Linguistisches Kolloquium (Campus Essen)

Michael Beißwenger - Albert Bremerich-Vos - Ulrike Haß - Bernhard Schröder - Evelyn Ziegler

Wintersemester 2016/17

Dienstags, 18-20 Uhr c.t.
Universität Duisburg-Essen, WST-C.02.12

Das aktuelle Programm des Linguistischen Kolloquiums finden Sie nun (und zukünftig) unter https://www.uni-due.de/germanistik/sprache/lingkoll.

 

Albert Bremerich-Vos - Ulrike Haß - Wolfgang Imo - Bernhard Schröder - Evelyn Ziegler

Sommersemester 2016

Dienstags, 18-20 Uhr c.t.
Universität Duisburg-Essen, (Achtung - Neuer Raum: WST-C.02.12

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Termine und Abstracts

 

03.05.2016
Jens Lanwer (Essen)
Appositionen im gesprochenen Deutsch: Methodologische Überlegungen zur Rekonstruktion eines
Konstruktionsnetzwerks
 

In der linguistischen Forschungsliteratur zu Appositionen herrscht allgemein wenig Einigkeit darüber, welcher Phänomenbereich genau mit dem Terminus Apposition erfasst wird bzw. erfasst werden soll. Nach Freienstein besteht zwar weitgehende „Einigkeit zumindest in der Annahme, eine Apposition bestehe aus zwei Elementen, einem Bezugselement und einem zu diesem Bezugselement in Relation stehenden weiteren Element“ (Freienstein 2008:11). An dem Umstand, dass „unter dem Begriff ‚Apposition‘ verschiedene sprachliche Phänomene gefaßt werden, daß die Grenzen der Apposition schwer zu umreißen sind und daß bisher keine allseits anerkannte Definition der Apposition gegeben worden ist“ (Molitor 1979:19), wie es Molitor bereits Ende 1970er konstatiert, hat sich jedoch nach wie vor nur wenig geändert. Das Ansetzen bspw. von Restriktionen im Hinblick auf die kategoriale Füllung bzw. Realisierung der beteiligten Elemente wird ebenso wie die einbezogenen semantischen Relationen zwischen diesen (Koreferenz, Synonymie, Hyponymie etc.) sehr unterschiedlich gehandhabt. Die formalen und funktionalen Kriterien zur Bestimmung von Appositionen erweisen sich in empirischen Untersuchungen entsprechend als äußerst heterogen. Aus konstruktionsgrammatischer Sicht drängt sich daher die Überlegung auf, dass es sich bei Appositionen ggf. nicht um eine grammatische Konstruktion sondern vielmehr um ein Netzwerk von funktional und/oder formal verwandten Konstruktionen handelt (vgl. auch bereits Imo 2015), wie es bspw. Acuña Fariña (2006) auch für das Englische annimmt.

Die Rekonstruktion eines solchen Netzwerkes bspw. im Rahmen einer interaktionalen Konstruktionsgrammatik (Deppermann 2011 sowie Imo 2015) erfordert nach gängigem Verständnis die Analyse einer sog. Kollektion potenzieller Instanzen (Token) im Idealfall verschiedener potenzieller (Sub-)Konstruktionen (Typen). Abgesehen von der Problematik, dass damit gewissermaßen Konstruktionshypothesen bereits den Ausgangspunkt der Untersuchung bilden, von denen also schon die Zusammenstellung der Kollektion geleitet wird (vgl. hierzu auch Bücker 2011:6–7), bleibt bei derartigen Analysen häufig der Weg von der Analyse von Einzelfällen zu den davon abgeleiteten und vor allem davon abstrahierten Konstruktionen intransparent. Dies führt dazu, dass letztlich auch die vereinzelt vorgenommenen Netzwerkmodellierungen (vgl. bspw. Bücker 2011, 2012) in ihrer Konstitution in gewisser Hinsicht intransparent bleiben. Der Grund hierfür liegt darin, dass letztlich das Bilden von Typen auf einer ähnlichkeits-basierten Zusammengruppierung von Gebrauchs-Token beruht und somit bereits selbst konstitutiver Bestandteil der Netzwerkmodellierung ist. Im Vortrag sollen daher – in einer methodenkritischen Auseinandersetzung mit der Konstruktionsgrammatik – entsprechende methodologische Fragestellungen, die dieses Zusammenspiel von daten-geleiteter Typenbildung und Netzwerkmodellierung betreffen, aufgeworfen und diskutiert werden.

 
 
24.05.2015
Nikolay Hakimov (Freiburg)
Der Einfluss der Gebrauchsfrequenz auf die Struktur vom russisch-deutschen Code-Mixing
 

Zu den typischen Charakteristika des inserierenden Code-mixing (Muysken 2000) gehört die Alternation zweier Typen von Insertionen: es werden entweder einzelne Wörter oder ganze syntaktische Konstituenten aus der eingebetteten Sprache in die Matrixsprache eingefügt. Indem die einzelnen Wörter der eingebetteten Sprache mit grammatischen Morphemen der Matrixsprache kombiniert werden, entstehen gemischte Konstituenten. Während das Auftreten der gemischten Konstituenten beim inserierenden Code-mixing den Normalfall abbildet (Myers-Scotton 1993), stellt das Inserieren syntaktischer Konstituenten, der so genannten „Inseln“, immer noch eine Herausforderung für die Sprachkontakttheorie dar, denn die vorgeschlagenen Erklärungen für deren Auftreten in bilingualer Rede – wie etwa die strukturelle Äquivalenz zwischen den Kontaktsprachen (Myers-Scotton 2003) oder der Status dieser Insertionen als holistische Einheiten im mentalen Lexikon (Backus 2003) – sind bisher weder kritisch hinterfragt noch systematisch untersucht worden. Vor diesem Hintergrund besteht das Ziel dieses Beitrags darin, die existierenden Erklärungen für die angesprochene Alternation zu überprüfen und Erkenntnisse über die Rolle der Gebrauchsfrequenz für die Struktur des Code-Mixing zu liefern.

