Bittner, Johannes: Digitalität, Sprache, Kommunikation. Eine Untersuchung zur Medialität von digitalen Kommunikationsformen und Textsorten und deren varietätenlinguistischer Modellierung

Bittner, Johannes

Berlin: Erich Schmidt Verlag 2003 (Philologische Studien und Quellen; H. 178, 323 S., € 39,80)

Diese Rezension ist erschienen in: OBST [Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie; 66] 2003, S. 163-168.

Einleitung

In den letzten Jahren hat die Zahl der Publikationen zum Thema „Neue Medien" stetig zugenommen (die Publikationsdatenbank des Servers Mediensprache.net verzeichnet beispielsweise 59 Arbeiten, die im Jahr 2003 hierzu veröffentlicht wurden). Es handelt sich um ein populäres Thema in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen – u. a. in der Linguistik, in der Medienwissenschaft und den Sozialwissenschaften.

Mit der Dissertation „Digitalität, Sprache, Kommunikation" – eingereicht an der Universität Freiburg und nun im Erich-Schmidt-Verlag in der Reihe "Philologische Studien und Quellen" veröffentlicht – ist eine weitere hinzugekommen. Jedoch soll es sich nach Aussage des Verlags nicht um eine beliebige Arbeit zu diesem Thema handeln: "Mit Digitalität, Sprache, Kommunikation liegt erstmals ein Buch vor, in dem die Digitalität als das qualifizierende Merkmal der „Neuen Medien" herausgearbeitet wird, und das die Veränderungen unserer Sprache und Kommunikation durch digitale Medien schlüssig erklärt" lautet ein Ausschnitt aus der Kurzbeschreibung auf der Rückseite des Buches.

Inhalt

Johannes Bittner beginnt seine Arbeit mit einer Darstellung der Entwicklung der neuen Medien, die oft auch als Medienwandel bezeichnet wird. Sprache und Kommunikation werden als von der Medialisierung beeinflusst begriffen, woraus eine besondere Brisanz der Digitalität für sprachwissenschaftliche Fragestellungen und veränderte Anforderungen an die Beschäftigung damit auf inhaltlicher und methodischer Ebene resultieren sollen. Bittner spricht sich für eine integrative Forschung der Sprach-, Kommunikations- und Medien wissenschaft aus, da die linguistische Forschung in der Vergangenheit mediale Einflüsse vernachlässigt habe. Diesen Weg möchte er nun gehen.

In Kapitel 2 wird ein Forschungsüberblick geboten. Dabei wird vor allem ältere, etablierte Literatur herangezogen. Zu den besonders ausführlich besprochenen linguistischen Untersuchungen zählen unter anderem Ruhnkehl/Schlobinski/Siever 1998 und Schmitz 1995, die in beinahe jeder Publikation zum Thema „Sprache in den neuen Medien" zitiert werden, neuere Publikationen dieser Autoren zu diesem Thema bleiben aber leider unberücksichtigt. Darüber hinaus werden auch sozial-, kommunikations-und medienwissenschaftliche Forschungsarbeiten besprochen, wodurch beim Lesen der Eindruck eines recht umfangreichen Forschungsüberblicks entsteht.

Kapitel 3 – mit „Varietätenlinguistischer Ausgangspunkt" betitelt – beschäftigt sich mit zwei bekannten Varietätenmodellen der deutschen Sprache, nämlich dem sternförmigen Modell von Löffler (1994) und dem Nähe-/Distanzkontinuum von Koch/Österreicher (1990 bzw. 1994). Die beiden Modelle werden ausführlich vorgestellt und kritisiert.

Im Zentrum der Arbeit liegen die Kapitel 4 bis 6. Hier legt Bittner auf jeweils ungefähr 60 Seiten die Ergebnisse seiner empirischen Analyse dreier Korpora dar. Dabei handelt es sich um ein Korpus mit 25 privaten Internet-Homepages, die von Menschen mit dem Nachnamen Wagner erstellt wurden und 1998 im Internet zu finden waren, ein Korpus zur E-Mail-Kommunikation mit 2.508 Nachrichten eines Multimedia-Verlags und ein Korpus mit sechs Chat-Diskursen, die im Sommer 1999 im Chat-maxx-Chat protokolliert wurden.

