Vergleich von ausgewählten herkömmlichen und e-mail Leserbriefen an das Jugendmagazin "jetzt" der Süddeutschen Zeitung unter Beachtung textlinguistischer Aspekte.

Kaes, Michael (1995)

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Inhalt / Abstract:

1. Einleitung
2. Was ist jetzt?
3. Von welchem Textbegriff ist die Rede?
3.1 Was bedeutet der integrierte Textbegriff für Leserbriefe?
3.1.1 Indikatoren unterschiedlicher Textfunktionen
4. Der Leserbrief: Wie konstituiert sich diese Textsorte?
4.1 Die kommunikative Situation
4.2 Formale Anforderungen
4.2.1 Formale Besonderheiten
4.3 Inhaltliche Aspekte
5. Quantitativ-statistische Ergebnisse
6. Fazit

1. Einleitung

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist der intermediale Vergleich zweier Arten von unredigierten Leserbriefen an jetzt, das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung. Zum einen sollen herkömmliche" Leserbriefe untersucht werden, zum anderen soll die recht neue Art der Leserbriefe per electronic-mail, kurz e-mail, näher betrachtet werden. Obschon diese Einteilung in zwei Gruppen zunächst einfach und zweckmäßig erscheint, ist sie doch vor dem Hintergrund der neuen Medien recht kompliziert.

Begründet liegt dieses Problem in dem zeitlich relativen Begriff neuer Medien, der nicht in exakte Grenzen zu fassen ist. Streng genommen würden in die Gruppe der neuen Medien auch die Leserbriefe fallen, welche mit Hilfe computergestützter Textverarbeitungsprogramme geschrieben und gestaltet wurden, und die dann entweder per Post oder Fax an die jetzt-Redaktion geschickt wurden. Schließlich ist auch dies eine ziemlich junge Form der brieflichen Kommunikation. Sicher würde ein solcher Vergleich handschriftlicher und computergeschriebener Leserbriefe interessante Ergebnisse, beispielsweise hinsichtlich Entstehung und formaler Gestaltung, liefern. Dennoch sollen diese Briefe hier in einer Gruppe zusammengefaßt und den e-mails gegenübergestellt werden, weil die papierlose Form der Leserrückmeldung eine besondere Qualität der neuen Medien und einen deutlichen Einschnitt in der Kommunikation zwischen Leser und Journalist darstellt. Inwieweit das der Fall ist und ob man eventuell von einer neuen Textsorte sprechen kann, soll ebenso Ziel meiner Untersuchung sein wie die Erläuterung textlinguistischer Aspekte unter Berücksichtigung der vorliegenden Briefe.

Zu diesem Zweck wurden die Leserbriefe aus dem Zeitraum Juni/ Juli 1995 in vier Textkorpora eingeteilt.1 Korpus I enthält alle e-mails, Korpus II alle herkömmlichen", das heißt papiergebundenen Leserbriefe an die Süddeutsche Zeitung . Innerhalb dieser beiden Korpora sollen formale und sprachliche Phänomene untersucht werden, die jeweils charakteristisch für elektronische oder papiergebundene Texte erscheinen. Hieraus ausgegliedert sind Korpus Ia und Korpus IIa, anhand derer statistische Werte (Satzlänge, Zahl der Ellipsen, Verhältnis von Haupt- zu Nebensätzen, ...) ermittelt wurden. Aufgenommen wurden in diese Gruppen alle e-mails, die den Ansprüchen der Textsorte Leserbrief" - hiervon wird später die Rede sein - genügten (Korpus Ia), sowie eine Auswahl repräsentativer handschriftlicher, computer- und schreibmaschinengeschriebener Briefe, die die Redaktion auf postalischem Wege oder per Fax erreichten (Korpus IIa).

Begründet liegt das Vorgehen in der Tatsache, daß viele Briefe an jetzt sich auf die Rubrik Lebenswert" beziehen, eine Hitliste der Gründe, warum es sich diese Woche zu leben lohnt".2 Diese Einsendungen bestehen oft nur aus Satzfragmenten oder einem Wort3 und sollen deshalb bei der quantitativ-statistischen Analyse nicht berücksichtigt werden. Von Bedeutung werden sie jedoch bei der Untersuchung von isoliert zu bewertenden Phänomenen (wie beispielsweise den emoticons) sein.

Problematisch ist diese Ausgrenzung, weil es in der linguistischen Forschung unterschiedliche Ansätze zur Definition des Textbegriffes gibt. Als Beispiel genannt seien hier Brinker4 und Wawrzyniak.5 Bei Vater heißt es:

Zustimmen kann man insofern, als die Länge eines Textes keine Rolle spielt: Ein Text kann aus einem Satz bestehen, der wiederum aus einem Wort bestehen kann." 6

Demnach wären solch kurze Einsendungen, die stichwortartig auf eine Liste referieren (zum Beispiel: e-mail Nr.16, Korpus I) gleichermaßen wie umfangreichere, nicht auf die spezielle Rubrik zielende Briefe zu berücksichtigen. Daß dies hier nicht geschieht, liegt an ihrer kommunikativen Funktion, die später intensiver betrachtet werden soll und die von diesen Briefen" durch die Beschränkung auf die Lebenswert-Liste" nur unzureichend erfüllt wird. Es sorgt also nicht die fehlende Textualität für die Abgrenzung, sondern die Zugehörigkeit zu einer anderen Textsorte. Der Frage, welchen Kriterien die Einsendungen im einzelnen gerecht werden müssen, um der Textsorte Leserbrief zugeordnet werden zu können, soll später, auch im Lichte eines detaillierteren Textbegriffes, nachgegangen werden.

2. Was ist jetzt?

Um der sinkenden Zahl jugendlicher Zeitungsleser (ein Ergebnis der letzten Media-Analyse) entgegenzuwirken, gibt die Süddeutsche Zeitung für die Zielgruppe der 14-19-jährigen das Jugendmagazin jetzt heraus, das seit Anfang 1995 auch On-Line über das Münchner StadtNet genutzt werden kann. Dies bietet unter anderem die Möglichkeit, Leserbriefe per e-mail abzusetzen. Man erhofft sich davon, junge Leser, nicht zuletzt Computerkids", anzusprechen und eine stärkere Resonanz hinsichtlich der Blattrezeption zu erhalten. Von Seiten der Redaktion werden die e-mails regelmäßig beantwortet, außerdem findet jeden Montag eine elektronische Blattbesprechung statt.

Abhängig von der Brisanz der Themen in jetzt ist natürlich auch die Zahl der wöchentlichen Leserbriefe: Vieldiskutierte Ausgaben bringen etwa 20 e-mails und 30-40 herkömmliche Leserbriefe mit sich, wobei interessant ist, daß sich nicht nur die Zielgruppe der jugendlichen Leser zu Wort meldet, sondern auch Erwachsene, die sich häufig am lockeren Sprachstil des Magazins stören. Außerdem kann man feststellen, daß es eine Gruppe von gewohnheitsmäßigen Leserbriefschreibern gibt, die sich zumeist aus jugendlichen Computerfreaks oder den bereits erwähnten tadelnden Erwachsenen (häufig sind es Lehrer) zusammensetzt.