Um dieses Ziel zu erreichen, wurde Code-mixing zwischen dem Deutschen und dem Russischen untersucht, denn Deutsch und Russisch sind fusionale Sprachen und weisen dadurch viele strukturelle Ähnlichkeiten auf. Es wurde ein Korpus russisch-deutscher bilingualer Konversationen unter russlanddeutschen SpätaussiedlerInnen erstellt. Das Code-mixing in diesem Korpus ist vom inserierenden Typ, wobei Russisch die Satzmatrix bildet, während Deutsch die Rolle der eingebetteten Sprache einnimmt. Die eingebetteten „Inseln“, die deutschen Präpositionalphrasen und attributiv erweiterten Nominalphrasen entsprechen, wurden extrahiert und den ähnlich strukturierten gemischten Konstituenten gegenübergestellt. Die Variation zwischen diesen alternierenden Strukturen wurden in Hinblick auf gebrauchsbasierte Faktoren untersucht. Zu diesen Faktoren zählten die Frequenz, mit der die jeweilige untersuchte Phrase im Deutschen verwendet wird (wie sie im großen deutschen Korpus deWaC bestimmt wurde, Baroni und Kilgarriff 2006), die Frequenz der die Phrase konstituierenden Wörter (auch gemessen im deWaC) sowie die Rezenz dieser Wörter im unmittelbar vorhergehenden Diskurs. Der jeweiliger Faktor, sein Erklärungsgehalt hinsichtlich der untersuchten Variation sowie seine Interaktionen mit den anderen Faktoren wurden statistisch, mittels eines gemischten Modells bestimmt und evaluiert.

Zu den Ergebnissen dieser Arbeit zählen folgende Erkenntnisse: Die Wahl zwischen einer „Insel“ und einer ihr entsprechenden gemischten Konstituente in bilingualer online-Produktion bestimmen in den beiden untersuchten syntaktischen Kontexten sowohl die  Phrasenfrequenz bzw. Kookkurrenz-Frequenz als auch die Frequenz eines der die Phrase konstituierenden Wörter, nämlich die Frequenz des Adjektivs in der attributiv erweiterten Nominalphrase bzw. die Frequenz des Nomens in der Präpositionalphrase. Die untersuchte Variation im Kontext der Präpositionalphrase hängt darüber hinaus vom Vorhandenseins des relevanten sprachlichen Materials im unmittelbar vorangehenden Diskurs ab: Wenn die bereits realisierte Präposition im vorherigen Diskurs vorkommt, ist es wahrscheinlich, dass diese Präposition auch in der untersuchten Phrase in derselben Sprache realisiert wird. Somit wird gezeigt, dass die gebrauchsbasierten Faktoren Frequenz und Rezenz das Auftreten deutscher syntaktischer Insertionen in bilingualen russisch-deutschen Sätzen erklären.

 
 
31.05.2016
Antje Dammel (Freiburg)
Früher war mehr Mut zur Lücke
Analepse von Determinantien bei NP-Koordination im Wandel
 
In diesem Vortrag geht es um die Auslassung von Determinantien in koordinierten Nominalphrasen
wie in der Tisch und _ Stuhl, also um einen Fall von Analepse.1 Untersucht wird, wie sich die
Möglichkeiten und Beschränkungen dieser Form der Analepse in der Diachronie des Deutschen
entwickelt haben. Im Gegenwartsdeutschen besteht hier eine klare formale Restriktion, die im
Vergleich mit Belegen aus früheren Phasen des Deutschen besonders deutlich wird, s. z.B. (1) aus
einer Leichenpredigt des 17. Jh.
 

(1) ein reissend Thier hat ihm seinen Leib und Seele getrennet

     (GerManC, SERM_P1_NoD_1677_LeichSermon)

In (1) wurde das zweite Possessivpronomen auf der Basis des ersten weggelassen. Das wäre für
Sprecher_innen des Gegenwartsdeutschen nur dann unproblematisch, wenn die beiden Konjunkte in
ihren morphosyntaktischen Merkmalen übereinstimmten (z.B. seinen Tisch und Stuhl). Ist dies nicht
der Fall wie in (1), wo ein Genuskonflikt besteht, muss das Determinans wiederholt werden (vgl.
Plank 1991, Demske 2001, King & Dalrymple 2004). Zweifel treten auf, wenn Determinantien formal
übereinstimmen, aber divergente morphosyntaktische Merkmale haben wie in (2). Wie sich im
Vergleich von (2a) und (2b) zeigt, spielt dabei auch die Erwartbarkeit der Koordination eine Rolle,
also ein semantisch-pragmatischer Faktor, für den Wälchli (2007) den Terminus natürliche
Koordination geprägt hat.
 
(2) a. Was kann ich tun, um die Nase und Ohren frei zu bekommen?
         (http://www.hno-forum.de/forum/schnupfen-weg-aber-nase-und-ohren-zu; 15.3.16)
 
      b. Die Stadt Göttingen ist berühmt für ihre Würste und Universität
          (Heine: Harzreise, Bsp. nach Wälchli 2007, 67)
 
Quantitative und qualitative Korpusanalysen am Bonner Fnhd.-Korpus (1350-1650) und an GerManC
(1650-1800) geben Aufschluss darüber, wie häufig Analepse trotz divergierender morphosyntaktischer
Merkmale in älteren Stufen des Deutschen war und welchen semantisch-pragmatischen
Bedingungen sie unterlag. Es zeichnet sich ein Hin-und-zurück-Wandel ab, für den abschließend
mögliche grammatikinterne und sprachsoziologische Auslöser diskutiert werden.
 
Literatur in Auswahl:

Blatz, F. 1896. Neuhochdeutsche Grammatik. Bd. 2. Satzlehre. 3. Aufl. Karlsruhe: Lang.

Hoffmann, L. 1998. Ellipse und Analepse. In: Redder/Rehbein (eds.) 1998: Grammatik und mentale Prozesse. Tübingen: Narr, 69-90.

Demske, U. 2001. Merkmale und Relationen. Berlin/New York: De Gruyter.

King, T. Holloway & M. Dalrymple. 2004. Determiner Agreement and Noun Conjunction. Journal of Linguistics 40(1), 69-104;

Plank, F. 1991. On determiners. 1. Ellipsis and Inflections. 2. Co-occurrence of possessives. Theme 7: Noun Phrase Structure. Eurotyp Working Paper No. 11. http://ling.unikonstanz.de/pages/home/plank/ for_download/publications/78_Plank_1991.pdf;

Wälchli, B. 2007. Co-compounds and natural coordination. Oxford. 

1 In Abgrenzung zur Ellipse, die nicht durch den grammatischen Vorkontext bestimmt ist (vgl. Blatz 1896, 138f., Hoffmann 1998).

 

07.06.2016
Torsten Zesch (Duisburg)
Normalisieren oder adaptieren? – Vergleich der konkurrierenden Ansätze zur Verbesserung der Verarbeitungsqualität computerlinguistischer Verfahren aus Social Media Daten
 
Die Verarbeitung von Social Media Daten stellt computerlinguistische Verfahren vor große Herausforderungen, die vor allem in der Verwendung nicht-standardisierter Wortformen, Fehlschreibungen, oder Emojis begründet liegen.
 
