuen Band, was begrüßenswert ist, einige wenige Sätze zum geschichtlichen Ursprung. Wenn man aber bedenkt, daß diese Stadt eine der größten Erdölraffinerien der Welt besitzt und etwa 310.000 Einwohner zählt, kommt sie im Vergleich zum Dorf Aarau doch eher zu kurz. Auch der Hinweis, daß die petrochemischen Werke der Stadt im Wiederaufbau begriffen sind, nachdem sie in der 19. Auflage noch stillgelegt waren, ist doch eher lapidar.

In der 19. Auflage erfährt der Benutzer nichts über das Stadtwappen von Aberdeen, dies gleicht der Verlag jetzt mit einer farbigen Abbildung aus. Für den Heraldiker sicher eine Bereicherung und Freude.

Bei der Neubearbeitung einer Enzyklopädie nach zehn Jahren kann man wohl davon ausgehen, daß sich eine große Anzahl von Fakten gar nicht verändert, wohl aber deren politische Umgebung. Der Bereich Geographie wäre hierfür ein Beispiel. Es wurden zwei Stichwörter unter diesem Aspekt ausgesucht: der Erdteil Afrika und das Land Abchasien.

Nach der 20. Auflage hat Afrika 1993 170 Millionen mehr Einwohner zu verzeichen als 1984. Diese Angabe erscheint fast unglaublich, denkt man an Kriege und Naturkatastrophen gerade auf diesem Kontinent. Der Benutzer staunt zwar, aber wer könnte diese Behauptung der Brockhausredaktion nachprüfen? Man nimmt sie zunächst als richtig an.Die Informationen in einer Enzyklopädie genießen aus unerfindlichen Gründen ein großes Ansehen, denn der Leser verläßt sich meist blind darauf. Warum eigentlich? Für den Verlag bedeutet dies ein hohes Maß an Verantwortung bei den Recherchen. Fallen einem als Benutzer/in dann allerdings Ungereimtheiten auf, ist es mit der traditionell angenommenen Glaubwürdigkeit schlecht bestellt.

Einige Beispiele seien genannt. Man könnte sagen, eigentlich nicht der Rede wert, trotzdem . . . In der Tabelle für die Berge Afrikas wird in der 19. Auflage noch der Meru mit 4567 m als vierthöchster Berg genannt, gefolgt vom Ras Daschan mit 4550 m. In der neuen Ausgabe finden sich in der Tabelle andere Messungen. So rückt der Ras Daschan mit 4620 m an die vierte und der Meru auf die fünfte Position. Andere Beispiele ließen sich nennen.Solche Änderungen wären möglicherweise interessant, wenn sie im Text kommentiert würden, wozu im Kapitel "Klima" durchaus Gelegenheit wäre. Man könnte sonst tatsächlich auf die Idee kommen, irgendwo in der 19. oder 20. Auflage müsse sich ein Fehler eingeschlichen haben. Übrigens einen vergleichbaren Fall findet man unter dem Stichwort Abondio (italienischer Medailleur). In der 19. Auflage wird sein Todestag mit dem 22.5.1591 angegeben. In der 20. Auflage starb er schon 19 Tage früher. Zugegeben, es handelt sich eher um Kleinigkeiten, wer sich aber im Vorwort beider Ausgaben selbst in den höchsten Tönen lobt, muß sich an diesem Anspruch messen lassen.

Doch zurück zu Afrika. Die geographische Karte in der neuen Ausgabe hat einen leicht größeren Maßstab und ist deshalb übersichtlicher. In der Tabelle über die Seen fällt im Vergleich zur alten Ausgabe auf, daß die Maße des Tschadsees sich drastisch verändert haben: seine Fläche hat sich um ca. 2000 qkm verkleinert, und seine Tiefe ist um einen Meter vermindert. Auch hier wäre ein entsprechender Hinweis im Text aufschlußreich gewesen, sofern es sich um echte Werte und nicht etwa um Flüchtigkeitsfehler handelt. Ähnlich verändert hat sich die Länge des Nigers, der von 4184 km auf 4160 km geschrumpft ist.

Auch darüber, daß in der neuen Ausgabe auf der Karte über bedrohte Tierarten der Elefant und das Nashorn in Südafrika fehlen, weist keine erläuternde Textpassage hin. Im Gegenteil sowohl die Beschreibungen der Pflanzenwelt als auch der Tierwelt sind in der 19. und 20. Auflage fast identisch. Lediglich der Nationalpark "Komoe" wurde namentlich hinzugefügt.

