Eine kurze Geschichte von LAUD (Linguistic Agency)

English version: A Short History of LAUD

1. Drei Leben

LAUD – der Name der Lingustic Agency ist heute eine Marke – hatte drei verschiedene Leben. Sie sind unmittelbar verbunden mit den drei jungen deutschen Universitäten Trier, Duisburg-Essen und Landau.

Alles begann 1973, als an der Universität Trier der Dekan Wolfgang Frühwald (später Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft) auf Vorschlag von René Dirven und Günter Radden 2.000 DM zuwies für die Gründung von L.A.U.T. (Linguistic Agency University of Trier) als einer ehrenamtlichen Agentur, die Preprints zur Sprachwissenschaft vertreibt und jährliche Symposien organisiert (1977-1985).

Mit dem Wechsel von René Dirven an die Universität Duisburg wurde L.A.U.T. in L.A.U.D umbenannt und als eingetragener Verein geführt; die Universität finanzierte studentische Hilfskräfte (1985-1999).

In der dritten Phase (seit 2000) wurde das frühere Akronym als Markenzeichen LAUD übernommen, und die Aufgaben wurden auf zwei Universitäten verteilt: Martin Pütz richtete die Symposien in Koblenz-Landau (Campus Landau) aus, die LAUD-Papers gingen an Ulrich Schmitz in Essen und sind seitdem als Teil des Web-Angebots der LINSE frei online abrufbar.

 

  1. LAUD Papers

Die Ursprünge von L.A.U.T. und ihre weitere Entwicklung müssen in einem größeren Kontext der internationalen sprachwissenschaftlichen Forschung gesehen werden. In den kreativen 1970er Jahren waren neue Kommunikationsmittel erforderlich, um neue linguistische Ideen in der Forschergemeinde verbreiten zu können. Denn bei klassischen Verlagen dauerte es oft Jahre, bis Aufsätze veröffentlicht wurden. Die Gründung von L.A.U.T als einem neuartigen Publikationsorgan im Jahre 1973 diente der schnellen weltweiten Verbreitung neuer sprachwissenschaftlicher Ideen in einem damals erdrückenden generativen Klima.

Wie das amerikanische Gegenstück, der Indiana Linguistics Club, zielte die gemeinnützige Organisation L.A.U.T. auf die rasche Verbreitung sprachwissenschaftlicher Thesen und Ergebnisse durch Vorveröffentlichung wichtiger Arbeiten. Sehr schnell wurde LAUD international bekannt und mit linguistischer Innovation und einem breiten thematischen Spektrum assoziiert.

 

  1. LAUD Symposien

Die Linguistic Agency bot und bietet bis heute auch das institutionalisierte Forum für eine lange Reihe internationaler wissenschaftlicher Symposien. In der ersten Phase wurden einige der angesehensten Sprachwissenschaftler der Welt eingeladen, ihre Arbeiten an der Universität Trier zu präsentieren. So wurde Trier fast über Nacht als ein Wallfahrtsort für moderne Linguistik bekannt. Die Serie von Symposien wurde 1977 mit einer dreitägigen Vortragsreihe von Charles Fillmore eröffnet, gefolgt von John Searle (1978), William Labov (1979), Edward Keenan (1980), Michael Halliday (1980), Herbert und Eve Clark ( 1981), David Crystal (1982), George Lakoff (1983) und Ronald Langacker (1984). Die historische Bedeutung der L.A.U.T. Symposien lässt sich am besten mit zwei bemerkenswerten Fakten veranschaulichen. Auf dem ersten Symposium begrub Charles Fillmore sein erstes geistiges Kind, die Kasusgrammatik, und begann vorsichtig, seine neue Orientierung, die später als „Frame Semantics“ bekannt wurde, und deren Zwillingsschwester „Construction Grammar“ herauszuarbeiten. Bei den letzten beiden Symposien in Trier führten Lakoff und Langacker, die beiden wichtigsten Vertreter der Kognitiven Linguistik, diese neue Richtung in Europa ein.