Zur Lösung des Problems wurden zwei konkurrierende Ansätze vorgeschlagen: Normalisierung von Fehlschreibungen und besonderen der Kommunikationsplattform wie z.B. Hashtags auf einen (angenommenen) Standard hin. Anschließend werden dann Standardverfahren zur computerlinguistischen Verarbeitung eingesetzt. Als Alternative wurde die Adaptierung der Verarbeitungswerkzeuge direkt auf Social Media Daten vorgeschlagen.
 
Der Vortrag diskutiert Vor- und Nachteile beider Verfahren anhand von Fallbeispielen vor allem aus dem Bereich des Part-of-speech Tagging.

 

14.06.2016
Beate Weidner (Münster)
"Schmeckt's?" Multimodale Verfahren des Bewertens im Koch-TV
 
Wenn in einem TV-Kochstudio fünf Starköche vor laufender Kamera gegenseitig ihre live zubereiteten Gerichte bewerten, liegt eine Interaktionssituation vor, die bestimmte kommunikative Aufgaben an die Interagierenden stellt: Sie müssen eine nur subjektiv wahrnehmbare gustatorische Erfahrung so vermitteln, dass sie intersubjektiv nachvollziehbar wird und die Zuschauer möglichst viele Informationen über die Qualität des Gerichts erhalten. Zugleich sollte die Bewertung nicht langweilig sein, da sich die untersuchte TV-Sendung auch als Unterhaltungsformat versteht. Außerdem müssen die Köche Strategien entwickeln, um negative Bewertungen zu vermitteln und entgegenzunehmen. Im Vortrag werden kommunikative Verfahren des Bewertens in dem bislang gesprächsanalytisch nicht untersuchten professionellen massenmedialen Interaktions­kontext einer Kochsendung herausgearbeitet. Da die Analysen auf Videodaten basieren, werden auch multimodale Kommunikationsressourcen in den Blick genommen, die für die Konstitution von Bewertungsverfahren eine zentrale Rolle spielen.
 
 
21.06.2016
Giorgio Antonioli (Turin)
Konnektintegrierbare Konnektoren an der Schnittstelle von Syntax und Prosodie. Zusammenhänge von topologischer Position und Informationsstruktur in Kontexten der Sprache-in-Interaktion
 
Gegenstand meines Vortrags ist eine empirische Untersuchung der Wortart Konnektoren und ihrer Verwendung im gesprochenen Deutsch. Genauer wird auf die sogenannten konnektintegrierbare Konnektoren eingegangen, d.h. auf diejenigen Konnektoren, die innerhalb ihrer Bezugsäußerung verschiedene topologische Positionen besetzen können (vgl. Pasch et al. 2003). Bei der Beobachtung des Vorkommens von einzelnen Konnektoren aus dieser besonderen Klasse im mündlichen Sprachgebrauch wird auf den Zusammenhang zwischen der jeweiligen topologischen Position des Konnektors und der Informationsstruktur der Äußerung, in der dieser erscheint, geachtet. In Anlehnung an die Vorgehensweise der Konstruktionsgrammatik (Deppermann 2011) und der Interaktionalen Linguistik (Imo 2007, 2014) erzielt die Untersuchung die Isolierung von wiederkehrenden syntaktisch-prosodischen Mustern, denen eindeutige unterschiedliche Funktionen zugeschrieben werden können. Somit soll nachgewiesen werden, wie die Freibeweglichkeit eines konnektintegrierbaren Konnektors die Gestaltung von verschiedenartigen Informationsstrukturen ermöglicht und wie sich die interaktionale Funktion des gegebenen Konnektors je nach seiner topologischen Position unterscheidet.
 
Literatur:

Deppermann A. (2011), Konstruktionsgrammatik und Interaktionale Linguistik: Affinitäten, Komplementaritäten und Diskrepanzen, in A. Lasch, A. Ziem (Hgg.), Konstruktionsgrammatik, Band 3: Aktuelle Fragen und Lösungsansätze, 205-238, Tübingen: Stauffenburg.

Imo W. (2007), Construction Grammar und Gesprochene-Sprache-Forschung. Konstruktionen mit zehn matrixsatzfähigen Verben im gesprochenen Deutsch, Tübingen: Niemeyer.

Imo W. (2014), Interaktionale Linguistik, in S. Staffeldt, J. Hagemann (Hgg.), Pragmatiktheorien. Analysen im Vergleich, 49-82, Tübingen: Stauffenburg.

Pasch R. et al. (2003), Handbuch der deutschen Konnektoren, Berlin: De Gruyter.

 
28.06.2016
Martin Edjabou (Paderborn)
Erzählstrategien über Afrika in ausgewählten bundesdeutschen Leitmedien: Interkulturelle Notizen zum medialen Diskurs über einen Kontinent
 
Im Zuge der wiederholten Versuche von Afrikanern durch gefährliche Überfahrten im Mittelmeer nach Europa zu gelangen, hat auch in deutschen Leitmedien die Berichterstattung über Afrika zugenommen. Im Rahmen dieses medialen Diskurses (verstanden als Fragment „Deutsch-afrikanische[r] Diskurse in Geschichte und Gegenwart“) wurde oft die Frage nach den Motiven der Auswanderung gestellt. Dabei entbrannten zum Teil emotionale Auseinandersetzungen. Auch die Möglichkeiten des Zusammenlebens wurden kontrovers diskutiert. In Zeiten globaler Migrationen sind sowohl Aufnahme- als auch Sendeländer in mehrfacher Hinsicht gefordert: Ein enormes Maß an gegenseitigem Verstehen wird hier vorausgesetzt. Eine zentrale Frage ist, ob man in diesem Diskurs bereit ist, auf „Homogenisierungen und Fixierungen“ (Michael Hofmann 2006, 9) des Kulturellen zu verzichten. Mit Blick auf den Diskurs in ausgewählten bundesdeutschen Leitmedien über „Bootsflüchtlinge“ aus Afrika möchte ich die Erzählstrategien in den Fokus stellen: Es soll mithin der Frage nachgegangen werden, auf welche narrativen Muster und damit Diskursfragmente bzw. -stränge, letztlich somit Diskurspositionen (im Sinne Foucaults) hier zurückgegriffen wird.
 
Kurzbiographie:

Foucault, Michel: 1981, Archäologie des Wissens. Aus dem Französischen von Ulrich Köppen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. [Original: Archéologie du savoir, Editions Gallimard, Paris, 1969].

Haller, Michael: 1997, Die Reportage. Ein Handbuch für Journalisten. UVK Verlagsgesellschaft, 4. Aufl., Konstanz.

