Electronic Mail: Ein neues Medium in seinem Verhältnis zum herkömmlichen Brief.

Piening, Raimund (1995)

 

Inhalt / Abstract:

1. Einleitung

2. Electronic Mail im Spiegel der Forschung

2.1 Was ist E-Mail?

2.2 Forschungsansätze zur elektronischen Kommunikation

2.3 Vorzüge der elektronischen Kommunikation

2.4 Gebrauch des Mediums Electronic Mail

2.5 Auswirkungen des Mediums Electronic Mail auf den Sprachgebrauch seiner Benutzer

3. Untersuchung: Vergleich von E-Mails und Briefen

3.1 Anlage der Untersuchung

3.2 Vergleich der Medien E-Mail und Brief

3.2.1 Zeitliche Streuung von E-Mails und Briefen

3.2.2 Länge von E-Mails und Briefen

3.2.3 Haupt- und Nebensätze

3.2.4 Rechtschreibung und Syntax

3.3 Motivation der Medienwahl

4. Ergebnisse

Verzeichnis der Briefe und E-Mails

Bemerkungen über das Medium und die Schreibsituation (Auszüge aus den untersuchten E-Mails und Briefen)

Literaturverzeichnis

Endnoten

1. Einleitung

Electronic Mail1, die Post via Computer, ist eine neue Kommunikationsform, die in den letzten Jahren immer weitere Verbreitung findet.

Die vorliegende Arbeit will untersuchen, wie die Wahl eines bestimmten Mediums (Brief oder E -Mail) die Kommunikation zwischen zwei Partnern beeinflußt.

Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich allgemein mit dem Thema E-Mail. Zunächst wird erläutert, was E-Mail ist und wie sie funktioniert. Danach werden kurz einige (germanistische) Studien zur elektronischen Kommunikation vorgestellt. Im Anschluß daran werden typische Vorzüge des Mediums dargestellt. Daraus ergibt sich die Frage nach dem Einsatzbereich der elektronischen Post. Schließlich wird geschildert, inwieweit die Verwendung von E-Mail sich auf den Sprachgebrauch der Benutzer auswirkt.

Im zweiten Teil dieser Arbeit wird eine eigene kleine Untersuchung vorgestellt. Briefe und E -Mails eines Absenders (an einen Adressaten) werden miteinander verglichen.

Dabei werden erst formale und inhaltliche Unterschiede der Mediennutzung herausgearbeitet. Darauf soll die Motivation der Medienwahl untersucht werden.

2. Electronic Mail im Spiegel der Forschung

2.1 Was ist E-Mail?

Electronic Mail bezeichnet ein elektronisches Postsystem, bei dem Nachrichten über Computer vermittelt werden. Die beteiligten Computer müssen hierzu an ein Netzwerk wie z.B. das Internet2 angeschlossen sein. Das Internet ist weltweit das größte Netzwerk. LANGHAM stellt fest, daß die Zahl der angeschlossenen Rechner von vier im Jahre 1969 auf über 1.700.000 im Juli 1993 angestiegen ist3. Im Mai 1995 aktualisiert CHARLIER diese Daten: Nach aktuellen Schätzungen umfasst das Netz der Netze derzeit an die fünf Millionen Computer in 50000 Netzwerken mit mehr als 30 Millionen Teilnehmern."4 Den rasanten Anstieg der Internet-Nutzer schildert FLÄMIG im Oktober 1995: Weltweit hängen etwa 40 Millionen Menschen am Netz, für die Jahrtausendwende rechnen Experten mit 300 Millionen Nutzern."5

Die vernetzten Computer können untereinander Texte, Tabellen oder ähnliches austauschen6. Die Übermittlung der Daten dauert in der Regel nur wenige Sekunden.

Grundsätzlich kann die Kommunikation innerhalb der Computernetzwerke nach zwei Kriterien eingeteilt werden: Nach Anzahl der beteiligten Personen unterscheidet man zwischen bi- und multilateraler Kommunikation.

Nach den Zeitverhältnissen wird zwischen zeitgleicher (synchroner) und zeitversetzter (asynchroner) Kommunikation unterschieden.

Kommunikationsformen in Computernetzwerken7
Personen Zeit

synchron asynchron
bilateral Chat Mail
multilateral Multi-User Chat Newsboard

Bei der bilateralen synchronen Kommunikation, dem Chatten, unterhalten sich zwei Gesprächsteilnehmer miteinander. WETZSTEIN et al. vergleichen diese Form der Kommunikation mit dem Telefongespräch, welches ebenfalls interpersonalen Austausch unter Abwesenden ermöglicht8.

Wird die Kommunikation auf mehrere Gesprächsteilnehmer erweitert, spricht man vom Multi-User-Chat. Das Internet Relay Chat (IRC) ermöglicht auf dieser Ebene sogar globale Computer-Konferenzen.

Die zeitversetzte Kommunikation zwischen zwei Partnern wird Private Mail genannt. Dabei verfaßt der Absender eine Nachricht, die über ein Netzwerk in den Briefkasten (Mailbox) des Adressaten gelangt. Nach Eingabe eines persönlichen Paßwortes kann dieser daraufhin die eingegangene Post - geordnet nach Absender, Datum oder Thema - sichten. Als zeitversetzte bilaterale Kommunikationsform ist die Private Mail wohl am ehesten mit herkömmlichen Briefen oder Faxen zu vergleichen9. Die Begriffe Private Mail und Electronic Mail sollen in dieser Arbeit als synonym angesehen werden10.

News Boards bieten die Möglichkeit eines asynchronen Austausches zwischen mehreren Teilnehmern. Die Anwender aller angeschlossenen Rechner können hierbei alle verfaßten Texte (News) lesen und auch selber Nachrichten schreiben. Auf Bulletin Boards sind die News nach Themenbereichen geordnet. Die Palette der Themen ist in den letzten Jahren stark gewachsen und umfaßt nun nicht mehr - wie anfänglich - nur technische oder computerbedingte Themen.

Die vorliegende Arbeit untersucht vor allem Private Mails und vergleicht diese mit konventionellen Briefen.

2.2 Forschungsansätze zur elektronischen Kommunikation

Die hier vorgestellten Studien enthalten allesamt Aussagen über die Beeinflussung der Kommunikation durch das Medium E-Mail. Da die Untersuchungen sich aber in ihrer Vorgehensweise stark voneinander unterscheiden, sollen sie im folgenden kurz skizziert werden.

HOLLAND und WIEST (1991)11 gehen davon aus, daß jede neue Form technisch vermittelter Kommunikation (...) zugleich eine Veränderung damit verbundener Regeln mit sich (bringt) und (...) diesbezügliche Anpassungsleistungen (fordert)" 12. Demzufolge werden die Auswirkungen des Mediums E-Mail auf den Sprachgebrauch der Benutzer innerhalb der betriebsinternen Kommunikation eines Großunternehmens untersucht. Die soziologisch angelegte Studie stützt sich vor allem auf Tiefeninterviews, die mit Hilfe eines Gesprächsleitfadens durchgeführt wurden. Weiterhin beschäftigen sich die Autoren mit dem Einfluß organisatorischer Rahmenbedinungen auf die Techniknutzung.