3. Von welchem Textbegriff ist die Rede?

Zwar ist es im alltäglichen Verständnis dessen, was man als Text bezeichnet, selbstverständlich, Leserbriefe Texte zu nennen, doch sollen hier die wissenschaftlichen Voraussetzungen für diese Einordnung, das heißt Textualitätskriterien, kurz skizziert werden, bevor nach konstituierenden Merkmalen für die Textsorte Leserbrief" gesucht wird. 7

Nützlich ist hierzu die Orientierung an Brinker, der zunächst zwei Ansätze der Textlinguistik referiert, ehe er versucht, einen integrativen Textbegriff " zu erarbeiten, der wesentliche Aspekte beider Positionen vereint. 8 Der ältere Ansatz ist sprachsystematisch ausgerichtet. Er mißt dem Satz als Struktureinheit des Textes" 9 besondere Bedeutung bei und vertritt die Auffassung, daß die Bildung von Texten maßgeblich von dem Regelsystem und den Gesetzmäßigkeiten der Sprache (Langue") bestimmt wird. Diese Regeln steuern demnach nicht nur die Wort- und die Satzbildung, sondern auch die Entstehung von Texten. Texte stellen in diesem Sinne kohärente Abfolgen von Sätzen dar, folglich kann man sie auch mit Mitteln der Satzanalyse untersuchen, also in erster Linie grammatisch (morphologisch und syntaktisch), wobei die Einheit Satz" in kleinere Einheiten zerlegt wird, die dann zu klassifizieren sind (zum Beispiel in Phoneme, Morpheme, Satzglieder). Wenngleich dieser sprachsystematisch-orientierte Ansatz bei der quantitativ-statistischen Untersu chung der vorliegenden Leserbriefe noch ein Rolle spielen wird, kommt doch dem zweiten, dem kommunikationsorientierten Textbegriff hier größere Bedeutung zu. 10

Wesentlich dazu trägt die Tatsache bei, daß es sich um L e s e r briefe handelt, also um Briefe an ein Printmedium, das eine bedeutende kommunikative Funktion in der Gesellschaft erfüllt und das von Hause aus" ein Interesse am intensiven Dialog Journalist - Leser hat, nicht zuletzt, um Anregungen und Tips für Verbesserungen zu erhalten. Hierbei ist auch die grundsätzliche, auf Information und Kommunikation zielende Funktion der Medien in demokratischen Gesellschaften von Bedeutung, was hier jedoch nur angedeutet werden soll.

Hinsichtlich des kommunikationsorientierten Textbegriffes ist interessant, daß Leserbriefe durch ihre Publikation einen besonderen Status erhalten können, indem sie nämlich Teil des öffentlichen Diskurses werden. Dies manifestiert sich in einer großen Zahl von Einsendungen, die auf Veröffentlichung zielen und die zum Teil auf bereits veröffentlichte Leserbriefe Bezug nehmen, was jetzt zu einem Forum für die Diskussion unter den Lesern macht. 11 Der einzelne Leser hat die Möglichkeit, seine Meinung nicht nur gegenüber der jetzt-Redaktion zu äußern, sondern er kann eine breite Öffentlichkeit erreichen. Dies gilt allerdings nicht für den (seltenen) Fall, daß er selbst dies aus schließt und seine briefliche Äußerung ausschließlich an die Redaktion richtet:

Das Ziel dieses Leserbriefes ist nicht dessen Veröffentlichung [...], sondern vielmehr eine persönliche Stellungnahme des verantwortlichen Redakteurs [...]." 12

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, daß dem kommunikationsorientierten Textbegriff große Bedeutung zukommt, da er Texte nicht bloß als grammatisch verknüpfte Satzfolge, sondern als komplexe sprachliche Handlung in einer konkreten kommunikativen Situation sieht. Mit Hilfe des Textes stellt der Verfasser eine kommunikative Beziehung zum Leser her, deren Charakter wesentlich von der Textsorte bestimmt ist. Der Zweck von Texten wird demzufolge von ihrer kommunikativen Funktion bestimmt. Ein Zeichen für die Relevanz dieser Position sieht Brinker zudem darin, daß die Textproduktion, sowohl unter grammatischen als auch unter thematischen Gesichtspunkten, wesentlich von der kommunikativen Intention des Verfassers und dessen sozialer Position gesteuert wird.

Trotz der Dominanz dieses Ansatzes läßt Brinker auch sprachsystematisch orientierte Kriterien in seinen integrierten Textbegriff" einfließen, der eine gute Basis für ausführlichere Textanalysen ist:

Der Terminus Text bezeichnet eine begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen, die in sich kohärent ist und die als ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert." 13

3.1. Was bedeutet der integrierte Textbegriff" für Leserbriefe?

Der Frage, inwieweit sich dieser Textbegriff mit den vorliegenden Leserbriefen verträgt, soll im folgenden anhand von Beispielen aus Korpus I und II kurz nachgegangen werden. 14 Hierbei gilt es zu prüfen, ob die drei Textualitätskriterien ( sprachliche Zeichen, Kohärenz und kommunikative Funktion) erfüllt werden.

Der erste Punkt bedarf kaum einer näheren Erläuterung. Ausgehend von der Lehre de Saussures, die das sprachliche Zeichen als zweiseitige Einheit von Bezeichnetem und Bezeichnendem definiert, kann man bei unserer gesprochenen und geschriebenen Gegenwartssprache, also auch bei den vorliegenden Briefen, einfache (elementare) sprachliche Zeichen [...] und komplexe Zeichen [...]"15 unterscheiden, zudem läßt sich auch die Bedingung der Begrenztheit bei den (exemplarisch ausgewählten) Leserbriefen ohne weiteres konstatieren: Beide beginnen mit einem kurzen Grußwort (hallo, hallo jetzige) und enden mit einem textsortenspezifischen Abschied ( cu, Viele Grüße).

Die zweite Voraussetzung, nämlich daß die Zeichen in sich kohärent sein müssen, erfüllen die Briefe durch unterschiedliche Mechanismen, die, zusammengenommen eine zentrale Rolle in der textlinguistischen Diskussion spielen";16 hier kann nur kurz auf sie eingegangen werden. Eine Möglichkeit, sich dem Kohärenzbegriff zu nähern, ist die Trennung grammatischer und thematischer Voraussetzungen. Die grammatischen Bedingungen der Textkohärenz werden im wesentlichen vom Prinzip der Wiederaufnahme von Wörtern bestimmt, das sich in den Beispielen 1 und 2 nachweisen läßt:

-Leider war ich noch nicht so weit, daß ich meinen Kosenamen [...] beisteuern konnte. So ein Name muß sich nämlich richtig entwickeln [...]. (Beispiel 1)

-Am 31.12.1999 wird sie nämlich ein Jahr zu früh die Jahrtausendwende feiern. Die eigentliche Jahrtau sendwende [...]. (Beispiel 2)

Indem diese Ersatzformen das thematische Hauptwort" ersetzen, tragen sie zur Kohärenz bei, die sich die grammatische Verknüpfungsstruktur gleichsam als Trägerstruktur" zunutze macht. 17 Hierbei handelt es sich um die explizite Form der Wiederaufnahme", deren Bedeutung für die Textkohärenz auf grammatischer Ebene durch anaphorische Verknüpfungselemente und kohärenz bildende Partikeln wie nämlich" verstärkt wird: 18

-Leider war ich noch nicht so weit, [...] daß ich meinen Kosenamen [...] beisteuern konnte. So ein Name [...]. (Beispiel 1)

-Vicky kann einem schon leid tun: Am 31.12.1999 wird sie nämlich ein Jahr [...]. (Beispiel 2)

Zur Textkohärenz tragen grundsätzlich auch Tempuskontinuität und elliptische Auslassungen bei.

