Die Entwicklung des Tempussystems vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen

Rüdig, Anja (1996)

 

Inhalt / Abstract:

1. Einleitung
2. Die althochdeutschen Formen
3. Die Formenbildung der althochdeutschen Verben
3.1 Indikativ Präsens
3.2 Indikativ Präteritum
3.2.1 Starke Verben
3.2.2 Schwache Verben
3.3 Konjunktiv
3.3.1 Konjunktiv Präsens
3.3.2 Konjunktiv Präteritum
3.4 Partizipien
3.4.1 Partizip Präsens
3.4.2 Partizip Präteritum
4. Zusammenfassung
5. Der Gebrauch der Tempusformen im Althochdeutschen

5.1 Die synthetisch gebildeten Tempora
5.1.1 Indikativ Präsens
5.1.2 Indikativ Präteritum
5.2 Der Gebrauch des Konjunktivs
5.3 Zusammengesetzte Formen
5.4 Die Bezeichnung der Aktionsarten
6. Das Mittelhochdeutsche
7. Die Formenbildung der mhd. Verben
7.1 Präsens: Indikativ u. Konjunktiv
7.2 Präteritum: Indikativ u. Konjunktiv
7.3 Partizipien
8. Der Gebrauch der Tempusformen im Mhd.
8.1 Die synthetisch gebildeten Tempora
8.1.1 Indikativ Präsens
8.1.2 Indikativ Präteritum
8.2 Der Gebrauch des Konjunktivs
8.3 Zusammengesetzte Formen
8.3.1 Der Gebrauch des umschriebenen Perfekts und Plusquamperfekts
8.3.2 Der Gebrauch des umschriebenen Futurs
8.4 Die Bezeichnung der Aktionsarten
9. Schluß
Literaturverzeichnis
Quellentexte


 1. Einleitung
Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Entwicklung des deutschen Tempussystems vom Althochdeutschen (Ahd.) bis zum Mittelhochdeutschen (Mhd.) darzustellen. Es geht nicht darum, die Entwicklung des Formensystems mit allen Variationen zu erörtern, sondern es geht darum, die Verbformen auch im Hinblick auf ihren semantischen Gehalt zu betrachten.

 
Es soll geklärt werden, wie Zeitstufen im Ahd. und Mhd. durch Tempusformen bezeichnet werden. Diese Frage kann im Rahmen dieser Arbeit nur im Ansatz geklärt werden, da eine vollständige Darstellung eine Untersuchung sämtlicher ahd. und mhd. Originaltexte und die Beachtung aller dialektalen Besonderheiten und Textsorten erfordern würde. Es können hier jedoch lediglich einzelne ahd. Verbformen aus dem Zeitraum zwischen dem 8. Jh. bis ca. 1000, die normalisierten Formen aus der Zeit des klassischen Mhd. (ca. 12. Jh.) und der Gebrauch verschiedener Tempusformen betrachtet werden. Hierzu werden Textbeispiele aus ahd. Übersetzungen und aus mhd. literarischen Texten verwendet, da in diesen Texten alle Tempusformen vorkommen.

Die Darstellung des Ahd. und des Mhd. gliedert sich in jeweils ein Kapitel über die Formenbildung, an das sich ein Kapitel über den Gebrauch der Formen anschließt. Es werden die Paradigmen aus der ahd. Grammatik von Braune, Eggers und aus der mhd. Grammatik von Paul, Wiehl, Grosse übernommen. In die Darstellung einbezogen werden die Formen des Indikativs, des Konjunktivs sowie die Partizipialformen. Der Konjunktiv wird berücksichtigt, obwohl er nicht in die Kategorie Tempus gehört, da im Ahd. zum Teil ein Formenaustausch zwischen Indikativ und Konjunktiv stattfindet. In den Kapiteln über den Gebrauch der Tempusformen wird er deshalb erwähnt, weil sein Gebrauch manchmal durch eine Tempusform beeinflußt werden kann oder im Mhd. der Konjunktiv sogar selbst temporale Bedeutung haben kann.

Besondere Verben, wie Präteritopräsentia oder Wurzelverben, werden nicht besprochen, da sie zwar für den Bereich der Formenbildung wichtig sind, jedoch für die Fragestellung, wie Zeitstufen durch Verbformen bezeichnet werden, keine Bedeutung haben. Aus demselben Grund werden die Passivbildung und auch der Imperativ nicht einbezogen. Auf dem Gebiet der Formenbildung wird nicht auf Abweichungen und Dialektunterschiede eingegangen, und auch die Phonologie wird nicht berücksichtigt.

Es werden die Tempusbezeichnungen der traditionellen Schulgrammatik verwendet, ohne diese an sich zu problematisieren. Durch die Darstellung des Gebrauchs der Tempusformen im Ahd. und Mhd. soll geklärt werden, ob die Zuordnung der Tempusformen zu Zeitstufen, wie die traditionelle Grammatik sie vornimmt, dem Gebrauch der Tempusformen im Mhd. und Ahd. gerecht wird.


2. Die althochdeutschen Verben

Das Althochdeutsche kennt zwei synthetische Tempora, das Präsens und das Präteritum. Die Modi des Ahd. sind Indikativ, Konjunktiv und Imperativ. Die Numeri des Ahd. sind Singular und Plural, die Genera sind das synthetisch gebildete Aktiv und das umschriebene Passiv, das jedoch noch nicht vollständig ausgebildet ist. [1]

Die ahd. Verben werden nach Jakob Grimm in zwei Klassen eingeteilt, die Klassen der starken und der schwachen Verben. [2] Die starken Verben bilden ihre Stammformen "gewissermaßen von sich aus [...], nämlich durch eine Veränderung des Wurzelvokals, den Ablaut." [3] Die starken Verben sind die sprachgeschichtlich älteren Verben. [4] Der Ablaut der starken Verben stammt aus dem Indogermanischen. Die starken Verben lassen sich ihrer unterschiedlichen Stammbildung nach in sieben verschiedene Verbklassen einteilen. Weiterhin ist kennzeichnend für die starken Verben, daß ihr Partizip Präteritum auf -n endet: gizogan. Ihr Infinitiv endet auf -an: neman. [5]

Die schwachen Verben bilden ihr Präteritum nicht, wie die starken Verben, durch die Veränderung ihres Wurzelvokals, sondern durch das Anfügen des "Dentalsuffixes" [6] -t- an den Verbstamm. Das Partizip Präteritum der schwachen Verben endet auf -t: gisalbôt. Die schwachen Verben sind eine "germanische Neubildung". [7] Sie sind durch Ableitungen von starken Verben, Adjektiven und Substantiven entstanden. Sie werden nach ihren germanischen Ableitungssuffixen in drei Klassen unterteilt: die -jan-, -ôn- und -ên- Verben.[8] Das "-j- haltige Suffix"[9] der -jan- Verben ist im Ahd. allerdings nur noch selten erhalten, da es durch Endsilbenreduktion, die im Ahd. bereits vereinzelt auftritt, geschwunden ist. [10] Die Infinitive der schwachen Verben enden auf -en: suohen, -ôn: salbôn und -ên: habên.[11]

Durch das -jan- Suffix entstanden aus starken Verben schwache Verben mit kausativer Bedeutung. Kausative Verben bezeichnen "den Vorgang des >>Verursachens<< ". [12] Auf diese Weise sind z.B. schwache Verben wie senken, sezzen 'setzen' und fuoren 'führen' aus den starken Verben sinkan 'sinken', sizzan 'sitzen' und faran 'fahren' entstanden. [13] Auch von Adjektiven und Substantiven wurden schwache Verben der -jan- Gruppe abgeleitet. Diese Verben haben faktitive Bedeutung, d.h., "sie sind gekennzeichnet durch eine Bedeutungskomponente des >Veranlassens<".[14] So sind z.B. die Verben fullen 'füllen' und wermen 'wärmen' von den Adjektiven fol 'voll' und warm abgeleitet. [15] Weiterhin gehören zur -jan- Klasse eine Gruppe von Intensiva, das sind Verben, die einen Vorgang von erhöhter Intensität ausdrücken,[16] z.B. nhd. 'bücken', abgeleitet von biogan 'biegen'. [17]

Die zweite Klasse der schwachen Verben wurde mit dem Suffix -ôn- von Substantiven oder Adjektiven abgeleitet. Sie haben ebenfalls faktitive Bedeutung: z.B. lobôn 'loben', abgeleitet von Lop 'Lob'. Auch zu der -ôn- Klasse gehört eine Reihe von Intensiva, z.B. beitôn 'harren' abgeleitet von bîten 'warten'. Die Verben, die mit -ên- abgeleitet wurden, sind auch hauptsächlich Ableitungen von Substantiven und Adjektiven mit inchoativer Bedeutung, sie bezeichnen also den allmählichen Übergang von einem Zustand in einen anderen: altên 'altern', fûlên 'verfaulen'. [18]


3. Die Formenbildung der althochdeutsche Verben
Da es keine einheitliche ahd. Sprache gab, beziehen sich die Untersuchungen des Ahd. auf Texte in verschiedenen Mundarten. [19] Auf das Problem der ahd. Mundarten kann in dieser Arbeit nicht eingegangen werden. Es werden hier die von Braune, Eggers ausgewählten Paradigmen verwendet, die unterschiedlichen Dialekten und Zeitabschnitten zuzuordnen sind.