JANICH (1994)13 untersucht E-Mail ebenfalls als Medium der betriebsinternen Kommunikation, wobei sie einen Schwerpunkt auf die Untersuchung von deren Anwendungsbereich legt: Substituiert die elektronische Post herkömmliche Medien wie Hauspost oder Telefon oder ergänzt sie sie? JANICH stützt sich auf eine Analyse der Kommunikationswege sowie auf Textanalysen.

UHLIROVA (1994)14 beschäftigt sich mit der Frage, ob E-Mail mehr Elemente der geschriebenen oder der gesprochenen Sprache aufweist. Ihr Mail-Korpus besteht aus 100 E -Mails zweier Prager Autoren und aus 50 Antwortschreiben.

Während sich die ersten drei Studien vorwiegend auf Private Mails stützen, analysiert LENK die Kommunikation auf einem Newsboard unter soziologischem, technischem und sprachwissenschaftlichem Aspekt.

WETZSTEIN et al. versuchen, die interpersonale Kommunikation auf Newsboards zwischen Individual- und Massenkommunikation"15 einzuordnen.

2.3 Vorzüge der elektronischen Kommunikation

Ein Vorteil des Gebrauchs von E-Mail ist den oben angeführten Studien zufolge dessen hohe Übertragungsgeschwindigkeit. Diese schwankt zwischen einigen Sekunden in der betriebsinternen- und einigen Stunden in der globalen Kommunikation16. Im Gegensatz zum Telefongespräch ist es aber bei der E-Mail nicht nötig, daß beide Kommunikationspartner anwesend sind, da die Post jedes Nutzers in einem privaten Briefkasten gespeichert wird.

Hieraus ergibt sich eine Reihe weitere Vorteile, die mit den Möglichkeiten des Computers zu tun haben. Die Mails können weiterverarbeitet werden. Das bedeutet, daß mehrere Personen gleichzeitig an einem Dokument oder Programm arbeiten können, dessen neusete Versionen sie via E-Mail austauschen17.

Des weiteren ist es jederzeit möglich, die elektronische Kommunnikation zu dokumentieren. Die empfangenen Mails bleiben im Briefkasten, bis sie gelöscht werden. Da sie nach verschiedenen Kriterien geordnet werden können, z.B. nach dem Datum, dem Absender oder dem Thema der Nachricht, sind sie bequem zu archivieren. Im Gegensatz zur schriftlichen Kommunikation auf Papier gibt es kein Platzproblem bei der Archivierung und fällt bei der Vernichtung archivierter Mitteilungen kein Abfall an."18

Der Empfänger einer E-Mail kann der Adresse, welche über dem eigentlichen Brief aufgeführt ist, wesentliche Informationen entnehmen. So sind Adressat, Absender, Datum und subject (Thema) einer E-Mail dort vermerkt19. Außerdem ist es möglich, durch einfachen Tastendruck (reply) zu antworten.20

Der Absender einer Nachricht hat die Option zu sehen, ob diese vom Empfänger schon gelesen wurde. Sollte eine E-Mail nicht angekommen sein, wird dies dem Absender ebenfalls gemeldet.

Weiterhin bietet die elektronische Post die Möglichkeit des Quotens. Hierunter versteht man die Antwort auf eine Nachricht (...), bei der Teile der Bezugsnachricht in den neu entstehenden Artikel aufgenommen (gequotet) werden."21 Durch das Zitieren oder Quoten bieten sich neue Möglichkeiten der Bezugnahme auf erhaltene Briefe. Die dadurch entstehende neue Textsorte bringt LENK zu der Hypothese, daß die Quote durch ihren Aufbau Elemente in sich vereint, die für die gesprochene Sprache, insbesondere für das Gespräch (...), typisch sind." 22

Auch das Versenden einer Nachricht an mehrere Adressaten wird durch E-Mail wesentlich erleichtert. Derartige Schreiben gehen z.B. an alle Manager oder an alle Mitarbeiter"23.

Die Vorteile des Mediums E-Mail umfassen nicht nur die technische Seite der Kommunikation, sondern schließen auch soziale Auswirkungen des Mediengebrauches ein.

So sprechen HOLLAND/WIEST von einer Kommunikation quer durch die organisatorische Hierarchie"24 eines Unternehmens, welche mit herkömmlichen Medien kaum stattfindet. Diese Beobachtung wird durch UHLIROVA gestützt, die sagt: It seems as if the technological advantages of e-mail (...) contribute to shortening the social distances between the parties." 25

Bei den multilateralen Kommunikationsformen sind die sozialen Beziehungen zwischen den Netzteinehmern ebenfalls stark durch das Medium beeinflußt. Die Kommunikationspartner können sich kennen, virtuell oder persönlich, können sich aber auch völlig unbekannt bleiben. Auf einem Newsboard findet man beispielsweise eine Mitteilung eines Nutzers, die eine persönliche Meinung zum Ausdruck bringt, aber gleichzeitig von einer Öffentlichkeit gelesen wird, die nicht bekannt ist, weil sie sich nicht aktiv in die Diskussion einbindet." 26 Da Newsboards prinzipiell für jedermann zugänglich sind, gleichzeitig aber die Möglichkeit bieten, anonym zu bleiben, ist die Idee der elektronischen Demokratie entstanden: Jeder kann sich von allen informieren lassen und alle anderen informieren." 27

Die sozialen Abstände zwischen Gesprächsteilnehmern können durch das Medium E-Mail verkürzt werden. An dieser Stelle soll nicht darauf eingegangen werden, daß intensive Beschäftigung mit dem Computer soziale Probleme anderer Art schaffen kann, wie z.B. die Isolation von Menschen, die zunehmend in virtuellen Welten leben.

2.4 Gebrauch des Mediums Electronic Mail

Nachdem im vorangegangenen grundlegende Eigenschaften und Vorzüge der elektronischen Kommunikation dargestellt wurden, soll nun der Einsatz des Mediums E-Mail kurz vorgestellt werden.

Grundsätzlich stellt UHLIROVA hierzu fest: Two parties who are in e-mail contact always communicate with each other also via other media." 28 Dabei wird die elektronische Post als unterstützendes Hilfs-Medium gesehen, welches den Sinn hat to inform the other party that a message ( a letter, a document...) has been/was/will be send/received via another medium - by post, fax ect., at the same time to inform what was/is/will be the subject matter of it." 29 Derartige Absicherungen des Informationsflusses über andere Medienkanäle werden erst sinnvoll durch durch die Ausnutzung der spezifischen Eigenschaften von E-Mail, nämlich geringen Kostenaufwand, hohe Übertragungsgeschwindigkeit und einfache und schnelle Handhabung.

