Freizeitnetzwerke - ihr Beitrag zur Entwicklung der Netzkommunikation Der Einfluß auf die deutsche Sprache

Lenk, Martina (1996)

 

Inhalt / Abstract:

Freizeitnetzwerke mit ihren kreativen, jungen Nutzern treiben die Entwicklung des neuen Mediums E-Mail-Kommunikation voran. Modifikationen bisher bekannter Kommunikationsformen verbunden mit ganz neuen Verständigungsformen prägen dabei das Bild. Der sich daraus ergebende Einfluß auf die deutsche Sprache wird in dieser Arbeit ansatzweise erfaßt.

Leisure time networks with their creative young users press ahead the development of the new medium e-mail-communication. The situation is characterized by the coexistence of modifications of hitherto known forms of communication and completely new forms. This article aims at pointing out in what way the German language is influenced by this phenomenon.

1. Einleitung

Neue Medien - das ist wohl die Nominalgruppe des Jahres 1995. Keiner will den Anschluß verpassen, alle versuchen, sich auf diesem neuen Markt zu etablieren. Doch der kritische Blick eröffnet hervorragende technische Möglichkeiten, ohne diese auch entsprechend inhaltlich aufzufüllen. Hypnotisierend verweisen Online-Betreiber auf wachsende Übertragungsraten, mehr Komfort (Basisdienste) für weniger Geld etc.

Bereits in den 80er Jahren bildeten sich aus vereinzelt arbeitenden Mailboxen Netze wie beispielsweise das CL-Netz (Computernetzwerk Linksysteme). Dieses Netz versteht sich als Bürgernetz mit gesellschaftspolitischem Engagement und kennzeichnet damit einen der möglichen Entwicklungswege der Computerkommunikation als Katalysator im demokratischen Prozeß, als Gegenöffentlichkeit zu herkömmlichen Medien. Diese Ausgangssituation sicherte den Vorrang der realen Welt in den Netzen. Da alle Nutzer sich freiwillig für diese Kommunikationsform entschlossen hatten, brachten sie das Interesse mit, dieses in den Kinderschuhen steckende Medium weiterzuentwickeln.

Dieser Aufsatz faßt die Ergebnisse meiner Magisterarbeit (LENK 1995) - entstanden im WS 94 / 95 an der Universität Regensburg - über die E-Mail-Kommunikation (speziell News und Quote) in Freizeitnetzwerken zusammen. Kap.2 referiert die Forschungslage, Kap.3 soziologische Betrachtungen, Kap. 4 beschreibt das Korpus und die untersuchten Übertragungsformen. Weiterhin werden die formalen Dimension (Kap.5), die Handlungsdimension (Kap.6), die thematischen Dimension (Kap. 7), die Situationsdimension (Kap. 8) und die sprachlichen Dimension (Kap.9) betrachtet. Kap. 10 enthält einen Ausblick.

2. Forschungslage

Die Forschung im soziologischen und sprachwissenschaftlichen Bereich ist auf dem Gebiet der Computerkommunikation erst am Anfang. Zu den ersten mir bekannten Arbeiten im deutschsprachigen Raum zählt die von HOLLAND / WIEST (1991). In dieser soziologischen Studie im Rahmen des DFG-Projektes "Der Einfluß neuer Kommunikationstechnologien auf die interpersonale Kommunikation im Unternehmen" ermittelten die Forscher ausgehend von der These, daß die Nutzung neuer Kommunikationstechniken beträchtliche qualitative Auswirkungen auf die interpersonale Kommunikation am Arbeitsplatz zur Folge hat, einen Mangel metakommunikativer Diskussionen bei den einzelnen Anwenderbetrieben. Die Nutzer waren zwar über die Kommunikationsinhalte des Mediums aufgeklärt, hatten aber eklatante Schwierigkeiten bei der formalen Handhabung. Auch die Magisterarbeit von Nina JANICH 1993 befaßt sich mit der betriebsinternen E-Mail-Kommunikation1. Diese sprachwissenschaftlich angelegte Arbeit kommt zu dem Ergebnis, "daß sich die E-Mail sprachlich erstaunlich wenig (und dies kaum computerbedingt) vom bisher Üblichen [betriebsinterne Kommunikationsformen] unterscheidet" (S.113). In "formalen und grundsätzlichen" Merkmalen arbeitet JANICH eine nahe Verwandtschaft der E-Mail zum Brief heraus: ",ja sie kann als eine Sonderform des Briefes gelten und in Zukunft auch als solche behandelt werden." (S.115). Zentrales Fazit des Aufsatzes von UHLIROVA 1994 ist, daß die in den Mails benutzte Sprache auf neue Schreibstrategien hinweist2. So werden Teile der gesprochenen Sprache integriert: "Although written in its substance, e-mail message are in some respects no less interactive than speech, and as such, they bring clear evidence of speech and writing as blurring categories." (S.280) Mit den Computernetzwerken im öffentlichen Bereich - also der Arbeitsgrundlage meiner Arbeit - beschäftigt sich erstmals die sehr umfassende und ausführliche Arbeit der Trierer Forschergruppe WETZSTEIN/ DAHM/ STEINMETZ/ ECKERT 1994 (im folgenden WETZSTEIN u.a. 1994)3. Die Entkörperlichung und Entvisualisierung bei der Computerkommunikation nehmen sie als Ausgangspunkt für verschiedene Untersuchungsansätze. Zum einen wirft dieser Umstand Probleme bei der Verständigung selbst auf. Da die Nutzer sich nur über die Schriftzeichen verständigen können, treten häufig Mißverständnisse auf, die aber mit mittlerweile erarbeiteten Konventionen innerhalb der Netze aufgefangen werden sollen. Zum anderen ist die Anonymisierung Grundstock für die dehierarchisierte Kommunikation in den Netzen. Ihre Ergebnisse veranlassen sie zu der These, "daß Computernetze offenbar eine neue Transformationsstufe unserer Gesellschaft einleiten". Die letztgenannte Arbeit differenzierte erstmals auch News4 und E-Mail (Vgl. Kap. 4).

3. Freizeitnetzwerke und Basisdemokratie

Eine ideologische Position, die von weiten Teilen der Netzgemeinschaft vertreten wird, ist die Vorstellung von Computernetzwerken als 'herrschaftsfreiem Raum'. Demnach ermöglichen Computernetze dehierarchisierte Kommunikationsformen in dem Sinne, daß alle Beteiligten gleichberechtigt an einem öffentlichen Diskurs teilnehmen können. Untersuchungsergebnisse der Trierer Forschungsgruppe WETZSTEIN u.a. 1994 decken Gründe dafür auf:

"Beispielsweise können bestehende soziale Ungleichheiten nivelliert werden, wenn die Teilnehmer beim Eintritt in die virtuelle Netzsphäre wesentliche Merkmale ihrer Identitätsausrüstung 'abgeben'. Individuelle Rollen- und Persönlichkeitsmerkmale, wie z.B. Alter, Geschlecht, Schicht, Gruppenzugehörigkeit, Aussehen, Kleidung entfallen und werden auf eine elektronische Netzanschrift reduziert. Desweiteren erlauben die interaktiven Möglichkeiten der Netze, die sich in der Möglichkeit des direkten Zugriffs auf das mediale Geschehen zeigen, prinzipiell gleiche Partizipationschancen für alle Teilnehmer." (S. 284)

 

Da gerade im Bereich der Bürgernetze (CL-Netz) die Menschen bewußt in die Netzdiskussion eintreten, um auf diese Weise aktiv an der Mitgestaltung der Gesellschaft teilzunehmen (z.B. schnelle Organisation von bundesweiten Veranstaltungen, gegenseitige Hilfe bei fachlichen Problemen), kann davon ausgegangen werden, daß sich die Menschen in diesen Bereichen der Netzkommunikation kommunikativ rational5 verhalten. Mit diesen Voraussetzungen könnte die Computerkommunikation innerhalb von Bürgernetzen als ideale Sprechsituation angesehen werden, denn die Beteiligten vollziehen einen bewußt gewählten Schritt und treten in einen Raum mit symmetrischen, herrschaftsfreien Voraussetzungen für die Kommunikation ein (HERBIG 1991, S.105)6.

SCHRÖDER 1994 behandelt dieses Thema in seinem Artikel "Gegenöffentlichkeit durch Computernetze?" populistischer. Er wirft den Massenmedien vor, daß in eine Richtung verbreitet werde, was wenige gesellschaftliche Gruppen für richtig halten. Ihre Inhalte seien stark durch ihre finanzielle Abhängigkeit geprägt, und den Rezipienten seien keine oder nur unzureichende Möglichkeiten der Reaktion eingeräumt: "In Computernetzen ändert sich diese Situation grundlegend. [...] Hier wird die Trennung von Medienproduzent und Medienkonsument in der Tat aufgehoben." (S. 100)

Die Identität von Produzent und Konsument innerhalb der Computerkommunikation hat die Hoffnung geweckt, daß über den Dialog und das Einbinden des Bürgers eine Art Gegenöffentlichkeit zu den herkömmlichen Massenmedien entstehen könnte. Verschiedene Akteure in der Mailbox-Szene verbinden mit ihrer Arbeit explizit solche politischen Absichten. Es stellt sich aber die Frage, wie realistisch dieses Vorhaben angesichts der derzeitigen Strukturen ist. Zum Aufdecken von Skandalen bedarf es des professionellen Journalisten mit der entsprechenden Infrastruktur, der ausdauernd recherchieren, den potentiellen Informanten Gratifikationen und wirksamen Informantenschutz bieten und die Skandalmeldung mit dem Gütesiegel der eigenen Reputation versehen kann. Das können die Netzbetreiber ihren Nutzern zwar nicht bieten, aber sie verweisen in diesem Zusammenhang gern "auf die Lügen mit den kurzen Laufzeiten" (REGENAUER 1994, S.7). Das heißt, daß sie wegen der Schnelligkeit des Datenaustausches auf die Selbstreinigung des Netzes setzen. Wenn jemand etwas Falsches oder Halbwahres ins Netz spielt, kann dies sofort kritisiert werden. Das funktioniert aber nur unzureichend. Die Erfahrung zeigt, daß diese Kritik oftmals genauso fragwürdig erscheint wie die Bezugsaussage. Durch die Möglichkeit der Verbreitung unkontrollierter Subjektivität fließen Berichtigungen ins Netz, die sich aus der stark subjektiv gefärbten Wahrnehmung der Person speisen und ganz individuelle Probleme des jeweiligen Mikrokosmos widerspiegeln. Weiterhin ist fraglich, ob es denn so viel mehr Produzenten als bisher geben wird, also ob das neue Medium tatsächlich dazu beitragen wird, daß sich bedeutend mehr Menschen in den demokratischen Kommunikationsprozeß einbringen werden7.