Das erste Paradigma der starken Verben gibt die Verbformen bis zum Beginn des 9. Jh.s. wieder, so wie sie in dem Moonsee Wiener Fragment (Bairisch), der ahd. Benediktinerregel (Alemannisch), den Murbacher Hymnen (Alemannisch), den ahd. Glossaren und dem ahd. Isidor (bairische Abschrift)[20] vorkommen. Das zweite Paradigma zeigt die Flexionsformen der ahd. Tatianübersetzung (ca. 825, Ostfränkisch), das dritte Paradigma gibt die Formen Otfrieds von Weißenburg (ca. 865 Südrheinfränkisch) wieder. Das vierte Paradigma zeigt die Formen bei Notker Labeo (ca. 1000 Alemannisch). [21]

Die Paradigmen der schwachen Verben geben die "Normalformen des 9. Jh.s." [22] wieder. Mit dem Begriff "Normalalthochdeutsch" [23] werden die Formen bezeichnet, die sich an der ahd. Tatianübersetzung orientieren. [24] Die älteren Formen sind bei den schwachen Verben an den Anfang gestellt.

3. 1. Indikativ Präsens

  Älteste Form (stark)
Tatian
Otfried
Notker
  Beginn d. 9. Jh.
825
ca. 865
ca. 1000
  neman ziohan
faran
râten
  'nehmen' 'ziehen'   
'fahren'    
'raten'
1. Sg.
nimu ziuhu        
faru râto
2. Sg.
nimis ziuhis(-t) ferist(-is) râtest
3. Sg.
nimit 
ziuhit
ferit râtet
1. Pl.
nemumês(-amês-emês) ziohemês(-en) farên râten
2. Pl.
nemet                        ziohet faret râtent
3. Pl.
nemant ziohent farent râtent


  schwach I   
schwach II   
schwach III   
   Normalformen des 9. Jh.s.    
  suohen, zellen, nerien Ableitungssuffix -j suohen, zellen, nerien Ableitungssuffix -j habên Ableitungssuffix -ê
  'suchen', 'erzählen', 'füttern' 'salben' 
'haben'
1.Sg. suochu, zellu, neriu (nerigu), nerru salbôm(-ôn) habêm(-ên)
2.Sg.  suochis, zelis, neris(-ist) salbôs(-ôst) habês(-êst)
3.Sg. suochit, zelit, nerit salbôt habêt
1. Pl.  suochemês, zellemês, neriemês(-amês, -ên) salbômês, salbôn, (-ôen) habêmês, (habên,-êên)
2. Pl.  suochet, zellet, neriet, nerret(-at) salbôt habêt
3. Pl.  suochent, zellent, nerient, nerrent(-ant) salbônt habênt

Die 1. Sg. Ind. Präs. endet bei den starken und schwachen Verben I im 9. Jh. auf -u: ziuhu, suochu. Nach dem 9. Jh. wird aus dem -u ein -o wird: râto. Diese Entwicklung setzt vereinzelt schon im 9. Jh. ein. Die Endung der 1. Sg. Ind. Präs. der schwachen Verben II und III ist -ôm, bzw. -êm, aus dem -m wird im 9. Jh. -n. Seit dem 11. Jh. wird die -n Endung teilweise auf die starken Verben und die schwachen Verben I übertragen, aus gihu wird z.B. gihun. Gleichzeitig gehen die Endungen der starken Verben und der schwachen Verben I auch auf die schwachen Verben II und III über. Bei Notker endet die 1. Sg. Ind. Präs. noch auf -o, bei den anderen Formen ist der Bindevokal bereits zu -e- abgeschwächt, was im folgenden bei den einzelnen Formen nicht jedesmal hervorgehoben wird.

Die 2. Ind. Präs. der starken und schwachen Verben endet in den ältesten Quellen noch auf -is, -ôs und -ês, z.B. nimis. Im 9. Jh. wird ein -t angefügt, aus salbôs wird z.B. salbôst und aus habês habêst. Die -st Endung ist aus der Verschmelzung des Personalpronomens "thu, du"[25] mit dem Verb entstanden, die falsch wieder aufgelöst wurde: gilaubistu - gilaubist thu. Bei Tatian kommen -s und -st Endungen nebeneinander vor. Die 3. Sg. auf -ôt und -êt bei den schwachen Verben II und III und auf -it bei den schwachen Verben I und den starken Verben. [26]

Die 1. Pl. Ind. endet bei den schwachen Verben II und III auf -ômês und -êmes, bei den starken Verben und den schwachen Verben I kann der Bindevokal zwischen a-, -e-, -u- oder -i- schwanken. Die -mes Endung der 1. Pl. Ind. Präs. (salbômes) geht in die 1. Pl. Ind. Prät. (salbôtum) und die Konjunktivformen (salbôn, salbôtîm) ein. Gleichzeitig gehen teilweise die Formen der 1. Pl. Konj. Präs. (salbôn) in die 1. Pl. Ind. Präs. ein: salbôn anstatt salbômes.

Schon in den ältesten Quellen tritt daher vereinzelt die ursprüngliche Konjunktivendung -m oder seit dem 9. Jh. -n als Endung der 1. Pl. Ind. Präs. auf. Es findet also eine Vermischung der Konjunktiv- und Indikativformen statt. In den Handschriften ist der Gebrauch der Endungen nicht einheitlich. Wenn das Verb auf -m oder -n endet, steht hinter diesen Verben meistens das Personalpronomen wir, was bei den Formen auf -mês nicht der Fall ist. Im Laufe der Zeit setzt sich in der 1. Pl. Ind. Präs. die eigentliche Konjunktivendung (-m, -n) durch. [27]

Die Endung der 2. Pl. Ind. Präs. ist -et bei den starken Verben und den schwachen Verben I, -ôt und -êt bei den schwachen Verben II und III. Bei den schwachen Verben I kann der Bindevokal auch -ie- oder -a- sein. Im späteren Alemannisch wird aus der -t Endung -nt: râtent. Die 3. Pl. Ind. Präs. endet auf -ônt, -ênt und -ent, bei den schwachen Verben I und den starken Verben auch -ant. Bei den schwachen Verben I ist der Bindevokal in den ältesten Quellen -e- und bei den starken Verben -a-, die Formen vermischen sich jedoch später.

3. 2. Indikativ Präteritum

Die starken Verben bilden ihr Präteritum und ihr Partizip Präteritum durch eine Veränderung ihres Stammvokals, den Ablaut zwischen Präsens- und Präteritumstamm. Die starken Verben sind nach ihrer Stammbildung in sieben Klassen eingeteilt.
Ablautreihen


Infinitiv
1. Sg. Ind. Präs.
1. Sg. Ind. Prät.
1. Pl. Ind. Prät.
 Partizip Prät.
 I grîfan, grîfu
dîhan, dîhu
greif
dêh
griffum
digum
gigriffan
gidigan
 II biogan, biugu
biotan, biutu
boug
bôt
bugum
butum
giboga
ngibotan
 III bintan, bintu
helfan, hilfu
bant
half
buntum
hulfum
gibuntan
giholfan
 IV neman, nimu nam nâmum ginoman
 V geban, gibu gab
gâbum gigeban
 VI graban, grabu
gruob
gruobum
gigraban
 VII haltan, haltu
loufan, loufu
hialt
liof
hialtum
liofum
gihaltan
giloufan


Flexion

                Älteste Form(stark)     Tatian               Otfrid     Notker
                Anfang des 9. Jh.s           ca. 825               ca. 865    ca. 1000
1.+3. Sg.   nam                               zôh                    fuar         riet
2. Sg.        nâmi                              zugi                   fuari         rieti
1. Pl.         nâmum, (-umês)             zugumês, (-un)   fuarun      rieten
2. Pl.         nâmut                            zugut                  fuarut      rietent
3. Pl.         nâmun                           zugun                 fuarun      rieten

Die 1. und 3. Sg. Ind. Prät. hat bei den starken Verben keine Endung: zôh, fuar, die 2. Sg. Ind. Prät. endet auf -i: zugi. Die älteren Formen der 1. Pl. Ind. Prät. der starken Verben enden auf -um, woraus im 9. Jh. -un wird: nâmum, fuarun. Auch in die Formen der starken Verben ist die Präsensendung -mês eingegangen, sie enden also auf -umês. Die 2. Pl. endet bei den starken Verben auf -ut, woraus im späten Alemannisch -ent wird. Die 3. Pl. endet auf -un: zugun.[29].


