Kulturwandel in Medien und Gesellschaft

Vorwort von Hermann Cölfen

Im Sommersemester 2002 wurde an der Universität Essen im Fach Germanistik/Linguistik ein Proseminar mit dem Titel "Schreiben für das Web" angeboten. In diesem Seminar sollten Studierende grundlegende Schreiberfahrungen bei der Produktion (populär-)wissenschaftlicher Texte für eine Online-Publikation im World Wide Web sammeln.

Beim "Schreiben für das Web" ging es in der Seminardiskussion darum, Regelhaftigkeiten und strukturelle Muster von Online-Publikationen zu finden, zu beschreiben und praktisch anzuwenden. Um das zu realisieren, fand das Seminar in Form einer "virtuellen" Redaktion statt, in der die Studierenden die Rolle der Redakteure übernommen haben und der Dozent die des Redaktionsleiters. Um die vielfältigen thematischen Interessen der Studierenden auf einen möglichst großen gemeinsamen Nenner zu bringen, einigte man sich gleich zu Beginn auf das generelle Thema "Kulturwandel".

Der weitere Verlauf des Seminars sah ungefähr so aus: Alle Studierenden hatten die Aufgabe, (a) einen eigenen Text zu produzieren und zugleich (b) eine feste Zahl von Texten der Kommilitonen redigierend zu begleiten. Bei der Wahl des eigenen Themas und der zu begleitenden Texte hatten die Studierenden weitestgehend freie Wahl.

Die Arbeitsbedingungen im Verlauf des Semesters sollten zumindest annähernd der echter Redaktionsarbeit entsprechen - was in der Praxis so aussah, dass diejenigen, die nicht regelmäßig an ihrem eigenen Text gearbeitet und die anderer redigiert hatten, nicht weiter am Seminar teilnehmen konnten. Diese relativ strikten Bedingungen führten dazu, dass in der Mitte des Semesters von den zu Beginn 64 Teilnehmerinnen und Teilnehmern nur noch gut die Hälfte übrig geblieben waren. Die kontinuierliche Mitarbeit wurde auch durch einen Streik der Studierenden gegen Studiengebühren erschwert, der genau in die Mitte des Semesters fiel.

Trotz der ungünstigen Rahmenbedingungen und dem "Ausstieg" vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist im Ergebnis aber doch eine ansehnliche Zahl (genau zwölf) von Beiträgen zustande gekommen, die wir hier präsentieren wollen.

Im Verlauf des Seminars haben sich die Stärken und Schwächen eines solchen Experiments deutlich gezeigt:

1. Die Kommunikation der Studierenden untereinander und die Kommunikation mit dem Dozenten hat überwiegend via E-Mail stattgefunden. Hierbei hat sich herausgestellt, dass sich die Mail-Kommunikation durch ihre Distanziertheit als problematisch erwiesen hat: Die E-Mails haben zu einem nicht unbeträchtlichen Teil Missverständnisse hervorgerufen und sich negativ auf die Verlässlichkeit bzw. Zusammenarbeit ausgewirkt.

2. Aus der Sicht des Dozenten muss ich zugestehen, dass ich die Voraussetzungen der Studierenden falsch eingeschätzt habe. Es hat sich gezeigt, dass eine Vielzahl von Studierenden zu Beginn des Studiums oft über nur geringe Schreiberfahrungen verfügt.

3. Obwohl wegen der zu Semesterbeginn hohen Teilnehmerzahl das Seminar in zwei Gruppen aufgeteilt worden ist, waren die beiden verbliebenen Gruppen mit je ungefähr 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ein solches Projekt immer noch zu groß.

In der Konsequenz könnte man ein solches Seminar vor allem durch zwei wichtige Änderungen für alle Beteiligten effektiver und Erfolg versprechender gestalten:

1. Die regelmäßige unmittelbare Kommunikation im Seminar muss bei der Diskussion der einzelnen Beiträge (Redaktionsdiskussion) im Vordergrund stehen. Die E-Mail Kommunikation sollte vor allem für den Austausch von Dokumenten und organisatorische Belange eingesetzt werden.

2. Optimal wäre sicher eine vierstündige Veranstaltung, in der (a) die praktische Schreibarbeit und (b) die theoretische und methodische Reflexion von Schreibprozessen einander ergänzen würden.
Bei all dem wäre eine Teilnehmergrenze von ca. 20 Personen wünschenswert.

Insgesamt halte ich das Seminar für durchaus gelungen: Gerade weil sich hier sehr deutlich Probleme und Voraussetzungen der Schreibpraxis gezeigt haben, waren sowohl Studierende als auch Dozent herausgefordert, sich mit den Schwierigkeiten auseinander zu setzen. Dass dies nicht erst für zukünftige Projekte Früchte trägt, lässt sich an dem hier vorgestellten Ergebnis erfreulicherweise zeigen.

Ich möchte allen Studierenden, die bis zum Schluss dabei geblieben sind, für ihr Engagement und ihre Mitarbeit danken. Diejenigen, die - aus welchen Gründen auch immer - nicht mit einem eigenen Text hier vertreten sind, möchte ich ermutigen, die im Rahmen des Studiums gebotenen Schreibanlässe kreativ und produktiv zu nutzen. Mit Sicherheit werden auch in Zukunft weitere Veranstaltungen zur Unterstützung angeboten.

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