Um die Textkohärenz auf thematischer Ebene nachzuweisen, ist es hilfreich, den thematischen Hauptgegenstand eines (vermeintlichen) Textes zu ermitteln. Auch hier spielt die Wiederaufnahme eine wichtige Rolle, denn der Schluß liegt nahe, daß beispielsweise ein substantivisches Segment, welches als Pro-Form oder übergeordneter substantivischer Ausdruck sehr häufig auftaucht, auch

eng mit dem Textthema zusammenhängt, ja dieses vielleicht bezeichnet. Texte", in denen variable Substantive oder Pronomen einen Hauptgegenstand" ersetzen, können nur vor dem Hintergrund eines eindeutigen, dem Rezipienten bekannten Textthemas verstanden werden. Das heißt, daß thematische Kohärenz stark von der inhaltlich eindeutigen Wiederaufnahme (durch Pro-Formen oder Substantive) abhängt. Obwohl im folgenden bei der textsortenspezifischen Untersuchung der Le serbriefe näher darauf eingegangen werden soll, kann man hier schon sagen, daß sich das Textthema, nicht nur bei den Beispielen 1 und 2, sondern bei vielen vorliegenden Briefen recht klar bestimmen läßt. Ein Grund hierfür ist neben der inhaltlichen Gestaltung die Angabe eines Bezuges oder einer Referenz, die üblicherweise am Anfang des Briefes steht. Dies gilt auch für e-mails, in deren Kopf Re(ference)" das Thema - oder besser: die thematische Richtung - angegeben wird:

Beispiel 1: Re: Lebenswert; Beispiel 2: Warten auf (2000)

Diese beiden Angaben zielen zunächst einmal auf eine spezielle Rubrik aus jetzt, das Thema im engeren Sinne wird deutlich, betrachtet man die relative Häufigkeit der verwendeten Substantive.

Beispiel 1: Kosenamen; Wiederaufnahme durch: Name, er, Kosenamen, Wort, darüber, das, Kosenamen.

Beispiel 2: Jahrtausendwende; Wiederaufnahme durch: Jahrtausendwende, dritte Jahrtausend, erste Jahrtausend, das zweite.19

Das dritte Textualitätskriterium des integrativen Textbegriffes ist die erkennbar kommunikative Funktion. Seine Erläuterung führt weit in die textsortenspezifische Analyse, da Briefe allgemein und Leserbriefe insbesondere auf Dialog, Verständigung und Informationsaustausch abzielen.

Ohne im einzelnen auf die Sprechakttheorie eingehen zu können, gilt, daß ein Leben ohne sprachliche Handlungen in modernen Gesellschaften unmöglich ist. Sprachliche Handlungen setzen sich zusammen aus dem illokutivem Akt, dem propositionalem Akt sowie dem Äußerungsakt und stehen in engem Zusammenhang mit der Sprechakttheorie. 20 Sprachliche Handlungen sind konventionell und intentional (die Kopplung dieser beiden Aspekte verdeutlicht ihre Nähe zur Sprechakt theorie), außerdem sind sie stark von der jeweiligen kommunikativen Situation beeinflußt, in die natürlich auch soziale Faktoren einfließen. Im Zusammenhang mit der Intentionalität, also der Funktion, die der Autor durch seinen Text erfüllt sehen will, verweist Brinker darauf, daß für einen Text zwar durchaus mehrere Funktionen charakteristisch sein können, daß der Kommunikationsmodus des Textes insgesamt aber in der Regel nur durch e i n e Funktion bestimmt wird. Diese dominierende Kommunikationsfunktion bezeichnen wir als T e x t f u n k t i o n." 21

Je nach kommunikativer Intention des Emittenten lassen sich Texte in Gruppen einteilen, wofür es wiederum verschiedene Indikatoren gibt.22 Interessant sind textuelle Grundfunktionen" 23, nach denen man, beispielsweise der Klassifikation Searles folgend, Texte in Repräsentative, Direktive, Kommissive, Expressive und Deklarative unterscheiden kann. 24 Die vorliegenden Leserbriefe erfüllen zumeist die kommunikative Funktion von Repräsentativen (Darstellung eines Sachverhaltes) und Expressiven (Ausdruck der psychischen Einstellung des Emittenten zu einem Sachver halt), ausnahmsweise lassen sie sich auch den Direktiven (bei denen der Rezipient zu einem bestimmten Verhalten bewegt werden soll) zuordnen.

3.1.1. Indikatoren unterschiedlicher Textfunktionen:

Im folgenden sollen kurz einige Elemente aufgeführt werden, die stellvertretend für die kommunikative Funktion der zugrunde liegenden Leserbriefe sind.

Repräsentative

Ich denke, daß der liebe Klaus Unrecht damit hat, Techno als Dumpfmeierei abzustempeln (LB Nr. 8, Korpus II); [...] Dass Jim nur einen guten song geschrieben hat, ist falsch: er hat keinen einzigen song geschrieben (LB Nr.4 Korpus Ia); siehe auch: LB Nr. 73, 79, 80, 81, Korpus II;

Expressive

Ich finde euch wirklich super, es hat mich wirklich gefreut, so was mal zu lesen (LB Nr.2, Korpus Ia); hi! der txt über die @-generation ist sehr gut (LB Nr.6, Korpus Ia); Das wird ihr [der SZ] aber nicht gelingen, wenn noch häufiger dieser menschenverachtende Schnodderton in jetzt auftaucht wie in der Rubrik die Fünferbande . Immer schon gräßlich geschrieben [...] (LB Nr.31, Korpus IIa);

Direktive

Ich würde mich freuen, wenn sie mir einen Bezugsquellennachweis für [...] zusenden könnten (LB Nr.12 Korpus II); Können Sie mir sagen, woher die einzelnen Informationen auf der beigefügten Veröffentlichung stammen? (LB Nr.22, Korpus II); [...]wollte ich Sie fragen, ob wir diese Poster für unsere Mitschüler abkopieren dürfen (LB Nr.23, Korpus II);

Nachdem nun anhand von Stichproben die drei Textualitätskriterien von Brinkers integriertem Textbegriff auf einige der vorliegenden Leserbriefe angewandt wurden, kann man feststellen, daß sich keine auffälligen Unterschiede zwischen elektronischen und papiergebundenen Briefen ergeben haben. Sonderlich überraschen kann dies allerdings nicht. Es heißt nichts anderes, als daß (nach den angenommenen Kriterien) in allen Fällen Texte vorliegen. Brinker führt an dieser Stelle den Begriff des Gebrauchstextes ein, den er vom Text mit einem literarisch-ästhetischen Anspruch abgrenzt.25

Wurde bis jetzt der Textbegriff erläutert und in näheren Zusammenhang mit den zwei Gruppen der Leserbriefe gerückt, so sollen nun spezielle Charakteristika der Textsorte Leserbrief eingehend untersucht werden.