Hofmann, Michael/ Morrien, Rita (Hrsg.): 2012, Deutsch-afrikanische Diskurse in Geschichte und Gegenwart. Literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven. Rodopi, Amsterdam/New York.

Hofmann, Michael: 2006, Interkulturelle Literaturwissenschaft. Eine Einführung. Wilhelm Fink Verlag, Basel et al..

Stanzel, Franz: 2008, Erzähltheorie. 8. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

 
05.07.2016
Irmi Wachendorff (Essen)
Soziale Positionierung durch typografische Variation in sprachlichen Landschaften (anhand der Daten aus dem Forschungsprojekt Metropolenzeichen – Visuelle Mehrsprachigkeit in der Metropole Ruhr)
 
Abstract folgt
 
 
12.07.2016
Larisa Kulpina (Chabarowsk)
Russlandbilder und ihre literarische Versprachlichung: Blick von innen – Blick von außen 
 
Die Texte deutscher Autorinnen und Autoren mit russischem Migrationshintergrund (Vladimir Kaminer, Jurij Andruchovyč, Olga Grjasnowa, Alina Bronsky, Katerina Poladjan, Nellja Veremej , Anna Kuschnarowa u.a.) bieten ein buntes und oft widersprüchliches Bild von Russland. Diese zum Teil klischeehaften, oft provokativen Bilder von ihrer „alten“ Heimat werden der deutschsprachigen Leserschaft durch unterschiedliche sprachliche Mittel präsentiert, wobei die Wahl von Lexemen, die mit russlandtypischen Konnotationen versehen sind, eine der effektivsten Strategien darstellt.  Im Vortrag wird eine Klassifikation der Lexeme zum Ausdruck Russland-relevanter Begriffe und Bilder vorgestellt und zur Diskussion gestellt. Des Weiteren wird exemplarisch auf die Bedeutung der analysierten lexikalischen Einheiten im Gesamttext des literarischen Werkes eingegangen unter besonderer Berücksichtigung seiner transkulturellen Charakteristika (Grenz- und Raumüberschreitungen, wechselseitige Durchdringung, Fluidität und Hybridität der kulturell relevanten Phänomene u.a.). Die Auffälligkeiten bei der Entschlüsselung von Russlandbildern in einzelnen Werken werden dabei unter dem Aspekt Perspektivenwechsel (Deutsch – Russisch) thematisiert.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Linguistisches Kolloquium (Campus Essen)

Albert Bremerich-Vos - Ulrike Haß - Wolfgang Imo - Bernhard Schröder - Evelyn Ziegler

Wintersemester 2015/2016

Dienstags, 18-20 Uhr c.t.
Universität Duisburg-Essen, R12 S03 H20

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Termine und Abstracts

 

27.10.2015
Sergej Ščerbina (Chabarowsk)
Die Kurzformen Lichtenbergs aus texttypologischer Sicht
 

G.Ch. Lichtenberg wird häufig als der erste deutsche Aphoristiker bezeichnet. Dies hängt damit zusammen, dass seine „Sudelbücher“ wirklich sehr viele Aphorismen enthalten. Diese Gedankenbücher weisen jedoch in textlinguistischer Sicht eine reiche Variationsbreite auf und enthalten neben Aphorismen auch andere Kurzformen. 

Im Vortrag wird weitgehend anhand der Klassifikation von H. Fricke auseinandergesetzt, welche obligatorischen und fakultativen Merkmale wie Isoliertheit, Umfang, Nicht-Fiktionalität, Kürze/Konzision, Pointe einem Aphorismus  eigen sind. Der Vortrag stellt außerdem einige weitere Klassifikationen vor und geht auf aktuelle Entwicklungen ein.

Literatur:

Beaugrande, R. Einführung in die Textlinguistik / R. Beaugrande, W. Dressler. -  Tübingen: Niemeyer  1981. 

Fricke H. Aphorismus / H. Fricke. – Stuttgart: Metzler, 1984.

Spicker F. Kurze Geschichte des deutschen Aphorismus. Francke, Tübingen 2007.

Spicker F. Vom „Sudelbuch“ zum „Aphorismus“. Lichtenberg und die Geschichte des Gattungsbegriffes (I) // Lichtenberg-Jahrbuch. – Saarbrücken: SDV, 1997. – S. 96-115. 

Wildbolz R. Über Lichtenbergs Kurzformen // Geschichte – Deutung – Kritik (Hrsg. von M. Bindschedler und P. Zinsli). –  Bern: Francke Verlag, 1969. –  109-133.

 

17.11.2015
Joachim Scharloth (Dresden) 
Grundwortschatz Deutsch: Eine datengeleitete Perspektive 
 

Abstract folgt

 

01.12.2015
Christian Stetter (Aachen)
Zum Verhältnis von System/Kompetenz und Performanz – oder: Ist eine linguistische Kompetenz- bzw. Systemtheorie medienneutral zu formulieren? 
 

In diesem Vortrag geht es darum zu klären, wie die These expliziert werden kann, das ‚System‘ einer Sprache (sive Sprach-Kompetenz) existiere in der Performanz und nur dort. Grundlage dieses Ansatzes ist die mittlerweile in Psychologie wie Neurologie und Philo¬sophie wohl vorherrschende Ansicht, dass menschliche Kompetenzen bzw. Fähigkeiten nicht dem menschlichen Gehirn zugeschrieben werden können, sondern dem jeweiligen Individuum zugeschrieben werden müssen, da es keinen Zugang zu derart spezifischen neuronalen Pro¬zessen wie der Sprachproduktion bzw. -rezeption gibt. Auf Fragen, Stimuli etc. reagiert oder antwortet stets der betreffende Mensch, nicht sein Gehirn (vgl. Bennett und Hacker 2010). Der Anspruch der generativen Theorie, mit dem ‚minimalistischen‘ Modell den Schritt von einer Sprachtheorie zu einer Theorie mentaler Generation von Strukturen vollzogen zu haben, die – wie auch immer – der ephemeren Rede ‚zugrunde‘ liegen sollen, ist erkenntnistheoretisch nicht einzulösen und widerspricht (offenbar) dem aktuellen Forschungsstand der Neurowissenschaften. Für ein dem Menschen angeborenes Modul „language acquisition device“ (LAD), das in der Theorie der generativen Linguistik unterstellt wird, gibt es bis heute keinen neurologischen Beleg. Damit bleibt der Linguistik – will sie dem Rechnung tragen – nur der Weg, in den Daten sprachlicher Performanz das Systematische daran zu suchen, zu beschreiben und als solches zu erklären – und zwar im Sinne des Erklärens-wie, nicht des Erklärens-warum.