"Ein gegenseitiges Verwirklichen mit anderen in anderen setzt voraus, daß eine Offenheit zwischen den einzelnen Partnern besteht, eine Hingabe des einen zum anderen. So eine Voraussetzung ist jedoch nicht gegeben. Es gibt ganz im Gegenteil die Tendenz zur Selbstbehauptung, und nicht zur Selbstvergessenheit, zum Sichabkapseln im eigenen Selbst, und nicht zum Anerkennen des anderen." (FLUSSER 1995, S.20)

4. Korpus und untersuchte Übertragungsformen

Zugang zu dem hier verwendeten Untersuchungsfeld hatte ich durch die Regensburger CL-Mailbox. Diese Box bietet alle Bretter des CL-Netzes an. Der Nutzer muß die ihn interessierenden Foren bestellen. Diese Konstellation führte zu der Frage, welche Daten von welchen Brettern in welchem Zeitraum für das Untersuchungskorpus erfaßt werden sollten. Wegen der ungeheuren Datenmengen, die täglich auflaufen, war es nicht möglich, alle Bretter zu bestellen. Deshalb setzt sich das Korpus wie folgt zusammen.: In Teil A ist ein Stichtagsquerschnitt erfaßt worden (97 News). In Teil B wurde eine Diskussion zu einem Thema über einen längeren Zeitraum gesammelt (39 News). Teil C erfaßt alle Nachrichten, die sich mit dem Thema von Teil B befassen, die Diskussion aber auf anderen Brettern führen (31 News). Insgesamt wurden also 167 News untersucht8.

Anhand dieses Korpus wurde die E-Mail-Kommunikation in Netzwerken, speziell die News sowie die Quote, untersucht. Unter E-Mail versteht die Autorin: "eine zeitversetzte, bi- oder multilaterale Form der Computerkommunikation über Datennetze. E-Mail kann sowohl das Übertragungssystem als auch das Übertragene meinen.." Eine E-Mail kann im privaten und beruflichen Bereich verfaßt werden und ist dann nur von den beiden an der Kommunikation beteiligten Personen zu lesen, es gibt aber auch den Bereich der öffentlichen Kommunikation - hier News genannt. Die News ist also eine zeitversetzte, multilaterale Form der Computerkommunikation, d.h. daß ein einzelner Nutzer seine Nachrichten an eine indefinite Öffentlichkeit verschickt, die diese lesen und öffentlich darauf reagieren kann. Der Austausch von News hat sich bei den Freizeitanwendern als wichtigstes Informationsmittel etabliert. WETZSTEIN u.a. 1994 (S.38) fanden empirisch heraus, daß das Lesen und Schreiben von News die wichtigste DFÜ-Tätigkeit der Netznutzer ist.

Beim derzeitigen Stand der Software (Anfang 95) scheint die News die an Ausdrucksmöglichkeiten ärmste Kommunikationsform zu sein. Ihre Weiterentwicklung wird vor allem von den Freizeitnetzwerkern betrieben. Die Nutzer räumen mitunter der News-Kommunikation so viel Zeit ein, daß durchaus von einem Hobby gesprochen werden kann. Gerade jüngere Leute erschließen sich dieses Medium sehr zeitintensiv. Für sie nimmt die News-Kommunikation eine wesentlich wichtigere Stellung als bei den Mitarbeitern eines Betriebes ein.9 Die E-Mail-Nutzer in Betrieben betrachten dieses Medium als formlos und arbeiten entsprechend nachlässig. Das mag daran liegen, daß dieses Medium dort nur Arbeitsmittel ist. Für hobbyartige Spielereien, die zur Ausdrucksverstärkung des Mediums beitragen könnten, bleibt keine Zeit. "...die ganze Briefschreiberei, die ganzen formellen Sachen fallen einfach weg..." sagte ein Befragter in der HOLLAND/WIEST-Untersuchung 1991 (S. 86f.) und ein anderer "Also eigentlich... bei mir ersetzt's am häufigsten Telefonanrufe, die ich eigentlich machen müßte, das schick ich mit EMS."

Die Freizeitnetzwerker hingegen nehmen ihre Sache so ernst, daß sie bereit sind, Mailboxen zu betreiben, neue Nutzer an das Medium heranzuführen, sich eigene Netzwerkkonditionen zu geben (und auch einzuhalten) sowie den zwischenmenschlichen Kontakt via News so optimal als möglich zu gestalten. Da Interaktionsformen bei der Face-to-face-Kommunikation (Gestik, Mimik) und beim Telefongespräch (Stimme) im wesentlichen paralinguistische Kommunikationsmittel sind, stellt sich die Frage, wie die Netznutzer diese Lücke füllen.

Die Quote schließlich ist eine spezielle Form der E-Mail, die sowohl in der privaten Mail als auch in der News vorkommt. Die Quotes entstehen dadurch, daß eine eingegangene Nachricht ohne Probleme in den Textverarbeitungsmodus übernommen wird und für die Antwort nach eigenen Wünschen bearbeitet werden kann. D.h. der jeweilige Bezugnehmende10 kann eine Nachricht nach Wunsch auseinanderreißen, eigene Kommentare einfügen und das Ganze dann abschicken. Gleichzeitig bleibt die Bezugsnachricht - das Original - erhalten. Das bedeutet, man könnte diesen Vorgang zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten wiederholen und zusätzlich in verschiedene Bretter11 absenden.

5. Formale Dimension

Der Nachrichtenkopf

Alle News in Textform beginnen mit einem Kopf, der die wichtigsten Informationen über die Nachricht enthält. Diese Aussage kann über das hier bearbeitete Korpus hinaus getroffen werden. Das Korpus von JANICH 1993 belegt die relative Einheitlichkeit des Nachrichtenbeginns ebenso wie die Beschreibungen von MATTHEW 1993 für den Internet-Bereich (S.17ff.) (auch: WETZSTEIN u.a. 1994, S. 70f.). Bei dem hier verwendeten CrossPoint-Programm können die Daten für diesen Nachrichtenkopf nach eigenem Geschmack12 aus dem ausführlichen technischen Kopf, den jede Nachricht hat, zusammengestellt werden. Dieser so definierte Kopf erscheint dann über jeder Nachricht. Die Köpfe des Korpus haben generell folgendes Aussehen:

Beispiel:
Empfaenger: /CL/Vorschau
Betreff : zur Meinungsbildung über Osho
Absender : W.DOELZ@LINK-N.cl.sub.de (Wolfgang Doelz)
Datum : Do 27.10.94, 18:10 (erhalten: 27.10.94)
Groesse : 418 Bytes
-----------------------------------------------------------


Der Quoteheader

Die E-Mail-Software bietet die Möglichkeit, für Antwortbriefe eine Eingangsschablone - den sogenannten Quoteheader - zu schreiben, in der das Programm automatisch die gewünschten Daten der Bezugsnachricht einträgt. In diese Schablone kann der Nutzer verschiedene Daten des Bezugsbriefes einbinden, um es so anderen Nutzern zu erleichtern, der Diskussion zu folgen. Im untersuchten Korpus haben von insgesamt 167 News 115 einen Quoteheader (68,8 %). Ein solcher Quoteheader wird wie ein Serienbrief in einem Textverarbeitungsprogramm erstellt: Der Nutzer schreibt seinen Grundtext, der immer über die Antwortnachrichten gesetzt wird, und fügt an den Stellen, an denen Informationen der Bezugsnachricht erscheinen sollen, Dollarzeichen mit dem Hinweis der gewünschten Information ein.

Beispiel:
B.ALBERT@LINK-F.rhein-main.de (Bernhard Albert) schrieb am 26.10.94
im Brett /CL/!Vorschau
zum Thema "Re^2: CL-Betreiber bitte melden":

Der Grundtext dieser Nachricht ist "schrieb am", "im Brett" und "zum Thema". Die anderen Informationen zieht sich die Software selbständig aufgrund der Anweisung aus den Informationen, die einer Nachricht zugeordnet sind. In diesem Fall sind es nur die Informationen, die bereits aus dem Nachrichtenkopf bekannt sind. Einer Nachricht sind aber mehr Informationen zugeordnet. Das wird im folgenden Beispiel deutlich:

In article <upVugMDOacz3@zens.link-atu.comlink.de>,
C.Zens@LINK-ATU.comlink.de (Christoph Zens) writes:

Der hier vom Nutzer ausgewählte Grundtext heißt: "In article" und "writes". Die in spitzen Klammern gesetzte Zeichenfolge ist einer der variablen Teile des Quoteheaders und bezeichnet die genaue Kennung der Nachricht - sozusagen ihren Name, der sie unverwechselbar macht. Von den insgesamt 115 Quoteheadern sind 111 in dieser kurzen bzw. einfachen Form abgefaßt.

Die Anrede

Fast umgekehrt proportional zu den Quoteheadern verhalten sich die Anredeformeln. Von den insgesamt 167 News haben nur 31,7 % eine Anrede. In den Teilen B und C des Korpus waren sogar nur knapp 25 % der News mit einer Anrede versehen. Dieses Ergebnis widerspricht der Erkenntnis von WETZSTEIN u.a. 1994, demzufolge für den Bodytext die Umklammerung von Begrüßungs- und Verabschiedungsfloskel kennzeichnend ist. Eine stichprobenartige Befragung meinerseits bei mir bekannten E-Mail-Nutzern ergab, daß die meisten Nutzer ebenfalls von der Selbstverständlichkeit der Anrede ausgingen. Da aber statistisch nachzuweisen ist, daß die meisten News keine Anredeformel enthalten, kann der Schluß gezogen werden, daß das Fehlen der Anredeformel nicht bewußt wahrgenommen wird. Diese Täuschung der Wahrnehmung könnte durch den Quoteheader hervorgerufen werden, der offensichtlich die Stellung eines Substituts einnimmt. Tatsächlich gibt es auch Nutzer, die in ihren Quoteheader im Grundtext eine Anredeformel einbinden.