4. Der Leserbrief: Wie konstituiert sich diese Textsorte?

Textsorten sollen zunächst ganz allgemein als komplexe Muster sprachlicher Kommunikation verstanden werden, die innerhalb der Sprachgemeinschaft [...] entstanden sind. Der konkrete Text erscheint uns immer als Exemplar einer bestimmten Textsorte."26

Wie sieht nun bei den Leserbriefen speziell jenes komplexe sprachliche Muster" aus, das es ermöglicht, Texte in einer solchen Gruppe zusammenzufassen? Um diesem Problem näher zu kommen, hilft es, die Texte nach verschiedenen Gesichtspunkten zu untersuchen. Zunächst einmal muß die kommunikative Situation untersucht werden, aus der heraus die Leserbriefe entstanden sind. Dann sollen die formalen Anforderungen an die Textsorte Leserbrief von Interesse sein, bevor schließlich näher auf den Inhalt der Briefe eingegangen wird. Hiermit hängt die kommunikative Funktion dieser Textsorte, bei deren Analyse man zahlreiche Überschneidungen mit der bereits besprochenen Analyse des Textbegriffes findet, eng zusammen.

In Anschluß an die folgende quantitativ-statistische Untersuchung der sprachsystematischen Ebe ne der Briefe werden diese Textsortenkonstituenten eine wesentliche Rolle bei der abschließenden Beantwortung der Frage spielen, ob die möglichen Unterschiede eine eigene Textsorte elektronischer Leserbrief" rechtfertigen. All diese Betrachtungen relativiert die Tatsache, daß die Leserbriefschreiber keine homogene Gruppe, beispielsweise der jetzt-Zielgruppe entsprechend, darstellen, sondern daß man hier die 12-jährige Paula neben dem Studienrat findet. 27In diesem Sinne geben die ermittelten kommunikativen, formalen und inhaltlichen Aspekte, die im folgenden untersucht werden, eine Tendenz an, von der es individuelle Abweichungen gibt.

4.1.Die kommunikative Situation

Wie kommt jemand dazu, einen Leserbrief an jetzt zu schreiben? Obschon die Antwort etwas banal klingt, soll sie doch festgehalten werden: Wer einen Leserbrief an jetzt schreibt, ist zumeist Leser der Süddeutschen Zeitung (SZ) oder hat über die Familie Zugang zu ihrem Jugendmagazin. Ferner hat ihn ein Artikel oder eine bestimmte Rubrik des Heftes so bewegt, daß er glaubt, seine Meinung dazu äußern zu müssen, was entweder auf eine Veröffentlichung oder aber auf eine Antwort seitens der Redaktion abzielt. Im ersten Fall, der möglichen Veröffentlichung des Textes, nimmt der Absender Teil am öffentlichen Diskurs, indem er versucht, seine Ansichten einer breiten Öffentlichkeit darzulegen und ihr gegenüber zu begründen. Er tut dies in der Regel, von der es natürlich auch Ausnahmen gibt,28 aus einem rein privaten Interesse: zumeist will er Lob oder Tadel aussprechen oder einfach einen Denkanstoß geben. 29 Anders verhält es sich auf der Seite der Journalisten, die von Berufs wegen an der Kommunikation mit den (jungen) Zeitungslesern teilnehmen. Ihr Ziel ist es, für Jugendliche interessante Themen aufzugreifen und Ideen für mögliche Verbesserungen zu erhalten, um die Leser an die Zeitung allgemein und die Süddeutsche im besonderen zu binden. Interessieren dürfte sie auch, wie die jeweilige Ausgabe angekommen" ist. 30 Als Merkmale der Kommunikation Redakteur-Leser per Leserbrief wären festzuhalten:

  • Absender und Empfänger sind zeitlich und räumlich getrennt
  • Die Kommunikation erfolgt schriftlich, sowohl bei den e-mails als auch bei den papiergebundenen Briefen

Meiner Meinung nach schwierig zu beantworten ist die Frage, ob Leserbriefe einen monologischen oder dialogischen Charakter haben. Brinker, der an dieser Stelle sehr allgemein bleibt, sieht in Briefen grundsätzlich eine monologische Kommunikationsform, betrachtet Briefe also als abgeschlossene Einzeltexte".31 Ist diese Gewichtung hin zum Monologischen der Texte bei Briefen (allgemein) schon problematisch, so läßt sie sich bei L e s e r briefen an jetzt nicht mehr vertreten. Diese Form der Kommunikation muß man wohl als Dialog bezeichnen, denn nach eigenen Angaben bemühen sich die Redakteure der Leserbriefredaktion, auf jede normale" oder elektronische Zuschrift einzugehen, also ganz bewußt in dialogische Beziehung zum Leser zu treten; die Möglichkeit der umfangreichen Prüfung, inwieweit das zutrifft, hat man hierbei freilich nicht. Lediglich exemplarisch nachweisen läßt sich der Dialog in e-mail Nr.14 aus Korpus Ia:

Ja also ... jetzt muß ich doch mal loben, und das nach dem bösen Brief von gestern ... Find ich echt toll, daß ihr /Du die Mails beantwortet ... LOB!!!"

Im Falle von jetzt, aber auch bei anderen kurzfristig periodisch erscheinenden Printmedien spricht zudem für den dialogischen Charakter der Kommunikation, daß man von Dialog nicht nur dann sprechen kann, wenn ein Brief den nächsten beantwortet, sondern auch wenn im entsprechenden Blatt kurzfristig Anregungen aus Leserbriefen verarbeitet oder veröffentlicht werden. Das heißt: Nicht nur die explizite briefliche Beantwortung eines Leserbriefes begründet Dialog, sondern auch die Verarbeitung von Anregungen aus eingegangenen Leserbriefen in Artikeln des entsprechenden Printmediums, das wegen seines häufigen und regelmäßigen Erscheinens fester Bestandteil der (dialogischen) Kommunikation wird.