Auch das Kapitel "Afrikanische Völker und Kulturen" ist im wesentlichen gleich geblieben, sieht man davon ab, daß in der letzten Zeile die Stadt Abidjan nicht mehr als Beispiel für Slums angegeben wird (Gibt es dort keine mehr?) und daß bei der Beschreibung von Arbeiterghettos das Beispiel Johannisburg fehlt (Etwa weil sie alle aufgelöst sind?). Oder haben sich gar die Städte beim Verlag wegen sozialer Diskriminierung beschwert und wurden deshalb gestrichen? Verständlich wär's!

Ansonsten fließt die Information über den Kontinent Afrika mäßig verändert dahin. Aufhorchen läßt eins: Der 53(!)zeilige Abschnitt über Bildung in der 19. Auflage fiel einer ausführlicheren Beschreibung von Industrialisierung und Außenwirtschaft in der 20. Auflage zum Opfer. Der wachsame Leser könnte anfangen, sich Sorgen zu machen: Brockhaus gegen Bildung für Wirtschaft! Böses Zeichen oder nur fatale Unterlassungssünde?

Völlig überarbeitet wurde allerdings das letzte Teilkapitel, das im neuen Band bezeichnenderweise "Neueste Entwicklung" betitelt ist, während es in der 19. Auflage noch "Neuere Entwicklung" hieß. Tatsächlich wird auf Umstürze politischer Verhältnisse, Demokratisierungsbestrebungen und religiöse Auseinandersetzungen eingegangen. Die Literaturangaben zum Thema Afrika am Ende des Kapitels wurden zwar verdreifacht, neueste Erscheinungen, wie die Kapitelüberschrift hätte vermuten lassen, finden sich allerdings nicht - im Gegenteil, die Erscheinungsjahre der bibliographierten Werke liegen näher an der 19. Auflage als an der jetzigen. Hier wiederholt sich die Kritik, die schon beim Stichwort Aggression geäußert worden ist.

Als neues Stichwort taucht in der 20. Auflage das Land Abchasien auf. Hinzugefügt wurde auch ein Farbphoto vom Rizasee. In der alten Ausgabe findet man das Gebiet noch unter der Bezeichnung "Autonome Sozialistische Sowjetrepublik". Es wird dort mit mageren 17 Zeilen

beschrieben. Ganz neu und auf die politischen aktuellen Gegebenheiten hin ist der Text im neuen Band geschrieben worden. In gut anderthalb Spalten werden die Geschichte des Landes und sein Weg in die Unabhängigkeit dargestellt. An dieser Stelle hat sich ohne Wenn und Aber die 19. Brockhaus-Auflage überholt.

III. "Abhanden gekommene Sachen" oder der Hang zur Pedanterie ...

Es hat mich immer schon gewundert, wie ein Verlag es schafft, Wissen so zusammenzufassen, daß es eine bestimmte Anzahl von Bänden nicht überschreitet und trotzdem die Informationen, die landläufig zu einer Art Grundbildungskatalog gehören, liefert. Bei näherer Prüfung fällt auf, daß in der neuen Ausgabe tatsächlich immer wieder Angaben weggelassen werden zugunsten neuer bzw. anderer, wodurch der Ausgleich erfolgt. Nicht alles erscheint dabei plausibel.

Einige Beispiele sollen hier genannt werden.

Unter dem Stichwort Claudio Abbado wurde der 7zeilige Hinweis auf seinen Vater Michelangelo ersatzlos gestrichen. Ausgetauscht wurde allerdings das Photo des Herrn Abbado jun. und, obwohl die 20. Auflage 10 Jahre nach der 19. erschienen ist, sieht Herr Abbado erheblich jünger aus. Kleinigkeiten dieser Art sollten redaktionell auch eine Rolle spielen, um authentisch zu wirken. Solche Vergleiche entfallen natürlich, wenn Personen in der 19. Auflage ohne Photo präsentiert wurden, in der 20. aber mit. So kann man sich jetzt von Roman Abt und Friedrich Achleitner auch bildlich eine Vorstellung machen. Daß man in der neuen Ausgabe zusätzlich einen Holzschnitt vom Aderlaßmännchen geboten bekommt, ist sicher anschaulich und im Zusammenhang mit dem Text auch aufschlußreich.