In Kapitel 4 beschäftigt sich Bittner mit verschiedenen Textsorten, die man auf privaten Homepages findet, und den vielfältigen Möglichkeiten, diese zu typisieren, wobei er einen Ansatz zur Textsortenklassifizierung von Raible mit sieben Dimensionen auf private Homepages überträgt. Anschließend werden die Kommunikationssituation und -bedingungen, der Objektbereich der Texte, die Kommunikationsplattform, das Verhältnis zwischen Text und Wirklichkeit, die Medien und Computer und Internet, verschiedene sprachliche Eigenschaften von privaten Homepages des Korpus (u. a. der Elaborationsgrad, lexikalische, syntaktische und morphologische Merkmale) und Beziehungen zwischen den vorgestellten Textsorten untersucht. Auf knapp vier Seiten werden die Ergebnisse noch einmal zusammengefasst.

In den beiden darauf folgenden Kapiteln werden ähnliche Untersuchungen an den beiden anderen Korpora angestellt. Bis auf einige Schwerpunktverschiebungen – so werden bei der E-Mail-Kommunikation (Kapitel 5) die diskursive Verwendung von E-Mails sowie das Verhältnis zwischen Text und Sprache und bei der Chat-Kommunikation (Kapitel 6) diskursanalytische Merkmale genauer beschrieben – wurden weitestgehend die gleichen Untersuchungskriterien auf die Korpora angewendet.

Kapitel 7 soll nach Aussage des Autors „die intrinsischen Qualitäten und Charakteristiken digitaler Medien auf theoretischer Ebene" (S. 269) behandeln. „Ziel ist es zu zeigen, daß es tatsächlich „technische" Faktoren sind, die bedingen, daß diese Medien andere, bislang nicht realisierte bzw. nicht realisierbare Formen und Funktionen von Sprache und Kommunikation ermöglichen." (ebd.) Zu diesem Zweck setzt sich Bittner mit den etablierten Methoden der Linguistik auseinander und stellt fest, dass in weiten Teilen der Geisteswissenschaft eine „allgemeine Medienvergessenheit" (S. 271) herrsche. Deshalb beschäftigt sich der Verfasser auf den Seiten 269-287 mit der Schrifttheorie, dem Verhältnis von geschriebener und gesprochener Sprache und den Eigenschaften digitaler Schriftsysteme.

In Kapitel 8 wird auf etwa zehn Seiten ein neues Varietätenmodell der deutschen Gegenwartssprache entworfen, in dem die Medien und Kommunikationsformen den nichtmedialen Lekten (Idiolekte, Soziolekte, Funktiolekte, Sexlekte und Dialekte) vorangestellt werden. Dem Medium kommt in Bittners Varietätenmodell eine zentrale Stellung zu, da seines Erachtens medial vermittelte Kommunikation „immer auch medial determinierte Kommunikation" ist, „weil der konkrete Kommunikationsakt nicht von dem Medium getrennt werden kann, in dem er getätigt wird, ohne daß er dadurch in einen ganz anderen Kommunikationsakt verwandelt würde." (S. 291)

Im letzten Kapitel – betitelt mit „Digitale Medien – ein Ausblick" – geht Bittner auf die zukünftige Bedeutung der digitalen Medien im etablierten Medienspektrum ein. Dabei bezieht er sich auf mehrere Bereiche, in denen die Digitalität schon unser kommunikatives Handeln beeinflusst (u. a. prozessierbare und operationalisierbare Maschinenschrift, -sprache und -rede).

Beurteilung

Schon die Darstellung des Buchinhalts verdeutlicht Bittners Versuch, sehr viele Aspekte digitaler Medien zu besprechen. Aufgrund der Fülle der angebotenen Informationen könnte fast der Eindruck entstehen, es handele sich bei dem Buch um eine Einführung in das Thema „Neue Medien und Kommunikation". Es ist aber Gegenteiliges der Fall. Zum einen werden meiner Meinung nach viele Themen (insbesondere bei den empirischen Analysen) nur sehr kurz angerissen (viele Untersuchungsaspekte werden nur auf einer halben bis einer Seite beschrieben), um einen einführenden Charakter zu haben, zum anderen ist die an anderen Arbeiten geäußerte Kritik so speziell, dass an einigen Stellen nur Leser, die sich schon intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt haben, Bittners Argumentationsweise nachvollziehen können.