In Duisburg dann (1985) nahm L.A.U.D. eine neue Gestalt an. In dieser Hinsicht können Organisationen mit Organismen verglichen werden: Sie überleben nur, wenn sie sich anpassen und verändern. Abgesehen von der durch die Universität Duisburg bereitgestellte solide Infrastruktur wurden die Symposien jetzt eher zu thematisch spezialisierten Konferenzen, wenn auch immer noch mit einem oder wenigen Hauptreferenten, wobei jedoch alle Teilnehmer ihre eigenen Vorträge präsentierten.

Die wichtigsten Symposien in dieser Zeit galten der Computerlinguistik mit John Sinclair (1986), Pidgin- und Kreolsprachen mit Derek Bickerton und Peter Mühlhäusler (1987) sowie linguistischen Ansätzen zur künstlichen Intelligenz mit Yorick Wilks (1988) und gipfelten 1989 in einer dritten Tagung zur kognitiven Linguistik, die im Nachhinein zur ersten International Cognitive Linguistics Conference (ICLC 1) wurde. (Die 15. findet 2019 in Japan statt.) Hier wurden die International Cognitive Linguistics Association (ICLA) gegründet, die Zeitschrift Cognitive Linguistics lanciert und die neue Serie Cognitive Linguistics Research ins Leben gerufen. Weitere Duisburger Symposien verfolgten zunehmend einen multidisziplinären Ansatz: Historische Linguistik als Diachronie mit den Hauptrednern Raimo Anttila, Dirk Geeraerts und Dieter Kastovsky (1990), Referenz in multidisziplinärer Perspektive mit John Macnamara und Pierre Swiggers (1991), Kontaktlinguistik als neuer Zweig von Soziolinguistik und interkultureller Kommunikation mit Michael Clyne, Roger Keesing und vielen afrikanischen Gelehrten (1992), das mentale Lexikon mit Manfred Bierwisch und John Taylor (1993), Konditionalität mit Elizabeth Traugott (1994), die Sprache der Emotionen mit Anna Wierzbicka und Zoltan Kövecses (1995), kultureller Kontext in sprachübergreifender Kommunikation mit Edward Hall (1996), Metapher und religiöse Kommunikation mit Theologen, Philosophen und Linguisten (1997), sprachliche Relativität mit Dan Slobin, John Lucy und Peggy Lee (1998) und schließlich interreligiöse Kommunikation mit Christen, Juden und Muslimen (1999).

Zahlreiche Beiträge zu diesen Duisburger Symposien wurden anschließend in der neuen Buchreihe „Duisburger Arbeiten zur Sprach- und Kulturwissenschaft“ präsentiert, die von René Dirven, Martin Pütz und Ulrich Ammon herausgegeben wird.

Die Vielfalt der sprachlichen Themen, die bei diesen Symposien angesprochen wurden, spiegelt die vielfältigen Interessen der Organisatoren in Bezug auf Sprache und Kultur sowie ihre Offenheit für Ansätze und Arbeitsgebiete anderer Forscherinnen und Forscher wider.

Die Jahrtausendwende war auch der Beginn des dritten Lebens von LAUD (2000). Martin Pütz und Ulrich Schmitz setzten die Arbeit von LAUD als zwei unabhängigen, aber eng zusammenarbeitenden Organisationen fort, eine für die Symposien, die andere für die LAUD-Papers. Letztere gingen an die Universität Essen (nach der Fusion unter dem Namen „Universität Duisburg-Essen“) und wurden in den Linguistik-Server LINSE <www.linse.uni-due.de> integriert.