Beispiele:
Hallo lieber H.SCHANZ@LINK-DO.donut.ruhr.com, Du hast am 25.10.94 unter Re:Der Pickel ist ausgedrueckt! geschrieben:

Hi Ihr Menschen, R.DIX@LINK-L.cl.sub.de hat am 24.10.94 unter Re^2:Glueckwuensche geschrieben:

Offensichtlich führt der Computer als unmittelbares 'Kommunikationsgegenüber' zu einer Verunsicherung des Nutzers. Wen soll der Nutzer denn begrüßen? Den Nutzer, dem er antwortet, oder die, die diese Antwort mitlesen können? Wie dem Korpus zu entnehmen ist, gehen die Nutzer beide Wege, grüßen also sowohl den Bezüglichen als auch die unbekannte Masse.

Beispiele:
Hi Bernhard,/ Hallo Thomas,/ Hi!/ Hallo Brett !/ Hallo an alle Studierende mit Erfahrung,/ hi there,/ Liebe Leute,/ Hallo Allerseits,/ Hallo liebeR Wally,/ Hallo Martin, hallo Leute !

Gleichzeitig gibt es Texte im Netz, die herkömmlicherweise mit einer Überschrift und nicht mit einer Anrede versehen sind wie Zeitungsartikel, Pressemitteilungen oder Ankündigungen. Meistens sind diese Texte aber nicht ausschließlich für das Netz geschrieben worden, sondern sind der Abzug einer papierenen Vorlage. Aber auch hier gelingt nicht die klare Einordnung der E-Mail im Sinne von 'Newskommunikation nach dem Vorbild einer Zeitung'. Um sich persönlich einzubringen (Image-Pflege, Reputation vor der Netzöffentlichkeit), verwenden manche Netznutzer eine Anrede, vielleicht sogar mit Begründung, warum sie diesen Pressetext ins Netz schicken.

Beispiel:
Hi,
nachfolgend ein Artikel mit Genehmigung der Redaktion, der möglicherweise auch anderen Ortes zu Nachforschungen führen dürfte. Er wirft ein besonderes Licht auf die Art von Demokratieverständnis der REPse und zeugt auch von einem "besonderen" Verständnis für ältere Menschen. [Artikel folgt mit Überschrift]

Weiterhin ist zu bemerken, daß die wenigen Anredeformeln jugendsprachlich geprägt sind13. Das liegt sicher zunächst im Alter der Teilnehmer begründet, aber auch ältere Teilnehmer verwenden Grußformeln, die von den Formen abweichen, die wir aus Briefen kennen.

Die Verabschiedung

Im Gegensatz zur selten gebrauchten Anrede wird die persönliche Verabschiedung häufig benutzt: In den insgesamt 167 News haben sich die Nutzer 128mal von ihren zum Teil unbekannten Lesern verabschiedet. Die in dem folgenden Beispielkasten zusammengeführten Verabschiedungsformeln machen aber deutlich, daß auch die Verabschiedung nicht, wie aus der Briefkommunikation bekannt, als höfliche oder freundliche Geste verstanden wird.

Beispiele:
Gruß, Svarup (W.Dölz),/ Ciao Peter / ein nicht juso angelo l./ Mathias Meister/ Anton/ CU, Florian / Gruss und Kuss Stefan Willeke / Burkhard 8-{ / a. / Servus, Michi. / MsG Marc Kaulisch

Im Korpus ist die gebräuchlichste Verabschiedungsformel 'Name'. Sie taucht 43 mal auf. Die Verabschiedung in der Form 'Gruß Name' erscheint 33 mal. Diese beiden Varianten machen über die Hälfte der Verabschiedungsformeln aus (59 %). Dieses Verfahren läßt meiner Ansicht nach darauf schließen, daß sich die Funktion der Verabschiedungsformel im Vergleich zum Brief etwas ändert. Die Feststellung von KIRST/MANEKELLER 1971 (S.89f.) für den Brief:

"Wer bei seinen Mitmenschen einen günstigen Eindruck auslösen und hinterlassen will, wird auch in seinen Briefen diese Tatsache bedenken und bei der Formulierung von Anrede und Schlußformel die beruflichen und gesellschaftlichen Rangunterschiede berücksichtigen, die zwischen ihm und dem Empfänger bestehen."

 

findet für die News so keine Anwendung, denn erkennbare berufliche und gesellschaftliche Rangunterschiede gibt es im Netz (noch) nicht. Die Beweggründe für eine förmliche Verabschiedung entfallen also. Wegen der relativen Unbekanntheit des Gegenübers sind die Verabschiedungen meistens nicht herzlich. Die Grußformel hat den Charakter einer Signierung. Die eigene Meinung soll als solche durch die Nennung des Namens am Schluß des Textes kenntlich gemacht werden. Daß das wegen der Namensnennung im Nachrichtenkopf überflüssig ist, wird durch einige Nutzer so verarbeitet, daß sie nur mit dem Vornamen grüßen oder nur mit dem Anfangsbuchstaben. Die aus dem Brief übernommene Verabschiedungsformel erfährt somit medial bedingte Veränderungen. Schon jetzt ergeben sich deutliche Unterschiede zur Verwendungsweise im Brief. Ich denke aber, daß hier eine Wandlung stattfinden wird, erste Zeichen sind bereits sichtbar: So werden die freundlicheren Grußvarianten von Menschen verwendet, die schon länger im Netz schreiben. Es ist davon auszugehen, daß die Nutzer nach einer Eingewöhnungsphase ebenfalls mit mehr Selbstvertrauen an das Medium herantreten und freundlicher grüßen.

Die Signature

CrossPoint (wie auch andere Programme) bietet die Möglichkeit, die Signature für öffentliche oder private Mails als Schablone zu erstellen. Im Gegensatz zum Quoteheader besteht die Signature nur aus Grundtext ohne variable Komponenten. Bei jeder zu versendenden Nachricht hängt das Programm automatisch die Signature an den übrigen Text an. Für das Korpus gilt, daß von den insgesamt 167 News 110 mit einer Signature versehen sind.

Die Signature kann - wie der Quoteheader auch - als eine dem Medium eigene und vorher noch nicht dagewesene Darstellungsform gewertet werden. Die auftauchenden Adreßkennungen in den Signatures könnten bei einer ersten Durchsicht eine Verwandtschaft zum Absender beim Brief vermuten lassen. Doch auch für die Signature gilt, was sich bereits für Anrede und Verabschiedung erkennen ließ: Die Netzkommunikation bildet ihre eigenen Formen heraus. Eine Absenderkennung tritt nur in zehn Fällen auf. Sie wird vorrangig von öffentlichen Einrichtungen verwendet, die auch über die gelbe Post erreicht werden wollen.

Beispiele:
E  elektronischer
D  okumentations- und
ID Informationsdienst zu Behindertenfragen
der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben Deutschland ISL e.V., Werner-Hilpert-Str. 8, 34117 Kassel, Tel. 0561/712811, fax: 0561/713132 E-Mail:
ISLK@ASCO.ks.open.de

Weit häufiger geben die Nutzer ihre E-Mail-Adresse(n) an: 23 mal. In 15 Fällen fügen sie noch die Telefon- und Faxnummer hinzu. Hervorstechendes Merkmal der Signature ist aber der Spruch/ das Zitat. 39 Signatures (35,5 %) enthalten Zitate von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Weisheiten oder Ausschnitte aus Filmen, Liedern, Büchern oder anderen Medien.

Beispiele:
- Die Freiheit des Menschen besteht nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern daß er nicht tun muß, was er nicht will.
- Schlagt die Römer wo ihr sie trefft.
- Macht kaputt was euch kaputt macht.
- nur wer den Mut hat zu traeumen, hat auch die Kraft zu kaempfen!

Den Schreibern geht es also nicht darum, genauere Daten über sich aufzuzählen, sondern von ihrer Persönlichkeit oder ihrem Weltverständnis etwas zu übermitteln und sich so eine Art Image oder Personal Identity zu geben. Die Signature ist ein Teil der Selbstinszenierung. Die Auswahlkriterien für die Sprüche sind spezifische Neigungen, Interessen, Hobbys und Idole, aber auch Provokation, Humor und Ironie. Es ist davon auszugehen, daß die Nutzer ihre Signature-Sprüche sorgfältig auswählen, um so ihrer Körperlosigkeit ein virtuelles Ich entgegenzusetzen. Außerdem wird in der Signature auch die Verabschiedung eingebunden, ebenso wie beim Quoteheader die Anrede.

Die Emoticons

Mit Hilfe von Sonderzeichen ist es den Netzwerkern möglich, Gesichtsikonen mit verschiedener Bedeutung zu erstellen. In den meisten Fällen dienen sie dazu, Textinhalte zu kommentieren. Diese auch als 'Smileys' bezeichneten Emoticons (Kunstwort aus emotion: Gefühl und icon: Zeichen) setzen sich in ihrer Grundform aus Doppelpunkt, Bindestrich und geschlossener Klammer zusammen. Beispiel: :-) Dreht man diese Zeichenfolge um 90 Grad nach rechts, sieht man ein lachendes Antlitz. Mit offener Klammer am Ende der Zeichenfolge verkehrt sich der Gesichtsausdruck ins Ärgerliche oder Traurige: :-(

Es gibt eine Reihe verschiedener Formen und Abwandlungen der Emoticons. Sie sind aber nur zum Teil als heiterer Nebeneffekt der vernetzten Kommunikationskultur zu werten. Gerade die beiden oben genannten Emoticons übernehmen in der Computerkommunikation eine entscheidende Aufgabe: Sie ersetzen Faktoren der Kommunikation wie Gestik, Mimik oder den Tonfall der Stimme. So werden Ironie, Sarkasmus oder auch der Ausdruck von freundlichen oder verärgerten Gesten in diesem scheinbar 'stummen' Medium möglich. Identische Textaussagen erhalten durch den Zusatz eines Emoticons vollkommen konträre inhaltliche Bedeutungen. Die Sequenz 'du Blödmann :-)' vergegenwärtigt dem Adressaten einen ironischen Unterton, während 'du Blödmann :-(' auf eine ernstzunehmende Verstimmung des Absenders hinweisen kann. Durch die Dopplung der Klammer kann auf den Grad der Emotion hingewiesen werden. So kann ein gelungener Witz mit einem Lachsturm honoriert werden: :-))))))))), eine Verstimmung entsprechend: :-((((((((.