Auch JANICH konstatiert für die betriebsinterne Kommunikation eine starke Absicherungsmentalität"30, deren Vorteile sie darin sieht, daß Vorgesetzte ständig den aktuellen Stand der Arbeit beurteilen können. Des weiteren dienen diese Absicherungen als Beleg für Absprachen, die bis dahin nur mündlich getroffen wurden.

Daß die elektronischen Medien vielfach als Hilfsmedien gesehen werden, derer man sich zur Absicherung bedient, deutet darauf hin, daß sie es nicht geschafft haben, herkömmliche Medien zu verdrängen. Zwar hat in den von HOLLAND/WIEST und JANICH untersuchten Unternehmen der Anteil der traditionellen Hauspost an der Kommunikation deutlich abgenommen, doch werden die anderen Kommunikationsformen kaum seltener genutzt als vor der Einführung von E-Mail. Dies verdeutlicht JANICH am Beispiel des Telefons, das gerade bei der Notwendigkeit schneller Antworten der E-Mail vorgezogen wird. Falls telefonisch niemand zu erreichen ist, werden E-Mails verschickt. Die E-Mail ersetzt weniger das Telefon als vielmehr den Anrufbeantworter."31

Die Wahl eines Mediums hängt jedoch nicht nur von dessen technischen Möglichkeiten, sondern auch vom Gegenstand der Kommunikation ab. JANICH stellt fest, daß E-Mail erstens vor allem der - meist einseitigen - Kommunikation zwischen größeren Personengruppen dient und daß sie zweitens fast immer informierende Funktion hat." 32 Hat der Kontakt ein anderes Ziel als bloße Informationsübermittlung, werden andere Medien bevorzugt.

2.5 Auswirkungen des Mediums Electronic Mail auf den Sprachgebrauch seiner Benutzer

Jedes Medium bringt Auswirkungen auf den Sprachgebrauch seiner Benutzer mit sich. Die charakteristische Sprache der elektronischen Kommunikation ist natürlich durch die Themen von

verschickten E-Mails bestimmt, wobei angenommen werden soll, daß bestimmte Themengebiete eine spezifische Form sprachlichen Ausdrucks mit sich bringen. Weiter kann davon ausgegangen werden, daß der Schreibstil adressatenspezifisch ist: Der Stil einer Mitteilung wird durch den Empfänger mitbestimmt. Aber auch das Verfassen von Texten am Computer läßt Konsequenzen für den Sprachgebrauch erwarten.

JANICH konstatiert weniger medienspezifische Auswirkungen auf die Sprache als erwartet, stellt aber doch fest: Als spezifische sprachliche und formale Aus-wirkungen der E-Mail kann man also beim untersuchten Unternehmen eine Tendenz zu einer gewissen Art von ,Schludrigkeit' oder zumindest zu formaler Freiheit festhalten, sowie zu Kürze und Ökonomie"33.

Die Schludrigkeit" äußert sich z.B. in der Vernachlässigung der Rechtschreibung. Betrachtet der Schreiber das Medium als formlos", neigt er dazu, am Zeilenende nicht zu trennen, Groß- und Kleinschreibung zu ignorieren und Tipp- und Rechtschreibfehler nicht zu korrigieren" 34. Einer der Vorteile der elektronischen Kommunikation ist die schnelle Informationsübermittlung. Kommt es auch beim Verfassen einer E-Mail auf Geschwindigkeit an, weisen einige E-Mail -Systeme gravierende Nachteile auf, da es in ihnen beispielsweise nicht möglich ist, den Überschreib-Modus abzustellen. Im Falle eines Tippfehlers muß dann die gesamte Zeile neu geschrieben werden. Dies führt dazu, daß the performer of a non-edited e-mail does not go back to delete typing errors. (...) the performer sometimes ,corrects' errors ex post and comments them verbally."35 Selbst bei moderneren E-Mail-Programmen geht es schneller, Fehler im Nachhinein zu kommentieren, als sie im Text zu verbessern. Vergessene Kommata scheinen selbst des Kommentars nicht wert.

Eine weitere Möglichkeit, die Schreib-Geschwindigkeit zu erhöhen, ist der Verzicht auf Groß- bzw. Kleinschreibung. Zwar wird dieser Verzicht durch die prägende Wirkung des großen Entlehnungsvorbilds, mithin durch die englisch-amerikanische Schreibweise, nahegelegt, aber auch dort, wo Großschreibungen in einer Mailbox möglich sind, (...), verzichtet man gerne, da auch die Umschalttaste zu bedienen Zeit kostet." 36.

Die bisher vorgestellten Merkmale einer E-Mail-Sprache beziehen sich vor allem auf die Mißachtung grammatischer und orthographischer Regeln. Das Vorhandensein dieser Merkmale besitzt kaum kommunikative Aussagekraft.

Abkürzungen hingegen bilden in der elektronischen Kommunikation ebenfalls ein Mittel, um die Schreibzeit effektiv zu verkürzen, und erfüllen zudem noch soziale Funktionen, die den Verlust nonverbaler Kommunikation möglichst auszugleichen suchen." 37 WICHTER gibt einige Beispiele für Abkürzungen, die deren humorvolle Komponente verdeutlichen:

c u = see you (in der Bedeutung ,Tschüß') (...)

demnxt = demnächst (...)

linx = links

mom = Moment

mompls = a moment please (Moment, bin gleich

wieder da)

ne = eine (...)

4get it = forget it"38

Während Kopf- oder Endformen wie mom" oder ne" als Abkürzungen (auch in anderen Medien) nicht ganz ungewöhnlich sind, sind Formen vie c u" oder 4get it" durchaus gewöhnungsbedürftig. Im Falle von c u" wird der alphabetische und phonetische Wert von c" gleichgesetzt mit dem phonetischen Wert des englischen Verbes see". Im zweiten Fall entspricht die phonetische Realisierung der englischen Ziffer 4" der phonetischen Realisierung der Vorsilbe for-". Solche humorvollen Abkürzungen haben soziale Funktionen in der Computerkommunikation, werden aber in der betriebsinternen Kommunikation nur selten gebraucht. Hier überwiegen noch vergleichsweise einfallslose Abkürzungen wie mfg" für mit freundlichen Grüßen", welche aber auch gewisse Rückschlüsse auf den sozialen Kontakt zwischen den Kommunikationspartnern zulassen. Einen Verzicht auf Abkürzungen sowie längere und höflichere Grußformeln stellt JANICH nur in konkreten Geschäftsbriefen fest 39.

E-Mails haben zwar in der Regel Gruß- und Verabschiedungsformeln 40, doch sie sind im Vergleich zum Brief eher unterentwickelt. Der Grund hierfür dürfte wieder einmal in der daraus resultierenden Zeitersparnis zu suchen sein.