Literatur:

Noam Chomsky (1995): The Minimalist Program for Linguistic Theory. MIT-Press, Cam¬bridge, Mass. 1995.

Christian Stetter (2005): System und Performanz. Weilerswist. 

Maxwell R. Bennett und Peter M. S. Hacker (2010): Die philosophischen Grundlagen der Neuro¬wissenschaften. 3. Aufl. Darmstadt.

 

15.12.2015
Martin Pfeiffer (Freiburg)
Strukturelle Aspekte von Selbstreparaturen im Deutschen: Reparandum und Retraktion
 

Der Vortrag beschäftigt sich mit dem Phänomen der selbstinitiierten Selbstreparatur im Deutschen aus einer interaktional-linguistischen Perspektive und verfolgt das Ziel, zwei strukturelle Reparaturmerkmale zu beschreiben und zu erklären: das Reparandum, d.h. die zu bearbeitende Problemquelle, und den Retraktionspunkt, d.h. die syntaktische Position, zu der der Sprecher bei der Durchführung einer Selbstreparatur zurückkehrt.

Die Untersuchung der Reparanda führt unter anderem zu der – vor dem bisherigen Forschungshintergrund überraschenden – Erkenntnis, dass im Deutschen Funktionswörter häufiger ersetzt werden als Inhaltswörter. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Selbstreparaturen im Deutschen zwar zumeist den semantischen Kern der Äußerung betreffen, z.B. das Nomen, sich oberflächlich jedoch häufig in der Ersetzung eines Funktionsworts, z.B. des Artikels, niederschlagen (wo is_n de::r*_ä:hm dein WASCHpulver;).

Im Hinblick auf den Retraktionspunkt stellt sich die Frage, warum Sprecher in manchen Fällen direkt zum Reparandum zurückkehren (des war der NETSCHner'* (.) NETZwerkmanager,), in anderen Fällen aber vor der Reparaturdurchführung noch einen Teil der ursprünglichen Äußerung wiederholen (schwiegervater hat die reparaTUren* die !FAHR!radreparaturen gemacht;). Um diese Frage zu beantworten, wird ein Erklärungsmodell vorgestellt, das die Idee der „competing motivations“ (vgl. Du Bois 1985; MacWhinney et al. 2014) aufgreift und die Wahl des Retraktionspunkts auf ein Zusammenspiel von syntaktischen, interaktionalen und kognitiven Faktoren zurückführt.

Die Analysen zeigen zum einen, dass sich aus Reparaturstrukturen Erkenntnisse über die Syntax des Deutschen ganz allgemein ableiten lassen, zum anderen leisten sie einen Beitrag zum Verständnis des konversationellen Reparatursystems und zur Entwicklung einer Interaktionalen Grammatik.

Literatur:

Du Bois, John W. (1985): Competing motivations. In: J. Haiman (ed.): Iconicity in syntax. Amsterdam: John Benjamins, 343–365.

MacWhinney, Brian, Malchukov, Andrej & Moravcsik, Edith (eds.) (2014): Competing motivations in grammar and usage. Oxford University Press.

 

 
 
12.01.2016
Katharina König (Münster)
Dimensionen der Dialoginszenierung
 

Der Dialog gilt als ein zentrales Gestaltungselement (massen-)medial vermittelter Kommunikation. Häufig wird in medienlinguistischen Arbeiten verschiedenen Dialogformaten jedoch eine „Inszeniertheit von Spontaneität“ (Ayaß 2001), eine „Schein-Dialogizität“ (Bose 2006) oder eine „Inszenierung von Authentizität“ (vgl. Schmidt 2015, Luginbühl 2004) attestiert. Wettergespräche im Radio, Zwischengespräche im Fernsehen oder „Reality TV“- bzw. „scripted reality“-Formate vermitteln demnach keine authentischen, sondern vornehmlich artifizielle Dialoge. Die genannten Arbeiten unterscheiden sich jedoch darin, welche Parameter und Praktiken als Inszenierung oder Darbietung von Dialogen aufgefasst werden. In dem Vortrag sollen in einem produktorientierten, gesprächsanalytischen Zugang Dimensionen der Inszeniertheit und der Inszenierung von medial vermittelten Dialoggattungen (z.B. Pressegespräche, Wettergespräche, Audioguides) anhand verschiedener sprachlicher Praktiken aufgezeigt werden. Als skalarer Gegenpunkt wird dabei ein Konzept des „inszenierten Monologs“ entwickelt. Das Konzept der Dialoginszenierung soll auf diese Weise analytisch geschärft werden.

Literatur:

Ayaß, Ruth (2001): Inszeniertheit von Spontaneität im Fernsehen. Zum Verhältnis von Entwurf, Handlung und Vollzug. In: Tilmann Sutter und Michael Charlton (Hg.): Massenkommunikation, Interaktion und soziales Handeln. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 234–257.

Bose, Ines (2006): Schulung von Gesprächskompetenz im Hörfunk. In: Gesprächsforschung. Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion 7, S. 248–293.

Luginbühl, Martin (2004): Staged authenticity in TV news. An analysis of Swiss TV news from 1957 until today. In: Studies in Communication Science 4 (1), S. 12–146.

Schmidt, Axel (2015): Zwischen Inszenierung und Authentizität. Sprache und Sprechen im Reality-TV. In: Sprachreport 31 (1), S. 1–12.

 

19.01.2016
Ute Boonen, Bernhard Fisseni (Essen)
Müssen wir überhaupt ein Abstract schreiben? – Sowieso!
Neues zu "überhaupt" und "sowieso" im Deutschen und Niederländischen
 

Die Häufigkeit von Partikeln gilt als Besonderheit des Deutschen und Niederländischen, und die Beschreibung der Semantik und Pragmatik von Partikeln gilt als notorisch schwierig. Überhaupt und sowieso sind häufige und beliebte deutsche Lehnwörter im Niederländischen. Auch im Deutschen kommen die beiden Partikeln sehr häufig vor. Dennoch scheint die Verwendung in beiden Sprachen nicht ganz gleich zu sein. So führen manche niederländische Wörterbücher sowieso und überhaupt als Synonyme.

Die Verwendung der beiden Partikeln im Deutschen und Niederländischen haben bereits Fisseni (2009) bzw. Bruijnen und Sudhoff (2013) untersucht. Die Funktionen von überhaupt sowie die Rolle der Syntax werden in den beiden Studien allerdings sehr verschieden bewertet und lassen dadurch Vergleiche und Schlussfolgerungen nur bedingt zu.