 

  1. Geschichte, Gegenwart und Zukunft

Dank der großzügigen Unterstützung der Universitäten erreichte LAUD in 35 Jahren die beachtliche Zahl von über 1.000 Preprint-Publikationen. Unter den Hunderten von Autoren finden sich Derek Bickerton, Manfred Bierwisch, Jan Blommaert, Augustin Simo Bobda, Melissa Bowerman, Herbert E. Brekle, Wallace Chafe, Noam Chomsky, Herbert und Eve Clark, Michael Clyne, Florian Coulmas, David Crystal, René Dirven, Norman Fairclough, Joshua Fishman, Dirk Geeraerts, H. Paul Grice, John Gumperz, Michael Halliday, Henry Hoenigswald, E.F.K Koerner, William Labov, George Lakoff, Ronald Langacker, Penny Lee, John Lucy, Jacob Mey, Roland Posner, John Searle, Petr Sgall, John Sinclair, Dan Slobin, Bernd Spolsky, John Taylor, Teun van Dijk, Anna Wierzbicka, Ruth Wodak – um nur einige zu nennen. Die meisten Beiträge sind jetzt online verfügbar. Dank der Entwicklung des Internets ist die ehemals hilfreiche Form vorab gedruckter und weltweit verteilter Hefte inzwischen jedoch veraltet. Daher wurde die Reihe der LAUD-Papiere mit der Emeritierung von Ulrich Schmitz (2013) eingestellt.

Die LAUD-Symposien haben ihre Erfolgsgeschichte fortgesetzt. In nur wenigen Jahren gelang es Martin Pütz, Landau zu einem Treffpunkt mit internationaler Reputation für qualitativ hochwertigen wissenschaftlichen Austausch zu machen – auch dank der Unterstützung der Universität Koblenz-Landau, des Landes Rheinland-Pfalz und vor allem der Gutachten vonseiten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Auch die multidisziplinären und angewandten Orientierungen der Symposien wurden weiter gestärkt, wie aus den jeweils behandelten Themen deutlich wird. Dies waren: angewandte kognitive Linguistik mit Plenarvorträgen von John Gumperz, Zoltán Kövecses und Ron Langacker (2000); kritische Diskursanalyse mit Teun van Dijk, Jim Martin, Norman Fairclough und Ruth Wodak (2002); Soziologie von Sprache und Macht mit Joshua Fishman, Carol Myers-Scotton, John Edwards, Florian Coulmas und Ulrich Ammon (2004); interkulturelle Pragmatik mit Peter Grundy, Laurence Horn, Istvan Kecskes, Jacob Mey, John Searle und Anna Wierzbicka (2006); kognitive Ansätze zur Verarbeitung von Zweit- und Fremdsprachen mit Melissa Bowerman, Nick Ellis, Helen Frazer, Susan Gass, Jeannette Littlemore, Peter Robinson, John Taylor und Andrea Tyler (2008); kognitive Soziolinguistik mit William Labov, Dirk Geeraerts, Stefan Gries, Peter Harder, Gitte Kristiansen, David Kronenfeld und Dennis Preston (2010), kognitive Psycholinguistik mit Annette de Groot, Istvan Kecskes, John Lucy, Pieter Muysken, Aneta Pavlenko und Chris Sinha (2012); Gefährdung von Sprachen: die Dynamik sprachlicher Vielfalt und Globalisierung mit Peter Austin, Bernd Heine, Lisa Lim, Salikoko Mufwene, Shana Poplack, Suzanne Romaine, Sarah Thomason und Li Wei (2014); Linguistic Landscapes und Superdiversität in der Stadt mit Susan Berk-Seligson, Durk Gorter, Adam Jaworski, David Malinowski, Alastair Pennycook und Elana Shohamy (2016); Cultural Linguistics: Trends in der Erforschung sprachlicher und kultureller Konzeptualisierung mit John Lucy, Andreas Musolff, Gunter Senft, Farzad Sharifian, Chris Sinha und Hans-Georg Wolf (2018). Das 39. Internationale LAUD-Symposium findet 2020 in Landau statt.

Eine Auswahl der Beiträge jeder Konferenz wird bei John Benjamins bzw. Mouton de Gruyter veröffentlicht (siehe www.uni-koblenz-landau.de/de/landau/fb6/philologien/anglistik/laudsymposium/ConferenceProceedings).

 

René Dirven †

Martin Pütz

Günter Radden

Ulrich Schmitz

 

 

† René Dirven, ehemals Professor an der Universität Duisburg und einer der Gründungsväter der Kognitiven Linguistik, starb im Alter von 83 Jahren am 18. August 2016 in seiner Heimatstadt Mechelen (Belgien).