Innerhalb des fünfzehnjährigen Bestehens der Emoticons haben sich ihre Erscheinungsformen vervielfacht. Mit ihren differenzierten Einsatzmöglichkeiten decken sie unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten ab und ermöglichen dem Schreiber so, etwas von der eigenen Gefühlswelt ins Netz zu schicken. In der Netzwelt sind die Emoticons weit verbreitet. Da vorrangig die echten, einfachen Formen14 verwendet werden, können sich die Neueinsteiger diese Zeichen selbst erschließen15. Ob die Emoticons aus ihrem Geburtsmedium gesellschaftlich übergreifend einmal heraustreten werden, kann nur gemutmaßt werden. Ein Interview soll auf erste Tendenzen hinweisen: Christine Wittig, die zu den Netzwerkern der ersten Stunde gehört und aktiv im "Kommunikation und Neue Medien e.V." in München mitarbeitet, sagte in einem Gespräch, sie habe in ihrem Betrieb Schwierigkeiten beim Verfassen von Zettelnachrichten, weil ihr für die Ausdrucksverstärkung die Emoticons fehlen: "Ich kann davon ausgehen, daß die Kollegen die Emoticons nicht kennen. Da muß ich mich in meiner Art zu schreiben umstellen. Die Emoticons fehlen mir in solchen Situationen richtig." Nutzer P. Heinlein schrieb als Antwort auf eine Netzumfrage von mir dazu:

Mir ist aufgefallen, daß ich die Smileys vermisse. Wenn ich Briefe schreibe an andere Leute (als *richtige* Briefe, die gibt's noch!) dann habe ich immer smileys mit reingeschrieben um meine Stimmug/Kommentar dazu abzugeben. -Und im nächsten Brief mußte ich erstmal erklären, was ich damit meinte :-) Mittlerweile möchte ich sie nicht missen und male sie in Briefen senkrecht mit Kreis drumrum, so daß es jeder erkennt...

Weitere Sonderzeichen

Die Netzkultur hat weitere Konventionen für Zeichenverwendungen hervorgebracht. Wenn Wörter komplett in Versalien gesetzt werden, bedeutet es, daß dieses Wort geschrien wurde. Wortbetonungen, die in einer komfortablen Textverarbeitung durch Fettdruck deutlich gemacht würden, werden in der Netzwelt (zumindest in der der CrossPoint-Programme) durch *Sterne* oder _Unterstriche_ gekennzeichnet. Zeichenfolgen, mit denen man das Darüberstehende noch mal genau markiert ^^^^^^^^^, werden hingegen seltener benutzt. Es ist anzunehmen, daß dieser Zeicheneinsatz verschwindet, wenn die Mailprogramme gute Textgestaltungsmöglichkeiten aufweisen, wie sie es teilweise heute schon tun.

6. Handlungsdimension

Die Analyse der Handlungsdimension ergibt, daß die Newskommunikation ein Reihe neuer Aspekte aufweist: So scheinen sich die Regeln des höflichen Umgangs in der Newskommunikation erst herausbilden zu müssen16. Aus anderen Kommunikationsformen bekannte Regelwerke werden nur bedingt übernommen. Besonders in Diskussionen (hier in einer politischen) neigen die Nutzer zu einem aggressiven Umgang miteinander, der den eigentlichen Gegenstand der Diskussion vergessen läßt. Die meisten Rezipienten reagieren entsprechend der Intention einer News, denn mangels Hierarchie oder anderer zwischenmenschlicher Verbindungen/ Verpflichtungen müssen sie sich nicht "anschreien" lassen und dies hinnehmen, sondern sie können ihre Meinung ebenso ungeniert zurückgeben, was die meisten auch tun. Die Flame ist der Szenebegriff für einen wertenden Text, dessen Absicht es weniger ist, produktiv zur Diskussion beizutragen. Es ist eher beabsichtigt, einfach nur Aggressionen gegen den Verfasser der Bezugsnachricht, gegen den behandelten Gegenstand oder die behandelte Person auszudrücken.

"Aufgrund ihrer typischen rhetorischen Eigenschaften zeigt sie [die Flame] starke Parallelen zu Pamphleten oder Schmähschriften. Flames sind meist persönlich verletzend; inhaltliche oder pragmatische Aspekte stehen hinter der persönlichen Ebene zurück." (WETZSTEIN u.a. 1994, S.88)

 

Die Hauptabsicht der Flames (in den meisten Fällen) ist es also, an dem 'Netz-Image' der angegriffenen Person "zu kratzen". In dieser Funktion scheint sie für einige Nutzer zum festen Inventar der Netzkommunikation zu gehören - sozusagen zur Netz-Streitkultur (siehe Kasten unten). Andere Nutzer hingegen, gerade auch sporadische Netzbeobachter, empfinden diese Form des Umgangs als unpassend, den dahinterstehenden Text somit als überflüssig und nichtssagend.

Beispiele:
A.14: Was soll derlei Geflame eigentlich?
A.17: So, und nun flamet mich zu, aber das mußte gesagt werden!

Alle Momente, die neben der Sprache sonst noch Kommunikation ausmachen, fehlen im Netz. Aber gerade sie wirken oft als Korrektive. Ein sich langsames Verschließen, erkennbare Unaufmerksamkeit, ein verdrießliches Gesicht können dem Kommunikationspartner bedeuten, daß die Kritik oder das Streitgespräch jetzt nicht erwünscht ist. Erlernte Konventionen geben den Menschen in der Face-to-face-Kommunikation ein Verhaltensgrundmuster mit. Für die Netzkommunikation gibt es keine Regeln dieser Art17. So beurteilen dies auch HOLLAND/WIEST 1991, S.47: "Dieses nach gängigen Höflichkeitsregeln ungebührliche Verhalten, das in der Computer-Subkultur mit dem Begriff 'flaming' umschrieben wird, ist als Indiz für fehlende Verhaltensstandards bei der Nutzung neuer Medien zu werten." Die äußere Form der Flame ist ganz unterschiedlich. Gemeinsam ist nur die erkennbare aggressive Intention des Schreibens. Neben dem direkten Angriff, der sich beispielsweise in der Verwendung von Fäkalienausdrücken manifestieren kann, verwenden die Nutzer auch das Stilmittel der Ironie. Oder sie beziehen sich direkt auf eine Bezugsnachricht, den Sender "be"sprechen sie aber in der dritten Person, obwohl eine direkte Ansprache auch möglich wäre.

Hierarchien

Derartige Flames sind aus den Untersuchungen von JANICH und UHLIROVA nicht bekannt. Das deutet darauf hin, daß soziales Umfeld und Hierarchien (z.B. innerhalb eines Betriebes) andere Verhaltensweisen hervorrufen. Es gibt in der Newskommunikation im Freizeitbereich keinen offiziellen Bereich wie beispielsweise in Betrieben oder öffentlichen Institutionen, sondern nur einen öffentlichen. Der Freizeitbereich der Newskommunikation hat keine Hierarchien aufgebaut, die überhaupt erst den Grundstock für einen offiziellen Newsaustausch bilden würde. Erste Hierarchisierungstendenzen sind aber auch in Freizeitnetzen erkennbar. Sie begründen sich auf dem Wissensvorsprung bestimmter Personen im Computerbereich und deren freiwilliger Respektierung durch andere Netznutzer.

Dialogizität

Die Untersuchung des Dialogizitätsgrades ergab für die News im Freizeitbereich einen hohen Wert. Fast 90 % aller News sind dialogisch angelegt, der Rest monologisch. Im Vergleich mit anderen Untersuchungsergebnissen (z.B. mit JANICH 1993) ist das ein bemerkenswertes Ergebnis. Im von Janich untersuchten Betrieb ist der überwiegende Teil der Schreiben monologisch abgefaßt, besonders im Verwaltungsbereich. Das heißt, daß sich die Mitarbeiter dieses untersuchten Betriebes einer Kommunikationsquelle berauben, wenn sie dieses Medium nur im Organisations- und Verwaltungsbereich bzw. nur für metakommunikative Mitteilungen benutzen. Für viele der mehr oder weniger unfreiwillig mit dem Netz Konfrontierten ist diese Art der Kommunikation geheimnisvoll, Datenverlust wird befürchtet, und entsprechend zaghaft ist die Nutzung. Die E-Mail-Kommunikation wurde in dem von Janich untersuchten Betrieb wieder eingestellt.

7. Thematische Dimension

In wenige Worte gefaßt, könnte die thematische Dimension als "Je-nach-Netzstruktur-offen-für-alles" beschrieben werden. Das bedeutet, daß jeder Nutzer schreiben kann, was er möchte, wenn es sich im gesetzlichen Rahmen bewegt. Gewisse Einschränkungen gibt es nur durch das Selbstverständnis des jeweiligen Netzes und seiner Brettstruktur. So ranken sich die Themen im Gewerkschaftsnetz SoliNet vorrangig um die Gewerkschaftsarbeit. Das Computer-Netz seinerseits bietet eine detaillierte Brettstruktur für Computerfragen an. Das CL-Netz hat sich auf die Verbreitung sozialer, politischer, ökologischer und kultureller Themen festgelegt. Entsprechend ist die Brettstruktur organisiert. Die Brettstruktur schränkt die Bandbreite der von den Nutzern geschriebenen Themen per se ein. Diese Einschränkung ist aber nicht als Fessel zu verstehen. Es ist dem Nutzer unbenommen, in ein Brett thematisch unpassende Nachrichten zu schreiben. Er muß dann aber mit Zurechtweisungen durch die Nutzer oder durch die SysOps (Systemoperatoren) rechnen.

Beispiele:
"jetzt hast du mich schon wieder zu etwas verleitet, für das mich roland steinmeier in diesem brett wieder schelten wird - aber warum fängst so etwas auch immer im falschen brett an.."
"Und wo gehört ein Text wie dieser hin? in die CL/KOORDINATION Bretter - ich stell ihn mal rüber!"

Der Netzalltag beweist, daß die Nutzer thematisch falsch eingeordnete Beiträge nicht nur beschimpfen, sondern auch beantworten und im falschen Brett weiterdiskutieren. Diese Art der verstreuten Diskussion verlangt vom Nutzer ein hohes Maß an Konzentration und die Bereitschaft, an der Diskussion teilnehmen zu wollen.