Im Vortrag präsentieren wir unter anderem Korpus-(Re-)Analysen und vor allem eine experimentelle empirische Untersuchung, die offene Fragen zu klären helfen soll. Dazu haben wir einen Fragebogen entwickelt, der die Akzeptabilität von Verwendungen der beiden Partikeln in einem gegebenen Kontext erfassen soll, die bestimmte pragmatische und syntaktische Funktionen (z.B. Topic-Verschiebung oder Negationsverstärkung) wahrnehmen.

Literatur:

Bruijnen, Susan und Stefan Sudhoff. „Wir müssen sowieso erst herausfinden, was das überhaupt bedeutet. Die Partikeln sowieso und überhaupt im Deutschen und Niederländischen“. In: Germanistische Mitteilungen: Zeitschrift für deutsche Sprache, Literatur und Kultur 39 (2013), S. 79–104.

Fisseni, Bernhard. „Überhaupt und sowieso and überhaupt en sowieso“. In: Sprache und Datenverarbeitung 1–2 (2009), S. 25–43.

 

26.01.2016
Georgios Coussios, Wolfgang Imo, Lisa Korte (Essen)
Von der Pathologie zum Patienten: Optimierung von Wissenstransfer und Verstehenssicherung in der Onkologie zur Verbesserung der Patientensicherheit 
 

Im Vortrag wird das von der Deutschen Krebshilfe geförderte Forschungsprojekt „Von der Pathologie zum Patienten: Optimierung von Wissenstransfer und Verstehenssicherung in der Onkologie zur Verbesserung der Patientensicherheit“ (Projektnr. 111172) vorgestellt, ein Kooperationsprojekt der Universität Duisburg-Essen und des Städtischen Klinikums Karlsruhe. Ausgangspunkt des Projektes ist die Beobachtung, dass immer wieder Diskrepanzen zwischen den pathologischen Gutachten und deren Interpretationen durch die behandelnden Ärzte  festzustellen sind, was zu zusätzlichem Arbeitsaufwand, zeitlichen Verzögerungen und im schlimmsten Fall zu einer ungeeigneten Therapie führen kann. Ein weiteres Problem besteht darin, dass Patienten Informationen aus den Gutachten, deren therapeutische Konsequenzen und die daraus resultierenden Auswirkungen auf ihr Leben häufig nicht oder nicht richtig verstehen. Ziel der Studie ist es, mit einer Kombination aus konversationsanalytischen und textlinguistischen Methoden rekurrente Verstehensprobleme im Arzt-Patienten-Gespräch sowie inhaltlich-strukturelle Unklarheiten in den pathologischen Befunden zu lokalisieren und auf deren Grundlage Leitfäden zur Gesprächsführung und Mustergutachten zu entwickeln sowie ein darauf basierendes Kommunikationstraining zu konzipieren. Das zugrunde liegende Korpus besteht aus 56 Audioaufnahmen von Diagnose- und Therapieplanungsgesprächen (Diagnose Krebs) sowie den dazugehörigen pathologischen Gutachten. 

 

02.02.2016
Rahel Beyer (Luxemburg), Olivier Moliner, Evelyn Ziegler (Essen)
„Same, same, but different?“
Korpus- und Statusstandardisierung des Deutschen im multilingualen Luxemburg des 19. Jahrhunderts
 

Die Annahme, dass Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit eine prominente Rolle bei Prozessen des Sprachwandels spielen (Léglise/Chamoreau 2013), wird heute nur noch selten bezweifelt. Ihre Relevanz für Sprachstandardisierung als eine besondere Form des Sprachwandels (Mattheier 1998) ist indes bis heute kaum erforscht. Luxemburg ist durch eine weit zurück reichende Mehrsprachigkeit gekennzeichnet und bildet ein Paradebeispiel, um den Einfluss von Sprachkontakt auf Sprachstandardisierung, z.B. zwischen deutschen Varietäten (z.B. Moselfränkisch, emergierendem Luxemburgisch, umgangsprachlichem Deutsch) sowie zwischen Französisch und Deutsch zu untersuchen. Das vom Fonds National de la Recherche Luxembourg und der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte binationale Projekt SDiv („Standardization in Diversity“) greift für seine Untersuchungen u.a. auf 2.348 textdigitalisierte öffentliche Bekanntmachungen der Stadt Luxemburg in Form von deutsch-französischen Paralleltexten zurück, die mithilfe der Software IdaSTo (Beyer 2015) ausgewertet werden. Für die Analyse der Statusstandardisierung steht zudem ein umfangreiches Zeitungskorpus, das 25.446 digitalisierte Zeitungsausgaben umfasst, zur Verfügung. Erste Ergebnisse der quantitativen Analysen eines umfangreichen Variablenkataloges deuten — entgegen aller Annahmen, die die Sprachkontaktforschung nahelegt — auf Variantenabbau und Advergenz auf das Standarddeutsche auf sämtlichen sprachlichen Ebenen. So findet sich in vielen Fällen spätestens ab 1840 nur noch eine Realisierung eines betreffenden sprachlichen Phänomens (z.B. beim nominalen Genus oder bei Termini des behördensprachlichen Fachwortschatzes), die darüber hinaus der deutschländischen Form entspricht. In Bezug auf die Statusstandardisierung ist von einem doppelten Trend auszugehen: Erstens zeigt sich spätestens ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Tendenz auf der Basis der quantitativen Auswertungen zu einer Statusaufwertung des Deutschen, die sich auf Domänen, wie die Amtskommunikation sowie das Pressewesen, konzentriert. Zweitens bilden die Printmedien in ihrer neuen Funktion als Massenmedien eine Plattform für einen sprachlichen Metadiskurs. Dieser Diskurs trägt gegen Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts maßgeblich zur verstärkten öffentlichen Wahrnehmung der luxemburgischen Varietäten bei. Auch wenn Jespersen (1925) mit Blick auf das 19. Jahrhundert eine Zurückdrängung der Dialekte auf Kosten der Standardsprachen diagnostiziert, ist im Luxemburger Fall kein Abbau von Varietäten zu beobachten. Es gibt zudem zahlreiche Hinweise, dass sich in Luxemburg eine Ideologie der Mehrsprachigkeit herausgebildet hat. Dieser vorwiegend staatlich induzierte Multilingualismus bzw. Plurilingualismus (Cobarrubias 1983), der sich über sprachpolitische Maßnahmen wie das Schulgesetz von 1843 manifestiert, kann sich parallel zur Blütezeit der Nationalsprachenideologien (Hüning et al. 2012) im restlichen Europa, in Luxemburg festsetzen. Die zeitlich asynchron verlaufenden Prozesse von Korpus- und Statusstandardisierung im 19. Jahrhundert in Luxemburg werfen die Frage auf, inwiefern man beide Prozesse als zusammenhängende oder getrennte Entwicklungen betrachten kann.