Ein erster Unterschied zwischen e-mail und gewöhnlichem Leserbrief findet sich hinsichtlich der Textproduktion. Grundsätzlich kann angenommen werden, daß man sich beim Schreiben von Briefen Zeit läßt; man richtet sich, zumeist in privater oder vertrauter Umgebung, ein und müht sich, per Stift oder Tastatur etwas Ordentliches zu Papier zu bringen. Das läßt sich bei der überwiegen den Zahl der papiergebundenen Einsendungen (Korpus II und IIa) nachweisen (den Begriffen Ordnung und sorgfältiger Gestaltung, die hier anklingen, soll später bei der formalen Analyse nachgegangen werden). Anders sieht es bei den e-mails aus, von denen sicher einige nicht am heimischen, mit Modem ausgestatteten PC auf den Weg geschickt wurden, sondern zu deren Produktion oftmals ein Gang ins Rechenzentrum einer Schule oder einer sonstigen Einrichtung erforderlich war. Die Bedingungen hier sind meist alles andere als dazu einladend, mit Ruhe eine mail zu verfassen und zu verschicken. Der nächste Nutzer wartet schon, es gilt, möglichst rasch fertig zu werden, und diese Hektik wirkt sich vermutlich auf (ausbleibende) Fehlerkorrektur und inhaltliche Gestaltung aus.32Hinzu kommen mitunter auch Probleme bei der Bedienung der Rechner, wie dies anscheinend in den Leserbriefen Nr. 9 und Nr. 11 aus Korpus Ia der Fall war.

4.2. Formale Anforderungen

Wie müssen Texte äußerlich gestaltet sein, und inwieweit müssen sie einer bestimmten Norm entsprechen, um als Leserbrief zu gelten? Die Beschäftigung mit dieser Frage zeigt zunächst, daß es auf dieser, der formalen Ebene, keine auffälligen Unterschiede zwischen Leserbriefen und anderen Briefen gibt. Das gilt auch für die mails, doch zunächst sollen kurz die formalen Elementegenannt werden, die die papiergebundenen Einsendungen zum (Leser)Brief machen und die sich fast im gesamten Korpus II und IIa finden:

1. Absender (Name, Adresse, Telefon- Faxnummer, Alter), 2. evtl. nochmals Nennung des Empfängers, 3. Ort, Datum, 4. Betreff/ Referenz, 5. Begrüßung/ Anrede, 6. Textblock (evtl. nach Absätzen gegliedert), 7. Verabschiedung/ Grußwort mit Nennung des Absendernamens, 8. evtl. post scriptum";

Sicher ist dieses Muster nicht immer ganz vollständig wie zum Beispiel in LB Nr. 69 und 50 aus Korpus II oder Nr.45 aus Korpus IIa realisiert, dennoch läßt es sich bei den meisten Texten der Korpora II und IIa nachweisen und eint diese auf formaler Ebene in der Textsorte (Leser)brief. Betrachtet man nun die mails Nr. 1, 8, 12, 13, 14 und 15 aus Textkorpus Ia, so fällt auf, daß sich die Verfasser bemüht haben, den formalen Anforderungen, die an einen Brief gestellt werden, auch auf dem Monitor des Rechners gerecht zu werden. Teilweise werden die nötigen Elemente kurz im vorgegebenen Kopfteil genannt:

Date: Wednesday, July 5, 1995 1:17am priority Electronic Mail

From: Süßmaus Msg# 197569

To: Joey

Re: Liebenswert33

Darüber hinaus gleichen diese mails auch hinsichtlich der sonstigen Gestaltung den gewöhnlichen Briefen aus Korpus II und IIa.

Eine Eigenart aller mails ist die Verwendung von Pseudonymen, wobei tatsächlicher Name und auch Adresse zusätzlich genannt sein können, wie dies der Fall bei LB Nr.2 aus Korpus Ia ist. Mails, in denen der Absender vollkommen anonym bleibt, sind hingegen relativ selten.

Schließen die herkömmlichen Briefe meist mit einer Formel wie tschüß, viele Grüße, mit freundlichen Grüßen, ...", so findet sich auch bei den meisten mails ein solches Schlußwort", allerdings viel weniger normiert: Grüße aus dem Cyberspace, CU, Bis bald, Unterzeichnet ... , CU und tschüß, also Schluß für heut´, keep up good work, ..." heißt es dort am Ende. Unterschiede zwischen e-mails und Briefen aus Korpus II, IIa liegen außerdem in einer oftmals fehlenden Begrüßung (das heißt, der Textblock folgt direkt auf den Kopfteil) und im äußerlichen Aufbau des Textblockes, der bei den mails recht unstrukturiert ist. Das bedeutet, daß kaum mit Absätzen oder anderen gliedernden Mitteln (z.B. Einschübe, andere Schriften) gearbeitet wird. Begründet liegt dies neben technischen Voraussetzungen sicherlich auch in der Kürze der meisten mails, einer Tatsache, die hier nur genannt, später jedoch statistisch nachgewiesen wird. Abschließend kann man hin sichtlich der formalen Kriterien festhalten, daß viele mails den Anforderungen an die Textsorte Brief, wenn mitunter auch rudimentär und abgewandelt, gerecht werden. Wesentlich dazu bei tragen die Angaben im vorgegebenen Kopfteil jeder e-mail. Unterschiede bei diesem intermedialen Vergleich ergeben sich in erster Linie im Textblock, der bei den mails kürzer und unstrukturierter ist.

4.2.1. Formale Besonderheiten

Nach der Skizze formaler Kriterien, die Texte erfüllen müssen, um als Leserbriefe zu gelten, sei an dieser Stelle kurz auf Mittel eingegangen, die helfen, bestimmte Textteile hervorzuheben oder dem Text eine besondere Note" zu verleihen, zum Beispiel graphische Elemente.

Bei den herkömmlichen Texten der Korpora II und IIa sind dem Verfasser hinsichtlich graphischer Mittel keine Grenzen gesetzt: So findet man in den Briefen Nr. 34, 54, 81 aus Korpus II sowie in Nr. 28, 53, 67, 71, 74, und 76 aus Korpus IIa Zeichnungen, Bilder oder auch nur kleine Skizzen, jedenfalls aber Elemente, die man am Computer nicht verwenden könnte. Sie wirken oft als Schmuck und wurden ohne bestimmte Funktion angebracht. Im Gegensatz hierzu ist das Äquivalent bei den e-mails, das emoticon, immer fest an eine Aussage des Textes gebunden, dem es eine besondere Färbung gibt und so über die bloße Schmuckfunktion, wie in Brief Nr.74, Korpus IIa, hinausgeht. So kann man Freude oder Trauer über einen im Text genannten Sachverhalt ausdrücken oder aber Textpassagen ironisch augenzwinkernd relativieren. In den Korpora I und Ia wurden folgende emoticons verwendet:34 ;))) | :))) | :-) | ( | ; (das |" dient hier als Trennzeichen.)

Der zweite Aspekt, der eine formale Besonderheit darstellt und auf den ich kurz eingehen möchte, sind die unterschiedlichen Mittel der Betonung und Hervorhebung bestimmter Textstellen. Auch hier gibt es naturgemäß bei den herkömmlichen Briefen eine größere Auswahl. So können Passagen durch Kursiv- und Fettschrift hervorgehoben werden oder man umgibt sie mit Kästen, rückt sie ein oder unterstreicht sie. Auch eine abweichende Textausrichtung (z.B. zentriert) ist auffällig, ebenso wie die Wahl einer anderen Schriftgröße oder die Nutzung graphischer Elemente aus Textverarbeitungsprogrammen.