Ein zentrales Problem der Netzkommunikation eröffnet sich hinter dieser Themenbestimmung: Die Nutzer können nur lesen, was sie selbst produzieren. Im Gegensatz zum Fernsehen oder Rundfunk machen nicht die anderen das Programm. Sie selbst schicken in das Netz, was Alltag und Interesse am Medium zulassen. Das ergibt zwar ein breites Themenspektrum, aber der Rezipient ist mehr oder weniger gezwungen, höchst Subjektives aus irgendeinem Mikrokosmos zu verdauen. Sicher muß der Konsument auch bei den herkömmlichen Medien Subjektives verdauen, doch wird hier zumindest der Versuch der objektiven Berichterstattung unternommen. Geordnet bekommt der Zuschauer / Hörer / Leser Wissenswertes vom Globus mitgeteilt - sortiert nach Sendezeiten und Aufbereitungsschemata. Mit diesem Rezipientenverhalten tritt der Einsteiger dem neuen Medium gegenüber - ein schwerer Einstieg in das "Netzchaos".

Auch wenn der Nutzer nur die Bretter bestellt, die ihn thematisch interessieren, läuft er Gefahr, daß er nur 'Datenmüll' empfängt, weil andere Nutzer das Themenspektrum des Brettes für sich anders definieren, oder weil sie sich nicht an die Themenvorgabe des Brettes halten. Das führt dazu, daß Nutzer, die sich in einer Konsumentenhaltung befinden, zwangsläufig enttäuscht werden müssen. Sie empfinden das Netz als unnütz, weil sie die sie interessierenden Themen nicht wiederfinden und sie das Netz nicht benutzen können. Sie erwarten die Dienstleistung einer Zeitung oder eines Nachschlagewerkes. Es ist wohl die Schriftlichkeit des Mediums gepaart mit einer gewissen Ordnung (thematische Foren), die diese Erwartungshaltung erzeugt. Aber hier wird erneut deutlich, daß wir es bei der Netzkommunikation mit einer absolut neuen Größe zu tun haben. Wie bei einem mündlichen Gespräch face-to-face oder am Telefon auch werden nur die Themen besprochen, die von den Dialogpartnern aufgeworfen werden. Und wie bei der Netzkommunikation kann es passieren, daß ein Dialogpartner beim anderen "in dessen Brettern keine oder nur uninteressante Nachrichten" findet - small talk eben. Wie bei einem Gespräch gibt es im Medium Netz keine professionelle Instanz, die regelt und einordnet. Professionalität ist im Netz nicht erwünscht, denn die Möglichkeit, daß im Netz jeder seine Meinung verbreiten kann, wird als ein Ansatz für Basisdemokratie verstanden. Für Netzenthusiasten bildet das Netz den Grundstock einer neuen Gesellschaftsform: der Graswurzel-Netz-Demokratie.

8. Die Situationsdimension

Der Bekanntheitsgrad der Nutzer unterscheidet sich je nach Netz: In kleinen regionalen Netzen wie dem /Userforum kommunizieren nur Nutzer aus Straubing, Regensburg, Amberg, Weiden miteinander. In den meisten Fällen kennen sie sich persönlich. Bei einem bundesweiten Netz wie dem /CL-Netz kennen sich die Nutzer nur zum Teil. Das heißt, daß die Nutzer nicht wissen, welche und wieviele Leser ihre Nachricht in dem jeweiligen Brett lesen. Sie können nur Vermutungen, die wiederum auf Erfahrungen beruhen, darüber anstellen, daß bestimmte Personen, auf die sie mit ihrem Schreiben reagieren oder die sich in diesem Brett häufiger zu Wort melden, auch an diesem Tag oder in dieser Woche das Brett verfolgen. Je nach Interesse bilden sich bei einzelnen Brettern definite18 Nutzergruppen heraus.

Die in soziologischen Schriften19 verbreitete Meinung, daß die Netzkommunikation die Menschen entfremden würde, weil sie nur noch zu Hause vor dem Computer sitzen, gehört in den Bereich der Schwarzmalerei und kann für das CL-Netz so nicht nachvollzogen werden. Auch wenn die CL-Nutzer viel Zeit darauf verwenden, das Netz und die Kommunikationsformen selbst zu gestalten, ist davon auszugehen, daß sich in diesem Netz Menschen treffen, die gesellschaftlich engagiert sind und dieses Medium nur als neue, erweiterte Möglichkeit sehen, ihre Vorhaben in der realen Welt voranzutreiben. Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß Menschen durch die Computerkommunikation sozial verarmen, aber die thematische Ordnung des CL-Netzes spricht dagegen 20.

Meine persönlichen Erfahrungen waren sogar die, daß Menschen, die in der Face-to-face-Kommunikation Probleme hatten, sich in der virtuellen Welt ungehemmt artikulieren konnten. Die Bestätigung ihrer Meinung oder das Lob über die von ihnen geleistete Arbeit/ Handlung innerhalb des Netzes gibt diesen Menschen so viel Selbstvertrauen, daß sie ungehemmter in die Face-to-face-Kommunikation treten können. WETZSTEIN u.a. 1994 sehen dieses Medium sogar als "Rückzugsraum und Kommunikationsreservoir" für Personen, die Probleme mit der face-to-face-Kommunikation haben.

Für eine große Zahl von Menschen gilt mittlerweile, daß sie sich nicht kennengelernt hätten, wenn es das Netz nicht gäbe. Gerade für die Leute, die sich um Netzaufbau, Netzerweiterung, gesetzliche Regelungen für die vernetzte Welt und um Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit kümmern, ist das Netz nur ein erster "Handshake". Auf Kongressen, Seminaren und in kleinen Gesprächsrunden arbeiten sie intensiv miteinander. Freundschaften entstehen.

Die äußeren Bedingungen der Produktion und Rezeption der News sind durch hohe Bequemlichkeit (meistens am eigenen Schreibtisch) und die Möglichkeit der unmittelbaren Reaktion gekennzeichnet. Diese sofortige Reaktionsmöglichkeit, die bei unbewußtem Umgang mit dem Medium keine Reflexion zuläßt, könnte die Ursache für die hohe Zahl der aggressiven Prozesse im Netz sein. Hinzu kommt, daß der Diskussionspartner der sinnlichen Wahrnehmung in jeder Weise entzogen ist und der Sender/Antworter sich in seinen 'heimischen vier Wänden' geschützt und unverletzlich fühlt. Weiterhin könnten sich diese Kommunikationsvoraussetzungen auch in der sprachlichen Dimension niederschlagen. So ist denkbar, daß die Schnelligkeit bei der Übertragung und Erstellung einer News die Nutzer ähnlich reagieren läßt wie bei einem Telefongespräch: Der Sender legt nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Für die Newskommunikation übersetzt, bedeutet das: Der Sender übersieht großzügig Tippfehler, Groß- und Kleinschreibung, orthographische und grammatikalische Fehler.

9. Sprachliche Dimension

Die Untersuchung der sprachlichen Dimension weicht von der bis dahin genutzten Vorgehensweise ab. Das Analyseraster von ERMERT 1979 wird nun durch das modifizierte Analyseraster von BRINKER/ SAGER 1989 ersetzt. Der Grund ist der Wille, auf ein Phänomen hinzuweisen, daß in seiner Wirkung auf die deutsche Sprache den größten Einfluß haben dürfte, wenn sich die E-Mail-Kommunikation durchsetzt. Der Blick verengt sich auf die Quote innerhalb der News. Beobachtungen lassen die Hypothese zu, daß die Quote durch ihren Aufbau Elemente in sich vereint, die für die gesprochene Sprache, insbesondere für das Gespräch, typisch sind - eine Beobachtung, die auch schon UHLIROVA 1994 gemacht hat:

"The very substance of e-mail is written. Nevertheless, the 'model of languaging' ... clearly manifests a number of features which are not typical for most written texts. Rather, they are associated with speech. It is the combination of both written and speech-like features that provides e-mail with its specific image, as realized in lexis, syntax and text structure." (S.277)

 

Gesprächsschritt und Hörersignal

Der Gesprächsschritt gilt als die Grundeinheit des Dialogs (BRINKER/SAGER 1989, S.57). Diese Gesprächsschritte werden im Gespräch von Hörersignalen begleitet, die Aufmerksamkeit, Zustimmung und Ablehnung andeuten, aber nicht auf die Übernahme der Sprecherrolle zielen. Ansatzweise sind diese Hörersignale auch in der Quote festzustellen. Hier sendet sie der Bezugnehmende. Da der nichtsprachliche Bereich für die Newskommunikation entfällt, bleibt nur die Verbalisierung. Sie erfolgt im Gespräch wie auch in der News mittels Partikeln und Kurzäußerungen. Diese Kontaktsignale wie ja, mhm, stimmt, genau, ich weiß, ja gut, eben, na ja, ich weiß nicht usw. sind auch in der Quote zu finden.

Der Sprecherwechsel

Ein wesentliches Charakteristikum für ein Gespräch ist nach BRINKER/SAGER (1989, S.12) der Sprecherwechsel: "im Unterschied zu Texten werden in Gesprächen aber zumeist verschiedene Sprecherinteressen verfolgt, zumindest aber mehrere Sprecherperspektiven zum Ausdruck gebracht". Dieses Merkmal erfüllt die Quote. Sie vereint in sich die Perspektiven verschiedener, mindestens aber zweier Autoren. Es stellt sich also die Frage, wie diese Autorenwechsel im Vergleich zu den Sprecherwechseln realisiert sind. Im Gegensatz zum Gespräch ist bei der Quote - bezogen auf einen bestimmten Zeitraum - nur einer der Kommunikanten (bei meiner Sichtweise: der Bezugnehmende) aktiv. Das heißt, daß die neuen Perspektiven innerhalb eines schon bekannten Textes nur von ihm geschaffen werden. Somit ist dieser Textentstehungsprozeß im Vergleich zum Gespräch nur halb so dynamisch, denn hier liefert einer der beiden Kommunikanten einen konstanten, der andere einen darauf reagierenden und in diesem Sinne variablen Text. Beim Gespräch sind dagegen beide Kommunikanten flexibel. Der Hörer ist sofort in der Lage, auf eine Äußerung eines Sprechers zu reagieren21. Dadurch kann das Gespräch einen ganz anderen Ausgang nehmen, als der Textbeginn erwarten ließ, also die sprichwörtliche Wende nehmen. Innerhalb einer Quote hingegen ist die Entfernung vom Thema nicht zu beobachten. Über einen längeren E-Mail-Wechsel allerdings können sich die Inhalte durch Aktion und Reaktion genauso verändern wie beim Gespräch. Sprecherwechsel können nach BRINKER/ SAGER 1989 durch 'Fremdzuweisung' oder durch 'Selbstzuweisung' verursacht sein. Dabei unterteilen sie die Selbstzuweisung in die mit und die ohne Unterbrechung des Sprechers. Auf dieser Grundlage unterscheiden sie noch den "glatten" Wechsel22, den Sprecherwechsel nach Pause23 und den Sprecherwechsel nach Unterbrechung24.