3. 2. 2. Schwache Verben

  schwach I  schwach II  schwach III 
1.+3.Sg.  suohta, zalta, zelita, nerita salbôta habêta
 2. Sg.
suohtôs, (-ôst) salbôtôs, (-ôst) 
habêtôs, (-ôst)
 1. Pl.
suohtum, (-un, -umês) 
salbôtum (-un, -umês) habêtum (-un, -umes)
 2. Pl.
suohtut salbôtut habêtut
 3. Pl.
suohtun salbôtun habêtun

Die schwachen Verben bilden ihr Präteritum dadurch, daß ein -t- an den Verbstamm angefügt wird: neri-t-a, salbô-t-a, habê-t-a. [30] Die 1. und 3. Sg. Ind. Prät. endet bei den schwachen Verben auf -a: habêta, die 2. Sg. Ind. Prät. endet auf -ôs, woraus später -ôst wird: salbôtôs, salbôtôst. Die Flexionsendung der 1. Pl. Ind. Prät bei den schwachen Verben ist -um, woraus später -un wird. In manchen Texten aus dem 9. Jh. hat die 1. Pl. Ind. Prät allerdings auch die -mês Endung der 1. Pl. Ind. Präs.. Die 2. Pl. endet auf -ut und die 3. Pl. auf -un.

 
3.3. Konjunktiv
3.3.1. Konjunktiv Präsens


  Älteste Form(stark) 
Tatian 
Otfrid
Notker
  Anfang des 9. Jh.s
ca. 825
ca. 965  ca. 1000
1.+3. Sg.  neme
ziohe  fare
râte
2. Sg.
nemês ziohês, (êst) farês râtêst
1. Pl.
nemêm, (-amês, -emês) ziohemês(-ên) farên râtên
2. Pl.
nemêt 
ziohêt farêt râtênt
3. Pl.
nemên 
ziohên farên
râtên


  schwach I  schwach II
schwach III
1.+3. Sg.
suoche, zelle,
nerie, nerre          salbo
salbôe habe, habêe.
2. Sg.
suochês, -êst       salbôs (-t) salbôês(t) habês, (-êst), habêês(t)
1. Pl.
suochêm,-en,     salbôm,
-emês, -amê        -ôn, ômês
salbôêm habêm, (-ên), (-êmes), (-êêm)
2. Pl.
suochêt,              salbôt salbôêt  
habêt, (-êêt)
3. Pl.
suochên              salbôn salbôên habên, (-êên)

Die Konjunktivendungen der starken Verben und schwachen Verben unterscheiden sich nicht. Die 1. und 3. Sg. der schwachen Verben I und III und der starken Verben enden im Konjunktiv auf -e. Die schwachen Verben II enden auf -o. Allerdings können bei den schwachen Verben II und III lange und kurze Formen vorkommen: salbôê, habêê und salbo, habe. Bei starken und schwachen Verben endet die 2. Sg. in den älteren Quellen hauptsächlich auf -ôs und -ês. Seit ca. dem 10 Jh. wird oft ein -t angefügt: ratêst. Allerdings tritt die -t Endung im Konjunktiv vereinzelt auch schon im 9. Jh. auf. [31] Dieser Vorgang vollzieht sich im Anschluß an das Anfügen der -t Endung in der 2. Sg. Ind..

Die ursprünglichen Endungen der 1. Pl. Konj. sind -ôm bei den schwachen Verben II und -êm bei den restlichen Klassen. Im Abschnitt zum Indikativ Präsens wurde bereits angemerkt, daß die Konjunktivformen seit dem 9. Jh. [32] zum Teil durch Indikativformen der 1. Pl (salbômes) ersetzt werden. Daher hat der Konjunktiv in manchen Quellen die ursprüngliche Konjunktivendung (salbôm), in anderen Quellen steht dagegen eine Indikativform für den Konjunktiv (salbômês). Bei Tatian kommt beides vor: ziohemês und ziohên. Im Alemannischen endet die 2. Pl. Konj. Präs. auf -ênt wie bei Notker: râtênt, ansonsten nur auf -ôt bei den starken Verben II und êt bei den anderen Verbklassen. Die 3. Pl. endet bei den starken Verben II auf -ôn, die anderen Klassen enden auf -ên.

3. 3. 2. Konjunktiv Präteritum


    Älteste Form(stark)     Tatian            Otfrid     Notker
    Anfang des 9. Jh.s           ca. 825            ca. 865     ca. 1000
1.+3. Sg.    nâmi                  zugi               fuari         riete
2. Sg.         nâmîs                 zugîs (-îst)     fuarîs        rietîst
1. Pl.          nâmîm, (-îmês)   zugîmês (-în)  fuarîn        rietîn
2. Pl.          nâmît                 zugît              fuarît         rietînt
3. Pl.          nâmîn                zugîn              fuarîn        rietîn

                    schwach I                       schwach II     schwach III
1.+3. Sg.     suohti, zalti, zeliti, neriti     salbôti            habêti
2. Sg.          suohtîs, (-îst)                    salbôtîs           habêtîs
1. Pl.           suohtîm, (-în, .-îmês)         salbôtîm          habêtîm
2. Pl.           suohtît                              salbôtît            habêtît
3. Pl.           suohtîn                             salbôtîn           habêtîn

Die 1. und 3. Sg. Konj. enden auf -i. Die 2. Sg. endet in älteren Quellen auf -îs, später wird dieser Form ein -t angefügt: nâmîs, rietîst. Die 1. Pl. endet zunächst auf -îm und später auf -în, allerdings geht im 9. Jh. genau wie im Indikativ Präteritum und im Konjunktiv Präsens die -mes Endung in die 1. Pl. Konj. Prät. ein: zugîmês. Die 2. Pl. endet auf -ît, spätalemannisch jedoch auf -înt: rietînt. Die 3. Pl. endet auf -în.
 
3. 4. Partizipien
3. 4. 1. Partizip Präsens

Älteste Form(stark)     Tatian              Otfrid                  Notker
Anfang des 9. Jh.s           ca. 825               ca. 865                ca. 1000
nemanti, (-enti)             ziohenti, (-anti)     farenti, (-annti)     râtente, (-ende)

               schwach I                                   schwach II     schwach III
suochenti, zellenti, nerienti, nerrenti, (-anti)     salbônti             habênti

Die Endung des Partizip Präsens ist in allen Verbklassen -ônti und -ênti bei den schwachen Verben II und III, die starken Verben und die schwachen Verben I enden auf -enti. Später wird das -nt der Endung zu -nd abgeschwächt. Bei den schwachen Verben I und den starken Verben schwanken die Bindevokale.

3. 4. 2. Partizip Präteritum


Älteste Form(stark)   Tatian          Otfrid      Notker
Anfang des 9. Jh.s         ca. 825           ca. 865     ca. 1000
ginoman                       gizogan          gifaran      gerâten

schwach I     schwach II     schwach III
  gisuochit          gisalbôt            gihabêt

Das Partizip Präteritum wird dadurch gebildet, daß bei den schwachen Verben ein -t an den Verbstamm angefügt wird, bei den starken Verben findet Ablaut statt, und es wird das Suffix -an an den Stamm gefügt.

ausgedrückt werden. Der Konjunktiv bezeichnet demnach den Modus und nicht das Tempus einer Verbalform. Insofern gehört der Konjunktiv eigentlich nicht in den Themenbereich Tempus. Auf den Gebrauch des Konjunktivs im Ahd. wird hier deshalb auch nicht eingegangen.

Die Konjunktivformen werden hier erwähnt, weil sich im Ahd. der Konjunktiv im Nebensatz oftmals nach dem Tempus des Hauptsatzes richtet.[46] Auf eine Imperfektform folgt also der Konjunktiv Präteritum und auf eine Präsensform der Konjunktiv Präsens. Obwohl der Konjunktiv keine temporale Bedeutung hat, richtet er sich nach der Tempusform im Hauptsatz, sein Gebrauch wird also durch die Wahl des Tempus beeinflußt, was im Nhd. nicht der Fall ist:

    Siu quat, sus libiti, commen ne hebiti, - 'sie sprach, sie lebe so, einen Gatten habe sie nicht.' [47]

Da im Ahd. quat eine Imperfektform ist, folgt im Nebensatz der Konjunktiv Präteritum, der an der -i- Endung zu erkennen ist.