Die Begrenzung auf Zeichen des ASCII-Codes verlagert den Schwerpunkt der Texthervorhebung bei den e-mails hauptsächlich auf die Ebene der Satzzeichen. So wird das Augenmerk durch auffällige Interpunktion oder den Einschub von Phrasen auf spezielle Textstellen gerichtet:

[...] paßt. -finde ich jedenfalls (1), [...]finde ich lebenswert !!! (1), [...] nicht schlecht!!! (7), [...] auf den richtigen Weg zu bringen?!? (9), (...) Bedienung dieses bescheuerten Editors !!!! (9), Ja also ... jetzt muß ich doch mal loben, [...] (14);35

Neben diesen Formen der Betonung werden vereinzelt Worte komplett in Majuskeln geschrieben, was ebenso dazu beiträgt, sie aus dem Text herauszuheben. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, daß bis auf eine Ausnahme in den papiergebundenen Briefen keine emoticons gezeichnet oder über Tastatur eingegeben wurden. Warum? Die Funktion dieser kleinen Bilder ist doch nicht an die Flüchtigkeit des sprachlichen Zeichens auf dem Monitor geknüpft. Eine mögliche, wenn auch unbefriedigende Antwort wäre, daß dem kühl auf dem Bildschirm daher kommenden Text so eine persönliche Note verpaßt werden soll, während dies bei den herkömmlichen Briefen beispielsweise durch die Handschrift ohnehin gegeben ist.

4.3. Inhaltliche Aspekte

Worum geht es in einem Leserbrief? Grundsätzlich sind Empfänger und Bezug eines solchen Textes klar, er liegt in Artikeln des entsprechenden Printmediums, in diesem Fall dem Jugendmagazin jetzt, auf die der Leserbriefschreiber referiert. Ein Text des Blattes hat ihn dazu gebracht,

seine Meinung oder Fragen zu dessen Inhalt zu äußern. In diesem Sinne läßt sich die überwiegende Zahl der Leserbriefe aus den vier Korpora als Blattkritik bezeichnen. Leser beziehen sich auf einen Artikel, eine spezielle Ausgabe oder das gesamte Magazin und äußern entweder positive oder ne gative Kritik, die bis zur Beleidigung reichen kann, wie dies in LB Nr. 33 aus Korpus II der Fall ist.

Hinsichtlich der Entfaltung des Inhaltes gilt, daß das wesentlich von der Länge der Texte abhängt. In relativ langen Briefen wird der Inhalt, zum Beispiel eine Kritik auch begründet, das Thema also argumentativ entfaltet. Das gilt gleichermaßen für e-mails und herkömmliche Briefe. 36Umgekehrt liegt es in der Natur der Sache, daß in kurzen Texten eine Aussage meist unbegründet lediglich festgestellt wird:

Wir hassen billige, triviale, pseudo-Jugendzeitschriften deren arrogante Schreiberlinge meinen, sie seien die ultimativen Trendsetter!"37

Grundsätzlich ist dies keine spezifische Eigenschaft von mail oder herkömmlichem Brief, jedoch finden sich, weil die mails generell kürzer sind, dort öfter solche Formen der Themenentfaltung, weshalb man durchaus von einem Charakteristikum sprechen kann. Eine inhaltliche Besonderheit, die auf die Textfunktion verweist, stellen appellative Äußerungen, wie Bitte nicht weiter so, weiter so, ..."38 dar; sie beschließen die jeweilige Kritik, und hier manifestiert sich der Wille des Verfassers, mit seinem Brief die Redaktion zu beeinflussen.

Neben dem Bezug auf von Journalisten verfaßte Beiträge wird auch auf bereits veröffentlichte Leserbriefe (kritisch) eingegangen:

Wenn Julia die Jetzt" weder interessant, amüsant noch unterhaltsam sondern nur lächerlich findet, dann braucht sie die Jetzt" ja nicht zu lesen. [...]. Statt dessen kann sie ja zum Schuundblatt der Nation, der Bravo" zurück greifen! Ich finde die Jetzt" toll, Da hat ein Montagsmuffel doch wenigstens worauf er sich freuen kann! Macht weiter so, auch wenn es Leute gibt die meinen sie könnten es besser!" 39

Das stellt auf inhaltlicher Ebene jedoch nur eine Variante der Blattkritik dar und ist eher auf kommunikativer Ebene von Interesse (siehe 4.1.). Inhaltlich eng mit der Blattkritik zusammen hängt die Richtigstellung, die insofern kritisch ist, als sie eine falsche Darstellung bemängelt, zu gleich aber als Korrektiv dieses Fehlers wirkt, indem der Autor den Sachverhalt so schildert, wie er nach seiner Meinung korrekt ist. Exemplarisch genannt sei hier der Brief Nr.3 aus Korpus Ia, aber auch eine große Gruppe von Leserbriefen, die sich auf eine fehlerhafte Darstellung des Abiturverlaufs in jetzt beziehen, paßt in diese Gruppe.

Inhaltlich gesehen müssen Servicewünsche" wie Bezugsquellennachweise oder ähnliches zwar genannt werden, sie stellen jedoch eine relativ seltene Ausnahme dar. Anregungen und Tips hin sichtlich neuer Themen sind hingegen sehr oft Inhalt der Leserbriefe und werden auch bei der Blattgestaltung berücksichtigt.40

5. Quantitativ-statistische Ergebnisse

Die folgenden statistischen Angaben beziehen sich auf Leserbriefe aus den Korpora Ia und IIa.

Sie erschienen für die beiden großen Gruppen, die elektronischen und papiergebundenen Einsendungen, typisch in Bezug auf Länge und Absender. Erforderlich wurde diese Auswahl, da eine Untersuchung aller vorliegenden Briefe zu aufwendig gewesen wäre. Ziel der intermedialen Untersuchung ist es, mögliche Unterschiede auf der sprachsystematischen Ebene zu finden, wobei immer beachtet werden muß, daß es starke Abweichungen geben kann, die der individuelle Sprachgebrauch des Verfassers bedingt.

Zunächst kann man feststellen, daß die e-mails erheblich kürzer sind als die herkömmlichen Leserbriefe.41

 

Durchschnitt Wörter pro Brief Sätze pro Brief Wörter pro Satz
Korpus Ia 88 6 14
Korpus IIa 229 13 18

Des weiteren läßt sich feststellen, daß in den Texten aus Korpus IIa häufiger Redeteile ausgelassen wurden: die herkömmlichen Leserbriefe weisen doppelt so viele Ellipsen auf wie die e-mails. Ein möglicher Grund hierfür könnte darin liegen, daß die Sätze der mails kürzer und einfacher strukturiert sind. Häufig sind es Aussagesätze. 42 Demgegenüber stehen oftmals umfangreiche und verschachtelte Satzkonstruktionen bei den Briefen aus Korpus IIa, in denen elliptische Auslassungen aus Gründen der Sprachökonomie häufiger verwendet wurden. Eine andere Tatsache, die sich aus der Textlänge, das heißt der Kürze der mails, ergibt, verweist auf den inhaltlichen Aspekt: Die e-mails sind pointierter und konzentrieren sich tendenziell eher auf ein Textthema, als dies bei den herkömmlichen Briefen der Fall ist. Hier nutzt der Autor oftmals den zu Verfügung stehenden Raum, um seine Schreibsituation zu schildern oder themenfremden Gedanken, die ihm gerade durch den Kopf gehen auszudrücken.43Zudem liegt es sicher auch an den äußeren Bedingungen der Textproduktion (siehe 4.1.), die die e-mails kürzer geraten lassen.