Der glatte Wechsel

Beim glatten Sprecherwechsel ohne Simultansequenz übernimmt der Hörer die Sprecherrolle. Das kann durch Fremdzuweisung oder durch Selbstwahl erfolgen. Für die Quote ist das Moment der Selbstwahl permanent gegeben, denn der Bezugnehmende entscheidet stets selbst, an welchen Stellen des Textes er seine Äußerungen einbindet. So bleibt nur die Möglichkeit, Fremdzuweisungen nachzuweisen.

Beispiele:
>Bist Du nun fähig, das angebliche Ganzzitat hier zu posten >oder bist Du nur ein Schwätzer?
Höchstens ein Hacker. Im übrigen ist es nicht...
>Arbeitest Du immer so?
Ich äußere mich wozu ich will.

Nun ist der Einwand berechtigt, daß es Formen der Aufforderung auch in Briefen gibt und es somit hier verwirrend oder sogar falsch wäre, von Fremdzuweisung im Sinne der mündlichen Kommunikation zu sprechen. ERMERT 1979, der eine Aufforderungsformtypologie für Briefe erstellt, registriert Aufforderungen in Fragesatzform, vor allem aber für die mündliche Kommunikation. In Briefen stuft er sie als unverschämt ein: "Im Bereich der schriftlichen Kommunikation - zumindest vermittels Briefen - finden sich Fragesatzformen als Aufforderungsrealisierungen selten und nur dann, wenn ein relativ starker verständnissichernder Kontextbezug vorhanden ist." (S. 99) Diese von ERMERT 1979 als unverschämt eingestufte Form der Aufforderung ist in der Newskommunikation des Freizeitbereiches eher der Regelfall der Fremdzuweisung. Je provozierender eine Frage gestellt ist, desto größer ist für den Bezüglichen die Wahrscheinlichkeit, daß seine Meinung wahrgenommen und aufgegriffen wird. So verursacht der Nutzer im folgenden Beispiel mit seiner ironisch gestellten Frage eine wahre Antwortenflut.

Beispiele:
>Wie das nun wieder zusammenhängt!?
Die Jusos haben eine Altersgrenze von 35 Jahren.

>Wie das nun wieder zusammenhängt!?
Wie wäre es, wenn Du meine Mail mal _richtig_ liest?

>Wie das nun wieder zusammenhängt!?
Tja, solche schwierigen Zusammenhänge können ...

>Wie das nun wieder zusammenhängt!?
Kann einen einfachen Grund geben: Boltze ist über 35...

Sprecherwechsel nach Pause

Die Einordnung von Quotensequenzen als Sprecherwechsel nach Pause wäre nur auf einer sehr abstrakten Ebene möglich, und die so gezogenen Schlüsse wären fragwürdig. Das hängt damit zusammen, daß Brinker/Sager den Wechsel temporal definieren. In diesem Punkt unterscheiden sich mündliches Gespräch und die Quote, wie bereits festgestellt, am meisten. "Der Hörer übernimmt die Sprecherrolle erst nach einer deutlichen Pause." (BRINKER/SAGER 1989, S. 61) Solch eine deutliche Pause kann es aber bei einer zeitversetzten Kommunikationsform nicht geben, bzw. ist sie je nach Betrachtungsweise stets gegeben, denn als deutliche "Sprecherpause" könnte auch der Zeitraum zwischen Versenden und Erhalten der Quote gerechnet werden.

Sprecherwechsel nach Unterbrechung

Selbstverständlich kann es wegen der lokalen und temporalen Versetztheit in der Quote keine simultane Sequenz geben. Dennoch weist die Quote etwas auf, was dem sehr nahe kommt und in einer Gesprächssituation eine Simultansequenz erzeugen könnte.

Beispiele:
AW> Wenn die SPD ihren Schinzel-Fichter-Mechtersheimer Skandal nicht selbst AW> aufklärt, dann werden das vielleicht die Rechten
die wirklich Rechte nicht. Aber aufgeklärte Konservative könnte es tun... >>> aufgreifen und wenn dann

> Der Skandal ist
eigentlich, daß im Netz Landesvorsitzende der Jusos [...]

> Daraus lese ich heraus,
Geschenkt, daß Du herausliest.

Diese Situationen sind ohne weiteres als Gespräch vorstellbar. Die Bezugnehmenden fallen ihrem Gegenüber einfach ins Wort und lassen ihn seinen Satz nicht ausführen. Dies machen sie ganz bewußt, denn sie hätten die Möglichkeit, die Zeile oder den Satz vollständig zu quoten. Das Teilquoten und das Beenden des Satzes des Bezüglichen zielen meiner Ansicht nach eindeutig darauf ab, den Sprecherwechsel nach Unterbrechung aus der mündlichen Kommunikation nachzuahmen und somit einen unhöflichen Akt zu markieren.

Zur Binnenstruktur von Gesprächsschritten

Die Binnenstrukturen von Gesprächsschritten sind nach BRINKER/SAGER (1989, S.66f.) denen der monologischen Texte gleich - einfach oder komplex - strukturiert. Der wesentliche Unterschied ist die unterschiedliche Gliederung von Texten und Gesprächsschritten, wobei den lexikalischen Gliederungssignalen (und , also, nicht, ja , ich meine, ich glaube, und so weiter) eine wichtige Rolle zukommt: "sie dienen dem Sprecher dazu, seinen Gesprächsbeitrag zu eröffnen ... und zu beenden ... sowie ihn für den Hörer überschaubar zu proportionieren." (BRINKER/SAGER 1989, S. 66). Die Gliederungssignale unterscheiden sich von den Kontaktsignalen insofern, als sie keine eigene illokutive Rolle übernehmen wie diese.

Beispiele:
IOW25: Glotz ... / Im übrigen: Was ... / Im Gegenteil: derart... / Ich glaube nicht,... / BTW26: War ... / Wissenschaftlicher Beleg: Ich kenne ... / Aber, lieber A. Waibel, warte nur... / Aber nun mal ganz weg von diesem Thema...

Für alle diese Ausdrücke gilt, daß sie am Anfang eines neuen Absatzes stehen und so auch formal gezeigt wird, daß diese Äußerungen vom Autor als eigene Sinneinheiten konzipiert waren. Bis auf die Nominalgruppe 'wissenschaftlicher Beleg' sind alle anderen Äußerungen ohne weiteres in ihrer jeweiligen Verwendung so in einem Gespräch vorstellbar. Auffallend häufig tritt die Präpositionalgruppe 'im übrigen' zur Strukturierung von Texten auf. Sie steht sowohl am Absatzanfang als auch mitten in einem Absatz. Weitere häufig auftretende Gliederungssignale im Korpus sind Äußerungen wie und ich behaupte ..., und ich habe ..., ich glaube , ich glaube allerdings, meiner Meinung nach..., ich schreibe das nur deshalb..., ich denke..., mir scheint ... usw.. Auch sie stehen am Absatzanfang und in der Absatzmitte. Äußerungen, die mit einem Doppelpunkt abgeschlossen werden, stehen ausschließlich am Absatzbeginn: im Gegenteil: , wie immer: , beziehungsweise nur solche:, zusammenfassend: , also noch mal: , um es deutlicher auszudrücken: , merke: zur Erklärung, Spaß beiseite, wie zu erwarten: Daneben gibt es in den Texten Gliederungssignale wie Halt, Peter Kratz oder zum Schluß , die wie alle vorgenannten ebenfalls in der mündlichen Kommunikation vorkommen können.

Zur grammatischen Verknüpfung von Gesprächsschritten

Gesprächsschrittverknüpfung erfolgt laut BRINKER/ SAGER 1989 nach dem gleichen Prinzip der Wiederaufnahme wie bei Texten. Als auffällige Erscheinung in diesem Zusammenhang arbeiten sie (S.74f.) die Wiederaufnahme durch Repetition heraus. Dabei wird die syntaktische Struktur des Vorgängerschritts ganz oder teilweise bewahrt. Eine teilweise Wiederaufnahme der syntaktischen Struktur findet sich auch in der Quote. Der Bezügliche schreibt

> Schließlich hat seine Behauptungen wissenschaftliche sauber belegt > und ich habe keine einzige Mail gelesen, in der auch nur versucht > wurde seine Quellen anzuzweifeln.

Auf diese Aussage reagiert der Bezugnehmende zunächst einmal mit der Reaktion: Dann hast Du halt nicht alles gelesen. :-( Erst nach über 27 Zeilen - also nach mehreren Gesprächsschritten - greift der Bezugnehmende die Aussage des Bezüglichen durch Repetition auf: Quellen wurden nicht angezweifelt? Damit gibt der Bezugnehmende zu erkennen, daß er trotz der vorangegangenen längeren Ausführung auch weiterhin beabsichtigt, auf die Aussage des Bezüglichen einzugehen, nur jetzt unter einem anderen Gesichtspunkt. Die Verwendung der gleichen Worte des Bezüglichen, verbunden mit dem übernommenen Inhalt des ersten Teilsatzes mit dem Wörtchen "nicht", erzeugt eine starke Verknüpfung und stellt den Zusammenhang trotz längerer Unterbrechung sofort wieder her.

Beispiele:
> Kratz zitiert z.T. unsauber und reißt statements aus dem
> Zusammenhang.

[...] Und ich behaupte, die Hälfte der Politik besteht daraus, dem Gegner vorzuwerfen, er reiße Zitate aus dem Zusammenhang.
> In der Diskussion, die Bifis Versuch folgte O.Lafontaine
> auf der Grundlage einer Sekundärquelle als Faschisten zu
> entlarven

[...]Und niemand hat Lafontaine "als Faschisten entlarvt".

> Pech, wenn Du dich dann trotzdem dazu äußerst. [...]
Ich äußere mich wozu ich will.