4. Zusammenfassung

Es wurde deutlich, daß es im Formensystem der Verben zur Zeit der ahd. Dialekte noch keine verbindlichen Formen gibt. Der Gebrauch vieler Formen schwankt und verändert sich, weiterhin kann die Verwendung der Formen von Handschrift zu Handschrift unterschiedlich sein. Es ergaben sich folgende Schwankungen innerhalb des ahd. Formensystems:

Die Endung -n der 1. Sg. Ind. Präs. der schwachen Verben II und III salbôn, habên geht seit dem 11. Jh. in die Formen der schwachen Verben I und der starken Verben suochu, ziuhu ein: gihun, wirdon, ruophon, sprechon. Umgekehrt gehen auch die Endungen dieser Verbklassen in die Formen der schwachen Verben II und III über.

Aus der ursprünglichen Endung -s der 2. Sg. des Indikativ und Konjunktiv Präsens und Präteritum wird durch die Verschmelzung des Verbs mit dem Personalpronomen thu -st: salbôs, salbôst.

Die Endung der 1. Pl. Ind. Präs. -mês geht in die Formen der 1. Pl. im Indikativ und Konjunktiv Präteritum (salbôtum, salbôtîm) sowie in die 1. Pl. Konj. Präs. (salbôm) ein: salbôtumês (1. Pl. Ind. Prät.), zugîmês (1. Pl. Konj. Prät.), salbômes (1. Pl. Konj. Präs.). Gleichzeitig geht die ursprüngliche Endung der 1. Pl. Konj. Präs. -m bzw. -n in die 1. Pl. Ind. Präs. ein: salbôn.

 
5. Der Gebrauch der Tempusformen im Althochdeutschen


Das Ahd. kennt die synthetisch gebildeten Tempora Präsens und Präteritum, die schon die Tempora des Germanischen waren.[33] Die zusammengesetzten Zeiten entwickeln sich in ahd. Zeit erst ganz allmählich und behalten noch lange Zeit "den Beigeschmack des fremdartig Ungewohnten". [34] Die Entwicklung der umschriebenen Zeitformen wird zum großen Teil durch die Sprachstruktur des Lateinischen beeinflußt.[35] Da die Schreiber der ahd. Zeit in "lateinisch-antiker beziehungsweise lateinisch-christlicher Bildungstradition"[36] standen, befanden sie sich in engem Kontakt mit der lateinischen Sprache. Dementsprechend bilden "Übersetzungen aus dem Lateinischen und die poetische Bearbeitung lateinischer Vorlagen" [37] einen Schwerpunkt innerhalb der volkssprachlichen Literatur.

So war der Übersetzer in der Situation, das differenzierte Tempussystem des Lateinischen mit den Mitteln, welche die ahd. Sprache ihm zur Verfügung stellte, auszudrücken. Dieser Umstand gab für den Übersetzer vermutlich an einigen Stellen den Anlaß, nach differenzierteren Tempusbezeichnungen zu suchen.[38] Die Probleme, die sich beim Übersetzen lateinischer Texte ins Ahd. ergaben, sind nicht der einzige Grund, warum sich das ahd. Tempussystem veränderte, denn ähnliche Veränderungen sind auch in anderen germanischen Sprachen, die wahrscheinlich nicht in der Weise wie das Ahd. durch das Lateinische beeinflußt wurden, feststellbar. [39] Dieser Frage kann hier jedoch nicht weiter nachgegangen werden.

5. 1. Die synthetisch gebildeten Tempora
5. 1. 1. Indikativ Präsens

Der Indikativ des Präsens kann im Ahd. sowohl die Gegenwart bezeichnen als auch die Zukunft, er kann auch ohne Zeitbezug auftreten.[40]

    Tho antuurtanti der heilant in quad iru giuuelih de dar trinkit fon uuazzare thesemo thurstit inan abur de dar trinkit fon thesemo uuazzare thaz ih gibu ni thurstit zi euuidu...

    'Da antwortete der Heiland und sprach (zu) ihr: "Wer immer da trinkt von diesem Wasser, ihn dürstet abermals. Der aber von dem Wasser trinken (wird), das ich geben (werde), ihn dürstet nicht in Ewigkeit..."'[41]

Dieses Beispiel verdeutlicht, daß die einfache Präsensform Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung haben kann. Im folgenden Beispiel drückt das Präsens einen zeitlosen Sachverhalt aus, der schon in der Vergangenheit so war, in der Gegenwart so ist und in der Zukunft so sein wird:

Ter terni máchont nouem, ter nouem máchont XXVII. Dáz sínt ter terni ter.

'Dreimal drei ergibt neun, dreimal neun 27. Das sind dreimal drei mal drei.' [42]

5. 1. 2. Indikativ Präteritum


Die einfache Imperfektform kann alle Stufen der Vergangenheit ausdrücken. Das Präteritum kann die einfache Vergangenheit bezeichnen. Die Imperfektform ist im Ahd. als Perfekt zu verstehen, wenn ein Geschehen bezeichnet wird, das abgeschlossen in der Vergangenheit liegt, aber bis in die Gegenwart wirkt. Wenn eine Handlung, die vor der Vergangenheit stattgefunden hat, bezeichnet wird, ist die Imperfektform als Plusquamperfekt zu verstehen. Der ahd. Sprecher bzw. Schreiber wußte wahrscheinlich aufgrund des Zusammenhangs, in dem die Imperfektform auftrat, welche Stufe der Vergangenheit sie bezeichnete.

    quam tho uuib fon samariu sceffen uuazzar Tho quad iru der heilant gib mir trinkan sine iungoron giengun in burg thaz sie muos couftin

    '(Es) kam da (ein) Weib aus Samaria Wasser zu schöpfen. Da sagte der Heiland: "Gib mir (zu) trinken". Seine Jünger (waren) in die Stadt gegangen, daß sie Speisen kauften.' [43]

Hier hat die einfache Imperfektform die Bedeutung der Vorvergangenheit und der Vergangenheit, im folgenden Beispiel drückt es dagegen das Perfekt aus.

    tho quad iru der heilant uuola quadi thaz thu ni habes gomman thu habetos finf gomman inti den thu nu habes nist din gomman...

    'Da sagte ihr der Heiland: "(Du) hast gut gesagt, daß du nicht einen Ehemann hast, du hattest fünf Männer und den du jetzt hast, (der) ist nicht dein Ehemann..."' [44]

5. 2. Der Gebrauch des Konjunktivs

Mit dem Konjunktiv können im Ahd. "Zweifel, Unsicherheit, Vermutung, Wunsch [und] irreales Geschehen" [45] ausgedrückt werden. Der Konjunktiv bezeichnet demnach den Modus und nicht das Tempus einer Verbalform. Insofern gehört der Konjunktiv eigentlich nicht in den Themenbereich Tempus. Auf den Gebrauch des Konjunktivs im Ahd. wird hier deshalb auch nicht eingegangen.

Die Konjunktivformen werden hier erwähnt, weil sich im Ahd. der Konjunktiv im Nebensatz oftmals nach dem Tempus des Hauptsatzes richtet.[46] Auf eine Imperfektform folgt also der Konjunktiv Präteritum und auf eine Präsensform der Konjunktiv Präsens. Obwohl der Konjunktiv keine temporale Bedeutung hat, richtet er sich nach der Tempusform im Hauptsatz, sein Gebrauch wird also durch die Wahl des Tempus beeinflußt, was im Nhd. nicht der Fall ist:

    Siu quat, sus libiti, commen ne hebiti, - 'sie sprach, sie lebe so, einen Gatten habe sie nicht.' [47]

Da im Ahd. quat eine Imperfektform ist, folgt im Nebensatz der Konjunktiv Präteritum, der an der -i- Endung zu erkennen ist.
 
5. 3. Zusammengesetzte Formen


Die zusammengesetzten Tempusformen des Perfekts, Plusquamperfekts und des Futurs beginnen sich im Ahd. erst allmählich zu entwickeln. Eggers stellt die Entstehung der Perfektformen mit wesan an einem Beispiel aus der ahd. Isidorübersetzung (8. Jh.) dar.

