"Krio - Diskussion zu Ursprung und Entstehung einer westafrikanischen Kreolsprache"

Faye, Monia (2003)

 

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Inhalt / Abstract:

Aus dem Inhalt:

(...) Ziel dieser Arbeit ist es, anhand der bisher vorliegenden Forschungsergebnisse Ursprung und Entstehung von Krio zu bestimmen. Zunächst gibt es mehrere Möglichkeiten, wo, wie und wann Krio entstanden sein könnte, die hier in Betracht gezogen werden müssen: Zum einen besteht die Möglichkeit der Afrogenese, das heißt der Entstehung einer relativ stabilen Form von Pidginenglisch an der Küste von Westafrika im siebzehnten Jahrhundert, das dann durch die Sklaven oder auch durch die Seefahrer in die Karibik exportiert wurde und sich von dort aus weiter verbreitete. Als Hauptvertreter dieser Richtung gelten Ian Hancock mit seiner Domestic Hypothesis (1986) und John McWorther (1995; 1997), der die Entstehung eines Vorläufers der atlantischen Kreolsprachen in den britischen Forts an der Goldküste vermutet. Die meisten mit der Kreolistik befassten WissenschaftlerInnen gehen dagegen von einer Entstehung der atlantischen Kreolsprachen in der Karibik selbst aus. Hier muss zwischen monogenetischen und polygenetischen Forschungsansätzen unterschieden werden. Der polygenesetische Ansatz geht davon aus, dass in den verschiedenen Kolonien Kreolsprachen durch das Zusammenwirken unterschiedlicher Mechanismen parallel entstanden sind. Ein monogenetisches Szenario würde dagegen voraussetzen, dass eine Art „Ur-Kreolsprache“ bzw. ein stabiles Pidgin an einem noch zu bestimmenden Ort in der Karibik zentral entstanden sei (es werden meist Barbados oder St. Kitts als mögliche Orte genannt) und sich von dort in die verschiedenen Kolonien ausgebreitet habe. Für das Krio wird in dieser Sichtweise (Entstehung in der Karibik) vermutet, dass die Sprache durch befreite Sklaven, die Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Neuschottland gesammelt und dann in Freetown angesiedelt wurden, nach Westafrika exportiert wurde. Auch McWorthers Szenario würde eine solche Entwicklung nicht ausschließen. Die Domestic Hypothesis von Hancock (1986) geht allerdings davon aus, dass ein Vorläufer des heutigen Krio schon im siebzehnten Jahrhundert in Freetown selbst entstanden sei. Insofern teilt er die polygenetische Auffassung. Ebenso gibt es in den letzten Jahren einige WissenschaftlerInnen, die eine Entstehung des Krio in situ, das heißt in Freetown nach der Ankunft der freigelassenen Sklaven zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts vermuten.    Es sollte erwähnt werden, dass die hier dargestellten Hypothesen natürlich auch in unterschiedlichen Mischformen vertreten werden. Die Vielzahl der vertretenen Auffassungen spiegelt hier eindeutig die noch nicht abgeschlossene Forschungsarbeit wider. Einerseits gab es in der Vergangenheit relativ wenige Untersuchungen zu den westafrikanischen Varietäten, andererseits mangelt es auf diesem Gebiet auch an historischen Aufzeichnungen, was Anlass zu einer Reihe von Spekulationen gegeben hat.

Mangels einer überzeugenden und ausgereiften Theorie im Bereich der Kreolisierung und allgemein gültiger Definitionen so zentraler Begriffe wie Pidgin, Kreolsprache, Jargon wird im Folgenden zunächst eine kurze Begriffsbestimmung im Vordergrund stehen, die die Grundlage der weiteren Arbeit darstellt. Wenn es dann um die konkrete Entstehung von Krio und den WAPEs geht, müssen folgende Fragen gestellt werden: Wann und wo ist Krio entstanden? Welche Mechanismen haben zur Entstehung von Krio beigetragen? Beide Fragen hängen unmittelbar zusammen und können deshalb nicht unabhängig voneinander geklärt werden. Die Beantwortung der zweiten Frage ist von entscheidender Bedeutung nicht nur für Krio, sondern im weiteren Sinne auch für alle Pidgin- und Kreolsprachen. Da es sich bei den zu beantwortenden Fragen um sehr komplexe Sachverhalte handelt, müssen alle Informationen einbezogen werden, die für die Entstehung und Entwicklung von Pidgin- und Kreolsprachen von Bedeutung sein könnten. Es ist daher sinnvoll sowohl soziohistorische als auch linguistische Informationen mit einzubeziehen und zwar sowohl auf der synchronischen als auch auf der diachronischen Ebene. Nur wenn die auf rein sprachlicher Seite gewonnenen Ergebnisse oder Interpretationen von Daten mit den soziohistorischen Hintergründen übereinstimmen kann eine daraus abgeleitete Theorie als ausgereift betrachtet werden. Andererseits kann es nicht sinnvoll sein, eine Ursprungs- und Entstehungstheorie ausschließlich auf soziohistorische Umstände zu stützen und dabei widersprüchliche sprachliche Fakten zu ignorieren.

Im soziohistorischen Teil dieser Arbeit soll zunächst auf die historischen Hinweise auf Pidgin- und Kreolsprachen in Westafrika vor 1800 eingegangen werden. Hier wird sich einerseits zeigen, ob ein stabiles Pidgin oder sogar eine Kreolsprache in Afrika entstanden und in die Neue Welt gebracht worden sein könnte um von dort wieder den Weg zurück nach Afrika zu nehmen, oder ob sich Krio möglicherweise aus einer an der westafrikanischen Küste etablierten Pidgin- oder Kreolsprache in situ entwickelt hat. Die Umstände der Besiedelung von Sierra Leone sollen Aufschluss darüber geben, ob es sich beim Krio essenziell um einen Import aus der Neuen Welt handelt oder ob es erst nach der Besiedelung Freetowns neu entstanden ist.

Ebenso wichtig wie der soziohistorische Hintergrund sind natürlich die rein sprachlichen Merkmale des Krio und deren Beziehung zu anderen Kreolsprachen beziehungsweise zu denjenigen westafrikanischen Sprachen, die als Substrate in Frage kommen, sowie die Rolle des Englischen. Zunächst werden im dritten Teil deshalb die relevanten sprachlichen Merkmale des Krio synchronisch zu den Merkmalen anderer westafrikanischer und atlantischer Kreolsprachen in Bezug gesetzt. Zum Vergleich werden auch einige Daten pazifischer Pidgins und Kreolsprachen hinzugezogen sowie Kreolsprachen mit einem anderen Lexikon (französische Kreolsprachen aus dem gleichen Raum). Aufgrund der teilweise fehlenden Daten über historische Formen von Pidgins ist es schwer einen diachronischen Vergleich anzustellen. Soweit es aber möglich ist, wird dies an betreffender Stelle auch getan. Schließlich werden die gewonnenen Erkenntnisse miteinander verglichen und im Bezug auf bestehende Hypothesen überprüft und ausgewertet. Da in der Wissenschaft bis heute keine Einigung über so zentrale Fragen wie den Kreolisierungsprozess an sich, über die Auswirkung von Substratum, Superstratum und sprachlichen Universalien sowie die Bedeutung des Zweitsprachenerwerbs und allgemeiner Tendenzen im Sprachwandel für die Pidginisierung und Kreolisierung erreicht wurde, müssen auch diese Fragen in einer abschließenden Diskussion auf die zusammengetragenen Ergebnisse bezogen werden.  (...)

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