Für alle Beispiele gilt, daß es sich weder um syntaktische 1:1-Übernahmen handelt noch diese Wiederholungen unmittelbar an den vorangegangenen Satz anschließen. Es sind immer andere Aussagen dazwischengeschaltet. Das kann damit zusammenhängen, daß in der schriftlichen Kommunikation Wiederholungen verpönt sind. Die Wiederholungen, die hier auftauchen, sind demzufolge modifiziert und übernehmen eine eigene illokutive Rolle, die sich von der vorangegangenen abhebt. Somit unterscheiden sich diese Teil-Wiederaufnahmen von denen, die BRINKER/SAGER (1989, S.75) meinen: "Insgesamt können wir feststellen, daß Konstruktionsübernahmen zumeist eine Bestätigungsfunktion haben". Es handelt sich in keinem der angeführten Fälle um reine Bestätigungen.

Der Beginn des Kerntextes einer Quote

Fast alle Quotes im Korpusteil mit fortlaufender Diskussion beginnen mit einem eingelesenen Textteil des Bezüglichen. Der Bezugnehmende geht auf die Äußerungen oftmals so speziell ein, daß seine Äußerungen ohne den eingelesenen Quote-Text nicht verständlich sind.

Beispiele:
> Ein derartiges Ausmaß an Ignoranz, Nicht-Zur-Kenntnisnehmen und Verleumdung hätte ich selbst den SPD-Genossinen und Genossen nicht zugetraut. mir geht es ähnlich...

>... vielleicht ist Boltze am Ende schon eine Person der Zeitgeschichte. Als Wiederauferstandener, oder wie?

Eine zentrale Rolle spielen dabei Pronomina (hier speziell "das" und "es"). Sie verweisen anaphorisch auf einzelne Wörter, ganze Sätze oder Abschnitte. Eine andere Form des Anschlusses ist die Äußerung in Form einer Ellipse oder einer Setzung. Auch sie sind nur verständlich, wenn der gequotete Teil vorab gelesen wird. In anderen Fällen erfolgt die Verknüpfung durch Fragen. Sie sind jedesmal so gestellt, daß sie auf Vorangegangenes hindeuten und für einen schriftlichen Textbeginn (Nachrichtenbeginn/ Briefbeginn) untypisch sind. Das heißt, die News in ihrer Form als Quote unterscheidet sich von anderen schriftlichen Medien wie Brief und Zeitungsartikel besonders in einem Punkt: Die Anfänge der Texte bestehen häufig aus Zitaten. Die Bezugnehmenden verknüpfen ihre erste Aussage eng mit der Aussage ihres "Vorredners". Würde man die News nur nach den Textteilen auswerten, die von dem Bezugnehmenden stammen, dann ergäben sich für einen schriftlichen Text untypische Anfänge.

10. Ausblick

Besonders im Bereich der sprachlichen Dimension sind Fragen offengeblieben, die Aufschluß über den Einfluß der Computerkommunikation auf die deutsche Sprache geben könnten. So fallen im Korpus auch bei der täglichen Netzkommunikation die Verwendung von Netztermini auf. Sie sind zum großen Teil englisch, was sich leicht mit der Herkunft der Netzkommunikation erklären läßt. Daß sich diese Begriffe aber auch im deutschsprachigen Raum halten, ist zum Teil mit Sprachökonomie zu begründen. So bedeutet das englische Wort 'pollen' 'einen Netzanruf durchführen' oder 'E-Mail' 'elektronische Post'. Trotzdem ist mit der Entstehung der deutschen Netze auch eine Emanzipation vom englischen zu erkennen. So wird für den Begriff 'Net' 'Netz' verwendet oder - speziell im CL-Netz - für den Begriff 'Newsgroup' (Bezeichnung im Internet) der Begriff 'Brett'. Weiterhin sind in dem Zusammenhang Entwicklungen im Netzjargon zu beobachten. So sagt jemand, wenn er eine Nachricht in ein Brett schickt: "Ich werde das demnächst mal ins Brett stellen." Diese Verwendung deutet darauf hin, daß der Begriff 'Brett' semantisch nichts mehr mit dem 'Schwarzen Brett' zu tun hat, denn dann müßte es ja 'hängen' heißen, sondern daß sich hier eigenständige Formen entwickeln, die mit der realen Welt nichts mehr zu tun haben.

Neben diesen Entwicklungen zeichnen sich Zwischenstufen ab: Gerade bei den Verben, die aus dem Englischen kommen, arbeiten die Netznutzer häufig mit der Halbeindeutschung, indem sie die Verben mit deutschen Konjugationsendungen versehen oder Komposita aus deutschen und englischen Bestandteilen bilden.

Beispiele:
gepostet; spoole; gepostete; posten; Eilmail; Dummuserfilter

Ein weiterer Aspekt, der in dieser Arbeit außer Acht gelassen wurde, betrifft all die Erscheinungen in der Sprache, die durch die situative Dimension des Mediums ausgelöst werden. Ich denke dabei an die Vernachlässigung von Groß- und Kleinschreibung, an Tippfehler, die unkorrigierten Orthographie- und Grammatikfehler und die Umlaute, die wegen Softwareschwierigkeiten in zwei Buchstaben aufgelöst werden (ä = ae).

Nutzer Hoffmann schrieb 1995 auf eine Netzumfrage von mir:
"Schön zu beobachten ist auch, daß sich manche Leute anscheinend die Mühe machen, Rechtschreibfehler in ihren Texten zu korrigieren (und damit entsprechend weniger produktiv sind und in ihrer Schreibwut gehemmt), wärend andere (wie ich ;-)) weniger Wert darauf legen."

Bemerkenswert sind auch die häufig auftretenden Abkürzungen27. Die in verschiedenen im Netz kursierenden Aufzählungen englischer Abkürzungen konnte ich im Korpus so gut wie nicht feststellen (außer: IMHO (in my humble opinion); IMO (in my opinion); IOW (in other words), BTW (by the way), AFAIK (as far as I know), TIA (thanks in advance)).

Die Netzkommunikation vereint gerade im nichtkommerziellen Bereich junge Leute. Sie diskutieren, informieren oder unterhalten sich in diesem Medium. Ihr ungezwungener Umgang mit dem Computer hat bisher auch keine offiziellen Bereiche innerhalb dieser Kommunikationsform eröffnet. So stellt sich die Frage, wie die 'Netzgemeinde' aus dieser Situation heraus miteinander kommuniziert und wie sich die Spezifität des Mediums im Sprachgebrauch niederschlägt.

Beispiele:
- Da bleibt einem die Spucke weg!
- Dieses Gesülze steht auch vom Stil her...
- ...(was den Redakteuren sicher insgeheim tierisch schmeichelt)...
- Gut, lassen wir Gott raus, dann sind wir uns irgendwie einig.
- Ein zynischer Vergleich, den ich jetzt einfach mal bringe,...