Im 8. Jh. hatte das Ahd. noch keine festgelegten Perfektformen herausgebildet. Trotzdem treten im Isidortext Formen wie ist quhoman auf. Diese Zusammensetzung unterscheidet sich nicht von den Formen des Zustandspassivs transitiver Verben, die ebenfalls im Isidortext vorkommen, es kann sich hier jedoch nicht um eine Passivform handeln, da quhoman ein intransitives Verb ist. Nach Eggers muß diese Konstruktion daher die Bedeutung: 'ist ein Gekommener' [48] haben, und zwar deshalb, weil die Verben wesan und werdan im Ahd. noch Vollverben sind und das Partizip im Ahd. zunächst ein reines Verbaladjektiv ist.[49] Erst später durch die "gewohnheitsmäßige Bildung der umschriebenen Tempus- und Passivformen [wird] aus der adjektivischen ein partizipiale Funktion" [50] Das Partizip hat hier also weniger die Funktion einer Verbform, sondern vielmehr die Funktion eines "Prädikatsnomens".[51] Daß das Partizip in zusammengesetzten Formen noch anders empfunden wurde als im Neuhochdeutschen, zeigt sich auch daran, daß es oft flektiert auftritt. [52]

Auch wenn diese Formen noch nicht die Bedeutung und die Funktion der heutigen Perfektformen haben, erweitern sie doch die Ausdrucksmöglichkeiten, denn die Konstruktion 'er ist ein Gekommener' hat eine andere Bedeutung als ein einfaches quham 'er kam', weshalb Eggers hierin eine "Bereicherung des deutschen Formensystems"[53] sieht. Wolf bezeichnet diese Konstruktionen als "Ansätze zu einer Perfektbildung". [54] Hinzu kommen später Zusammensetzungen mit habên 'haben' und eigan 'besitzen'. Die Formen mit habên und eigan treten zuerst bei Tatian und Otfried auf, und auch hier hat das Partizip zunächst noch rein verbaladjektivische Funktion. [55] Auch Umschreibungen des Plusquamperfekts mit habên treten nach Eggers bereits im 9. Jh. auf, sie sind jedoch noch sehr selten, wogegen die Formen mit wesan, habên und eigan schon regelmäßig vorkommen. [56]

Um zukünftiges Geschehen zu bezeichnen, treten anstatt der Präsensformen selten auch Umschreibungen des Futurs mit den Verben sculan 'sollen' und wellen 'wollen' auf. [57] Belege der Zukunftsbezeichnungen durch sculan kommen bereits im Isidor vor: er sculut bichennen (cognoscetis) [58] 'ihr sollt (werdet) erkennen'. Eggers vermutet hier, daß "diese Entwicklung [...] durch das Vorkommen der lateinischen Futurpartizipien [...] veranlaßt sein" könnte, für die der Übersetzer nach einer passenden Übersetzungsmöglichkeit suchte. [59] Wie es zu den Formen mit wellen kommt, kann hier nicht dargestellt werden.

Das System der zusammengesetzten Tempusformen ist im Ahd.. mit diesen Ansätzen noch keinesfalls vollständig ausgebildet. Erst im späten Mittelalter gelangt es zu der "systematischen Ausgewogenheit", [60] die das Neuhochdeutsche kennt.

5. 4. Die Bezeichnung der Aktionsarten


Im Ahd. kann das Partizip Präsens mit den Formen von wesan ein Geschehen bezeichnen, das noch nicht abgeschlossen ist. Das Partizip wird dann prädikativ gebraucht. Die Form von wesan kann im Präsens und im Präteritum vorkommen. [61]

 er ist gote thionônti      (er ist Gott dienend) 'er dient Gott' [62]

 Inti uuas thaz folc beitonti Zachariam    

 (Und das Volk war wartend auf Zacharias)

'Und das Volk wartete auf Zacharias' [63]

Das Präfix gi- bezeichnet das Einsetzen oder das Ende eines Vorgangs, das Verb erhält also durch das Präfix ingressive oder perfektive Bedeutung:

    bithiu uuanta...beidu framgigiengun in iro tagun, - 'weil beide in ihren Tagen vorwärts gegangen waren'.[64]

Bei Verben, die selbst perfektive Bedeutung haben, wird im Partizip Präteritum oft kein gi- Präfix vorangestellt, z.B. bei queman.


6. Das Mittelhochdeutsche

An den grammatischen Kategorien hat sich vom Ahd. zum Mhd. kaum etwas geändert. Das Mittelhochdeutsche hat wie das Althochdeutsche zwei synthetisch gebildete Tempora: Präsens und Präteritum. Zusätzlich haben sich im Mhd. drei zusammengesetzte Zeiten gebildet: Perfekt, Plusquamperfekt und Futur, das System der zusammengesetzten Formen ist jedoch, wie oben bereits erwähnt, erst im späten Mittelalter ausgebildet. Als Modus, Numerus und Genus verbi hat das Mittelhochdeutsche wie das Ahd. Indikativ, Konjunktiv und Imperativ, Singular und Plural, ein synthetisch gebildetes Aktiv und ein umschriebenes Passiv.

Im Mhd. werden die Vokale der "nichtstarktonigen Silben"[65] zu -e- abgeschwächt. Dadurch sind die drei Klassen der schwachen Verben fast nicht mehr zu erkennen, und die Konjunktivformen entsprechen weitgehend den Indikativformen, da die "Moduszeichen" [66] -ê- und -î- durch die Abschwächung zu -e- verschwinden. Durch die Endsilbenabschwächung fallen im Mhd. auch Personalformen zusammen, und die Personalendungen der Verben verlieren dadurch zum Teil ihre grammatische Funktion, die deshalb auf "regelmäßig hinzutretende Personalpronomina" [67] übergeht. [68] Insgesamt wurde die Formenvielfalt des Ahd. durch den Endsilbenverfall erheblich reduziert.

 
7. Die Formenbildung der mhd. Verben

Wie zu ahd. Zeit gibt es auch in der Zeit des Mhd. noch keine einheitliche deutsche Sprache. Im 12./13. Jh. bildete sich jedoch auf der Grundlage der verfeinerten höfischen Sprache eine Literatursprache, das "klassische Mittelhochdeutsch", [69] heraus, das "die Ansätze zu einer Gemein- und Einheitssprache in sich birgt", [70] jedoch auch regionale Unterschiede erkennen läßt. Paul, Wiehl, Grosse gehen in ihrer Grammatik von dieser Sprache aus, allerdings sind die behandelten Texte, wie auch die kritischen Ausgaben mhd. Texte, normalisierte Texte, d.h., daß sie von Karl Lachmann nach einheitlichen Schreibregeln, die er aus guten Handschriften erarbeitete, rekonstruiert wurden. [71]

Im folgenden wird nicht jede einzelne Form besprochen, da weniger Schwankungen vorkommen als im Ahd. und die Personalendungen dem Nhd. stärker gleichen als im Ahd. Auf Veränderungen im Vokal- und Konsonantenbereich, die über die Abschwächung nichtstarktoniger Silben zu -e- hinausgehen, kann hier nicht eingegangen werden. Die folgenden Paradigmen sind aus der Grammatik von Paul, Wiehl, Grosse übernommen.[72]
 
7. 1. Präsens: Indikativ u. Konjunktiv

            Indikativ     Konjunktiv
1. Sg.     nime             neme
2. Sg.     nimest          nemest
3. Sg.     nimet            neme
1. Pl.      nemen          nemen
2. Pl.      nemet           nemet
3. Pl.      nement         nemen

Die Bindevokale aller Formen sind zu -e- abgeschwächt. Die Formen der starken und schwachen Verben müssen daher nicht gesondert besprochen werden, da sie keine Unterschiede mehr aufweisen. Bis auf die 3. Sg. und Pl. unterscheiden sich auch die Indikativformen nicht mehr von den Konjunktivformen. Als Endung der 1. Pl. Ind. Präs., die im Ahd. ursprünglich -mês war, hat sich im Mhd. die ursprüngliche Konjunktivendung -en durchgesetzt. In der 2. Sg. ist das -t, das durch das Anfügen des Personalpronomens thu an die Verbform gefügt wurde, fester Bestandteil der Endung geworden.

7. 2. Präteritum: Indikativ u. Konjunktiv

starke Verben     schwache Verben      
Indikativ     Konjunktiv     Indikativ/Konjunktiv
nam              næme             hôrte
næme           næmest           hôrtest
nam              næme             hôrte
nâmen          næmen            hôrten
nâmet           næmet            hôrtet
nâmen          næmen            hôrten

Die Stammbildung des Präteritums im Mhd. weicht bei starken und schwachen Verben nicht vom Ahd. ab. Die Flexionsendungen der starken und schwachen Verben unterscheiden sich im Indikativ Singular. Die Konjunktivformen der starken und schwachen Verben sind gleich.