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In der 19. Auflage findet sich das Stichwort Abramalin, angeblich der fiktive Autor eines Zauberbuches. In Kindlers Literaturlexikon lassen sich weder er noch die Namen der beiden in diesem Text erwähnten Herren S. L. M. Mathers und A. Crowley aufstöbern. Man fragt sich, was eine solche Angabe also wert war! Im neuen Band tauchen sie jedenfalls nicht mehr auf!

Geradezu stutzig macht in der alten Ausgabe eine komplette Seite über die Beschreibung des Adjektivs, mit seinen linguistischen Eigen- und Besonderheiten. So ähnlich wie bei dem Stadtplan von Aachen hat wohl hier auch ein vernünftiges Redaktionsmitglied entschieden, daß eine solche Wortartbeschreibung eher in eine einschlägige Grammatik gehört als in eine Enzyklopädie. Der Lektor atmet auf, daß er schon wieder eine Seite gewonnen hat, denn die Problematik des Weglassens ist ja gleichzeitig die Frage nach dem Platzgewinn für neue Mitteilungen. Es wäre ja auch schwer vorstellbar, daß eine 20. Auflage nur noch die Hälfte der 19. umfaßte.

Jedoch - an Zusatzmaterialien gibt es keinen Mangel! Personen wurden neu aufgenommen, die Künstlerin Marina Abramovic zum Beispiel. Andere werden intensiver und wortreicher beschrieben, eine Ehre, die der russische Lyrikerin Anna Achmatowa im neuen Band zuteil wurde.

Selbst Adam und Eva blieben nicht von Änderungen verschont und erhielten - wichtig oder nicht - eine andere Plazierung im Alphabet und ein bißchen mehr Text. Warum man allerdings das Stichwort Ablaß erheblich ausführlicher beschreibt als in der 19. Auflage und obendrein mit einer Farbabbildung versieht, bleibt unklar, und die neuen Literaturhinweise u.a. auf K. Rahner erstaunen bei diesem eher sehr speziellen Begriff.

Das Stichwort Abguss wird in der neuen Auflage durch das Bild der Totenmaske von Blaise Pascal untermalt.

Seltsamerweise bleiben aber auch Stichwörter in beiden Auflagen exakt identisch und schlagen mit 14 Zeilen zu Buch, über deren Nichtigkeit dann hoffentlich in der 21. Auflage ein aufgeweckter Lektor stolpert. Wie häufig mag wohl der Benutzer der Brockhaus Enzyklopädie unter dem Stichwort abhanden gekommene Sachen nachgeschlagen haben? Ich denke, hier wäre der Gang zum Fundbüro schlichtweg effektiver.

Kunstdrucke aus der abstrakten Kunst sind allesamt unverändert aus der 19. Auflage übernommen worden. Dagegen wurde die Farbphotographie eines Werkes von Alvar Aalto in der neuen Ausgabe durch ein Farbphoto des Konzert- und Kongreßhauses in Helsinki ersetzt. Entscheidungen dieser Art sind sicher nicht immer zu begründen. Muß ja auch nicht sein! Trotzdem . . .

Wie mag es aber bei dem Stichwort Abschreckung zugegangen sein? In der 19. Auflage findet sich ein Abendpfauenauge in Abwehrhaltung als bildliche Erklärung zur "Abschreckung". So richtig schrecken mochte das wohl die Benutzer nicht. Wurde deshalb wohl diese Abbildung durch das Farbphoto einer drohend blickenden Raupe vom Großen Gabelschwanz ausgetauscht, um den Leser so besser das Fürchten zu lehren? Da das Stichwort "Abschreckung" es offensichtlich so schwer hat, richtig schreckhaft zu wirken, hätte man es besser weglassen sollen. Wenn es um solche eher sekundären Entscheidungen geht, kann ein Kritiker wohlwollend großzügig sein.

 

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Nicht aber im folgenden Fall! Es ist nicht so bedeutungsvoll, ob nun der Dichter Achternbusch auf dem einen (19. Auflage) oder dem anderen (20. Auflage) Photo attraktiver aussieht, unverzeihlich ist, daß bei einem noch lebenden Autor (Jahrgang 1938) die Werke, die sowohl in der 19. Auflage als auch in der 20. zitiert werden, im Jahre 1986 mit dem Stück "Heilt Hitler" aufhören. Eine schnelle (!) Anfrage im Internet zeigt, daß Achternbusch in den Jahren 1992 - 1995 noch mehrere neue Bücher und Filme veröffentlicht hat, die also vor Erscheinen des neuen Brockhaus auf dem Markt waren. So etwas dürfen sich einfach die renommierten Brockhausenzyklopädisten nicht erlauben, das ist unentschuldbar schlechte Recherche!

