Innere Sprache und Aphasie

Grevenhaus, Holger; Wichmann, Klaus (1988)

 

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Inhalt / Abstract:

0. Vorbemerkung
1. Untersuchungen zur inneren Sprache vor Wygotski
1.1 Erste sprachpsychologische Untersuchungen der inneren Sprache
1.2 Erste sprachphysiologische Untersuchungen der inneren Sprache
2. Wygotskis Untersuchungen zur inneren Sprache
2.1 Die kulturhistorische Schule der sowjetischen Psychologie
2.2 Wygotski versus Piaget
2.3 Die strukturelle Charakteristik der inneren Sprache
2.3.1 Syntaktische Merkmale
2.3.2 Phonetische Merkmale
2.3.3 Semantische Merkmale
2.4 Die Funktion der inneren Sprache
3. Untersuchungen der Funktion der inneren Sprache nach Wygotski
4. Die pathologische Methode zur Erforschung der inneren Sprache
4.1 Das Problem der Klassifikation aphasischer Störungen
4.2 Lurias Untersuchungen zur Verifizierung seiner Hypothesen
4.2.1 Dynamische Anhasie
4.2.2 Efferent-motorische Aphasie
4.2.3 Das Problem der Relevanz der absoluten Prädikativität
5. Schlußbemerkung
6. Literaturverzeichnis


0. Vorbemerkung
Das Thema der vorliegenden Arbeit ist untrennbar mit der komplexen Problematik der Beziehung von Denken und Sprechen (Gedanke und Wort) verbunden. In diesem Gesamtzusammenhang der höheren psychischen Funktionen beim Menschen spielt das Phänomen der inneren Sprache als Bindeglied zwischen Gedanke und Wort eine zentrale Rolle.
"Ohne das richtige Verständnis der psychologischen Natur der inneren Sprache kann es keine Möglichkeit geben, die komplizierten Beziehungen des Gedanken zum Wort zu erklären."
In der westlichen Psychologie wird der Begriff "Innere Sprache" zwar verwendet, aber in einer sehr undifferenzierten und spekulativen Form. Innerhalb der kultur-historischen Schule der sowjetischen Psychologie dagegen hat der Terminus "inneres Sprechen" eine spezifische Bedeutung und unterscheidet sich grundlegend von Termini innerhalb früherer bzw. anderer Ansätze. So wird sich das zweite Kapitel mit älteren Forschungen auf diesem Gebiet beschäftigen.
Die Arbeit wird sich im wesentlichen auf die Ergebnisse L.S. Wygotskis stützen, dessen Verdienst es ist, eine anwendbare Theorie von Funktion und Struktur des nicht unmittelbar beobachtbaren intrapsychischen Prozesses der inneren Sprache entwickelt zu haben. In seinen Bemühungen, eine Methodologie zur Untersuchung des seiner Meinung nach dialektischen und dynamischen Verhältnisses von Denken und Sprechen zueinander zu entwickeln, bezeichnet Wygotski das Problem der inneren Sprache als das "schwierigste Gebiet der psychologischen Forschung" .
Erst mit der Entwicklung von Wygotskis genetischer Methode, dargestellt im zweiten Kapitel, gelang es, Genese, Struktur und Funktion der inneren Sprache genauer zu erforschen und die assoziationspsychologische Konzeption der Trennung von Wortlaut und Wortbedeutung zu überwinden.
Denn in der Wortbedeutung ist nach Wygotski "die Teileinheit verankert, die wir sprachliches Denken nennen" .
In diesem zweiten Kapitel wird der Unterschied von Wygotskis Konzeption zu den Ergebnissen früherer Untersuchungen deutlich. Aufgrund seiner völlig unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Position ist er in der Lage, vorhandene Forschungsergebnisse neu zu interpretieren und eine anwendbare Methodologie zu entwickeln. Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung Wygotskis mit Arbeiten des Schweizer Psychologen Jean Piaget zur egozentrischen Sprache des Kindes.
Das dritte Kapitel schließlich wird sich mit den Ansätzen anderer sowjetischer Wissenschaftler auseinandersetzen, die z.T. versuchten, Wygotskis Theorie weiterzuentwickeln. Das vierte Kapitel schließlich beschäftigt sich mit einer Methode, mit der ebenfalls versucht wird, Struktur und Funktion der inneren Sprache näher zu erforschen. Dies ist die pathologische Methode, mit der besonders A.R. Luria, ein Schüler Wygotskis, jahrzehntelang Forschungen an Aphasikern durchführte, um Erkenntnisse über die Organisation der psychischen Prozesse im menschlichen Gehirn zu erlangen. Über diese Untersuchung hinaus begründete Luria den interdisziplinären Forschungszweig der Neurolinguistik.
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