8. Der Gebrauch der Tempusformen im Mhd.


Im Mhd. ist die Bildung zusammengesetzter Zeiten weiter fortgeschritten als im Ahd.. Als zusammengesetzte Tempora kennt das Mittelhochdeutsche das Perfekt, das Plusquamperfekt, das Futur I und II. Diese Formen werden aus einem konjugierten Hilfsverb und einer infiniten Verbform gebildet. Das Partizip Präteritum wird also nicht mehr flektiert, es scheint demnach seine Bedeutung innerhalb der zusammengesetzten Form verändert zu haben. [73]

8. 1. Die synthetisch gebildeten Tempora

Die Bedeutung der synthetisch gebildeten Tempora erscheint im Mhd. vielschichtiger als im Ahd.. Allerdings ist zu beachten, daß aus dem Mhd. zahlreichere Texte überliefert sind als aus ahd. Zeit und daß die Grammatiken bei der Untersuchung des Gebrauchs der ahd. Tempusformen nur Aussagen über die Bedeutung der Tempora in den überlieferten Texten machen können.

8. 1. 1. Indikativ Präsens


Das Präsens kann im Mhd. verschiedene Zeitstufen bezeichnen. Es kann Gegenwärtiges ausdrücken: Wahter, du singest daz mir manege vroude nimt unde mêret mîne clage - 'Wächter, du singst, was mir manche Freude nimmt und meine Klage mehrt.'[74] Das Präsens kann aber auch als atemporales Präsens für die Bezeichnung von Allgemeingültigem verwendet werden. Hartmann von Aue schreibt beispielsweise über den Pfad der Sünde, und was er darüber sagt, hat für alle Menschen zu jeder Zeit Gültigkeit:

der enhât stein noch stec, mos gebirge noch walt, der enhât ze heiz noch ze kalt. man vert in âne des lîbes nôt, er leitet ûf den êwigen tôt

'Der ist nicht steinig, nicht schmal, hat weder Moor noch Gebirge noch Wälder, ist nicht zu heiß und nicht zu kalt. Wohl geht man ihn ohne Beschwerden, doch führt er in den ewigen Tod.' [75]

Weiterhin kann das Präsens benutzt werden, wenn verstorbene Autoritäten zitiert werden: hie saget vns ytis...,[76] Kyôt in selbe nennet sus... .[77] Das Mhd. kennt auch das historische Präsens, also die Präsensform mit Vergangenheitsbedeutung, die zur Auflockerung und zur Belebung von vergangenem Geschehen dient, allerdings tritt das historische Präsens nur selten in der mhd. Literatur auf: do was im kvndikeite zit. er sihet wo ein rone lit, dar vnder tet er einen vanc. manic hvnd dar vber spranc - 'So war es höchste Zeit für eine List. Er erblickt einen umgestürzten Baumstamm und springt rasch darunter. Die Hunde sprangen alle darüber...'.[78]

Die Präsensform in einer Erzählung in der Vergangenheit kann jedoch auch Gegenwartsbedeutung haben. Dieser Gebrauch des Präsens wird als "Präsens des Verweilens" oder als "Autorpräsens"[79] bezeichnet. Innerhalb einer Erzählung im Präteritum können durch den Gebrauch des Präsens die Figuren vom Erzähler aus der vergangenen Handlung in die Gegenwart des Autors gehoben werden. Oft wird eine solche Unterbrechung der Handlung mit nû oder hie eingeleitet. Dieses Präsens wird auch verwendet, wenn der Autor die Handlung unterbricht, um die handelnden Figuren oder den Hörer anzusprechen. Dieser Gebrauch des Präsens ist nicht mit dem Gebrauch des historischen Präsens zu verwechseln.

Nach Weinrich findet hier innerhalb eines Textes ein Wechsel vom Tempus der erzählten Welt zum Tempus der besprochenen Welt statt. Die "entspannte Haltung" der "Erzählsituation" wird zugunsten der "gespannte[n] Haltung" der "nicht-erzählenden Sprechsituation" verlassen.[80] Dieser plötzliche Tempuswechsel bewirkt beim Zuhörer eine Steigerung seiner Aufmerksamkeit. Im folgenden Beispiel aus dem Parzival stellt der Autor mitten in das vergangene Geschehen einer Frage an sich selbst, die er im Präsens formuliert. Auf diese Frage folgt eine weitere Passage im Präsens, in der er zunächst über die Figuren als gegenwärtig redet und sie danach auch anspricht.

den heiden minne nie verdrôz: des was sîn herze in strîte grôz. gein prîse truog er willen durch die künegîn Secundillen, diu daz lant ze Tribalibôt im gap:[...] der heiden nam an strîte zuo: wie tuon ich dem getouften nû? ern welle an minne denken, sone mag er nicht entwenken, dirre strît müez im erwerben vor des heidens hant ein sterben. daz wende tugenthafter grâl: Condwîr âmûrs diu lieht gemâl

'Der Heide diente beharrlich um Liebeslohn, und das stärkte sein Herz auch für den Kampf. Er stritt um Heldenruhm im Dienste der Königin Secundille, die ihm das Reich Tribalibot geschenkt hatte. [...]der Gedanke an seine Geliebt mehrte die Kraft des Heiden. Doch was fange ich nun mit dem Christen an? Wenn er sich nicht auf die Macht der Liebe besinnt, bringt ihm in diesem Kampfe die Hand des Heiden unfehlbar den Tod. Verhüte das, allgewaltiger Gral, und du bezaubernde Condwiramrus!' [81]

Mit den Formen des Präsens kann im Mhd. auch zukünftiges Geschehen bezeichnet werden: ich behüete vil wol daz, daz ich im kome sô nâhen - 'ich werde mich davor hüten, ihm so nahe zu kommen'. [82] Durch das Präfix ge- oder durch Adverbien wird die Zukunftsbedeutung der Präsensform noch verstärkt: ich weiz wol waz Kriemhilt mit disem scatze getuot - '...tun wird', [83] die nu vil lîhte mîn enbernt, die windent noch ir hende 'werden noch ihre Hände winden'. [84]

8. 1. 2. Indikativ Präteritum


Mit dem Präteritum können im Mhd. alle Stufen der Vergangenheit bezeichnet werden. Im Oberdeutschen ist das Präteritum geschwunden und durch das Perfekt ersetzt worden. Als "episches Präteritum" ist es das Tempus des Erzählens, mit dem vergangenes Geschehen objektiv geschildert wird: Ein keiser Otte was genant, des magencrefte manic lant mit vorhten undertænic wart. - 'Ein Kaiser hieß Otto. Viele Lander waren seiner Majestät mit Furcht und Zittern untertan.' [85]

Wenn vergangenes Geschehen aus subjektiver Sicht erzählt wird oder wenn es Bezug zur Gegen-wart hat, kann das Präteritum Perfektbedeutung haben: ich liez ein lant dâ ich krône truoc - 'ich habe ein Land verlassen...'. [86] Besonders bei Verben, die an sich schon perfektive Bedeutung haben, ist das häufig der Fall. In einem Satzgefüge kann im ersten Glied ein umschriebenes Perfekt vorkommen, auf das Imperfektformen folgen. Durch die zusammengesetzte Perfektform wird dann deutlich, daß auch die folgenden Imperfektformen Perfektbedeutung haben. [87]

Mit den Imperfektformen kann auch die Vorvergangenheit ausgedrückt werden. Oft ist ein ge- Präfix vor die Imperfektform gestellt, wodurch gekennzeichnet wird, daß diese Form Plusquam-perfektbedeutung hat: schoen unde lanc was im der bart, wand er in zôch vil zarte, und swaz er bî dem barte geswuor, daz liez er allez wâr. - 'Er hatte einen schönen langen Bart, denn er pflegte ihn sehr sorgfältig; und alles, was er je bei diesem Bart geschworen hatte, das erfüllte er haargenau.' [88]

Das Präteritum kann im Mhd. auch mit sehr geringem zeitlichen Bezug als sogenanntes "gnomisches Präteritum" [89] in sentenzartig formulierten Sätzen gebraucht werden. Das Präteritum drückt in solchen Fällen "allgemeine Erfahrung[en]"[90] aus, es gleicht also dem atemporalen Präsens: sîn triuwe hât so kurzen zagel, daz si den dritten biz niht galt, vuor si mit bremen in den walt. - 'Die Zuverlässigkeit solcher Gesinnung hat einen so kurzen Schwanz, daß sie schon den dritten Stich nicht mehr abwehren kann, wenn im Walde die Bremsen über sie herfallen.' [91]
 
8. 2. Der Gebrauch des Konjunktivs


Mit dem Konjunktiv können im Mhd. "Wunsch, Befehl oder Verheißung" [92] sowie "Irrealität oder Potentialität" [93] ausgedrückt werden. Der Konjunktiv bezeichnet demnach, wie im Kapitel über das Ahd. bereits erläutert wurde, nicht die grammatische Kategorie Tempus, sondern die Kategorie Modus. Daher sollen hier lediglich die Fälle besprochen werden, in denen der Konjunktiv einen Zeitbezug hat.