Ein großes Manko der Arbeit ist die Art der Präsentation der Ergebnisse der empirischen Analysen. Hier stellt Bittner keine konkreten Zahlen/Werte dar, sondern gibt immer nur einzelne Beispiele für das Auftreten eines Merkmals (z. B. in Form von Screenshots oder Zitaten aus den einzelnen Korpora), oder er beschreibt die relative Häufi gkeit des Auftretens eines Merkmals. Unpräzise Sätze wie der folgende sind keine Seltenheit: „Deutliche Ausrücke des Bewußtseins der Produzenten vom restringierten Rezipientenkreis finden sich auf einer ganzen Reihe von Seiten." (S. 86). Ein besonders misstrauischer Leser könnte Bittner sogar vorwerfen, er stelle nur Behauptungen auf, ohne wirklich eine empirische Analyse betrieben zu haben. So konstatiert Bittner beispielsweise auf Seite 120, dass das Korpus beweise, dass „die grammatisch und orthographische Normgerechtigkeit der Texte nicht die Regel ist." Der Autor verrät aber nicht, wie er zu diesem Ergebnis gekommen ist und welche Kriterien er bei der Korpusanalyse in diesem Fall zugrunde gelegt hat.

Nur an einer Stelle der Arbeit legt Bittner konkrete Analyseergebnisse offen: Auf Seite 255 wird die Häufigkeit des Auftretens der verschiedenen im Korpus zur Chat-Kommunikation auftretenden Emoticons aufgelistet. (Dass es sich bei dem Thema Emoticons/Smileys um ein in der wissenschaftlichen Literatur schon fast zu intensiv behandeltes Thema handelt, soll nur am Rande erwähnt werden.)

Grundsätzlich problematisch ist auch die mangelnde Nachprüfbarkeit der Analyse-Ergebnisse. Der interessierte Leser hat zwar die Möglichkeit, im Internet auf der Seite <www.digitalitaet.net> Teile des E-Mail-Korpus (weitere Beispiele für die untersuchten Merkmale) und das Korpus zur Chat-Kommunikation einzusehen, jedoch fehlt dort das Korpus mit den privaten Homepages (auf der Internetseite zu dem Buch findet man die Begründung, dass erst „eine rechtliche Klärung der Publikationsgrundlage" erfolgen muss), und im Buch werden auch nicht deren Internet-Adressen angegeben.

Gleichwohl können aber auch einige positive Aspekte des Buches festgehalten werden. Obwohl es nicht die erste Arbeit ist, die sich mit privaten Homepages beschäftigt (es handelt sich aber doch im Vergleich zu den Kommunikationsformen E-Mail und Chat um einen sehr viel seltener erforschten Teilbereich der neuen Medien), so ist es doch die erste Arbeit, die diese Kommunikationsform in so großem Umfang beschreibt. Sinnvoll und neu erscheint auch die integrative Analyse der Korpora unter sprach-, kommunikations- und medienwissenschaftlichen Gesichtspunkten.

Positiv hervorzuheben sind des Weiteren Bittners zahlreiche Anregungen für weitere Forschungsarbeiten auf diesem Themengebiet.

Wenn man von dem teilweise zu spezialisierten Schreibstil und der zu wenig transparenten Präsentation der empirischen Analyse und Ergebnisse absieht, ist „Digitalität, Sprache, Kommunikation" ein durchaus lesenswertes Buch mit einem interessanten integrativen Ansatz. Der Autor berücksichtigt dabei die Forschungsergebnisse aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und richtet auch seine eigene Untersuchung an diesen aus. Des Weiteren wird die Bedeutung der medialen Rahmenbedingungen für digitale Kommunikationsformen herausgearbeitet.

Trotz der genannten kritischen Einwände empfehle ich es allen, die sich für sprach- und kommunikationswissenschaftliche Aspekte neuer Medien interessieren bzw. selbst auf diesem Gebiet forschen oder forschen möchten.

Literaturhinweise

  • Bittner, Johannes (2003): Die Dokumentation. <http://www.digitalitaet.net/content/ dokumentation/index.htm>. Rev. 2003-11-10.
  • O.V. (2003): Neue Literatur des Jahres 2003 (Literaturdatenbank des Servers mediensprache.net - Projekt sprache@web an der Universität Hannover). <http://www.mediensprache.net/de/literatur/suche/neuere.asp>. Rev. 2003-11-10.
  • Ruhnkehl/Schlobinski/Siever (1998): Sprache und Kommunikation im Internet.Überblick und Analysen. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  • Schmitz, Ulrich (1995): Neue Medien und Gegenwartssprache. Lagebericht und Problemskizze. In: Schmitz, Ulrich (Hrsg.): Neue Medien. Oldenburg: Redaktion OBST [Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie; 50] 1995, S. 131-159.

 

Rezensiert von Marcus Wetzchewald. Jahr: 2003

Zurück