Literatur:

Beyer, Rahel (2015) “IDaSTo – Ein Tool zum Taggen und Suchen in historischen Paralleltexten“. In: GSCL 2015 International Conference of the German Society for Computational Linguistics and Language Technology. Proceedings of the Conference. S. 162-169.

Cobarrubias. J. (1983): “Ethical issues in status planning”. In: Cobarrubias, J. & J. Fishman (Hrsg.): Progress in Language Planning. Berlin: Mouton: S. 41-85.

Dorostkar, Niku (2014): (Mehr-) Sprachigkeit und Lingualismus. Die diskursive Konstruktion von Sprache im Kontext nationaler und supranationaler Sprachenpolitik am Beispiel Österreichs. Göttingen: V&R unipress.

Vogl, Ulrike (2012): “Multilingualism in a standard language culture”. In: Hüning, Matthias/Vogl, Ulrike/Moliner, Olivier (Hrsg.): Standard Languages and Multilingualism in European History. Amsterdam/Philadelphia: Benjamins: S. 1-42.

Jespersen, Otto (1925): Mankind, nation and individual from linguistic point of view. Oslo: Instituttet for Sammenlignende Kulturforskning.

Léglise, Isabelle/Chamoreau, Claudine (Hrsg.) (2013): The Interplay of Variation and Change in Contact Settings. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins.

Mattheier, Klaus (1998): „Allgemeine Aspekte einer Theorie des Sprachwandels“. In: Steger, Hugo; Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg.): Handbooks of Linguistics and Communication science, Bd. 2.1. Berlin/New York: de Gruyter: S. 824-836.

Ziegler, Evelyn (2011): „Sprachenpolitik und Sprachenmanagement in Luxemburg (1795-1920)“. In: Gilles, Peter/Wagner, Melanie (Hrsg.): Linguistische und soziolinguistische Bausteine der Luxemburgistik. Frankfurt/Main: S. 177-202.

Ziegler, Evelyn (2012): „Interferenzen in der Pluralkodierung in deutschsprachigen Bekanntmachungen der Stadt Luxemburg im 19. Jahrhundert“. In: Knipf-Komlósi, Elisabeth/Riehl, Claudia Maria (Hrsg.): Kontaktvarietäten des Deutschen synchron und diachron. Wien: Praesens: S. 107-129.

 

 

 

 

 

Linguistisches Kolloquium (Campus Essen)

Albert Bremerich-Vos - Ulrike Haß - Wolfgang Imo - Bernhard Schröder - Evelyn Ziegler

Sommersemester 2015

Dienstags, 18-20 Uhr
Universität Duisburg-Essen, R12 S03 H20

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(Aus Krankheitsgründen wird der Vortrag von Ursula Hirschfeld am 16.06. leider ausfallen.)

 

Termine (und Abstracts)

21.04.2015
Cordula Meißner (Leipzig)
GeWiss: Ein Vergleichskorpus der gesprochenen Wissenschaftssprache

Die Erforschung der Wissenschaftssprache hat auch in Bezug auf das Deutsche in den letzten Jahren verstärkt Beachtung gefunden. Elektronisch verfügbare Datensammlungen als empirische Grundlage für diesbezügliche Untersuchungen stehen bislang jedoch nur in sehr begrenztem Umfang für die geschriebene Wissenschaftssprache zur Verfügung, für die gesprochene Modalität fehlten sie lange Zeit vollkommen. Gerade im Hinblick auf die zunehmende Internationalisierung der akademischen Landschaft ist es jedoch auch von großer praktischer Relevanz, die sprachlichen Konventionen im Gebrauch einer Wissenschaftssprache im mündlichen Bereich empirisch basiert zu untersuchen.

Mit dem GeWiss-Korpus wurde 2013 erstmals ein frei zugängliches Vergleichskorpus zur gesprochenen Wissenschafts-sprache des Deutschen, Englischen und Polnischen zur Verfügung gestellt. Es umfasst zwei zentrale Genres der mündlichen Wissenschaftskommunikation – Vorträge/Referate und Prüfungsgespräche. Datengrundlage sind dabei zum einen Aufnahmen von L1-Sprecher/inne/n der drei Vergleichssprachen, zum anderen deutschsprachige Realisierungen dieser Genres von L2-Sprecher/inne/n in Deutschland, Großbritannien und Polen.

Der Vortrag stellt das GeWiss-Korpus in seinem Aufbau und seinen Nutzungsmöglichkeiten vor und geht auf aktuelle Weiterentwicklungen ein.

Literatur:

Fandrych, Christian/Meißner, Cordula/Slavcheva, Adriana (Hgg.) (2014): Gesprochene Wissenschaftssprache: Korpusmethodische Fragen und empirische Analysen. Heidelberg: Synchron-Verlag.

Das GeWiss-Korpus online: https://gewiss.uni-leipzig.de

 

28.04.2015
Thomas Spranz-Fogasy (Mannheim)
Psychotherapeutische Gespräche

Psychotherapiegespräche sind aus linguistisch-gesprächsanalytischer Sicht ein reiches Feld. Sprachliche Interaktion ist ihre Grundlage und zugleich ihr Arbeitsinstrument, ihr Gegenstand sind Kognitionen wie Emotionen. Als spezifische Form institutioneller Kommunikation weisen sie eine asymmetrische Beteiligungskonstellation und strategisches Handeln auf. Therapeuten nutzen dabei ein breites Spektrum sprachlicher Handlungen, um diagnostische Informationen zu elizitieren und therapeutische Anstöße zu geben. Der Vortrag gibt einen Überblick über die gesprächsanalytische Forschung zu psychotherapeutischen Gesprächen, skizziert künftige Forschungsaufgaben und berichtet über erste Schritte eines (an-) laufenden Projekts zur manualgestützten Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik.

 

12.05.2015
Derya Gür (Duisburg-Essen)
Wortschatzarbeit 2.0 - Digitale Medien im Deutschunterricht  

Abstract folgt 

 

19.05.2015
Heinz Eickmans/ Tirza Mühlan/ Ulrich Schmitz/ Evelyn Ziegler (Essen); David Gehne (Bochum)
Metropolenzeichen: Visuelle Mehrsprachigkeit im Ruhrgebiet

Im Vortrag wird das Forschungsprojekt „Metropolenzeichen“ vorgestellt, das aktuell an den Universitäten Duisburg-Essen und Bochum interdisziplinär bearbeitet wird und die „linguistic landscape“ des Ruhrgebiets unter dem Gesichtspunkt der zunehmenden Diversifizierung der Bevölkerung (ethnisch, sozial) und ihrer siedlungsstrukturellen Typik untersucht. Ausgehend von einem weiten Begriff von Mehrsprachigkeit (vgl. Francheschini 2006), der die  Sprachen der Migranten, globale Sprachen sowie auch die Regionalsprache des Ruhrgebiets umfasst, werden das Forschungsdesign und die Forschungsziele sowie erste Forschungsergebnisse vorgestellt. 