Das Mhd. kennt den Konjunktiv Präsens und den Konjunktiv Präteritum, deren Funktion hier im einzelnen nicht dargestellt wird, wichtig ist hier lediglich, daß durch diese beiden Konjunktiv-formen kein Tempusunterschied gekennzeichnet wird, sondern eine unterschiedliche "Art der Modalität". [94] Wenn der Konjunktiv im Mhd. im Nebensatz steht, kann jedoch "dieser Bedeutungs-unterschied zwischen Konj. Präs. und Konj. Prät [...] aufgehoben" werden, da sich die Form des Konjunktivs, wie schon im Ahd., nach der Tempusform des Hauptsatzes richtet.

Ist der Hauptsatz ein Imperativsatz oder steht er im Präsens oder im umschriebenen Perfekt, folgt in der Regel ein Konjunktiv Präsens, steht der Hauptsatz im Präteritum, folgt dagegen der Konjunktiv Präteritum. Dies gilt allerdings nur, wenn kein zeitlicher Unterschied zwischen der Aussage des Haupt- und Nebensatzes gekennzeichnet werden soll. Die modale Bedeutung der Konjunktivform kann also durch das Tempus des Hauptsatzes abgeschwächt werden.

Wenn allerdings ein Konjunktiv Präteritum im Nebensatz eines Hauptsatzes vorkommt, der im Präteritum steht, kann dieser Konjunktiv eine "präteritale" [95] Zukunft bezeichnen. Die Konjunktivform erhält dadurch einen zusätzlichen Zeitbezug: er weste wol daz Keiî in niemer gelieze vrî vor spotte - 'er wußte wohl, daß Keiî ihn nicht verschonen würde' [96] Der Konjunktiv Präsens kann im konjunktionalen Nebensatz, wenn er durch Verben mit perfektiver Bedeutung gebildet wird, die Bedeutungsnuance einer vollendeten Zukunft haben: swenne ich sî verdorben unde ich lige erstorben durch daz keiserlîche wîp, sô heiz mir snîden ûf den lîp... - 'Wenn ich gestorben bin und tot daliege....' [97].
 
8. 3. Zusammengesetzte Formen

Das zusammengesetzte Perfekt wird aus dem Präsens von haben oder sîn und dem Partizip Präteritum gebildet. Das umschriebene Plusquamperfekt setzt sich aus der Imperfektform von haben oder sîn und dem Partizip Präteritum zusammen. Es läßt sich nicht genau festlegen, wann die Formen von haben und wann die Formen von sîn gebraucht werden. Ungefähr lassen sich transitive Verben und intransitive Verben mit imperfektiver Bedeutung den Formen von haben zuordnen. Intransitive Verben, die eine Orts- oder Zustandsveränderung bezeichnen, bilden die umschriebenen Formen dagegen mit sîn.
 
8. 3. 1. Der Gebrauch des umschriebenen Perfekts und Plusquamperfekts

Das umschriebene Perfekt kann sowohl Zukunfts- als auch Perfektbedeutung haben. Futurbedeutung hat es deshalb, weil es mit der Präsensform von haben oder sîn gebildet wird und das Präsens im Mhd. auch Zukunftsbedeutung hat. Durch die Zusammensetzung der Präsensform mit dem Partizip Präteritum wird ein in der Zukunft bereits vollendet gedachter Sachverhalt, also das Futur II, ausgedrückt, was auch im Nhd. durchaus möglich ist: is rother dar under, den habe wir schire wnden - 'wenn Rother darunter ist, den haben wir gleich gefunden' oder: '...den werden wir gleich gefunden haben.'

Die umschriebenen Perfektformen können jedoch auch ein in der Vergangenheit abgeschlossenes Geschehen, das in die Gegenwart hineinwirkt, bezeichnen: wie stêtz iu umben grâl? habt ir geprüevet noch sîn art? - 'wie steht es um Eure Sache mit dem Gral? Habt Ihr endlich sein Wesen kennengelernt? Was hat Euch Eure Fahrt gebracht?'. [98] Mit dem umschriebenen Plusquamperfekt wird im Mhd. wie im Nhd. die Vorvergangeheit bezeichnet: dô was diu vrouwe Prünhilt vol hin unz an den tisch gegân - 'Da war Brünhilde ganz bis zu ihrem Tisch gegangen'.[99]

8. 3. 2. Der Gebrauch des umschriebenen Futurs

Die umschriebenen Futurformen entwickeln sich aus Zusammensetzungen der Modalverben suln, wellen und müezen mit einem Infinitiv. Durch den modalen Charakter dieser Verben wird einerseits der Zusammenhang zwischen dem "Verbalvorgang" [100] und dem Willen des Subjekts gekennzeichnet, andererseits beinhalten sie, daß der "Verbalvorgang" noch nicht stattgefunden hat, denn das Subjekt 'soll', 'will' oder 'muß' ja noch handeln. Im Mhd. kann innerhalb eines Textes sowohl der modale als auch der temporale Aspekt überwiegen. Im folgenden Beispiel aus dem Nibelungenlied überwiegt die temporale Komponente von suln mit Infinitiv: diu mære, diu ich bringe, sol ich iu willeclîchen sagen [101] - 'die Botschaft, die ich bringe, werde ich Euch gern sagen', einige Sätze später heißt es: ir sult si lâzen hoeren mich unt mîne man [102] - 'ihr sollt sie mich und meine Mannen hören lassen', hier hat suln rein modale Bedeutung.

Die modale Bedeutung ist bei müezen mit Infinitiv stärker als bei suln, auch ist die temporale Bedeutung viel seltener. Im folgenden Beispiel kann müezen rein zeitlich, aber auch modal zu verstehen sein: si gedahte in ir sinne: "und sol ich mînen lîp geben einem heiden des muoz zer werlde immer schande hân"[103] - 'Sie dachte bei sich: wenn ich meinen Körper einem Heiden schenke, muß/werde ich bei den Leuten immer Schande haben"'. Bei wellen mit Infinitiv überwiegt die modale Bedeutung, die temporale Komponente kann jedoch auch sehr stark sein. nu lâzet iuwer weinen: si wellent schiere komen[104] - 'Nun laßt Euer weinen, sie werden glänzend kommen'. Hier hat wellen rein temporale Bedeutung.

Umschriebene Formen mit werden kommen im Mhd. zunächst nur mit dem Partizip Präsens vor und bezeichnen den Beginn eines Geschehens, also die inchoative Aktionsart. Da das Verb werden jedoch keinen "ausdehnungslosen Punkt zwischen Vergangenheit und Zukunft"[105] bezeichnen kann, erhält diese Umschreibung allmählich Zukunftsbezug: ir werdent mich ain clain zît niht sehende. un dar nach so werdent ier mich ain clain zît aber sehende. [106] Seit der 2. Hälfte des 14. Jh. werden Futurumschreibungen aus werden mit Infinitv üblich: sô wirt er spechen. [107].

Daß sich die Futurumschreibungen aus Bezeichnungen der Modalität entwickelt haben, wird noch im Nhd. daran deutlich, daß die Futurformen auch rein modale Bedeutung annehmen können. So wird z.B. in dem Satz 'Du wirst müde sein.' keine Aussage über einen Zustand, der in der Zukunft liegt, gemacht, sondern es wird eine Möglichkeit bezeichnet. Genauso hat der Satz 'Du wirst jetzt ruhig sein' mehr imperativische als temporale Bedeutung.
8. 4. Die Bezeichnung der Aktionsarten

Im Mhd. gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Art und Weise eines "Handlungsverlaufs" [108] zu kennzeichnen. Es wird hier lediglich auf die zusammengesetzten Bezeichnungen der Aktionsarten eingegangen, da sie in engerer Verbindung zu der zeitlichen Bedeutung der "verbalen Aussage" [109] stehen als die Kennzeichnung der Aktionsarten durch Suffixe oder Präfixe. Es werden hier nur solche Bezeichnungen der Aktionsart dargestellt, die einen zeitlichen Verlauf ausdrücken.