IV. Und was gibt es Neues zur Technik?

Viel Neues im Vergleich zur 19. Auflage findet sich, wie zu vermuten war, im Katalog der technikorientierten Stichwörter. Die Beispiele, auf die näher eingegangen werden soll, haben entweder völlig andereTexte oder Bildmaterialien erhalten oder wurden von Grund auf überarbeitet.

Die Abgaswerttabelle wurde im neuen Band auf die europäischen Werte hin standardisiert.

Der Airbag erhielt neben der schematischen Darstellung der alten Ausgabe in der neuen eine zusätzliche farbige Konstruktionsabbildung mit genauerer Beschreibung, allerdings ohne Hinweis auf kritische Stimmen zum Airbag!

Die Umschreibung der Altlasten im alten Band, die relativ kurz und oberflächlich ausgefallen war, erhält im neuen Werk einen detaillierten, faktenuntermauerten Text, der die besonderen Verhältnisse der ehemaligen DDR miteinbezieht und aus umwelttechnischer und -bewußterer Sichtweise die Probleme darlegt.

Während in der 19. Auflage noch recht viel sorgloser mit der Gefährlichkeit von Alphastrahlen unter dem Stichwort Abschirmung umgegangen wird, sind die Abschirmbedingungen in der 20. bedeutend enger gefaßt. Ähnlich kritisch wird der Text über die Abrüstung formuliert. Zum Beispiel kam das Stichwort Abrüstungskontrolle in der 19. Auflage noch gar nicht vor. Auch die Literaturangaben wurden im neuen Band auf einen aktuellen Stand (bis 1995) gebracht.

V. Fazit ... eher vorläufig!

Am Layout, der Papierqualität, dem Anteil von Bildern, Photos und farbigen Abbildungen hat sich zwischen der 19. und 20. Auflage kaum etwas geändert.

Wer das erwartet haben solle, wird also enttäuscht sein! Das Erscheinen der 19. nach der 17. Ausgabe muß dagegen eine Sensation gewesen sein. Zwischen jenen beiden Auflagen lagen

Welten, hier wurden die Unterschiede auf Schritt und Tritt, von Seite zu Seite offenbar. Nicht so diesmal! Woran das liegt, läßt sich schwer sagen, vielleicht ist der Neuerscheinungszeitraum einfach zu kurz, oder das Redaktionsteam war nicht kreativ genug, wer mag darüber streiten.

Vielleicht wollte der Verlag auch nach der Wende 1989 schnell ein neues Publikum ansprechen, das natürlich wenig geneigt war, in der 19. Auflage seine eigene politische Zwangslage nachzulesen. Wie auch immer . . . Daß aber die neuen Rechtschreibregeln in der 20. Ausgabe schon umgesetzt worden sind, ist lobenswert, beeindruckt aber sicher nur am Rande.

Nicht zu unrecht könnte man zuguterletzt tatsächlich auf den Gedanken kommen - wie Kritiker auch schon verlauten ließen -, daß ein solcher "Foliant", im Vergleich zum gebündelten Wissen auf einer CD-Rom, nie so ganz auf dem aktuellen Stand sein kann. Wenn eine Enzyklopädie in Buchform dennoch ihre Berechtigung hat und LeserInnen findet, müssen die Gründe woanders liegen. Der Verlag ist dabei, ein Nachschlagewerk zu präsentieren, das für Bücherliebhaber optisch keine Wünsche offen läßt, ästhetisch ausgewogen für Auge und Hand. Aus dieser Sicht kann eine CD-Rom keine ernsthafte Konkurrenz bedeuten. Stellt man sich aber die Frage nach inhaltlichen Aspekten, wird man sehr wohl überlegen, ob man dieses teure Werk anschafft. Da reicht einem vielleicht noch der Informationsstand der 19. Auflage, oder man holt sich, genügt er nicht, die Antworten eben aus anderen Quellen.

Von allen diesen Kassandrarufen hat sich der Verlag offensichtlich weder beinflussen noch abhalten lassen. Mir scheint das Risiko nach Durchsicht des ersten Bandes hoch gepokert, man wird nach dem Erscheinen weiterer Bände sehen, wie es sich denn nun wirklich verhält .

Rezensiert von Ilse-Angelika Jones.

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