Lassen sich hinsichtlich Text- und Satzlänge noch deutliche Unterschiede zwischen elektronischen und normalen" Briefen nachweisen, so gilt das nicht für das quantitative Verhältnis von Haupt- zu Nebensätzen, das in den Korpora Ia und IIa nahezu identisch ist.

Ein weiterer Unterschied besteht hinsichtlich der Verwendung von Klammern: Rein rechnerisch wird in zehn mails siebeneinhalb mal, in den Briefen aus Korpus IIa 17 mal eine Klammer gesetzt. Der Grund hierfür liegt möglicherweise darin, daß der Verfasser gewöhnlicher Leserbriefe öfter vom roten Faden" seines Textes abweicht und themenfremde Elemente einbaut, die vom übrigen Inhalt durch die Klammern getrennt werden. Bestätigen würde das auch die Tatsache, daß die herkömmlichen Briefe aus Korpus IIa länger sind (siehe oben).

Differenzen ergeben sich bei der Fehleranalyse. Hierzu wurden drei Gruppen von Fehlern unter schieden.

  1. Rechtschreibfehler: Beispiele: wenn mann keine sonnenfinsternis vorhersagen könnte (7, Ia), [...] zu platzieren (11, IIa);
  2. Tippfehler: Beispiele: [...] lese euch von ANfang an (2, Ia), [...] daß ihr dir Bohrinsel (39,Ia);
  3. Fehler bei der Zeichensetzung

Problematisch ist diese Auswertung insofern, als bei den elektronischen Briefen kaum zu sagen ist, ob fehlerhafte Umlaute und die fehlerhafte Verwendung von -s-, -ss- und -ß- technisch bedingt sind oder tatsächlich in die Rubrik Rechtschreibfehler gehören; deshalb wurden sie hier nicht ausgewertet. Feststellen kann man zudem, daß einige mails komplett in Kleinschrift verfaßt sind, zum Beispiel e-mail Nr.6 und Nr.28 aus Korpus Ia, was jedoch in Hinblick auf die Fehlerstatistik nicht berücksichtigt wurde.44

Durchschnitt pro Leserbrief Rechtschreibfehler Tippfehler Fehler bei der Interpunktion
Korpus Ia 1 1,5 1
Korpus IIa 0,5 -- 0,5

Die geringe Menge der festgestellten Fehler zeigt, daß es sich hier kaum um ein Phänomen handelt, anhand dessen man beide Gruppen klar trennen könnte. Es sind individuelle Ausnahmen, die dazu führen, daß man überhaupt statistische Zahlen ermitteln konnte. Ein wesentliches Kriterium der Unterscheidung elektronischer und herkömmlicher Briefe liegt hier also nicht vor. Allenfalls die Tippfehlern kann man hierzu verwenden, ihre Deutung verweist in die Phase der Textentstehung, die gelegentlich geprägt scheint von Unkonzentriertheit und fehlender Korrektur bei der Textproduktion.

6.Fazit

Eingangs wurde die Frage aufgeworfen, ob die e-mails eine neue Qualität der Leserbriefe darstellen und ob man sie als eigene Textsorte von den herkömmlichen Leserbriefen abgrenzen kann. Nachdem nun das Verhältnis der Leserbriefe zu einem exakteren Textbegriff sowie die formalen, kommunikativen und inhaltlichen Konstituenten der Textsorte Leserbrief näher untersucht wurden, kann man abschließend feststellen, daß die e-mails nur bedingt, also nicht grundsätzlich von den herkömmlichen Briefen abweichen.

Das Verhältnis der Briefe aus beiden Gruppen zu Brinkers integriertem Textbegriff weist kaum Unterschiede auf, auch was die Zuordnung bestimmter Textfunktionen anbelangt. Dennoch lassen sich zwischen e-mails und herkömmlichen Leserbriefen einige Differenzen feststellen, die, wenn sie meiner Meinung nach auch keine eigenen Textsorte rechtfertigen, dennoch von Bedeutung sind. Hierbei darf man nicht außer Acht lassen, daß die festgestellten Ergebnisse Tendenzen darstellen, von denen es immer wieder individuelle Ausnahmen gibt.

Der auffälligste Unterschied ergibt sich auf formaler Ebene, nämlich in der Tatsache, daß die e -mails erheblich kürzer sind; mögliche Gründe hierfür wurden genannt. Das wirkt sich auf die Entfaltung des Inhaltes aus, der bei den mails prägnanter und themabezogenener dargestellt wird, während der Verfasser herkömmlicher Leserbrief oft vom roten Faden" des Textes abweicht, wassich nicht zuletzt im häufigen Gebrauch von Klammern ausdrückt.

Unterschiede ergeben sich auch hinsichtlich der kommunikativen Situation, genauer hinsichtlich der Absender. Obwohl bei den mails nicht immer das Alter der Verfasser angegeben ist, verweisen Inhalt und vor allem Sprachstil darauf, daß es sich um recht junge, der 14-19jährigen Zielgruppe von jetzt entsprechende Autoren handelt. Sie haben vermutlich über die Familie Zugang zum Magazin und reagieren aus zumeist privatem Interesse auf bestimmte Artikel. Im Gegensatz zu den Autoren der herkömmlichen Briefe stellen sie eine eher homogene Gruppe dar. Auch wenn die quantitativ-statistische Untersuchung der sprachsystematischen Ebene der Briefe keine eklatanten Unterschiede gezeigt hat, so findet man im Zusammenhang mit dem stilistischen Aspekt eine Häu fung von Worten in Korpus Ia, die man als Indikatoren einer Jugendsprache bezeichnen kann. Exemplarisch genannt seien Ecstasy, CU, Sorry, Rollerblades, kultig, Trendsetter, Cyberspace, echt super, chatten, coole Zeitung". Diese Begriffe einen die e-mail Autoren auf stilistischer Ebene und grenzen sie gegen die Verfasser der normalen" Briefe ab, deren Sprachgebrauch sehr variabel ist und nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden kann.

Unterschiede werden zudem deutlich hinsichtlich der äußeren Umstände der Textproduktion: mails wirken oft hektisch geschrieben, scheinen einer spontanen Idee Ausdruck zu verleihen. Das rückt sie in die Nähe der Notiz. Demgegenüber vermitteln die gewöhnlichen Leserbriefe den Eindruck, daß sich der Verfasser Zeit genommen hat, einen geplanten und sorgsam strukturierten Text zu schaffen. Ein Beleg hierfür ist ihre geringere Rate von Flüchtigkeitsfehlern, die in einem relativ deutlichen Kontrast zu den vielen unkorrigierten Fehlern der elektronischen Leserbriefe steht.