Für den Aufbau von News stellt LENK fest, daß die aus dem Brief übernommene Verabschiedungsformel (...) somit medial bedingte Veränderungen (erfährt)" 41. Durch die Länge von Verabschiedungsfloskeln wird deutlich auf soziale Beziehungen zwischen den Netzteilnehmern hingewiesen. Nachrichten auf Newsboards enthalten häufig eine Signature (Absenderkennung)42. Daß diese Zusatzinformation oft sehr aufwendig gestaltet ist, kann dadurch erklärt werden, daß Newsboards zumeist von privaten Anwendern genutzt werden, die bereit sind, mehr Zeit in die persönliche Gestaltung ihrer Kommunikationsbeiträge zu investieren.

Da via E-Mail übermittelte Nachrichten meistens informierende Funktion haben, bildet der Gebrauch von kurzen, deutlichen Sätzen eine effektive Form , um die Schreibzeit zu verkürzen. UHLIROVA merkt jedoch an, daß auch längere, komplexe Sätze vorkommen 43.

Am effektivsten werden Texte jedoch dadurch komprimiert, daß sie anstatt ausformulierten Sätzen oft Stichwortlisten, Einschübe in Klammern oder unvollständige Sätze enthalten. "44 Trotz des Fehlens einiger Satzteile bleiben Sätze häufig verständlich. Ellipsen sind eigentlich ein typisches Element der gesprochenen Sprache. Da E-Mail aber von vielen als ,formlos' angesehen wird, findet die Ellipse als Mittel zur Ökonomisierung des Schreibaktes Verwendung 45.

Die angeführten charakteristischen Eigenschaften der elektronischen Kommunikation haben vor allem das Ziel, die Geschwindigkeit des Schreibens - und somit auch die Geschwindigkeit der Kommunikation - zu erhöhen. Es gibt jedoch auch medienspezifische Ausdrucksformen, die anders motiviert sind.

Da man bei der elektronischen Kommunikation an die Möglichkeiten des Keyboards gebunden ist, hat das Netz neue Formen der Kommunikation von Gefühlen und Stimmungen hervorgebracht"46, die sog. Emoticons (auch Smileys). Hierunter versteht man um 90° gedrehte

Gesichter, die mittels der Tastatur erzeugt werden. Sie dienen zur Ausdrucksverstärkung des geschriebenen Wortes. (Ersatz für andere Informationsträger wie Körpersprache, Stimmlage etc.)"47 Bei der synchronen Netzkommunikation wird dem Wunsch nach einem Pendant zum direkten Feedback, sei es verbal oder nonverbal, der gesprochenen Sprache durch Emoticons entgegengekommen.

Diese Ausdrucksform dient dazu, Textstellen zu kommentieren. WETZSTEIN et al. zeigen einige Smileys, die die Gemütsverfassungen oder andere Eigenschaften der Verfasser symbolisieren sollen:

:-) Benutzer ist froh/gut gelaunt/macht Spaß

:-( Benutzer ist ärgerlich/traurig

(-: Benutzer ist Linkshänder (...)

8-) Benutzer trägt Sonnenbrille (...)

:-X Benutzer ist verschwiegen"48

Die Liste der Emoticons ist beliebig erweiterbar. Auch können verschiedene Smileys miteinander kombiniert werden. LENK unterscheidet echte" Emoticons 49 von solchen, die rein humoristische Funktionen erfüllen 50.

Da Formen emotionalen Ausdrucks selten in der betriebsinternen Kommunikation oder in Geschäftsbriefen für nötig befunden werden, findet man Emoticons vorwiegend in der privaten Nutzung von Netzwerken. Außerdem ist die E-Mail ein asynchrones Medium und weist somit eine formale Nähe zum Brief auf, in welchem das direkte Feedback nicht nötig ist.

Abschließend soll noch einmal die Beeinflussung des Sprachgebrauches in E-Mails durch den Adressaten erwähnt werden. Kommunikationspartner, die sich gut kennen oder häufig miteinander in Kontakt stehen, benutzen die elektronische Kommunikation freizügiger als Geschäftspartner in sehr unterschiedlichen sozialen Positionen. 51 JANICH projiziert diese Erfahrungen auf andere Kommunikationsteilnehmer: Zum Beispiel wäre eine stärker an der Umgangssprache orientierte Kommunikation zwischen studentischen Teilnehmern eines universitären Netzes, wo Flapsigkeit nicht gleich berufliche Folgen mit sich ziehen muß, wohl sehr viel eher zu erwarten."52

3. Untersuchung: Vergleich von E-Mails und Briefen

3.1 Anlage der Untersuchung

In der Zeit vom 06. August 1994 bis zum 31. März 1995 studierte ich an der Universiteit van Amsterdam in den Niederlanden. Der Kontakt zu einem Freund aus Süddeutschland bestand in dieser Zeit vor allem in Form von Briefen und E-Mails. Ferner führten wir zwei Telefonate, ich bekam zwei Postkarten 53 und wurde im Oktober für einige Tage besucht. Briefe und E-Mails, die

im folgenden miteinander verglichen werden sollen, stammen alle von einem Absender und sind an einen Adressaten gerichtet. Das ermöglicht einen qualitativen Vergleich, da davon ausgegangen werden kann, daß mögliche Veränderungen des Schreibstils auf den Einfluß des Mediums zurückzuführen sind. Der Schreibstil des Autors paßt sich nicht unterschiedlichen Adressaten an, da der Empfänger immer derselbe ist. Außerdem ist - im Gegensatz zu den anderen Studien - der Schreiber der E-Mails immer derselbe.

Wenn in den bisherigen Untersuchungen beispielsweise ein erhöhtes Auftreten von Rechtschreibfehlern in E-Mails festgestellt wurde, muß bedacht werden, daß die Fehler-Quoten der verschiedenen Autoren sehr unterschiedlich sein können. Außerdem müßte untersucht werden, ob dieselben Schreiber in anderen Medien weniger Rechtschreibfehler machen. Die Aussage, daß sich in E-Mails mehr Rechtschreibfehler finden als in Geschäftsbriefen, ist eine quantitative Aussage; die Differenz der Rechtschreibfehler gewinnt an Signifikanz mit steigender Größe des untersuchten Korpus. In der vorliegenden Untersuchung kann dagegen davon ausgegangen werden, daß eine etwaige größere Dichte von Rechtschreibfehlern durch das Medium bedingt ist.

Der Textkorpus ist mit sechs Briefen und neun E-Mails sehr klein. Es wurde aber darauf verzichtet, spätere Briefe und E-Mails aufzunehmen, da dem Autor bereits bekannt war, daß seine Korrespondenz Gegenstand einer Untersuchung werden sollte 54. Durch dieses Wissen änderte sich vielleicht der Stil, ganz sicher aber der Inhalt der Nachrichten.