Wenn die Präsensform von sîn mit dem Partizip Präsens kombiniert wird, wird betont, daß es sich um einen andauernden Vorgang handelt, womit eine "gewisse Reduktion oder Neutralisierung des temporalen Gehalts" [110] einhergehen kann: der mîn dâ vârend ist, daz ich mich dem entsage [111] - 'daß ich mich dem entziehe, der mir dort ständig nachstellt'. [112] Dasselbe kann für ein vergangenes Geschehen durch das Präteritum von sîn mit dem Partizip Präsens ausgedrückt werden.

Der Beginn eines Geschehens in der Vergangenheit wird durch das Präteritum von werden mit dem Partizip Präsens bezeichnet: dô sî sî vrâgende wart - als sie anfing, sie zu fragen. [113] Durch diese Umschreibung kann gleichzeitig gekennzeichnet werden, daß der Vorgang andauert: si wurden spilnde umbe guot - 'sie fingen an zu spielen und saßen beim Spiel'. [114]

Über den Ansatz einer Futurumschreibung durch die Präsensform von werden mit dem Partizip Präsens wurde bereits gesprochen, daher wird hier nicht weiter auf diese Umschreibung eingegangen.
   

9. Schluß


Die Formenbildung des Ahd. und Mhd. wurde für Indikativ-, Konjunktiv- und Partizipialformen dargestellt. Es wurde im Bereich der ahd. Formen herausgearbeitet, daß sich in dieser Zeit Veränderungen im Bereich der Flexionsendungen vollziehen. Im folgenden werden nur die Veränderungen zusammengefaßt, die bis ins Nhd. Formensystem erhalten blieben.

Es findet eine Vermischung der Indikativ- und Konjunktivendungen statt, so daß aus der ursprünglichen Form der 1. Pl. Ind. Präs. salbômes die Form salbôm,-n wird, so entsteht die -n Endung der 1. Pl. Ind. Präs., die auch das Nhd. kennt: 'salben'. Weiterhin entsteht durch die Verschmelzung der Personalendung der 2. Sg. (salbôs) mit dem Personalpronomen thu die -st Endung, z.B. salbôst. Dieser Vorgang vollzieht sich sowohl in Indikativ- als auch in Konjunktivformen. [115] Weitere Veränderungen im Bereich der Flexion werden hier nicht genannt, da zum Mhd. die Endsilben abgeschwächt werden und einige Personalendungen dadurch ohnehin zusammenfallen.

Im Bereich der mhd. Formenbildung wurde festgestellt, daß durch die Endsilbenabschwächung die Formenvielfalt stark verringert wurde. Die Klassen der schwachen Verben sind nicht mehr zu erkennen, viele Personalendungen sind zusammengefallen, und der Konjunktiv entspricht weitgehend dem Indikativ. [116]

Zum Gebrauch der Tempusformen im Ahd. wurde dargestellt, daß die synthetisch gebildeten Präsens- und Imperfektformen die wichtigsten Zeitformen des Ahd. sind. Das Präsens kann im Ahd. Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung haben, es kann aber auch einen atemporalen Sachverhalt ausdrücken. Das Präteritum kann alle Vergangenheitsstufen bezeichnen. Es wurden auch die Ansätze zur Bildung zusammengesetzter Tempusformen angeführt, deren Entwicklung im Ahd. beginnt. Hierzu wurde festgestellt, daß das Partizip Präteritum in diesem Zusammenhang zunächst weniger als Verb, sondern vielmehr als eine Art Nomen verstanden worden sein muß und erst allmählich die Funktion einer Verbform übernahm. [117]

Zum Gebrauch der Tempusformen im Mhd. wurde herausgearbeitet, daß die Bedeutung des Präsens und Präteritums erweitert wird. Der Umgang mit diesen Tempusformen verändert sich. So kann im Mhd. durch die Präsensform Vergangenes bezeichnet werden, oder das Präsens kann plötzlich innerhalb eines Textes, der vergangenes Geschehen beschreibt, mit Gegenwarts-bedeutung auftreten. Zu den Zeitstufen, die schon im Ahd. durch diese Tempusformen bezeichnet werden, treten also noch der Gebrauch des Präsens als historisches Präsens und als eine Art rhetorisches Mittel hinzu. Das Präteritum kann im Mhd. beinahe ohne Zeitbezug auftreten, z.B. wenn es in Sprichwörtern auftritt. Zum Konjunktiv wurde festgehalten, daß der Konjunktiv Präsens in konjunktionalen Nebensätzen die vollendete Zukunft bezeichnen kann.

Die umschriebenen Tempusformen haben sich im Mhd. weiter ausgebildet, das Partizip Präteritum übernimmt im Mhd. die Funktion einer Verbform. Das Mhd. kennt das umschriebene Perfekt, mit Perfekt- und Futurbedeutung, das umschriebene Plusquamperfekt, womit die Vorvergangenheit bezeichnet wird, und die umschriebenen Futurformen, die mit Modalverben gebildet werden und darum zwischen modaler und temporaler Bedeutung schwanken.[118]

Es zeigte sich, daß die Zuordnung zwischen Tempusformen und Zeitstufen, wie sie die traditionelle Grammatik vertritt, weder für das Ahd. noch für das Mhd. gelten kann.

 
Literaturverzeichnis


    * Braune, Wilhelm: Althochdeutsche Grammatik. 14. Aufl. bearb. v. Hans Eggers. Tübingen: Niemeyer 1987.
    * Bußman, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft. 2. Aufl. Stuttgart: Kröner 1990.
    * Eggers, Hans: Deutsche Sprachgeschichte I. Das Althochdeutsche. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1963. (Rowohlts deutsche Enzyklopädie).
    * Eggers, Hans: Uuard quhoman und das System der zusammengesetzten Verbformen im Isidor. In: Althochdeutsch. Bd. 1. Grammatik. Glossen. Texte. Hg. v. Rolf Bergmann. Heidelberg: Universitätsverlag 1987. (Germanische Bibiliothek: Reihe 3. Untersuchungen). S. 239-252.
    * Frey, Evelyn: Einführung in die historische Sprachwissenschaft des Deutschen. Lehr- und Übungsbuch der diachronen Linguistik mit ausführlichen Darstellungen zur Bifurkationstheorie. Heidelberg: Julius Groos 1994.
    * Gerdes, Udo, Spellenberg, Gerhard: Althochdeutsch-Mittelhochdeutsch. Grammatischer Grundkurs zur Einführung und Textlektüre. Frankfurt a. M.: Athenäum 1972.
    * Geschichte der deutschen Sprache. Bd. 1. Althochdeutsch-Mittelhochdeutsch. Hg. v. Hans Moser. Heidelberg: Quelle und Meyer 1981. (Uni-Taschenbücher).
    * König, Werner: dtv-Atlas zur deutschen Sprache. Tafeln und Texte. 9. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1992.
    * Lyrische Signaturen. Zeichen und Zeiten im deutschen Gedicht. Hg. v. Walter Urbanek. 2. Aufl. Bamberg: C.C. Buchners 1985.
    * Paul, Hermann: Mittelhochdeutsche Grammatik. 23. Aufl. neu bearb. v. Peter Wiehl u. Siegfried Grosse. Tübingen: Niemeyer 1989. (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte: A, Hauptreihe; Nr. 2)
    * Penzl, Herbert: Althochdeutsch. Eine Einführung in Dialekte und Vorgeschichte. Bern, Frankfurt a.M., New York: Lang 1986. (Germanistische Lehrbuchsammlung; Bd. 7).
    * Sonderegger, Stefan: Althochdeutsche Sprache und Literatur. Eine Einführung in das älteste Deutsch. Darstellung und Grammatik. Berlin, New York: de Gruyter 1974.
    * Weinrich, Harald: Tempus. Besprochene und erzählte Welt. 4. Aufl. Stuttgart 1985.

Quellentexte

    * Althochdeutsche Literatur. Ausgewählte Texte mit Übertragungen und Anmerkungen. Hg. v. Horst-Dieter Schlosser. Frankfurt a. M.: Fischer 1970.
    * Hartmann von Aue: Gregorius der gute Sünder. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Friedrich Neumann, Übertragung von Burkhard Kippenberg, Nachwort von Hugo Kuhn. Stuttgart: Reclam 1991.
    * Heinrich der Glîchezâre: Reinhart Fuchs. Herausgegeben, Übersetzt und Erläutert von Karl Heinz Göttert. Mittelhochdeutsch und Neuhochdeutsch. Stuttgart: Reclam1987.
    * Konrad von Würzburg: Heinrich von Kempten. Der Welt Lohn. Das Herzmaere. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Edward Schröder. Übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Heinz Rölleke. Stuttgart: Reclam1993.
    * Das Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch. 20. Aufl. Hg. v. Helmut de Boor. Wiesbaden: Brockhaus 1972. (Deutsche Klassiker des Mittelalters).
 

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