Im großen und ganzen reichen die nachgewiesenen Unterschiede meiner Meinung nach nicht aus, um eine eigene Textsorte elektronischer Leserbrief " zu rechtfertigen: Zu sehr überwiegen die Gemeinsamkeiten, besonders was die Textfunktion anbelangt, bei deren Analyse keine signifikanten Differenzen zwischen e-mail und herkömmlichen Leserbrief festzustellen waren.

  1. Die untersuchten herkömmlichen Leserbriefen wurden in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung kopiert, die elektronischen Leserbriefe wurden mir von jetzt-Redakteur Jörn Möller auf Diskette zugeschickt.
  2. Vgl. Heftende von jetzt. Das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung".
  3. Zum Beispiel: Demos, mein grauer Pulli, endlich Sonnenschein, Vorhänge für´s Klofenster häkeln. Vgl. jetzt Nr.26 vom 26.06.1995
  4. Brinker sieht den Schwerpunkt der textlinguistischen Forschung in grammatisch und thematisch komplexen Gebilden. Vgl. Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse, S.17 f.. Berlin, 1985.
  5. "Unter Texten verstehen wir hier sowohl schriftliche als auch mündliche Äußerungen, die unterschiedlicher Länge sein können: vom Ein-Wort-Text bis zum Gesamttext eines mehrbändigen Romans." Wawrzyniak, Z.: Einführung in die Textwissenschaft. Warschau, 1980. Zitiert nach: Vater, Heinz: Einführung in die Textlinguistik: Struktur, Thema und Referenz in Texten; München, 1992.
  6. Vater, Heinz: Einführung in die Textlinguistik; a.a.O., S.6.
  7. Zum umgangssprachlichen Textverständnis vgl.: Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse. a.a.O., S.10 f..
  8. ebd.
  9. ebd.
  10. Detaillierte Ergebnisse kann bei der sprachsystematischen Untersuchung die IC-Analyse liefern, was jedoch den Umfang dieser Arbeit sprengte, würde es in einem repräsentativen Umfang geschehen.
  11. Vgl. Leserbriefe Nr.4,5 und 7, Korpus II
  12. Leserbrief Nr.44, Korpus II
  13. Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse. a.a.O., S.17.
  14. s. Leserbriefe im Anhang: Beispiel 1: Korpus I, Nr.1; Beispiel 2: Korpus II, Nr.69.
  15. Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse; a.a.O. S.17 ff..
  16. vgl. ebd.
  17. Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse; a.a.O., S.44.
  18. vgl. ebd.: Der Begriff der expliziten Wiederaufnahme findet sich bei Brinker neben dem der impliziten Wiederaufnahme, bei der keine Referenzidentität zwischen wiederaufnehmenden und wiederaufgenommenen Ausdruck besteht. Außerdem spricht er von anaphorischen und kataphorischen Pro-Formen .
  19. Es wird hier nicht zwischen expliziter und impliziter Wiederaufnahme unterschieden, da es sich nur um eine Skizze thematischer Bedingungen der Kohärenz handelt.
  20. Zur Verdeutlichung zitiert Brinker Große: Der Terminus Textfunktion" bezeichnet die [...] Kommunikationsabsicht des Emittenten. Es handelt sich also um die Absicht des Emittenten, die der Rezipient erkennen soll [...]." Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse; a.a.O., S.93.
  21. ebd., S.82.
  22. ebd., S.97.
  23. ebd., S.99 f..
  24. vgl. Searle, J.R.: Ausdruck und Bedeutung. Untersuchungen zur Sprechakttheorie, S. 17-50; Frankfurt a. M., 1982.
  25. vgl. Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse; a.a.O., S.20.
  26. ebd. S.126.
  27. vgl. Leserbriefe Nr. 26 und 63, Korpus IIa.
  28. vgl. Leserbrief Nr.72, Korpus II a.
  29. vgl. Leserbriefe Nr. 7, Korpus Ia, Nr. 41,42 ,Korpus II a, Nr. 4, Korpus II.
  30. Eine Möglichkeit hierzu bietet über die Leserbriefe hinaus eine online-Blattbesprechung, die jeden Montag um 19 Uhr stattfindet.
  31. vgl. Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse; a.a.O., S.135.
  32. Ich gehe hierbei von eigenen Erfahrungen am Bonner Rechenzentrum aus, von denen ich nicht glaube, daß sie die Ausnahme sind. mails, die mir unter solch ungemütlichen" Bedingungen entstanden zu sein scheinen, sind LB Nr.2 und Nr.10 aus Korpus Ia. Für mails, die zu Hause geschrieben werden, gelten diese Annahmen hinsichtlich der kommunikativen Situation nicht; so sind die mails Nr. 13 und 15 aus Korpus Ia beispielsweise sorgfältig verfaßt. Aufgrund der Uhrzeit ihrer Sendung kann angenommen werden, daß sie zu Hause entstanden sind.
  33. LB Nr.1, Korpus Ia
  34. Sie sind um 90° gedreht zu betrachten.
  35. Die angeführten Zitate sind nur als Beispiele zu betrachten und entstammen dem Korpus Ia.
  36. vgl. LB Nr. 54, Korpus II und LB Nr.9, Korpus Ia.
  37. vgl. LB Nr. 5, Korpus Ia.
  38. vgl. LB Nr. 36, Korpus Ia.
  39. LB Nr. 4, Korpus II.
  40. vgl. LB Nr. 24, Korpus IIa und LB Nr. 29, Korpus Ia.
  41. Da die ermittelten Zahlen wegen des Umfangs der Texte ohnehin nicht hundertprozentig exakt sein dürften, wurde auf die Angabe von Kommastellen verzichtet.
  42. vgl. LB Nr. 2, 5, 6, 10, 33, 38;
  43. vgl. LB Nr. 76, 3, 18, 56, LB Nr. 37, 51, Korpus II
  44. Auch diese Zahlen sind gerundet.

Literaturliste:

  • Biere, Bernd Ulrich/ Henne, Helmut: Sprache in den Medien nach 1945; Tübingen 1993.
  • Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse. Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden; Berlin 1985.
  • Crystal, David: Die Cambridge-Enzyklopädie der Sprache; Frankfurt a.M., 1993.
  • Drosdowski, Günther (Hrsg.): Duden-Grammatik der deutschen Gegenwartssprache; Mannheim 1984.
  • Leserbriefe an die Süddeutsche Zeitung , siehe Anhang.
  • Schmidt, Siegfried J.: Texttheorie; München 1973.
  • Searle, J.R.: Ausdruck und Bedeutung. Untersuchungen zur Sprechakttheorie, S.17-50; Frankfurt am Main, 1982.
  • Vater, Heinz: Einführung in die Textlinguistik: Struktur, Thema und Referenz in Texten; München, 1992

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