3.2 Vergleich der Medien E-Mail und Brief

3.2.1. Zeitliche Streuung von E-Mails und Briefen

Die Streuung der Briefe im Untersuchungszeitraum ist regelmäßig. Mit Ausnahme der Monate Februar und November bekam ich in jedem Monat einen Brief, im September und November erreichten mich auch zwei Postkarten. Im Gegensatz dazu ist die zwischen den E-Mails liegende Zeit sehr unregelmäßig. Die erste E-Mail 55 erhielt ich am 28. Oktober. Zugleich ist sie die erste E-Mail, die der Schreiber jemals geschrieben hat. Anfängliche Schwierigkeiten mit der Technik des neuen Mediums ließen die zweite E-Mail vom 23. November scheitern: Sie enthielt neben Adresse, Absender und Datum nur die unvollständige Subject-Angabe Hurra, ich lebe n" 56. Nach zweimonatiger Mail-Pause findet sich im Februar eine deutliche Konzentration von E -Mails. Vom 02. Februar bis zum 20. des Monats schickte Ludwig 57 mir sechs Briefe via Computer. Die elektronische Korrespondenz kulminierte am 31. März, als ich drei E-Mails erhielt. An diesem Tag erprobte der Schreiber offensichtlich die Möglichkeiten des Mediums, denn er verschickte neben einer normalen" Mail einen Rundbrief an mehrere Adressaten und ein fertiges Dokument eines anderen Autors 58.

Die auffallende zeitliche Konzentration der elektronischen Post hängt - wie später noch gezeigt werden soll - eng mit bestimmten Inhalten zusammen.

3.2.2 Länge von E-Mails und Briefen

Briefe und E-Mails unterscheiden sich voneinander deutlich durch ihre Länge. Die konventionellen Briefe weisen eine durchschnittliche Länge von 1687 Wörtern auf. Der längste Brief zählt 2985 Wörter, der kürzeste Brief ist mit 981 Wörtern noch deutlich länger als die längst E-Mail, die 641 Wörter aufweist. Die kürzeste E-Mail hat dagegen nur 41 Wörter. Die Durchschnitts-E-Mail zählt 225 Wörter. Festzuhalten ist also, daß E-Mails signifikant kürzer sind als Briefe und ihre Länge stärker variiert.

3.2.3. Haupt- und Nebensätze

Die von einigen Autoren festgestellte Nähe der elektronischen Kommunikation zur gesprochenen Sprache läßt vermuten, daß Briefe und Mails Unterschiede in der Länge der Sätze sowie im Verhältnis von Haupt- und Nebensätzen aufweisen.

Die durchschnittliche Länge eines Satzes in einem Brief beträgt 16 Wörter. In den einzelnen Briefen schwankt sie zwischen 14 und 19 Wörtern. Der Unterschied zur Durchschnitts-Mail mit 15 Wörtern ist überraschend klein, auch wenn hier die Schwankungen zwischen den einzelnen E -Mails, deren Durchschnitts-Satzlängen zwischen 10 und 17 Wörtern liegen, etwas größer sind.

Das prozentuale Verhältnis59 von Hauptsätzen zu Nebensätzen zeigt kaum Unterschiede zwischen Brief (75:25 %) und E-Mail (73:27 %). Sowohl Hauptsatz als auch Nebensatz sind im Brief etwas länger als in der E-Mail (Brief: HS: 9 Wörter, NS: 8 Wörter; E-Mail: HS: 8 Wörter, NS: 7 Wörter), doch kann diese Differenz vernachlässigt werden. Betrachtet man nun das Vorkommen von Haupt- und Nebensätzen im Ganzen, so stellt man fest, daß das Verhältnis von

Satzreihe : Satzgefüge : alleinstehendem Hauptsatzbeim Brief mit

21 : 35 : 43 % anders ausfällt als bei der E-Mail mit 30 : 36 : 34 % . Die Tatsache, daß in Briefen mehr alleinstehende Hauptsätze vorkommen als in E-Mails, verwundert zunächst. Es muß jedoch bedacht werden, daß es sich bei den Angaben um Durchschnittswerte handelt. Der Höchstwert von alleinstehenden Hauptsätzen ist mit 50% bei Brief und E-Mail identisch.

Der quantitative Vergleich von Sätzen in konventioneller und elektronischer Kommunikation weist nicht auf signifikante Unterschiede im medienspezifischen Sprachgebrauch hin.

3.2.4 Rechtschreibung und Syntax

Die in Teil 2 der Arbeit angeführten Studien sprechen übereinstimmend von einer Vernachlässigung der Rechtschreibung in E-Mails. Diese Tendenz ist auch in den hier untersuchten E-Mails festzustellen. Es handelt sich dabei um typische Tippfehler wie z.B das Verwechseln von auf der Tastatur nebeneinanderliegenden Buchstaben. Ferner bereitete der Verzicht auf Umlaute und das ß" dem Schreiber anfänglich Probleme, wie folgende Aussage zeigt: wie findest du jetzt die doppel-s und die umlaute ? ich verlerne an dieser maschiene (sic!) noch jede rechtschreibung!" 60

In der Literatur wird die Ellipse als häufiges Mittel zur Ökonomisierung des Schreibaktes genannt. Auch in den vorliegenden E-Mails finden sich viele Ellipsen. Jedoch werden in Briefen ebenso oft Satzteile weggelassen. Die Satzauslassungen sind hier also nicht medienspezifisch.

In den Briefen Ludwigs sind - ganz im Gegensatz zu den E-Mails - sehr häufig Klammern gesetzt. Eingeklammert sind einzelne Wörter, Zahlen, Sätze oder sogar ganze Abschnitte, deren Inhalt vom roten Faden" des Erzählten abweicht.

Letzteres deutet auf einen wesentlichen Unterschied zwischen konventionellem und elektronischem Brief hin: Konventionelle Briefe haben einen deutlichen Aufbau. Der Schreiber hat die Struktur des Briefes von vornherein im Kopf. Weicht er von dieser Struktur ab, setzt er den Einschub in Klammern 61. Die verschiedenen Themen eines Briefes werden entlang einem roten Faden" 62 angeordnet. Im fünften Brief bildet die Zeit bzw. die Chronologie diesen roten Faden. Der Wille, sich der selbstgewählten Struktur zu unterwerfen, wird in folgendem Zitat deutlich: Weihnachten, Geschenke: ich habe mir eine Uhr gekauft, und damit auch wieder den roten Faden gefunden, denn Uhr, Zeit, (...) Chronologie, da wollte ich wieder hin." 63

Gelingen diese eleganten Überleitungen zu neuen Themen nicht, so wird auch dies thematisiert: Was den Fußball angeht (Abzüge in der B-Note für die Überleitung, sorry!), (...)." 64

Die Bemühungen des Autors um einen strukturierten Aufbau werden auch in folgendem Zitat deutlich: Ist gar nicht so einfach, es ist soviel los (...). Alles ordnen, formulieren, etc. - gar nicht so einfach." 65

Bei den vorliegenden Briefen kann man von bewußter Komposition sprechen. In den E-Mails sind hingegen keine Anzeichen von einer derart durchdachten Struktur zu erkennen.