 

02.06.2015
Christopher Sappok (Köln)
Lautes Lesen in der Grundschule - Datenerhebung und -analyse unter besonderer Berücksichtigung von Heterogenität im Klassenzimmer

Abstract folgt 

 

09.06.2015
Steffen Höder (Kiel)
Sprachen brauchen Grammatik, aber braucht Grammatik Sprachen? Zur konstruktionsgrammatischen Modellierung von Sprachkontaktphänomenen

Sprachkontakt ist ein häufiges, wenn nicht gar universelles Phänomen: Einsprachig im Sinne von monolektal ist praktisch niemand. Trotzdem sieht sich die Kontaktlinguistik noch immer vor das Problem gestellt, dass das verfügbare Analyse- und Beschreibungsinstrumentarium nach wie vor stark von der Vorstellung eines prototypisch einsprachigen Sprachsystems geprägt ist. Entsprechend werden Sprachkontaktphänomene in Begriffen wie ‚Transfer‘ und ‚Codeswitching‘ analysiert, die zumindest implizit von diskreten monolektalen Systemen ausgehen.

Im Gegensatz dazu geht die auf gebrauchsbasierten konstruktionsgrammatischen Ansätzen aufbauende Diasystematische Konstruktionsgrammatik (Höder 2012, 2014ab) davon aus, dass ‚Sprache‘ letztlich ein traditioneller vortheoretischer Begriff ist, und zielt stattdessen auf ein soziokognitiv realistisches Modell ab. Die Grundannahme dabei ist: Mehrsprachige in stabilen Sprachkontaktsituationen organisieren ihr Sprachwissen – oder, mit Matras (2009), ihr ‚sprachliches Repertoire‘ – unabhängig von Sprachgrenzen entlang universeller kognitiver Prinzipien durch Abstraktion und Generalisierung des sprachlichen Inputs. Das Ergebnis sind Sprachsysteme, die alle in einer Gruppe verwendeten Sprachen und Varietäten umfassen. Einzelsprachliche und sprachübergreifende Strukturen bilden darin gemeinsame konstruktionelle Netzwerke.

Der Vortrag gibt einen Überblick über die Diasystematische Konstruktionsgrammatik und einige ihrer Anwendungsmöglichkeiten.

 

16.06.2015
Ursula Hirschfeld (Halle)
Aus Krankheitsgründen wird der Vortrag von Ursula Hirschfeld am 16.06. leider ausfallen.

 

23.06.2015
Daniel Czicza (Duisburg-Essen)
Innovation, Analogie und grammatische Struktur 

Abstract folgt

 

30.06.2015
Ulrike Vogel (Wien)
Standardsprachenideologie und Sprachlernen 

„We usually don't care for a perfect ‚correctness‘ or even use consciously grammar rules of another language“ schreibt eine Studentin als Antwort auf eine offene Frage zum Thema Code-switching. Spricht sie für eine Generation von Studierenden, die mit neuen Diskursformen aufgewachsen sind (siehe Facebook & Co) und für die internationale Kontakte selbstverständlich sind? Sind diese mobilen und flexiblen Studenten auch sprachlich flexibel? Oder sind auch sie verhaftet in einer Sprachauffassung, die Europa jahrhundertelang geprägt hat - der Standardsprachenideologie? In meinem Vortrag berichte ich von meiner aktuell laufenden Fragebogenuntersuchung zum Thema „Learning standard languages in a globalizing Europe“, bei der Studierende verschiedener Fachrichtungen aus den Niederlanden, Belgien, Deutschland, Österreich und Zentraleuropa zu ihren Erfahrungen mit Sprachenlernen, Code-Switching und Auslandsaufenthalten befragt werden.

 

07.07.2015
Christoph Schröder (Potsdam)
Satzverknüpfung im Deutschland-Türkischen - typologischer Wandel?

Wie bekannt ist Türkisch eine Sprache mit nichtfiniter Subordination (Nominalisierungen, Partizipien, Konverben/Gerundien). Gleichzeitig verfügt das Türkische natürlich auch über Strategien der parataktischen Satzverknüpfung – und diese werden in der gesprochenen Sprache präferiert (Schroeder 2002). Türkisch in Deutschland ist vorwiegend eine gesprochene Varietät, und so begegnen uns auch im Türkischen in Deutschland vorwiegend parataktische Strategien der Satzverknüpfung. Dies trifft auch auf geschriebene Texte von bilingualen Schülerinnen und Schülern in Deutschland zu, da der türkische schriftsprachliche Input in Deutschland begrenzt ist. Darüber hinaus findet sich in neueren Arbeiten zum Türkischen in Deutschland jedoch die Hypothese, dass diese Varietät in der Domäne der Satzverknüpfung einem typologischen Wandel in Richtung auf finite Strategien der Subordination unterliegt (Herkenrath et al. 2003, Rehbein et al. 2009). Das impliziert substantielle Veränderungen bei Konnektoren wie ki, çünkü („weil“), diye u. a. im Sinne einer Verwendung, die den deutschen subordinierenden Konjunktionen ähnelt. In dem Vortrag soll diesen Veränderungen anhand einer Korpusanalyse von mündlichen und schriftlichen türkischen Texten von türkisch-deutschen bilingualen Schülerinnen und Schülern nachgegangen werden.

Literatur:

Herkenrath, Annette; Karakoç, Birsel & Rehbein, Jochen (2003), Interrogative elements as subordinators in Turkish – aspects of Turkish-German bilingual children’s language use. In: Müller, Natascha (ed.), (In)Vulnerable Domains in Bilingualism. Amsterdam: Benjamins, 221-270.

Rehbein, Jochen; Herkenrath, Annette & Karakoç, Birsel (2009), On contact-induced language change of Turkish as an immigrant language. In: Ferraresi, Gisella & Rinke, Esther (eds.) Special Issue of Sprachtypologie und Universalienforschung – Language Typology and Universals, Vol. 62(3): 171-204.

Schroeder, Christoph (2002), On the structure of spoken Turkish. Elise 2, 1, 73-90. Online unter: https://www.uni-due.de/imperia/md/content/elise/ausgabe_1_2002_schroeder.pdf