Anmerkungen

  1. Ich entschied mich aus Gründen der Vergleichbarkeit für ein ähnliches Analyseraster wie JANICH 1993. So ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten des Vergleichs zwischen Betriebskommunikation und Freizeitkommunikation. Janich modifizierte die Untersuchung von ERMERT 1979.
  2. Während bei den ersten beiden Arbeiten klar ist, daß sie in einem sozial begrenzten Raum mit festen Strukturen entstanden sind, ist bei UHLIROVA 1994 nicht klar zu erkennen, innerhalb welchen sozialen Raumes sie die E-Mail untersucht. Die Ergebnisse ihrer Arbeit deuten aber darauf hin, daß sie ihr Korpus aus dem Hochschulbereich bezogen hat.
  3. Diese Arbeit ist inzwischen als Buch erschienen (WETZSTEIN u.a. 1995).
  4. Bei der Verwendung des Begriffs 'News' orientierte ich mich an der Häufigkeit der Verwendung in den Netzen selbst, im journalistischen Bereich und nicht zuletzt an der Arbeit von WETZSTEIN u.a. 1994. Die Überschneidung des Begriffs mit der Nachrichtenbezeichnung im Journalismus (z.B. von Nachrichtensendungen) wird in dieser Arbeit nicht weiter untersucht.
  5. "Sprachliche Kommunikation, die auf Verständigung angelegt ist und nicht lediglich wechselseitiger Beeinflussung dient, erfüllt die Voraussetzungen für rationale Äußerungen bzw. für die Rationalität sprach- und handlungsfähiger Subjekte." HABERMAS 1981, II, S. 132.
  6. Herbig bezieht sich bei dieser Aussage auf HABERMAS 1971.
  7. SANDER-BEUERMANN 1993 schreibt, daß das Internet von vielen abschätzig als Spielzeug bezeichnet wird. Auch ich wurde mit dieser Meinung schon öfter konfrontiert. Begründet wird diese Sicht mit den häufig sehr subjektiv und emotional abgefaßten News, die somit für viele Personen einen geringen Nachrichten- und somit Nutzungswert haben. Es würde keine Newskommunikation geben, wenn alle so dächten.
  8. Die Beispiele in den Kästen sind dem Korpus entnommen. In der Magisterarbeit hat jede News einen Namen, der jeweils auch bei den Beispielen vermerkt ist.
  9. "Also eins gilt für mich: Die unwichtigen Informationen stehn im EMS [E-Mail-System], die wichtigen Informationen kommen mit Papier." HOLLAND/WIEST 1991, S. 56.
  10. Der Bezugnehmende ist der jeweils letzte Autor, der an einer Quote arbeitete. Der Bezügliche ist der Autor, auf desssen Nachricht sich der Bezugnehmende bezieht.
  11. Ein Brett ist ein Nachrichtenforum zu einem Thema innerhalb einer Mailbox oder eines Datennetzes. Weitere Synonyme: Area, Group, Gruppe, Echo, Newsgroup.
  12. Selbstverständlich ist die Freiheit relativ: Die Software gibt vor, welche Informationen sie überhaupt aus dem technischen Kopf der Nachricht herausziehen kann.
  13. "Anstelle der Monotonie und dem [sic] Pathos der Erwachsenengrüße (vgl. Henne 1986), wie z.B. 'Guten Tag und 'Auf Wiedersehen' tritt [sic] häufig die lockere Anrede 'Hallo', Echofloskeln wie 'Selber Hallo' formen oft den lapidaren Gegengruß." (WETZSTEIN u.a. 1994, S. 71).
  14. Ich habe in meiner Arbeit eine Klassifikation von Emoticons entwickelt, die in diesem Aufsatz nicht ausgeführt wird. Nur zum Verständnis hier: echte, einfache Formen sind die oben gezeigten.
  15. Auszug aus einem Text für Neueinsteiger: "Vorsicht mit Humor und Sarkasmus. Verwenden Sie Smily oder *-Schreibweise für Gefuehlsaeusserungen (z.B.*sigh*) oder den Unterstrich zum Hervorheben und Betonen bestimmter Woerter, aber gehen Sie bitte _sparsam_ damit um:".
  16. Es gibt in den einzelnen Netzen Netiketten, die den Nutzern Regeln mit auf den Datenweg geben. Vgl. Fußnote 14.
  17. Es scheint aber so, als würden die Nutzer beim alltäglichen Umgang mit dem Medium ein Gespür für diese ungeschriebenen Regeln entwickeln. In einer Beschreibung über die Computerrollenspiele - die MUDs - heißt es: "Die meisten Neulinge drehen erst einmal durch. Sie verfallen dem Rausch der Anonymität, pöbeln unflätig herum und nerven die Mitspieler, bis sie endlich ermatten, weil das auf Dauer auch kein Leben ist. Dann entdecken sie die feineren Techniken des Rollenspiels, und von da an wird es interessant." DWORSCHAK 1994, S. 95.
  18. Es sind natürlich nur relativ definite Nutzergruppen, denn die Zahl derer, die nur mitlesen, aber nichts schreiben, kann nicht ermittelt werden. Mit 'definit' ist in diesem Fall gemeint, daß die Nutzer mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen können, einen bestimmten Personenkreis oder bestimmte Personen mit ihrem Schreiben in diesem Brett zu erreichen. Es gibt auch geschlossene Brettgruppen: Ein Beispiel dafür sind die Brettgruppen des Regensburger Computer Clubs. Diese Brettgruppen können nur ausgewählte Personen empfangen. Die Auswahl findet über das persönliche Kennenlernen statt (z.B. Aufnahme in den Club).
  19. WETZSTEIN u.a.1994, S.44 schreiben: "Angesichts der allgemeinen Verbreitung der Informations- und Kommunikationstechnologien überrascht es, daß die Frage nach den kommunikativen Auswirkungen dieser Veralltäglichungsprozesse nach wie vor äußerst kontrovers diskutiert wird. Es besteht bisweilen sogar der Eindruck, als habe die These der 'Vereinsamungstechnologie' nichts von ihrer Suggestivkraft verloren. Im Gegenteil, nach wie vor treffen wir auf die Auffassung, daß die elektronischen Medien - hier insbesondere die Informations- und Kommunikationstechnologien - dunkle Schatten auf unsere Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeit werfen."
    Klaus GILGENMANN 1994 wird dem Problem gerecht, wenn er schreibt: "Die pauschale These vom Wirklichkeitsverlust durch neue Medien basiert allerdings häufig bloß auf einer mangelhaften Unterscheidung von Kommunikation und Wahrnehmung. So läuft die Klage über Realitätsverlust auf die Wiederentdeckung des Umstands hinaus, daß die Kommunikation keine Gewißheiten bietet. Anders als das menschliche Bewußtsein verfügt die Kommunikation nicht über einen sensorischen Zugang zu Ereignissen in der physischen Welt, als jener Realitätsebene, die wir ontogenetisch als primäre Wirklichkeit wahrnehmen. Während das Bewußtsein als Medium der Operation und Beobachtung über das Sensorium des menschlichen Organismus verfügt, hat die Kommunikation als Medium der Operation und Beobachtung nur Symbole wie Worte und Bilder. Nicht unsere Wahrnehmung löst sich auf, sondern nur die gewohnte Sicherheit, mit der wir Informationen und Mitteilung innerhalb der Kommunikation voneinander unterscheiden." (GILGENMANN 1994, S. 14).
  20. Bekannt für ihre süchtig machende Wirkung hingegen sind die MUDs (Multi User Dungeons). Diese virtuellen Rollenspiele ermöglichen es den Nutzern, fremde Charaktere zu 'verkörpern'. Die MUDs sind Spielwelten ganz ohne Graphik und Ton. Sie gründen nur auf der Macht des Wortes. Das Bühnenbild des MUDs wird mit Worten entworfen, die imaginäre Welt besteht aus Beschreibungen.
  21. Der Hörer kann vor allem auch mit Gestik und Mimik reagieren, so daß der Sprecher erkennen kann, wie das von ihm Geäußerte aufgenommen wird. So kann er sofort reagieren und Mißverständnisse ausräumen. Außerdem kann der Hörer durch sofortiges Nachfragen Mißverständnisse vermeiden. Diese Möglichkeiten gibt es bei der Newskommunikation nicht. Der Bezugnehmende kann unbeeinflußt vom Gegenüber ungestört seinen eigenen Gedanken nachgehen. Wenn er etwas falsch versteht, hat der Bezügliche keine Möglichkeit, dieses Mißverständnis aufzuklären. Dieser Zusammenhang könnte eine Teilursache für die Flames sein.
  22. Sprecherwechsel ohne Simultansequenz, aber aufgrund von Fremdzuweisung oder Selbstwahl.
  23. Sprecherwechsel ohne Simultansequenz nach einer Pause ohne explizite Aufforderung oder Wahl.
  24. Erfolgreicher Sprecherwechsel mit Simultansequenz.
  25. IOW - Abkürzung für 'in other words', Vgl. Kapitel 6.
  26. BTW - Abkürzung für 'by the way'.
  27. Auswertung des Korpus: (Die erste Zahl gibt die auftretenden unterschiedlichen Kurzformen an; die zweite Zahl stellt die Häufigkeit des Einsatzes dieser Abkürzungen fest.) Korpusteil A:
    ideographische Zeichen: 2/ 7; Siglen: 2/ 2; Buchstabenkurzwörter: 48/ 82; Silbenkurzwörter: 2/4; Morphemkurzwörter: 8/ 10; Abkürzungen: 28/ 46. Korpusteil B: Buchstabenkurzwörter: 8/ 19; Silbenkurzwörter: 2 / 9; Morphemkurzwörter: 6 / 12; Abkürzungen: 17 / 25. Korpusteil C: ideographische Zeichen: 1 / 1; Buchstabenkurzwörter: 7 / 12; Silbenkurzwörter: 3 / 7; Morphemkurzwörter: 4 / 6; Abkürzungen: 1 / 13. Hinzu kommen Abkürzungen des eigenen Namens oder fremder Namen wie a. , H.B. , P.Kratz.

Literatur

  • Brinker, Klaus/ Sager, Sven (1989): Linguistische Gesprächsanalyse - Eine Einführung. Berlin.
  • Dworschak (1994): Zauberreich aus Bits und Bytes. In: Die Zeit, Nr. 41, 7.10.94, S. 95.
  • Ermert, Karl (1979): Briefsorten. Untersuchungen zu Theorie und Empirie der Textklassifikationen. Germanistische Linguistik 20. Tübingen.
  • Flusser, Vilém (1995): Telematik: Verbündelung oder Vernetzung? In: Die neue Gesellschaft, Frankfurter Hefte, Heft 1, 1995, S. 18 - 23.
  • Gilgenmann, Klaus (1994): Kommunikation mit neuen Medien. Der Medienumbruch als soziologisches Theorieproblem. In: Sociologia Internationalis, Heft 1, 1994, S. 1 - 36.
  • Habermas, Jürgen (1971): Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz. In: Habermas, Jürgen/ Luhmann, Niklas: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Frankfurt/M., S. 101 - 141.
  • Jürgen Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bde. Frankfurt/M.
  • Albert F. Herbig, Albert F. (1991): "Sie argumentieren doch scheinheilig!" Sprach- und sprechwissenschaftliche Aspekte einer Stilistik des Argumentierens. Dissertation, Saarbrücken.
  • Holland, Gabriele/ Wiest, Georg (1991): Electronic mail als neues Medium organisatorischer Kommunikation. Augsburg.
  • Janich, Nina (1993): Electronic Mail als betriebsinterne Kommunikationsform. Magisterarbeit an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Mainz.
  • Janich, Nina (1994): Electronic Mail - eine betriebsinterne Kommunikationsform. In: Muttersprache, Heft 3, 1994, S. 248 - 259.
  • Kirst, Wolfgang/ Horst Manekeller, Horst (1971): Moderne Korrespondenz. Wiesbaden.
  • Lenk, Martina (1995): Der Einfluß der Computerkommunikation auf die deutsche Sprache. Magisterarbeit an der Universität Regensburg, Regensburg.
  • Matthew, Langham (1993): EMail und News: Weltweite Kommunikation über UUCP, Internet und andere Computernetzwerke. München.
  • Regenauer, Kurt (1994): Wachstumsbranchen der Zukunft. In: Contraste. Die Monatszeitung für Selbstverwaltung, 11. Jg, Juni 1994, Nr. 117, S. 6ff..
  • Sander-Beuermann (1993): Informationskarussell. Usenet: Lese- und Schreibgewohnheiten der Benutzer. In: iX- Multiuser-Multitasking-Magazin, Heft 10, 1993, S. 96 - 109.
  • Schröder, Hermann-Dieter (1994): Gegenöffentlichkeit durch Computernetze? In: 1. Kieler Netztage 1993, Kongreßband, Kiel, S. 99 - 104.
  • Uhlirová, Ludmila (1994): E-mail as a New Subvariety of Medium and its Effects upon the Message. In: The Syntax of Sentence and Text. A Festschrift for Frantisek Danes. Amsterdam Philadelphia.
  • Wetzstein, Thomas A./ Dahm, Hermann/ Steinmetz, Linda/ Eckert, Roland (1994): Kultur und elektronische Kommunikation. Eine empirische Untersuchung zu den Nutzern von Computernetzwerken. Forschungsarbeit an der Universität Trier. Trier.
  • Wetzstein, Thomas A./ Dahm, Hermann/ Steinmetz, Linda/ Eckert, Roland (1995): Datenreisende - Die Kultur der Computernetze. Opladen.
  • Wichter, Sigurd (1991): Zur Computerwortschatz-Ausbreitung in die Gemeinsprache. Elemente der vertikalen Sprachgeschichte einer Sache. Germanistische Arbeiten zur Sprache und Kulturgeschichte 17. Frankfurt a.M.

Über die Autorin:

Martina Lenk (28) studierte in Regensburg Germanistik, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft. Seit März 1996 arbeitet sie als Online-Redakteurin bei der Schweriner Volkszeitung. Für Interessierte stellt Martina Lenk auf Wunsch auch die Vollversion der Magisterarbeit zur Verfügung.

eMail: Martina_Lenk@magicvillage.de
Telefon: 0177 - 24 30 432(c) (April 1996) Martina Lenk

Zurück