Sehr deutlich unterscheiden sich Briefe und E-Mails durch ihre Inhalte. Zwar geben beide einen Überblick über das, was der Autor zur Zeit tut, sie bilden beide eine Art Chronik der Zeit, die seit dem letzten Brief/der letzten Mail verstrichen ist. Doch bleibt diese Chronik beim Medium E -Mail an Äußerlichkeiten gebunden, während im Brief auch über das Seelenleben des Autors berichtet wird. Die Briefe bilden eine Art offenen Tagebuchs, und diese Funktion wird von der E -Mail nur rudimentär wahrgenommen. Charakteristische Inhalte der elektronischen Kommunikation sind hingegen Informationen, die schnell weitergeleitet werden müssen. So enthalten alle E-Mails des Monats Februar (E3-E8) Informationen über einen geplanten zweiten Besuch des Schreibers in Amsterdam.

3.3 Motivation der Medienwahl

Nach der Untersuchung des Textkorpus läßt sich feststellen, daß das Medium E-Mail nur wenige formale Auswirkungen auf den Sprachgebrauch des Autors zeigt. Die Schludrigkeit" in bezug auf Rechtschreibung sowie die Vernachlässigung der Großschreibung lassen sich auf den Wunsch nach einer Ökonomisierung des Schreibaktes zurückführen.

Die Wahl des Mediums wird durch die zu übermittelnden Inhalte (mit-)bestimmt.

Schnelle Informationsübermittlung zwecks Absprache eines geplanten zweiten Besuches in Amsterdam war die vorrangige Motivation für die Wahl des Mediums E-Mail. Weitere Inhalte treten demgegenüber in den Hintergrund. Der Autor selbst macht häufig Bemerkungen über die benutzten Medien und über die Situation des Mediengebrauchs.

Daraus wird deutlich, daß der Schreiber dem Medium E-Mail mit Neugier und Lernwillen gegenübersteht 66. Ein ironischer Kommentar des noch unerfahrenen Schreibers zu den Tücken des emailing" 67 findet sich in E5: (...), was heisst hier angekommen ist nicht angenommen? verweigerst du jetzt etwa die annahme meiner nachrichten? du wirst es noch bereuen..." 68. Der Lernwille des Autors dokumentiert sich in B 4: ich werde Dir irgendwann mal eine Kostprobe meiner Lernfähigkeit zukommen lassen." 69 Technikbegeistert schreibt Ludwig in E10: S. hat mir heute einen neuen befehl gezeigt, mit dem ich alle meine freunde auf einmal informieren kann. toll, gell?" 70

Dennoch scheint die elektronische Post für den Schreiber keine ernsthafte Alternative zum herkömmlichen Brief zu sein. Nachdem Ludwig in E 3 begonnen hat, über sehr persönliche Dinge zu schreiben, fragt er: warum schreibe ich dir das eigentlich alles per e-mail? ich sollte besser nach hause gehen und einen richtigen brief schreiben." 71

Darüber, wie der Autor seinen Gedanken Ausdruck verleiht, bemerkt er am Ende des sechsten Briefes: Ich freue mich, mal wieder Papier und nicht den PC benutzt zu haben. Es liest sich zwar sicherlich schlechter, geht mir aber bedeutend leichter von der Hand." 72

Sehr aufschlußreich sind Bemerkungen des Autors über die jeweilige Schreibsituation. Diese fallen in Briefen sehr viel üppiger aus als in E-Mails. Unter Schreibsituation sind Ort und Zeit des Schreibaktes zu verstehen. In der elektronischen Kommunikation wird die Schreibsituation nur einmal in kargen Worten beschrieben: ich sitze hier das erste mal in diesem jahr an der e -mail-station." 73 Dieser Einleitung ist nur zu entnehmen, daß der Schreiber sitzt und daß er seinen Schreibplatz technisch e-mail-station" nennt. Als Zeitangabe erfährt der Adressat, daß der Schreibort zum ersten Mal im Jahr aufgesucht wurde.

Konventionelle Briefe weisen dagegen - häufig als Einleitung - ausführliche Beschreibungen der äußeren Bedingungen des Schreibaktes auf. Ein sehr schönes Beispiel für solch eine Situationsbeschreibung findet sich im fünften Brief: Nicht aber, ohne vorher für die Nachwelt die wichtigen Rahmendaten festgehalten zu haben: Der Samstag neigt sich dem Ende zu, Freiburg verhüllt sein Antlitz unter einem 10-cm Schneemäntelchen, das es nötig hat, denn es ist arschkalt. Kochendheiß ist mein Tee (...), es würde aber auch ein Valpolicella passen. Aufgeheitert wird die Stimmung durch Verdis Requiem (...)." 74 Änderungen der Schreibsituation wie z.B. Bemerkungen über die gerade gehörte Musik werden in Briefen ebenfalls häufig erwähnt 75.

Die Bedeutung, die der Autor der Schreibsituation beimißt, kann Aufschlüsse über die Motivation der Medienwahl liefern. Der häufig erwähnte Ort des Schreibens von Briefen ist der eigene Schreibtisch im vertrauten eigenen Zimmer. An diesem Ort entsteht durch Musik und Getränke eine behagliche Atmosphäre. Zudem werden Briefe meistens abends geschrieben. Der Schreibakt bildet sozusagen einen Open-End-Prozeß. Der Schreiber kann in Ruhe seine Gedanken formulieren, ohne Zeitdruck zu haben. Das Verfassen der Briefe am Ende des Tages erleichtert zudem die oben erwähnte Tagebuch-Funktion von Briefen. Das Tagesgeschehen wird reflektiert und strukturiert dargestellt.

Im Gegensatz dazu sitzt oder steht der Verfasser von E-Mails in einem halböffentlichen Universitätsraum. Der Schreibakt findet meistens mitten am Tag statt, während der Autor noch in das Tagesgeschehen involviert ist.

Beim Schreiben von E-Mails hat der Verfasser also in der Regel weniger Ruhe als beim Briefeschreiben. Zudem ist die Intimsphäre weniger gewahrt.

4. Ergebnisse

Die untersuchte Korrespondenz fügt sich im wesentlichen in das von JANICH gezeichnete Bild der elektronischen Kommunikation. Diese erwartet für studentische Netzwerkkommunikation einen stärker an der Umgangssprache orientierten Stil, der auch ein gewisses Maß an Flapsigkeit" mit sich bringt.76 Diese Erwartung wird erfüllt in bezug auf den Umgang mit der Rechtschreibung und den Verzicht auf Großschreibung. Weitergehende Flapsigkeit wie z.B. die häufige Verwendung von Ellipsen oder anderen umgangssprachlichen Elementen stellen sich jedoch nicht als E-Mail-spezifisch heraus. Die vorliegenden Texte zeigen aber auch, daß sich kaum sprachliche Unterschiede zwischen E-Mail und der traditionellen Kommunikationsform des Briefes feststellen lassen.77 So kann in den E-Mails beispielsweise kein vom Brief verschiedenes Verhältnis von Satzgliedern nachgewiesen werden.

Die Unterschiede zwischen Brief und E-Mail sind vor allem im Gebrauch zu suchen. Die elektronische Post wird bevorzugt, wenn Informationen preisgünstig und schnell vermittelt werden sollen. Daher kann man, mit Blick auf die E-Mails des Freiburger Schreibers, UHLIROVA zustimmen, welche sagt: There is usually one topic, sometimes one main topic or several topics in one e-mail letter"78. Auch der von ihr beschriebene Verzicht auf aufwendige Einleitungen läßt sich in den untersuchten E-Mails feststellen. 79

Herkömmliche Briefe werden vom Autor jedoch eindeutig bevorzugt, wenn über persönliche Inhalte geschrieben wird.

Diese Bevorzugung der traditionellen Post hat ihren Ursprung in der charakteristischen Schreibsituation zuhause am eigenen Schreibtisch. Der Computerraum, in welchem E-Mails geschrieben werden, bietet mit seiner anonymen Atmosphäre von vornherein keine guten Voraussetzungen für das Verfassen persönlicher Schreiben.

Die Unterschiede zwischen Brief- und E-Mail-Kommunikation scheinen im untersuchten Fall mehr auf die jeweiligen Schreibsituationen zurückzuführen zu sein als auf die Medien selber.

Literaturverzeichnis:

  • CHARLIER, Michael (1995): Niemals kalter Kaffee im Netz. Vom Wissenschaftsverbund zur Datenautobahn: Das Internet wird zur globalen Kommunikationsmaschine. In: Frankfurter Rundschau. 20.05.1995, Nr. 117, S.10.
  • FLÄMIG, Michael (1995): Internet - Werbeprofis wollen das globale Dorf" in einen Marktplatz verwandeln. In: Frankfurter Rundschau. 14.10.1995, Nr. 239, S.11
  • HOLLAND, Gabriele/WIEST, Georg (1991): Electronic Mail als neues Medium organisatorischer Kommunikation. Augsburg.
  • JANICH, Nina (1994): Electronic Mail, eine betriebsinterne Kommunikationsform. In: Muttersprache 104, S. 248-259.
  • LANGHAM, Matthew (1993): EMail und News: Weltweite Kommunikation über UUCP, Internet und andere Computernetzwerke. München.
  • LENK, Martina (1994): Der Einfluß der Computerkommunikation auf die deutsche Sprache. Magisterarbeit an der Universität Regensburg. Regensburg.
  • SCHANZE, Helmut/KAMMER, Manfred (1990): Brief, Dokument und Memorial. Zum Problem der Formulare" in der elektrischen Kommunikation. In: Hess-Lüttich, Ernest W.B./Posner, Roland (Hg.): Code- Wechsel. Texte im Medienvergleich. Opladen, S.257- 270.
  • UHLIROVA, Ludmilla (1994): E-mail as a new subvariety of medium and his effects upon the message. In: The Syntax of Sentence and Text. A Festschrift for Frantisek Danes. Amsterdam, Philadelphia.
  • WETZSTEIN, Thomas A., DAHM, Hermann, STEINMETZ, Linda (1995): Im Datennetz. Zwischen Individual und Massenkommunikation. In: Medien Praktisch, Heft 3, S.48-54.
  • WICHTER, Sigurd (1991): Zur Computerwortschatz-Ausbreitung in der Gemeinsprache. Elemente der vertikalen Sprachgeschichte einer Sache. Frankfurt/M., Bern, New York, Paris.

Endnoten

  • 1 Gebräuchliche Abkürzungen für Electronic Mail" sind E-Mail", E*Mail", e-mail" oder EMail".
  • 2 Zu den verschiedenen Netzwerken siehe:
  • LANGHAM, Matthew (1993): EMail und News: Weltweite Kommunikation über UUCP, Internet und andere Computernetzwerke. München. (künftig zitiert: LANGHAM) S.1-11.
  • 3 LANGHAM (1993): S.5
  • 4 CHARLIER, Michael (1995): Niemals kalter Kaffee im Netz. Vom Wissenschaftsverbund zur Daten autobahn: Das Internet wird zur globalen Kommunikationsmaschine. In: Frankfurter Rundschau. 20.05.1995, Nr. 117, S.10.
  • 5 FLÄMIG, Michael (1995): Internet - Werbeprofis wollen das globale Dorf" in einen Marktplatz verwan deln. In: Frankfurter Rundschau. 14.10.1995, Nr. 239, S.11
  • 6 LANGHAM bemerkt hierzu: Neben der Verwendung von EMail für den Austausch von Informationen, Dokumenten oder Programmen wird diese neue Form der Kommunikation auch zunehmend zu kommerziellen Zwecken verwendet. So sind heute bereits viele Computerfirmen, sowie Verlage und Buchhandlungen über EMail erreichbar." LANGHAM (1993): S.5
  • 7 LENK, Martina (1994): Der Einfluß der Computerkommunikation auf die deutsche Sprache. Magister arbeit an der Universität Regensburg. Regensburg. (künftig zitiert: LENK) S.21.
  • 8 WETZSTEIN, Thomas A., DAHM, Hermann, STEIMETZ, Linda (1995): Im Datennetz. Zwischen Individual- und Massenkommunikation. In: Medien Praktisch, Heft 3. (künftig zitiert: WETZSTEIN et al.) S.48.
  • 9 Vgl. hierzu: WETZSTEIN et al.(1995): S.48
  • 10 Ebenso wie bei LENK (1995): S.117 wird die Private Mail hier gesehen als persönliche Nachricht (...). Im Gegensatz zu News sind PMs nur von einem vom Sender bestimmten Empfänger zu lesen."
  • 11 HOLLAND, Gabriele, WIEST, Georg (1991): Electronic Mail als neues Medium organisatorischer Kom munikation. Augsburger Beiträge zur Kommunikationswissenschaft und Soziologie 12. Augsburg. (künftig zitiert: HOLLAND/WIEST)
  • 12 HOLLAND/WIEST: S.3
  • 13 JANICH, Nina (1994): Electronic Mail, eine betriebsinterne Kommunikationsform. In: Muttersprache 104, S.248-259. (künftig zitiert: JANICH)
  • 14 UHLIROVA, Ludmilla (1994): E-mail as a New Subvariety of Medium and his Effects upon the Message. In: The Syntax of Message and Text. A Festschrift for Frantisec Danes. Amsterdam, Philadelphia (künftig zitiert: UHLIROVA).
  • 15 WETZSTEIN et al. (1995): S.48
  • 16 Falls der Verbindungsweg über viele Stationen geht, die z.B. nur einmal am Tag miteinander in Verbin dung treten (z.B. mittels UUCP), kann die Zeit bis zur Antwort länger dauern. Jedoch ist sie meist kürzer als der nor male Postweg." LANGHAM (1993): S.15
  • 17 Vgl. hierzu: LANGHAM (1993): S.16
  • 18 HOLLAND/WIEST (1991): S.13
  • Dieser Aspekt ist für JANICH (1994) von besonderer Bedeutung, denn für sie ist das eigentliche Ziel (der E-Mail), durch die Computerkommunikation die Papierberge in den Büros zu verkleinern oder gar verschwinden zu lassen". Dieses wird aber nicht erreicht, da zwecks dokumentierender Aktenführung weiterhin ausgedruckt und
  • ausgedruckt" wird. JANICH (1994): S.258
  • 19 Zum Aufbau einer E-Mail vgl.: LANGHAM (1993): S.17f. und: SCHANZE, Helmut und KAMMER, Manfred (1990): Brief, Dokument und Memorial. Zum Problem der Formulare" in der elektronischen Kom munikation. In: Hess-Lüttich, Ernest W.B./Posner, Roland (Hg.): Code-Wechsel. Texte im Medienvergleich. Opla den: S.257-270. (künftig zitiert: SCHANZE/KAMMER)
  • 20 UHLIROVA bemerkt hierzu: (...) the receiver of an e-mail message is always respected to react." UHLIROVA (1994): S.276
  • 21 LENK (1995): S.118
  • 22 LENK (1995): S.91
  • 23 JANICH (1994): S.252
  • 24 HOLLAND/WIEST (1991): S.16
  • Die Autoren erklären weiterhin: Das EMS (Electronic Mail System, Anm. Verfasser) erleichtert aufgrund seiner technischen Vorgaben den direkten Zugang zum oberen Management und legt es nahe, entsprechende hierarchische Strukturen zu mißachten." HOLLAND/WIEST (1991): S.88
  • 25 UHLIROVA (1994): S.276
  • Generell stellt UHLIROVA zum sozialen Status der Gesprächsteilnehmer fest: The social distance between the participants of e-mail may differ according to their number (...), according to the kind of contact(...) and according to whether they are, or not personally known. In any case, e-mail represents a highly intellectual communication network between those who can work on a PC and who have their e-mail adresses;" UHLIROVA (1994): S.276
  • 26 LENK (1995): S.89
  • 27 WETZSTEIN et al. (1995): S.50
  • 28 UHLIROVA (1994): S.274
  • 29 UHLIROVA (1994): S.275
  • 30 JANICH (1994): S.251
  • 31 JANICH (1994): S.251
  • 32 JANICH (1994): S.252
  • 33 JANICH (1994): S.256
  • 34 HOLLAND/WIEST (1991): S.256
  • 35 UHLIROVA (1994): S.277
  • 36 WICHTER (1991): S.87
  • Vgl. hierzu die Erfahrungen von JANICH: Der ganze Text wird manchmal komplett in Groß- bzw. Kleinbuchstaben geschrieben, was neben der Zeitersparnis eventuell auch einen gewissen kommunikativen Aussagewert besitzt." JANICH (1994): S.255
  • 37 HOLLAND/WIEST (1991): S.19
  • 38 WICHTER (1991): S.81
  • Die angeführten Abkürzungen entstammen der Mailbox-Kommunikation.
  • 39 JANICH (1994): S.253
  • 40 The ,genre' of some e-mail messages is quite similar to that of traditional letters with a greeting formula at the beginning and a leave-taking formula at the end (...)" UHLIROVA (1994): S.277
  • siehe auch: Von den obligatorischen Elementen des Briefes tauchen zwar in der Regel alle Elemente auf, doch werden die strenge Reihenfolge und die Reglementierungen auf der Formulierungsebene aufgebrochen. Absender und Adressat werden ausschließlich dem ,technischen'' Briefkopf entnommen; Anrede und Gruß tendieren eher zum privaten Briefstil." SCHANZE/KAMMER (1990): S.268
  • 41 LENK (1995): S.42
  • 42 ebd.
  • 43 UHLIROVA (1994): S.278
  • 44 JANICH (1994): S.256
  • 45 Vgl. hierzu: Due to a pressure of communicative economy, various types of ellipsis are found, such as subject deletion, auxilliary deletion of object deletion." UHLIROVA (1994): S.278
  • Siehe auch: WICHTER (1991): S.87
  • 46 LENK (1995): S.54
  • 47 LENK (1995): S.116
  • 48 WETZSTEIN et al. (1995): S.49
  • 49 Echte Emoticons drücken a) die gefühlsmäßige Verfassung des Autors aus, b) verändern den semanti schen Gehalt einer Aussage oder c) geben die angenommene Verfassung des Gegenüber wider." LENK (1995): S.48
  • 50 Beispiele für humoristische Emoticons:
  • :-Q Nutzer ist Raucher
  • Nutzer ist Picasso (liebt Picasso)" %-^
  • LENK (1995): S.49
  • 51 vgl. hierzu SCHANZE/KAMMER (1994): Die starren Regeln des Geschäftsbriefes werden aufgegeben, nicht zuletzt weil es sich bei den Kommunikationspartnern in der Regel nicht um Geschäftspartner im Sinne der klassischen Geschäftskorrespondenz handelt." SCHANZE/KAMMER (1990): S.268
  • 52 JANICH (1994): S.255
  • 53 Die Postkarten werden von dieser Untersuchung ausgeklammert, da es sich um Pendel-Postkarten" han delt, die unter Zufügung weniger Worte zwischen den Korrespondenten hin- und hergeschickt werden.
  • 54 Auch mir, dem Kommunikationspartner, war während der Kommunikation noch nicht bekannt, daß ich die Briefe und E-Mails einmal untersuchen würde.
  • 55 E-Mails werden im folgenden mit E1-E11 abgekürzt. Analog dazu tragen Briefe die Bezeichnungen B 1-B6. Ein Verzeichnis der E-Mails und Briefe findet sich im Anhang.
  • 56 E2; vgl. hierzu: ,Ich lebe noch' reicht tatsächlich nicht aus, um mein Leben in den letzten Wochen eini germaßen qualifiziert zusammenzufassen (genaugenommen war die Nachricht auch viel länger, doch mein Wissen um die Tücken des emaling zu klein (...)) B4: S.1
  • 57 Der Name ist geändert.
  • 58 Da E11 von einem anderen Autor stammt, wird sie ebenso wie E 2 bei der quantitativen Untersuchung der Texte ausgeklammert.
  • 59 Angesichts der Kürze einiger E-Mails sei darauf hingewiesen, daß die Prozentangaben mit Vorsicht zu ge nießen sind. Die Daten ergeben sich aus dem arithmetischen Mittel der Prozentwerte der einzelnen E-Mails/Briefe.
  • 60 E7
  • 61 Ein typisches Beispiel hierfür ist: (jetzt läuft das Dvorcak-Requiem (...)!)" B 5: S.10
  • 62 B5: S.10
  • 63 ebd.
  • 64 B5: S.6
  • 65 B5: S.5
  • 66 Vgl. E1 und E2: es scheint also zumindest technisch mit dem mailen ganz gut zu klappen. nur sollte ich jetzt noch zuhause ein modem haben, damit ich abends (...) nachlesen kann, was mir die weite welt zu berichten weiss."
  • 67 B4: S.1

Hiermit möchte ich mich herzlich bei Ludwig" bedanken, der mir erlaubt hat, über seine Briefe und E-Mails zu schreiben!

Desweiteren danke ich Nina Janich und Martina Lenk für ihre Hilfe bei der Literatursuche!

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